Meine zurückgelegte Strecke als roter Faden. Bitte beachten, dass Indien neun mal so gross ist, wie Deutschland.

Hier seht Ihr die von mir zu Fuß in Indien zurückgelegte Strecke als roten Faden.

 

 

Es folgt das Blog-Archiv von den Stationen meiner Reise:

Aktuelle Meldung - Pune (5209 km), 4. März

Es ist Morgen in Pune. Der Duft von gebratenem Frühstück liegt in der Luft. Der Schäferhund, der auf dem Balkon gegenüber zu Hause ist heult ganz traurig. Vermutlich hat er Heimweh. Wie ich. Das indische Herrchen spricht Deutsch mit ihm. "Aus! AUS!" schreit es. Ich lebe ein Leben mit großer Amplitude. Das hat mir jemand ins Gästebuch geschrieben. Und das stimmt. Von so-schäbig-dass-selbst-die-Schaben-davonrennen bis hin zu unfassbar cool reicht die Palette.

Gestern endete der vorvorletzte Tag in Indien mit einem Abendessen bei einem Baulöwen. Eigene Straße. Fuhrpark vor dem riesigen Haus. Darunter ein 280er Mercedes mit Kompressor. Luxusfahrzeuge werden in Indien mit einer 200%igen Luxussteuer belegt. Was bei uns 80.000 Euro kostet, das kostet hier 240.000 Euro! Und dann waren da Wachhund. Flutlicht. Gewehre. Sicherheit. Wer viel hat, der hat viel zu verlieren. NK ist der ältere Bruder von KK, und KK ist Filmemacher aus Bollywood bei dem ich meine letzten Tage in Indien verbringe. Beide sind Deutschland-Fans. Ich glaube nur wenige von Euch daheim können sich vorstellen wie viele und warum Menschen Deutschland klasse finden. Merkwürdigerweise fliegt der Baulöwe am 6. März ebenfalls nach Hannover?! Um ein paar Biogasanlagen zu kaufen. Er hat sich letzthin die Müllabfuhr der Stadt Pune geangelt und will mit dem Unrat Strom produzieren. Dabei geht es längst nicht mehr ums Geld. Mehr als eine Milliarde US Dollar an Ländereien gehören bereits der von ihm gegründeten Firma. Es geht vor allem darum so viele Standbeine als möglich in einen Markt zu stellen der in Zukunft den Aufschwung erfahren wird, von dem wir nur noch träumen und mit dem wir trotzdem reich werden - denn „Made in Germany“ ist ein Markenprodukt das zieht wie ein indisches Ochsengespann.

Reiche Inder leben sehr angenehm. Nur wenige Möbel stehen in leeren, sehr hohen Räumen. Große Weite und Tiefe bestimmen das Wohnambiente. Was in den Zimmern steht ist ausgesucht und traumhaft schön. Keine Teppiche, dafür polierter Marmor. Nett. (Boh riecht das gut. Irgendwas braten die gerade und das treibt mit das Wasser im Mund zusammen!).

Als erstes aber schaute ich gestern noch schnell nach ein wenig „Made in India“ und fiel ins „More Mischief“ ein, eine der besten Schneiderstuben des Subkontinents. Deepak Shah, der oberste Chef - auch Mercedesfahrer (man kann gar nicht genug Mercedesfahrer haben. Warum hat nicht jeder Inder einen – dann wären bei uns in Deutschland alle in Lohn und Brot) begrüßte uns wie alte Freunde. Es gab Tee und echte Freundlichkeit gratis. Schade das Indien für mich nicht immer so angenehm war… Im „More Mischief“ holen sich die Filmstars und Geschäftsleute ihre Outfits. Logisch, denn „More Mischief“ wurde von Jackie Shroff mitgegründet, einem alten Bollywood-Haudegen. Alles ist prinzipiell machbar. Der Preis dabei unwichtig. Es wird nicht gehandelt. Und es schielt auch niemand zuerst verstohlen aufs Etikett. Es gibt Jacken, die selbst uns Europäern die Tränen in die Augen treiben. Vierstellig. Das 2-Rupien-der-Tee-Indien endet auf dem reservierten Kundenparkplatz vor dem Haus. Die Qualität ist, neben den Maßen des Kunden, das einzige Maß der Dinge. Jeder Stoffballen ist gewickelte Qualität. Jeder Knopf ein Kunstwerk. Was nicht heißen soll, dass man aus den tollsten Sachen nicht auch Schrott schneidern könnte. Viele der Hemdchen sind extrem feminin. Inder lieben es, sich feminin zu kleiden. Stickereien. Bordürchen. Schwarz. Schillernd. Schnuckelig. Schwul. Würden wir sagen. Inder sehen das anders. Hier in Indien ist der schwule Look in und das typische Holzfälleroutfit der Deutschen mit ihren grauen Schlabberpullovern, verwaschenen Jeans und Socken in den Sandalen out. Zum Glück.

Normalerweise wartet man ein paar Tage oder Wochen auf das Ergebnis. Nur VIPs bekommen ihr Outfit am nächsten Tag. So wie ich :-) Scherz beiseite – ohne KK hätte ich mich hinten anstellen dürfen. Grund meiner Kauflaune: Meine Kleidung habe ich auf den letzten 3000 Kilometern nicht mehr ausgetauscht. Sie ist am Ende. Zerlöchert. Die Nähte gehen auf. Es ist notwendig, mit neuem Gewand auf den Jakobsweg zu gehen. Mein typischer Stehkragen ist wieder dabei. Und das Gewebe ist ein edler graubraunschwarzer Jutestoff. Dunkel. Unempfindlich. Wanderfreundlich. Seit Jahren predige ich gegen die schiere Hässlichkeit der Wanderer an. Man muss nicht aussehen wie eine Mischung zwischen Bauer und Soldat nur um Wandern zu gehen. 

Danach futterten wir zwei Obstsalate in der "German Bakery". Es ist ein wenig schwierig mit KK durch Pune zu fahren weil er immer angequatscht wird. In den meisten Fällen sind es arbeits-arme Schauspieler oder ideenreiche Geschäftsleute ohne Geschäftssinn. Nervig auf alle Fälle. Danach gingen wir noch ins Taj Hotel, einer dieser unangenehmen, herunter gekühlten Fünfsterne-Herbergen. Es ist völlig wurst wo Du Dich befindest auf dieser Welt: Sobald Du in diese Hotels gehst uniformiert sich Deine Reise. Da ist die gleiche Plingplong-Loungemusik bei der Du mehr als einmal überlegst den Pianisten zu verdreschen - um endlich Ruhe zu haben von den zig „Hey Judes“ und „Pour Adelines“ die diese Unholde aus rein finanziellem Interesse aus den Tasten klimpern. Sie würden, gegen Bezahlung versteht sich, auch Tonleitern furzen. Im Taj gab es eine Kunstausstellung samt Verkauf. Zugegeben, die angebotene Ware war weltklasse, die Handwerker allesamt preisgekrönt. Aber was soll ich mit einer anderthalb Kilo schweren Messingstatue anfangen? Oder mit einem handgewebten Teppich? Mein Leben hat dafür keinen Stauraum mehr...

Habe mittlerweile meine beiden Hemden in Empfang genommen. Unglaublich tolle Qualität und es passt wie angemessen. Was es ja auch ist. Der Stoff taugt besser als ich erwartet habe. Es ist ein wildes, kräftiges und elegantes Hemd. Der Chef, Deepak Shah, war so begeistert von meinem soeben zu Ende gegangenen Marsch durch Indien, dass ich nur ein Hemd bezahlen musste und das andere geschenkt bekam. Das so eingesparte Geld trug ich fix zur nächsten Shopping-Mall und erstand eine große Flasche Bulgari Aqua für meinen Gastgeber und Freund KK. Dann brauchte ich noch eine Unterhose. Und wie ich mich so durch Calvin Klein wühlte, auf der Suche nach der nächsten dunklen Boxershorts, da wurde ich doch tatsächlich von einer 20jährigen weiblichen Bedienung beraten. Hmmm. Merkwürdig das. Aber naja. Sie wird sich mit Männerunterhosen wohl schon auskennen. Meine Hinterngröße konnte sich auch mit einem Blick abschätzen. So, und damit mein Hintern nicht noch eine Größe schrumpft (ich habe mal wieder ein paar Mahlzeiten übersprungen) werden wir uns nun auf den Weg machen. Wir gehen ins „Polka Dots“, einem kleinen Restaurant mit herrlichem Essen und überschaubaren Portionen.

