Thorsten fehlt.

Eine Aktion von Bert Simon und Thorsten Tragelehn.

 

Die nüchterne, stille Dokumentation zweier Gewaltverbrechen und des dadurch ausgelösten Leids dienen dazu, Schülern Empathie und Gewaltfreiheit nahezulegen: Bert Simon, deutscher Expeditionsfotograf, wurde im August 2006 bei einem heimtückischen Mordanschlag beinahe getötet. Nach einer sechsmonatigen Krankenhausbehandlung findet er langsam den Weg in ein neues Leben zurück. Das zweite Gewaltverbrechen erzählt die Geschichte des 20jährigen Auszubildenden Thorsten Tragelehn.

Thorstens Eltern schreiben: Am 3. September 1999 besuchte unser Sohn Thorsten das Heimatfest unseres Wohnortes Lohfelden bei Kassel, auf dessen Beginn er sich lange gefreut hatte. Während des Festverlaufes wurde ein Freund von Thorsten von fünf jungen Festbesuchern grundlos behelligt. Thorsten wollte die zu eskalieren drohende Auseinandersetzung verbal schlichten. Da zog einer der beteiligten Jugendlichen plötzlich ein Messer und verletzte unseren Sohn lebensgefährlich durch Messerstiche in den Oberbauch. Selbst als Thorsten schwer verletzt am Boden lag, war er weiteren Attacken mit Fußtritten, Knüppeln, Flaschen und Schlagringen ausgesetzt. Am frühen Morgen des 4. September 1999 starb Thorsten in einem Kasseler Krankenhaus an seinen schweren Verletzungen. Er verblutete an einer Bauchschlagaderdurchtrennung und weiteren inneren Blutungen. Sein Mörder war 16 Jahre alt.

 

Überlebte Gewalt als Schlüssel

Jugendkriminalität und ungehemmte Gewalt an Schulen und unter Schülern nehmen spürbar zu. Mit Mobiltelefonen werden - oft zu diesem Grunde provozierte - Gewalttaten aufgezeichnet. Die Aufnahmen werden untereinander ausgetauscht wie Yu-Gi-Oh!-Spielkarten. Gewalt wird in Filmen, Computerspielen und im Internet verherrlicht und von den Schülern ungefiltert aufgesogen. Längst ist das Wort Brennpunktschule unserem Sprachschatz zugefügt worden.

Expeditionsfotograf Bert Simon wurde im August 2006 bei einem Mordversuch beinahe getötet. Bert Simon dazu: Ich bin durch die gefährlichsten Länder der Erde marschiert. Nie einen Kratzer. Dann wurde ich hier, in Deutschland, angegriffen und beinahe getötet. Ich habe andere Menschen kennen gelernt, denen ebenfalls schreckliche Dinge passiert sind. Oft geht heute die Gewalt von jungen Menschen aus, häufig werden auch Kinder zu Opfern. Dagegen machen Thorsten und ich mobil und gehen dahin, wo Veränderung Sinn macht und Not tut - an unsere Schulen. Thorsten und ich haben erfahren, welch schlimme Auswirkungen die Gewalt für alle Menschen, für Opfer, Täter, deren Familien, den Mitschülern und für unsere Gesellschaft hat".

Bert Simon wird in Vorträgen an Schulen mit Schülern über Gewalt und deren schrecklichen Folgen diskutieren. Ich werde mir den Mund fusselig reden, so der 38jährige Sportler. Aber wenn wir dadurch auch nur eine einzige Gewalttat verhindern, dann ist es das allemal wert. Ich nehme Thorsten in Bild, in Videoaufnahmen und durch Interviews mit seiner Familie und Freunden mit an die Schulen. Thorsten verabscheute Gewalt. Er war Handballer. Teamplayer. Er würde dabei sein. Wenn ihm das erlaubt worden wäre.

 

Neues Konzept

Bert Simon sucht neue Ansatz in der Gewaltprävention:

Nicht ein belehrendes Gegen Gewalt oder Niemals mit Gewalt ist sein Motto, sondern ein leises Thorsten fehlt. Bereits der Titel des Projektes soll in den Schülern Empathie erwecken. Nur wenn die Schüler erfahren, welch unermessliches Leid und welch ein Verlust durch die oft nur wenige Minuten andauernde Gewalt dauerhaft verursacht wird, kann dem meist diffusen Begriff Gewalt Tiefe und Schrecken gegeben werden die hoffentlich nachhaltig wirken.

Um diese Botschaft weiter zu verstärken, und um friedliche Konfliktlösung zu erlernen, besteht für die Schüler im Anschluss an die Vorträge die Möglichkeit, sich auf einer friedlichen Internetplattform anzumelden. Auf dieser Plattform findet in Chats, Foren und Beiträgen eine gezielt gewaltfreie Kommunikation zwischen Schülern statt. Wir werden auf dieser Plattform den gewaltlosen Umgang miteinander üben und lernen, so Simon.

Schüler können sich ihren Mitschülern auf dieser Internetplattform vorstellen und sich zur Wahl in den Ältestenrat aufstellen lassen. Die gewählten Ältesten dienen als Moderatoren und Mediatoren auf dieser Internetplattform. Auch Konflikte, die besonders in auf dem Internet geführten Diskussionen immer wieder auftauchen, werden gezielt gewaltfrei gelöst.

 

Gewaltfrei Siegel für Webseiten

Ab Projektstart Thorsten fehlt wird zudem ein Siegel an Webseiten verliehen, die sich den Grundsätzen der Gewaltfreiheit verpflichten. Unter den Webseiten, die das Siegel führen, werden jährlich Preise ausgelobt.

 

Thorsten-Tragelehn-Preis

Alle zwei Jahre wird der mit 10.000 Euro dotierte Thorsten-Tragelehn-Preis unter Schulen ausgelobt, die ein Konzept für einen besseren, kontrollierten Umgang mit der Gewalt einführen. Drei Bereiche sind hierbei von den Schulen nachweislich abzudecken: 1.) Das Implementieren von gewaltpräventiven, deeskalierenden und mediativen Strukturen zur Konfliktbewältigung. 2.) Bereithaltung dauerhafte Ansprechpartner und Schutzräume für Betroffene von Gewalt. 3.) Erstellung und Implementierung eines Notfallplans für den Fall eines Angriffs mit Waffen auf die Schule.

 

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