Ich melde mich bei Euch morgen wieder und wünsche Euch eine ruhige und erholsame Nacht.

 
Bert Simon.

 

 

 

Aktuelle Meldung - Pune (5209 km), 2. März

Heute Morgen, ganz früh, war ich auf den Beinen. Habe aber auch nicht geschlafen, weil ich meinem Wecker nicht traue. Indien gibt Dir zu jeder Zeit Weckrufe. Aber ich musste um spätestens vier Uhr aus dem Hotel – und so blieb ich wach und sah mir zuerst irgendeinen Film an. Mit Kurt Russell. Danach kam ein „House“ Wiederholung. Danach entseuchte ich  mich zum zweiten Mal per Dusche und packte dann meine sechs Sachen. Auf sieben komme ich gar nicht mehr. Dann hieß es Abschied nehmen von Kalkutta. Und gleich als ich mein Hotel verließ, da schrie es mir entgegen. Ein Rikschafahrer, der um die Uhrzeit noch aktiv war. „AAAIRPORT???“ kreischte er – in der Hoffnung seinen Tag damit beginnen zu dürfen einen Touristen, mich, zu bescheißen. Dann hupte er mich laut an. Verdammte Kacke. Das habe ich gebraucht: Morgens um viertel nach drei muss ich von einem wildfremden Mann angehupt werden der aussieht wie ein Flugzeugabsturzopfer – zerfetzt und mit irgendwelchen Flüssigkeiten getränkt… „Boh, lass mich bloß in Ruhe!“, graulte ich – meine 66 Kilo energisch aufplusternd. Ich bin 5206 Kilometer durch Indien gelaufen. Da werde ich die letzten drei Kilometer auch noch schaffen. Sprach’s und trat in einen dicken Hundescheißhaufen. Ich fluchte bis kurz vor die Flughafentüre, schaffte es aber, die Kacke von meinen Hacken zu laufen. Nach 5209 Kilometern waren die Schuhe wieder einigermaßen sauber und ich war tatsächlich am Ende. Meiner Indienwanderung. Viel Profil ist nicht mehr übrig. Von den Schuhen. Und von mir auch nicht. Indien zerwirkt Dich. Du bleibst auf der Strecke und versinkst im Treibsand der zu Haufe im indischen Getriebe steckt.

So. Nachdem ich an dem einen offenen von sieben Schaltern eingecheckt habe finde ich endlich Zeit, die Legende meines Anmarsches nach Kalkutta niederzuschreiben. Das Motto der Sage: „Wie wieder mal die Bremsen versagten“. Es war nämlich so: Je näher ich Kalkutta kam, desto mehr feierte ich jeden Kilometer. In Kaksa (so hieß das wirklich) verbrachte ich die Nacht in einer schlimmen Herberge mit dem schönen Namen Monalisa. Die Lisa hing tatsächlich im Eingangsbereich und lächelte angegammelt vor sich hin. Irgendwie ist ihr Lächeln im Louvre strahlender. Lebensfroher. Echter. Aber es ist auch entscheidend sauberer im lieblichen Paris. Und so verzieh ich der Lisa das etwas gekünstelte Lächeln großzügig. Denn auch ich hatte wenig zu lachen, an diesem Abend. In der Kaksa-Absteige musste ich so ziemlich alle Register ziehen, die ich bislang gelernt hatte. Wie bekomme ich ein katastrophales Zimmerlein so hin, dass ich dort übernachten kann ohne dass ich aufgefressen werde? Zuerst einmal meinen eigenen Kissenbezug über das Kissen zerren. So, nun hatte ich ein halbes Prozent des Zimmers sauber. Der Rest muss mit Räucherstäbchen saubergeduftet bzw. mit meinem 7-Inch-Monitor und Eric Clapton aufgehellt werden. Man kann sich nur ekeln, wenn man das Grauen sieht. Ich beschloss nicht zu sehen. Auch nicht unters Bett. Oder unter der Matratze. Ich löschte schließlich das Licht und arbeitete mit Tricks, die ich in der Traumatologie gelernt hatte. Dieses Zimmer war traumatisch. Beschloss ich. Es dauerte nicht lange, da hatte ich mich in den Schlaft getrickst. Wachte allerdings ein paar Stunden später wieder auf, weil unten auf der Straße eine Prügelei begann. Irgendjemand war irgendjemandem hinten drauf gefahren. Wozu die sich aufregten verstand ich nicht. Die meisten Karren sehen hier eh aus wie ein Panzerfaustziel auf einem Truppenübungsplatz. Ein Auffahrunfall kann doch eigentlich nur noch positive Auswirkungen auf die Kisten haben bei denen so ziemlich alles defekt ist. Sei es drum. Ich packte um kurz vor sechs mein Bündel und wanderte ins bleierne Morgengrau. Auf der Suche nach mir, nach dem ersten Tee und… So, genug geschrieben. Ich muss nun durch den Sicherheits-Check. Und da dies Indien ist und alles Mögliche passieren kann (eine Kuh, die den Runway blockiert, ein Polizist der endlich mal einem Touristen zeigen kann wo der Hammer hängt… einfach irgendwas passiert immer)  werde ich mich jetzt auf die Socken machen. In 50 Minuten geht mein Jet. Und da möchte ich gerne drin sitzen. Weil ich vier Stunden später in Pune erwartet werde. Bis später!

Ich bin vor ein paar Minuten im 36 Grad heißen Pune gelandet. Der Flug von Kalkutta nach Pune via Bombay zählt zu den eher grauenhaften Erfahrungen meiner langjährigen Herumfliegerei. Jeder Sinkflug wurde mit Schwerelosigkeit eingeleitet und mit massiven G-Kräften beendet. Das war Parabelfliegen vom Feinsten. Ein Kotzkomet. Um auf Landekurs zu kommen flog der Pilot (?) mehrere scharfe Kurven. Links. Rechts. Links. Rechts. Links. Links. Rechts… Die Landung in Pune schließlich war so hart, dass ein Muslim mit einem langen weißen Bart ein lautes „Fuck. Fuck!!!“ von sich gab. Ich schrie triumphierend zu meinem französischen Sitznachbarn, der völlig konsterniert war (und den ich bereits vorgewarnt hatte): „I told you! I knew he’d mess it up!“ Unser Steuermann knallte die 737 auf die Piste, dass uns hören und sehen verging. Unser Jet hüpfte derweil wie ein Gummiball zurück in die Luft! Danach begann ein Slalom auf der Landebahn weil unser Flugzeug natürlich nicht geradeaus, sondern irgendwohin raste. Ich weiß, dass die Maschinen einiges abkönnen – aber das war das dritte Mal, dass ich Angst um meine Gesundheit bekam – und das erste Mal bei wunderschönem, wolkenlosen, blauen Himmel. Das erste Landeproblem hatte ich bei einem Landeanflug mit der KLM in Amsterdam, bei dem wir in die Wirbelschleppe eines soeben gestarteten Flugzeuges gerieten. Das zweite Mal während eines Landemanövers inmitten eines sehr starken Sturmes im Australischen Broome, bei dem wir zwei Mal durchstarten mussten weil der Wind uns einfach wegdrückte. Aber das heute, das war schon sehr merkwürdig. Der gesamte Landeanflug auf Pune war einfach nur eine gefährliche Scheiße. Einmal fuhr der Pilot die Klappen auf 10 Grad aus. Dann zog er sie wieder ein. Dann Gas komplett weg (was sich anfühlt, ob jemand eine Handbremse zieht) um zehn Sekunden später die Triebwerke aufjaulen zu lassen. Wir merkten, dass der Pilot bloß reagierte. Er flog das Flugzeug nicht richtig sondern reagierte nur auf das, was die Maschine eben so trieb.

 


 

 

Aktuelle Meldung - Kalkutta (5206 km), 29. Februar

Gopalnagar (46 km) - Dankuli (41) - Kalkutta CCU (29 km)

16.50 Uhr: Ich bin soeben angekommen und suche mir nun erst einmal ein Hotel und melde mich spaeter noch einmal.

18.03 Uhr: So, ich bin in einem Hotel gelandet. In irgendeinem. "Hotel White Palace" heisst es und liegt drei Kilometer vom Flughafen Kalkutta entfernt. Morgen ist ein Ruhetag, an dem ich mich so gut es eben geht "entseuche". Danach bereite ich meinen Abflug vor. Am 2. Maerz duese ich von Calcutta nach Pune, verbringe noch ein paar ruhige Tage bei meinem Freund, dem Filmemacher. Danach, am 6.3. heisst es Abschied nehmen vom Subkontinent.

Momentan fuehle ich mich erleichtert - und erschoepft. Ich habe Indien ein zweites Mal ueberdauert. Einfacher ist Indien nicht geworden, sondern viel voller - und schwieriger. Wie ich es erlebt habe, darueber werde ich in den naechsten Tagen schreiben (habe schon damit angefangen). Also: Morgen wieder vorbeischauen. Fuer den ersten Reiserueckblick der noch folgenden Reiserueckblicke :-)

Bert Simon.

 

 

Aktuelle Meldung - Burdwan (5089 km), 27. Februar

Da bin ich wieder. 20 Kilometer gestern (nach Panagarh) und 48 Kilometer heute (nach Burdwan) haben die Distanz nach Kalkutta auf 105 Kilometer zusammenschrumpfen lassen. Waehrend ich diese Zeilen in die Tastatur klopfe, streiten sich draussen zwei Inder – aber richtig laut. Der eine will ins Internetcafe, hat aber keinen Pass dabei. Und ohne Pass gibt es laut neuer Anti-Terror-Bestimmung auch keinen Internetzugang mehr. Anonymsurfen ist ein Ding der Vergangenheit in Indien - denkt sich die Regierung. Meinen Pass wollte allerdings niemand sehen - ich wurde sofort durchgewunken. Und nun wird das Geschimpfe noch lauter. Ich glaube bald fliegen hier die Fetzen, Faeuste und Brillen. Und was sonst noch fliegen kann...

Mittlerweile (ich habe ein wenig Briefe beantwortet) ist es still geworden. Dafuer umschwaermen uns hier die Moskitos. Zig. Und alle wollen sofort saugen. Ich fuehle mich schon ganz schrumplig! So, ihr Lieben. Ich bin groggy und haue mich nun erst einmal aufs Ohr. Morgen steht der drittletzte, voll Marschtag an. Da will ich fit sein!

Beste Gruesse, Bert Simon.

 

 

 

Aktuelle Meldung - Durgapur (5021 km), 25. Februar

Moin zusammen. Es ist 6.00 Uhr Ortszeit, die Sonne ist so gut wie aufgegangen und mein Rucksack ist gepackt. Heute steht mein sechstletzter Marschtag in Indien an. Der nächste Ort liegt 66 Kilometer voraus. Das bedeutet, ich werde heute kurz 33 Kilometer marschieren und dann in den nächsten Ort vorfahren der hoffentlich eine Unterkunft für mich bereit hält.

Während ich noch hier rummarschiere werden in Deutschland bereits neue Visitenkarten gedruckt, die ich für mein nächstes Projekt dringend brauche. Meine Ausrüstung ist bereits bestellt (der Schlafsack ist noch nicht lieferbar) und das übernächste Projekt ist bereits in Vorplanung. Das einzige, wo ich derzeit gewaltig dran knabbere sind die Reiseführer zum Jahkobsweg - die sind alle vergriffen! Und ohne Führer kann man ganz schön vom Weg abkommen. Mit allerdings auch. Ich werde also die Morgenstunden nutzen, um einen Führer irgendwo herbei zu zaubern. Aus dem Antiquariat. Aus dem Aquarium. Wo auch immer her.

Merkwürdig waren die letzten Minuten meines gestrigen Tages. Ich ging auf den Balkon und übersah die riesigen Stahlhütten von Durgapur. Unglaublich, was der Mensch so alles schafft - und sich be-schafft. Und wie er dafür rackert und arbeitet. Es ist oft nicht das Leben, dass den Menschen treibt, sondern die Gier. So weit mein Auge reichte - und es reicht immer noch sehr weit - blinkten gelbe, rote und grüne Lichter wie eine ausser Kontrolle geratene Ampel. Später, mitten in der Nacht, knallte es einmal bestialisch laut. Alle Hunde schlugen an und bejaulten unisono den Lärm. "Naja, das Werk meldet sich schon von selber wenn es gewartet werden möchte", dachte ich und schlief für ein paar Minuten wieder ein. Indien hat ein "Maintenance"-Problem. Hingebaut und aufgestellt ist in Indien alles schnell. Und, zugegeben,schick. Hotels. Eine Arline. Ein Häusle. Aber dann, wenn es aufgebaut wurde, dann lässt man es zerfallen. Wartung kommt in Indien von warten. Lange warten. Viele Dinge langweilen sich hier fürchterlich und kümmern sich schliesslich um sich selbst.

Falls ich heute abend kein Internet finde (was immer wieder mal vorkommen kann, da ich eben auf die Infrastruktur der Regionen angewiesen bin durch die ich marschiere), keine Panik: Mir geht es gut und ich bin höchstwahrscheinlich nicht unter die Räder einer Rikscha geraten.

Euch daheim einen schönen Wochenanfang. Macht was aus Euch! Carpe Diem.

Bert Simon

 

 

Aktuelle Meldung - Durgapur (5021 km), 24. Februar

So. Da. Durgapur. Wieder mal. Wie vor dreizehn Jahren. Allerdings mit einem Unterschied: Damals wohnten hier ein kleines Häuflein Deutscher die ich mit meinem Besuch beglücken konnte (meine Wäsche roch danach nach Ariel und ich bekam KÄSE - etwas, das es in Indien so eigentlich nicht gibt und das ich sehr, sehr vermisse). Heute wohne ich im Hotel, verbringe meine Zeit im Internet und bereite mich auf meine Ankunft in Kalkutta vor.

Im Hotel, in dem ich gerade zu Mittag esse, gibt es Spaghetti Al Arabiata. Toll! Nudeln! Dachte ich. Und legte mir einen Teller zu. Aber: Ich bin hier in INDIEN!!! Al ARABIATA (oder "Alabbiratta" - so steht das auf dem Schild) bedeutet scharf. Und die Inder sitzen an der Quelle. Das Zeug ist so scharf, dass ich Angst um meine Zähne bekomme.

Sodele, mittlerweile ist es ordnungsgemäß nacht geworden in Indien und ich mache mich auf den Heimweg - vorsichtig und umsichtig, denn es sind ganz schön viele Hunde unterwegs in Durgapur. Diese Tölen bilden manchmal Mobs und attackieren friedfertige Menschen. Da muss ich nicht dabei sein. Ich habe zwar meine Tollwutimpfung. Aber es ist vermutlich nicht arg schön gebissen zu werden.

Euch daheim wünsche ich einen schönen Rest-Sonntag und melde mich kurz vorm Abmarsch morgen früh an gleicher Stelle wieder (hier).

Bert Simon.

 

 

Aktuelle Meldung - Andal (5008 km), 23. Februar

Eigentlich sollte da vorgestern noch was kommen, nach der motorisierten Sackkarre. Aber dann machte sich der Strom auf und davon und meine Gedanken wurden jäh unterbrochen. Indien kann deshalb nicht ein Land der Dichter und Denker werden, weil meist das Licht ausgeht bevor es sich reimt.

Ich bin in West Bengal angekommen, dem letzten Bundesstaat meiner Indienwanderung. In einem Anfall seniler Bettflucht bin ich vorgestern bereits um 5.30 Uhr auf den Beinen gewesen und habe meine sieben Kilo / Sachen gepackt. Gut, der nächtliche Albtraum war nichts fürs Fernsehen (die Leute würden kotzen!) aber der Hauptgrund war, dass ich einfach keine Lust mehr hatte zu Ruhen weil ich so unruhig war. Innerlich. Und so wanderte ich ungeduldig gen Osten. Meine Bremsen haben versagt und am Ende des Tages liegen erneut 45 Kilometer hinter mir. Scheiße. Wieder ein halber Tag, der irgendwo abgehockt werden muss. Aber vielleicht laufe ich einfach noch einen Haken oder Kringel, der Fitness halber.

Auf dem Weg hielt einmal kurz ein LKW neben mir. Reifen platt. Der Fahrer und sein Co-Pilot wechselten den absolut abgefahrenen, völlig fertigen Pneu ohne Luft mit einem absolut abgefahrenen, völlig fertigen Pneu mit Luft. Während der letzten 1000 Kilometer ist drei Fahrzeugen mehr oder weniger unmittelbar neben mir ein Reifen geplatzt – zwei LKWs und einem Jeep. Der Jeep hatte Glück, denn es war ein Hinterreifen. Bei einem Vorderreifen wäre der nicht langsam dahinrasende Tata-Jeep in die Pampa geflogen. Die LKW Reifen platzen schlicht spektakulär: Erst ein Donnerschlag, wie als wenn Osama in der Nachbarschaft wohnt, und dann eine irgendwie goldfarbene Staubwolke. Und dann läuft schnell die Mob-Rufbereitschaft an. Aber die Menschen verstreuen sich bald wieder. Es gibt ja nichts zu sehen. Nicht einmal einen Reifen mit Luft.

Mittlerweile liegt Kalkutta weniger als 200 Kilometer voraus. Das "Fairlawn Hotel" hat sich auf meine Reservierungsbitte nicht gemeldet. Was ich zum Anlass nehme, meine Wanderung nicht im Fairlawn Hotel, sondern am Dum Dum Flughafen zu beenden. Ich bin schließlich letzten Mai auch vom Chennai-Flughafen abmarschiert. Da passt es nur zu gut, dass ich meinen Weg am Flughafen beende. Zugleich kann ich das tun, was ich sehr gerne mache: Flugzeuge gucken. Freunde, die in der Nähe von Flughäfen wohnen wissen dass ich gerne unentwegt Flugzeuge sehen will. Je tiefer und lauter, desto besser :-)

 

Aktuelle Meldung - Asansol (4981 km), 22. Februar

21.2. Maithon (44 km) - 22.2. Asansol (13 km)

Eine kurze Mitteilung auf die Schnelle - falls der Strom wieder verschwindet: Ich bin nach 57 Kilometern in “Asansol” gelandet, eine Stadt, die inmitten vom starken Smog der Koks- und Stahlfabriken liegt. Jetzt mache ich mich erst einmal frisch und warte darauf,  dass der Strom dauerhaft wiederkommt. Werde mich heute abend, inshallah, mit einem laengeren Bericht wieder bei Euch melden. Nur soviel: Ich bin im letzten Bundesstaat Indiens angekommen – in West Bengal. Calcutta saugt mich foermlich an. :-)

So. Da bin ich wieder. Gestern stand der Grenzuebertritt an. Hunderte LKWs warteten darauf ihre Zollangelegenheiten erledigt zu bekommen. Und die Polizeikontrollen schienen - zumindest gestern - ganz erheblich zu sein. Also wanderte ich die LKW-Kollonne ab, solange bis ich ein Hotel fand in dem alle Zimmer zu haben waren. Das Bettzeug war uralt. Nach ein paar Diskussionen bekam ich zumindest einen frischen Bettbezug und einen Extrabezug um diesen zwischen mich und die Bettdecke zu legen. Die Bettdecken werden in Indien grundsaetzlich nicht bezogen sondern immer und immer und immer wieder benutzt. Hunderte von Koerper schwitzen in die Bettdecken - und Du bist dann eben Nummer 328 oder so. Dementsprechend riecht das Bettzeug auch. Aber man gewoehnt sich daran. Langsam. Es gibt viele Dinge, an die man sich gewoehnen muss. Heute trank ich dann einen Tee an einem Fernfahrerrestaurant, in dem der Koch gerade Bratkartoffeln zubereitete. Beim Ruehren in der Pfanne flogen ein paar Kartoffelstuecke auf den grauslig dreckigen Herd. Der Koch sammelte die Ausreisser ein und warf sie wieder in die Pfanne. Indisches Essen schmeckt gut. Man darf einfach nur nicht bei der Zubereitung zusehen... :-)

Heute in Asansol angekommen schlenderte ich ein wenig durch die Stadt, die ich vor dreizehn Jahren bereits einmal besucht habe. Es ist voll geworden in den Orten. Damals waren schon sehr viele Menschen unterwegs. Das scheint sich allerdings nun nahezu verdoppelt zu haben. Und mit den Menschenmassen wuchsen auch die Probleme. Verkehrstote sind immer mehr zu beklagen. Der Parkplatz fuer die Motorraeder ist so knapp, dass die Strassen alle zugeparkt sind und die Fussgaenger auf der Strasse gehen muessen. Wo sie dann ab und an halt einfach plattgefahren werden. Letzthin ist ein Schuljunge ueberfahren worden. Die Mob-Rufbereitschaft funktionierte und ein Mob fand sich zusammen, stellte den LKW-Fahrer - und zuendete ihn an. Morgen wird es deshalb LKW-Streiks geben und denen wird sich dann wohl wieder die halbe Region anschliessen. Es ist nicht einfach, in Indien zu leben. Vor allem nicht fuer die Inder. Ich bin hier Gast und ausser meinen Schuhen brauche ich ab und an einen Tee und etwas zu essen. Mehr bedarf es nicht. Aber wenn Du hier leben moechtest, dann ist das schwer. Brief beim Postamt abgeben? Minimum zwei Stunden. Zugticket im Bahnhof kaufen? Drei bis vier Stunden kann das schon dauern. Extrem zeitraubend ist auch der Weg dorthin. Nichts ist so richtig einfach hier. Das ist auch, was meine indischen Freunde oft beklagen: Was sollen wir mit einem schoenen Mercedes oder einem Ferrari? Das schnellste Auto wird sich hinter der naechsten Bummelrikscha anstellen... So ist das halt.

Ich haue mich jetzt, nachdem ich die Mondfinsternis bewundert habe (der Mond war tiefrot!) aufs Ohr um Morgen wieder fit zu sein. Morgen stehen unglaubliche 20 Kilometer oder so auf meinem Programm. Das ist zwar wenig befriedigend (vier Stunden, mehr brauche ich dafuer nicht), aber es ist gut fuer meine Knochen ein wenig von den vierzig und fuenfzig Kilometer Maerschen auszuruhen.

Euch daheim wuensche ich einen wunderbaren Tag.

Liebe Gruesse, Bert Simon.

 

 

Aktuelle Meldung - Dhanbad (4924 km), 20. Februar

Ich bin gestern um sieben Uhr Morgens auf die Strecke gegangen. Was fehlte war die eisige Morgenluft. Die Hauptwindrichtung hat von Nordwest auf irgendwas gedreht (keine Ahnung, irgendwie zieht es von überall her). Auf alle Fälle sind die letzten Tage die kältesten in Jarkhand gewesen - seit fünf Jahren. Kein Wunder sind mir jeden Morgen die Haare gefroren zu Berge gestanden. Ohne zehn Aufwärmtees ging nichts. 25 Kilometer standen also gestern an. Ich bin die Strecke lustlos abgeschlappt. Es gab kaum etwas zum Fotografieren und die Landschaft war so eintönig, dass ich unterwegs ruhig mal ein wenig einschlafen hätte können. Ich hätte nichts verpasst. Heute ist ein Ruhetag. Ich bremse nun ganz bewusst erst einmal ein wenig ab, da ich ansonsten zu früh in Kalkutta eintreffe. Es ist wichtig, dass ich bis zum 1. März Langstreckenwandere, denn nur so bleibe ich fit für den Jakobsweg, der am 14.3. in Hannover beginnt.

Da Dhanbad, die Stadt der Steinkohle, ein wenig südlich des National Highway Nr. 2 liegt habe ich gestern eine grosse, dreiräderige Motorrikscha zum Schutteln benutzt. Diese Dinger sind winzig klein, aber man kann rund 20 Fahrgäste stapeln. Fahren tun sie sich so bequem wie eine motorisierte Sackkarre. 

 

Aktuelle Meldung - Topchanchi (4899 km), 18. Februar

13.2. Shergati (49 km) - 14.2. Chaupat (53 km) - 15.2. Barhi (21 km) - 16.2. Bagodar (51 km) - 17.2. Isri Bazar (25 km) - 18.2. Topchanchi (18 km)

13.2. Sherghati (49 km): So. Da bin ich angekommen, in Shergati – nach 49 Kilometern. Und es gibt keine Unterkunft hier. Trotzdem liege ich in einem Bett. Mit eigener Türe. Und von innen verschließbar ist sie auch. Was wichtig ist – für meine Seelenruhe. Möglich ist das, weil Indien zwar oft sehr konfus und kompliziert-belastend ist, aber auch herzlich und entgegenkommend sein kann. Wenn es will. Und ich es lasse. In Indien gibt es viele Dinge oft nicht. Und dann behilft man sich eben und nimmt, was verfügbar ist. Als ich ankam war es bereits stockfinster. Eine kleine Gruppe Männer pflegte eine einsame Kerze. Und unterhielt sich. Mehr kann man hier, in Bihar, nicht tun, da es im Grunde keinen Strom gibt es sei denn, man macht ihn sich selbst per Generator. Nachdem ich vorgesprochen hatte und die Menschen ob meiner schieren Kilometerfresserei baff waren wurde ich per Motorrad – ich ohne Helm, der Fahrer ohne Helm und das Motorrad ohne Rücklicht und Blinker – zum „Marriage Palace“ gefahren, dem einzigen mehrstöckigen Gebäude der Stadt. Hier gibt es kahle Zimmer mit rohen Holzbetten. Von irgendwoher materialisierten sich Matratzen, Kopfkissen und Decken und ich hatte mein Schlaflager. Und einen Journalisten der „Hindustan Times“, Edition Bihar, der mich nach meinem wohin und woher ausfragte. Vier Tage zuvor war ein Deutscher auf einem Liegefahrrad von Katmandu vorbeigekommen der nach Bangladesch weiterradeln wollte. Ich kam von Bombay anmarschiert. Die Deutschen sind sicherlich ein seltsames Volk. „Wo ich denn herkomme?“ „Aus Hannover“. „Oh. State Capitol in Norddeutschland“. „Genau!“ Jenes Hannover, das in Bihar anscheinend jeder kennt?! Nun war es an mir, baff zu sein. Und der baffe Bert bläst jetzt die Kerze aus (Stromausfall wie immer), macht sein Notebook zu, das nur noch für 1.22 Stunden Saft hat (wobei das Notebook ein stures Eigenleben hat – 1.22 Stunden kann bereits in 20 Minuten zu Ende sein, wenn das Notebook es will – während des letzten Satzes sind es schon vier Minuten weniger geworden!). Alles in allem ein guter, runder und störungsarmer Tag. Morgen stehen 53 Kilometer auf dem Programm – denn erst dort gibt es wieder eine „Lodge“. Ich werde die Distanz so angehen wie heute: ALL OUT! Keine Rücksicht auf Verluste. Langsamer werden kann ich auf dem Weg ins Bett… Nacht.

14.2. Chaupat (53 km): In Chaupat da gibt es ein Hotel. Sagte man mir. Ganz sicher. Also marschierte ich früh am kalten Morgen los. Schnell hatte ich die freundlichen, friedlich vor sich hinfrierenden Einwohner Shergatis hinter mir gelassen. Ich marschierte schnell und sauber. Kleine Pausen. Wenig Theater. Wer mich anbrüllte, und das passiert leider immer noch alle paar Minuten, der bekam keine Reaktion. 53 Kilometer sind Hochleistung. Wenn ich nicht alle Kräfte auf die Strecke sondern noch ein paar Kalorien für die Zurückweisung der von mir unerwiderten Liebesbezeugungen verschwenden würde, dann ist ein Fünfzig-Plus eine Tortur. Während ich die 40er Distanzen in bequeme Drittel Teilen kann, kann ich mich bei 50er und 60er Distanzen nicht mehr selber bescheißen. Da gibt es nichts schön zu denken. Die Strecke ist einfach lang und ermüdend. Punkt. Zwischen mir und Chaupat lag ein Nationalpark. Der National Highway schraubt sich für 15 Kilometer unglaubliche 500 Meter nach oben um dann, nach einer kleinen Weile wieder sanft auf 100 Meter über dem Meeresspiegel abzufallen. Ich nenne solche Mikroberge „Riegel“, weil sie wie ein Mars-Riegel in der Landschaft liegen. Meist sind sie nicht nur Hürde, sondern auch Wasser- und Klimascheide. Ob das hier auch so ist war mir recht wurscht. Als die Sonne unterging, ein Moment der mich immer ganz nah ans Wasser bringt (ich hasse es, wenn die Sonne untergeht und der Nacht weicht) war ich noch gut zehn Kilometer von Chaupat entfernt. Gut, dass der Mond zunimmt. Zurzeit ist er halbvoll und reicht um alles zu sehen, was man nachts sehen sollte – Radfahrer (die in Indien niemals Licht haben), Hunde und Häufen. In Chaupat angekommen war einmal mehr der Strom weg (ich weiß, ich wiederhole mich, aber das ist eben nun einmal so – Strom ist Mangelware in Jarkhand…). Jarkhand – der vorletzte Bundesstaat meiner aktuellen Indienwanderung erreichte ich ebenfalls während des Sonnenuntergangs. „Jarkhand“ gab es bei meinem ersten Indienbesuch vor 13 Jahren noch nicht. Das Produkt „Jarkhand“ entstand aus einem politischen Streit zwischen Ober- und Unter-Bihar. Und so blieb Bihar, die Wiege des Buddhismus, Bihar und der Süden benannte sich in Jarkhand um und gammelt seither blödsinnig vor sich hin während Bihar, einst der ärmste des indischen Staatenbundes, die Kurve bekommen hat und sich langsam gut entwickelt. Jarkhand erinnert mich an Afghanistan. Ich setze, sobald ich eine schnellere Datenverbindung habe, mal ein paar eindrucksvolle Fotos der Städte online. Die Menschen wohnen in Ruinen. Klein-Kabul überall! Was es in Chaupat nicht gab war eine Unterkunft. Ich sprach den ersten, freundlichen Menschen an und er ging mit mir über die Straße und wir klopften beim leer stehenden PWD Bungalow an. Diese Häuslein wurden gebaut um Straßenbauinspektoren ein Nachtquartier zu bieten. Dieses PWD Guest House war seit Jahren unbenutzt. Das Zimmer war … ach, ich lasse es besser. Die letzte Nacht war Horror. Ich habe nicht geduscht, mich ins Bett gelegt und gehofft keine Seuchen davon zu tragen während ich immer wieder aufschreckte weil Mäuse und Ratten patrouillierten. Das war nicht nett. Aber wenigstens hatte ich einen Raum und eine Türe, die ich verriegeln konnte. Das ist alles, was ich brauche um ein wenig auszuruhen. Und wie es mein Glück so will war das nächste echte Hotel nur 21 Kilometer die Straße runter – in Barhi. Und da würde ich auch mit einer Stunde Schlaf und notfalls auch ohne Schlaf hinwandern.

15.2. Barhi (21 km): Meine Schuhe halten immer noch. Es nähert sich jetzt die 5000-Kilometer-Marke. Das sind 1000 Kilometer mehr als ich den Stiefeln eigentlich zudacht habe. Die Absätze sind mittlerweile zwei Zentimeter in den Schaumstoff hineingelaufen und nur noch zur Hälfte da. Das Profil wird langsam zum Slick. Irgendwie fühlen sie sich langsam eher wie normale Halbschuhe an und nicht mehr wie schwere Wanderstiefel die sie vor langer Zeit in Madras einmal waren. Aber noch gibt es keine Schwachstelle und keinen Bruch und die Dinger sind bequem wie nie :-) Ich bin nach einem lockeren und unspektakulären Marsch in Barhi gelandet, einem weiteren Klein-Kabul des Bundesstaates Jarkhand in dem nichts so richtig funktioniert. Liege im Bett. Das ist zwar nach Deutschen Megahyperreinlichkeitsstandards nicht sauber aber um läääääängen besser als das Läuselager von gestern. Habe mich ausgiebig kalt geduscht und konnte gar nicht genug bekommen vom wunderbaren, sauberen, mich reinigenden Wasser. Es war als würde mir der Dreck nicht nur von der Haut, sondern auch aus Lunge, Hirn und Seele gewaschen. Es war grauenhaft, den ganzen Tag nach alten Decken riechend zu marschieren. Gegessen habe ich heute, meine Dauerleser ahnen es schon, Dhal mit Chapati – Linsen und dünnes Fladenbrot. Das habe ich gestern auch. Allerdings waren im Dhal kleine Steinchen. Das war Horror weil Du nicht richtig essen kannst, sondern Dich mit Deinen Zähen wie ein Blinder durch Dein Essen tasten musst. Ein richtiger Biss auf einen Stein und Du darfst Dich auf die Suche nach einem indischen Zahnarzt machen der Deine Zähne nach den neuesten Methoden der sechziger Jahre flicken wird - in einer Praxis die so ausschaut als würden dort Traktorreifen gewechselt. Habe ich von außen schon alles mit Grauen gesehen und jedes Mal ganz schnell einen weiteren Zahnpflegekaugummi eingeworfen die ich immer in der Tasche habe weil ich nach den dreißig bis vierzig Milch-Zucker-Tees, die ich am Tag konsumiere, nicht immer meine Beißer schrubben darf. Man kann nämlich auch die Zähne durch zuviel Putzen schwer schädigen. Bei meiner Ankunft ließ ich mir von einem Barbier meinen Dreitagebart aus dem Gesicht schaben und liege nun frisch rasiert, duftend und zufrieden in der Falle. Habe heute zudem beschlossen dass ich den Windows-PCs adieu sagen und auf Apple umsteigen werde. Nicht weil ich mit Windows unzufrieden bin, sondern weil ich endlich mal sehen möchte von was die „anderen“ da die ganze Zeit schwärmen :-) Morgen steht ein weiterer der ernsten 50-Plus Marsch an. Meine Beine sehen ganz komisch aus – überall habe ich Adern bekommen die kreuz und quer über den Muskeln verlaufen. Naja, die Muskulatur braucht halt Futter und da haben sich wohl die Versorgungswege ein wenig vergrößert. Noch sind es 390 Kilometer nach Kalkutta. Die werden, wenn das so weiter geht in einigen Tagen bedrohlich nahe an 0 sein – und das ist nicht gut, denn ich habe eigentlich mit 30 Kilometern am Tag gerechnet. So würde ich am 1.3. in Kalkutta angekommen sein, am 2.3. nach Bangalore und am 4.2. nach Pune fliegen und am 6.2. geht es auf den Heimweg. Am 14.3. beginnt der nächste Langstreckenmarsch und die vierzehn Tage baue ich kaum Muskulatur ab und kann sofort richtig in die Vollen gehen. Wenn ich nun anstatt 14 Tage plötzlich 20 Tage Ruhe habe ist das nicht gut, weil ich abbaue. Also werde ich versuchen die Wanderung ab übermorgen ein wenig zu bremsen. Nicht einfach, wenn Du plötzlich Power für sechzig oder siebzig Kilometer in den Beinen hast…

16.2. Bagodar (51 km): Ich glaube, so schnell war ich noch nie. Und ich habe geile Fotos geschossen. Finde ich zumindest. Ich bin heute losmarschiert, als die Sonne gerade über den Horizont kletterte und kam an, als sich die Dämmerung wie eine Vollnarkose in die Venen des Landes träufelte. 12 Stunden. Mit allen Verpflegungspausen inklusive. Der Höhepunkt meiner Jagd Richtung Kalkutta war das Nachmittagsessen: Ich aß (jawohl schon wieder) Dhal und drei Chapatti. Diese Affäre sollte eigentlich 18 Rupien kosten. Maximal. Ich wunderte mich schon, warum die in der Küche so eine ausgezeichnete Laune beim Kochen hatten. Als ich bezahlen wollte, wusste ich es: „How much?“ „105 Rupies“. Ich habe seit dem Hammerschlag in meinen Kopf einen oft fürchterlichen Tinnitus (Vogelgezwitscher, Blätterrauschen im Wald… all das gibt es nur noch sehr selten). Und die Hörleistung im rechten Ohr ist sehr schlecht geworden. Ich hatte durch das Gefiepe und Geflöte ganz sicher nicht richtig verstanden. „How much?“ „One hundred and five Rupies, actually“. Boh. Mann. Das war die Mutter aller Abzocken. Das wäre, wie wenn jemand in Deutschland an der Pommesbude für ne Currywurst Rot-Weiß 30 Euro verlangen würde. „Know what? It’s zero, mate!“. Wenn der mich bescheißen kann, dann kann ich das auch. Ich packte meinen Rucksack, grüßte und ging. Die Leute kamen noch zweimal mit ihrem Motorrad hinter mir her und versuchten mich in Zahllaune zu bringen - es sollte dann auch nur noch 30 Rupien kosten (immer noch zu viel). Ich hatte aber keine Zahllaune mehr. Sondern prächtige Laune. Habe sogar mal längere Zeit gegrinst :-) So, genug für heute. Morgen weiß ich noch nicht, wo ich hinmarschiere. Aber ich werde sicher zur rechten Zeit dort ankommen.

17.2. Isri Bazar (25 km): Bin da. Internet gibt es wieder mal nicht und Strom auch nicht. Das macht in Indien eigentlich nichts aus. Es gibt keine Rolltreppen. Keine Drehtüren. Und auf Computer verzichten die meisten Betriebe. Dafür gibt es Blaupapier und Kopien, Schreibmaschinen und Aktenordnerberge. Was der Korruption entgegenkommt. Für mich bedeuten die unentwegten Stromausfälle dass sich meine Unterhaltungsmöglichkeiten auf nahezu Null. Und so ruhe ich vor mich hin, habe mich bereits geduscht und mein Gesicht mit einer Feuchtigkeitscreme verschönert die bei meinem letzten Besuch im Reformhaus in Hannover hängen geblieben ist. Da gab es Schönheitscremen für erschreckende 50 Euro in einer Dose in der man vielleicht gerade mal dreißig Portionen Schnupftabak unterbringen hätte können. Nicht mehr. Da muss man ja schon ganz schön hässlich sein, wenn es so viel Geld für eine Creme braucht. Meine kostete immerhin 15 Euro, war aber „Sehr gut“ getestet worden und enthält vermutlich nichts Schädliches. Das Schönste, was ich bei meinem Besuch in Hannover gesehen habe, war übrigens ein Brief mit blauweißem Logo der im Posteingang meiner Gastfamilie lag – die sind doch tatsächlich nach meiner Beichte bei Kerner Mitglied im WEISSEN RING geworden. Das ist super. Das baut auf! Es ist genial, dass man so etwas ganz Sinnloses in etwas Brauchbares verwandeln kann. Auf jeden Fall bin ich heute an einem Schild vorbeigekommen auf dem stand, dass Kalkutta nur noch ca. 300 Kilometer entfernt ist. Mein Indienabenteuer liegt als in den letzten Zügen. Nur noch sieben Marschtage sind übrig. Danach geht es auf den Jakobsweg. Ich freu mich schon drauf. So, und jetzt schaue ich mir Hannover gegen Bayern München LIVE im Fernsehen an – Neo Sports überträgt das für den indischen Markt. Wen das hier interessiert? Keine Ahnung. Einen Zuschauer haben se schon mal – mich.

 

 

Aktuelle Meldung - Aurangabad (4682 km), 12. Februar

Die Inder pflegen eine resolute und gut funktionierende Mülltrennung: Sie trennen sich von ihrem Müll sofort – wo auch immer sie gerade stehen. Der Müll fällt nach unten und der solchermaßen von seinem Müll erleichterte Inder geht von dannen. Das funktioniert so gut, dass, sobald ein Regenguss einsetzt, die Abwassergräben in den Städten binnen Minuten anschwellen weil der Müll dem Wasser die letzte Abflussmöglichkeit nimmt. Sofort setzt allerorts ein heftiges Gestochere und Geschaufele ein. Die Inder wollen nun ihren Müll gerne wiederhaben und ziehen ihn mit großem Aufwand aus der Gosse. Wobei sich dann ein Problem darstellt: Das Wasser steht nicht nur an einer Blockade, sondern, sobald diese beseitigt ist, an der nächsten. Und dann an der nächsten. Der verflixte Wasserspiegel will einfach nicht sinken! Und bis die Drainage hinten wieder frei geschaufelt ist, werfen vorne die ersten schon wieder ihren Müll hinein. Wenn Ihr also das nächste Mal aufgefordert werdet, Brot für die Welt bzw. Bangladesch und seine Flutopfer zu spenden (passiert jedes Jahr so regelmäßig wie sonst nur kirchliche Feiertage) dann denkt ein wenig daran, dass diese Fluten keine von der Natur erzwungenen Desaster sind, sondern von den dort lebenden Menschen verursacht werden. Es braucht kein Brot, sondern Schulung – damit die Menschen lernen. Wie sagte noch eine Kinderpsychologin: „Um gute Entscheidungen treffen zu können braucht der Mensch Erfahrung. Und Erfahrung gewinnt er, wenn er schlechte Entscheidungen trifft“.

 

Aktuelle Meldung - Varanasi (4654 km), 11. Februar

8.2. Chandaurli 31km: Gestern Nacht angekommen sein und heute wieder weiter marschieren, das setzt ein gnadenloses Vertrauen in die eigene Leistungs- und Leidensfähigkeit voraus. Gut, die Lufthansa hat mich bestens genährt und gepflegt. Ich habe noch einmal die Bordvinothek geschröpft (jetzt werde ich wieder trocken sein müssen bis zum 6. März…). Spanier gab es zwar keine, aber einen vorzüglichen Franzosen. Und doch: Nachdem ich mir den kantigen Hintern auf fünf Flügen rund gesessen habe und ich nebenbei noch ein wenig dehydriert und schlapp war, hatte ich beim ersten Marschtag zumindest mit zuwenig Flüssigkeit keine Probleme: Als ich aufwachte fühlte sich schon alles irgendwie merkwürdig feucht an. Und als ich aus dem Fenster sah staunte ich Bauklötze: Es regnete nämlich! In Indien! Vor meinem Fenster. Und überall auch. „Och eigentlich… Regen… Vielleicht… Noch ein Ruhetag?" „Vergiss es, Bert! Wenn Du in Kalkutta ankommen möchtest, dann nimm die Füße in die Hand und lass es noch einmal richtig krachen!". Ich stieg also in die 4516-Kilometer-und-noch-geht-was-Schuhe, packte mein Wanderzeug, sagte meinem bequemen Hotelzimmer lebe wohl und marschierte in den späten Morgen (ich hatte zudem auch noch verschlafen).

9.2. Mohandi 40km: Während ich meinen allabendlichen Text schreibe läuft auf meinen Ohren „Layla And Other Assorted Lovesongs" von Derek & The Dominos. Kennt das jemand von Euch? Ein Album, das meinen Musikgeschmack zu einhundert Prozent trifft (besonders die Titel 2, 6, 10 und natürlich 13 begeistern mich). Das Album ist deshalb so unglaublich gut, weil Clapton bei diesen Aufnahmen einen ebenbürtigen, manche sagen noch besseren Gitarristen im Studio hatte (Durane Allman von den ‚Allman Brothers’). Was man aber nicht mit abschließender Sicherheit sagen kann, da Durane im Alter von 24 Jahren mit dem Motorrad tödlich verunglückte als er einem LKW ausweichen wollte der plötzlich ausscherte. Die Begegnung der zweien ist witzig: Clapton war in Miami, glaube ich, und die Allman Brothers gaben da ein Konzert im Stadtpark. Clapton hatte nichts zu tun, war offensichtlich noch halbwegs nüchtern und wanderte mit einem Freund da hin. Sie wurden, da Clapton zu der Zeit Superhyperstarstatus hatte („Clapton is God", gell…) von einem Ordner zwischen Bühne und Publikum geschleust – wo ein Sandsackbarriere stand. Da hockten sie sich hin. Durane spielte gerade ein Solo mit geschlossenen Augen. Als er sie öffnete saß da Clapton vor ihm auf dem Boden. Durane erstarrte schlagartig und hörte auf Gitarre zu spielen. Sein Bruder, der zweite Gitarrist wollte übernehmen weil er dachte eine Seite sei gefatzt. Da sah er auch Clapton, der auf dem Boden saß und zuschaute, und drehte sich schnell um und kehrte Clapton und dem Publikum den Rücken zu. So jedenfalls eine von vielen Geschichten rund um das legendäre Album „Layla And Other Assorted Lovesongs". Wo war ich… Achsoja: Ich habe, als erste Aktion des Tages, erst einmal verschlafen. Ja zefix noch mal. In einer Woche hat sich mein Tagnachtrhythmus so arg verschoben? Ich glaube ich werde alt… Sitze jetzt im Bett, gerade kalt geduscht und rasiert, und futtere die letzten Reste meines Bio-Ciabatta (mit Oliven) das ich am Bahnhof zu Hannover am frühen Morgen auf dem Weg zum Flughafen noch schnell erstanden habe. Ich kaufe gerne in Bioläden. Der Grund ist ganz einfach: Wenn immer weniger Menschen dort kaufen, dann werden wir am Ende nur noch Lidl und Aldi haben. Und das würde mir mehr wehtun als die paar Goschen mehr, die es im Reformhaus kostet. Das Brot muss nun dringend weg. Sonst fressen es die Sporen. Da ich erst um zehn Uhr auf der Strecke war legte ich eine kleine Nachtschicht ein und wanderte anderthalb Stunden in der Finsternis. „Indien ist doch so gefährlich!" meinte ein Motorradfahrer vorwurfsvoll als er mich nicht mitnehmen durfte. „Jaja", meinte ich. Mann, das ist doch immer wieder die gleiche Urscheiße: Der Mensch, der am Feuer sitzt hat Angst vor dem, was in der Dunkelheit passiert. Da draußen. Da wo man nicht hinsehen kann. Das schlimmste, was mir passierte, war, dass ich in einen bösartigen (menschlichen) Scheißhaufen stiefelte und die nächsten Kilometer versuchte den Dreck abzumarschieren. Drei Kilometer vor meinem nicht sichtbaren (?) Ziel kam ich an einer finsteren „Dhaba" vorbei (Dhabas sind Fernfahrerrestaurants). Niemand da außer der Koch und die Menschen, die einen bedienen. Die waren völlig perplex, ja geradezu geschockt, als ich aus der Dunkelheit in ihren dunklen Laden kam. Dabei wollte ich gar nichts. Nur essen. „Namasteji. Khana hai?". „Hai! Khana Hai"". „Chai?" „Hai". „Atcha". „Eg Alu Ghobi wo pantsch Roti". Und dann setzte ich mich. „Pani pio?" „Yes". Das ist zwar Bullshit-Hindi aber zumindest redet man so nicht aneinander vorbei. Der Koch kochte in absoluter Finsternis. Aber ich wusste, dass er blind kochen kann. Ich aß mein Essen in Finsternis. Und wusste, dass ich auch blind essen kann. Und trank meinen Tee auch blind. Nur beim Zahlen brauchte ich ein wenig Licht um nicht 50 mit 500 zu verwechseln. Dann marschierte ich wieder in die Dunkelheit dem finsteren Mohandi entgegen. Nach einer halben Stunde war ich da. Kein einziges Licht war an. Stromausfall. Mal wieder. Wie in den letzten Tagen. Lediglich das Gästehaus der Regierung hat einen Generator im Garten stehen den man eigentlich auch in Deutschland hören müsste. So laut ist der. Jedenfalls bin ich angekommen. Und das ist gut so. Morgen stehen 48 Kilometer auf dem Programm. „Krachen lassen" ist das Programm der nächsten drei Wochen. Und das werde ich.

10.2. Sasaram (45 km): Ein langer, stressiger und dem Ende zu unberechenbarer Marschtag geht bzw. ist zuende. Ich bin zu Müde um zu duschen. Habe mich daher nur schnell gewaschen und haue mich sofort aufs Ohr. Nacht. Bert.

11.2. Dehri (22 km): Haette ich geahnt was heute auf mich wartet, ich wäre ich nicht so erstaunt gewesen. Gestern abend teilte sich die Strasse kurz vor Sasaram in zwei gesperrte Fahrspuren und einen winzigen Ur-National Highway, den ich vor 13 Jahren gegangen bin. Dieses unglückliche Strässlein - damals schon voellig überlastet ist nun mit LKWs vollgestopft - und zwar Stossstange an Stossstange! Und das für (durchatmen Bert) 25 (!) Kilometer. Den gesamten heutigen Tag wanderte ich an einer stehenden Blechschlange entlang und musste geduldig hunderte Menschen erdulden die mich anschrien, mir zujohlten, zugegeben aus Versehen aber eben doch in meine Richtung spuckten oder Mittagessen aus den offenen Fenstern warfen unter denen ich just in diesem Augenblick vorbeimarschierte. Nein, der heutige Tag war nicht meiner. Ich bin froh in Dehri angekommen zu sein. Morgen geht der Tag mit einem Highlight los - einem Marsch über was die längste Bruecke Indiens und die zweitlängste Brücke Asiens sein soll. Zwischen drei und vier Kilometer lang ist sie lang. Ich habe sie auf dem Internet noch nicht gefunden, werde sie mir daher erst einmal morgen ansehen und Euch morgen Abend berichten wie sie heisst und wie lange sie ist. Brücken sind immer auch ein schwierig. Ich bin dann alleine mit den LKWs auf einer von Menschenhand geschaffenen Konstruktion die nur einen Fluchtweg bietet - nach unten. Aber ich werde das schon schaffen :-)

Was heute auch eintrudelte war ein weiterer Fernsehsender der mit mir drehen moechte. Habe bereits prinzipiell Interesse bekundet. Es ist ein gutes Format. Deutschlandweit. Gute Qualität. Aber auch hier brauche ich weitere Informationen um zu wissen, wo's lang geht.

So, ich mache mich nun fertig fürs Bett und wünsche Euch daheim einen angenehmen Tag und einen noch besseren Abend.

Bert Simon.

 

 

 

Aktuelle Meldung - Varanasi (4516 km), 7. Februar

21.11 Uhr Abends: Ich bin bettschwer. Ohne Hilfsmittel. Heute angekommen habe ich nun mein Zeug zusammengelegt und bin startklar fuer die "Zielgerade" nach Kalkutta. 680 Kilometer sind es und am 2. Maerz sollte ich eigentlich angekommen sein - wenn alles so laeuft wie es das soll. Und so kurz vor dem Ziel rechne ich eigentlich nicht mehr mit Ueberraschungen. Ich wuensche Euch daheim einen angenehmen Abend und melde mich wieder - sobald ich kann. Herzliche Gruesse, Bert Simon.

14.30 Uhr Mittags: Zwei weitere Fluege mit der Indischen "Jet" und schon bin ich wieder in Varanasi. Varanasi hat sich, kaum zu glauben, in den letzten sieben Tagen nicht veraendert. Ich auch nicht. Also ist alles beim Alten geblieben - inklusive Schuhe und Rucksack. Lediglich die Kamera ist eine andere und heute werde ich ein neues "Bild der Woche" hochladen. Schaun mer also mal ob die Qualitaet mit der Kamera, die vierzehn Mal weniger kostet als die Canon 5D tatsaechlich so dramatisch nachlaesst ;-)

In Varanasi angekommen wurde ich sofort Opfer einer wilden Horde von Taxi-, Bus- Rikscha- und sonstigen Fahrern. Wie ein Schwam Heuschrecken fielen sie ueber mich her. Ich kaempfte mir heldenmutig meinen Weg zum Taxi-Pre-Paid-Stand durch. Als die Meute das sah, nahm sie Abstand. Verflixt. Schon wieder ein Tourist, der sich ein Taxi vorab bezahlen laesst. Und wie ich gerade 400 Rupien fuer die Fahrt bezahlte, da kam ein Belgier des Weges der ebenfalls ins Stadtzentrum wollte und so teilten wir uns den Kuh-Slalom in die City (immerhin 23 Kilometer). Ich werde jetzt erst einmal duschen und dann Seife & Rasierzeugs kaufen das ich in Deutschland vergessen habe...

Bis speater. Bert Simon.

1.00 Uhr Nachts: Soeben sind wir in Kalkutta an Bord der 'Cuxhaven' gelandet, einem Airbus 330-300 (eigentlich das selbe Flugzeug wie die vierstrahlige A340 nur mit zwei Triebwerken). Es ist WARM hier!!! Endlich. Ich bin dem Erfrierungstod in Deutschland entkommen und erhole mich nun bei 21 Grad Celsius (noch) im internationalen Terminal des Dum-Dum-Airports.

Ich werde in wenigen Minuten die paar Meter vom internationalen Terminal zum "Domestic" wandern - einfach aus dem Ausgang raus und nach links. Um 6.30 geht mein Flieger nach Delhi und ein paar Stunden spaeter duese ich nach Varanasi - dem Ziel meiner, naja, Traeume. Sozusagen. Morgen, am 8. Februar, werde ich wieder auf der Strecke sein und die letzten 680 Kilometer nach Kalkutta zuruecklegen. In

Die Ankunft in Frankfurt war "dramatisch". Wir waren viel zu spaet. Dann aber half mir das Glueck: Der Adria Airways Jet, eine CRJ 200, parkte direkt (!) gegenueber des Gates, an dem der Kalkutta-Flug gerade im Begriff war zu schliessen. Ich huepfte in den letzten Bus und war an Bord! Lufthansa. International. Nett. Zuvorkommend Aber auch ein wenig umstaendlich. So kann man das Fluggefuehl beschreiben. Irgendwie haben wir Deutschen den Hang dazu, die Arbeitsablaeufe immer ein wenig komplizierter zu gestalten, als sie es von Natur aus sein wuerden, wenn man einfach locker und freundlich arbeiten bzw. improvisieren wuerde. Alles passiert zum Zweck. Und dieser Zweck passt sich halt manchmal einfach nicht an die Realitaet an. Die Deutschen begehen dann folgenden Fehler: Sie versuchen die Realitaet dem Zweck anzupassen. Nicht umgekehrt. Und das schafft eben Spannungen... Aber auch bei der Lufthansa ist mittlerweile angekommen dass der Passagier verschiedenste Moeglichkeiten hat von A nach B zu kommen und so versucht die Kranich-Airline ihr bestes, die Passagiere bei Laune zu halten. Meist durchaus mit Erfolg.

So, ich werde mich nun noch ein wenig durchs Internet wuehlen (eine halbe Stunde habe ich noch) und mich dann in Richtung Inland verziehen.

Ich wuensche Euch alles, alles Gute aus weiter Ferne.

Bert Simon.

 

Aktuelle Meldung - Wien (4516 km), 6. Februar

Moin zusammen. Mein Deutschlandaufenthalt ist heute am ungekämmten, mondlosen frühen Morgen zu einem Ende gekommen. Nach drei rasend schnellen Dreh- und zwei wunderbaren Erholungstagen befinde ich mich während Ihr diese Zeilen lest im Anflug auf Kalkutta und werde bereits morgen wieder in dem Hotel übernachten, in dem ich vor ein paar Stunden meine Wanderung unterbrach.

Was ich nicht mitgenommen habe sind neue Schuhe. Ich habe beschlossen, dass die Stiefel die nächsten 680 Kilometer noch aushalten werden und erhöhe damit die Gesamtlaufleistung des aktuellen Paar Schuhe auf 5200 Kilometer. Theoretisch kann ein Paar Wanderstiefel auch mehr Kilometer zurücklegen. Praktsich allerdings ist die Leistungsgrenze dann irgendwann einmal auch erreicht. Hintergrund dieses Materialtests ist, dass der Schuh in seiner Gesamtheit ohne Reparatur über die Distanz gebracht werden muss. Sobald eine Öse, ein Schnürriemen oder das Leder bricht, ist der Dauertest beendet. Mein bereits über 4516 Kilometer "eingelaufenes" Paar Schuhe jedoch ist nach wie vor in einem hervorragenden Zustand und kann deshalb weiter eingesetzt werden.

Mittlerweile warte ich artig bei Kaffee Nummer drei auf meinen Zubringer nach Frankfurt. Moment, Kaffee heißt hier Melange. Also warte ich bei einer Melange. Die Adria Airways fliegt mangels Fluggerät anderthalb Stunden verspätet weil der ankommende Flug irgendwo klemmt. Das gibt mir wiederum die Chance, die wunderbare österreichische Gastfreundschaft auf dem Wiener Flughafen zu genießen. Anders als bei unseren Deutschen, von Geiz und Gastunfreundlichkeit geprägten Flughäfen muss man hier nicht Euro um Euro an z.B. die Telekom zahlen um ins Internet zu gehen. Der Flughafen in Wien hat ein offenes Netz. Jeder der will kann online gehen. Umsonst. Immer. Was die Reisenden denn auch milde stimmt. Kommt der Flug nicht, chattest Du halt noch ein wenig. Oder liest n-tv online.

Mittlerweile wird das Spiel ein wenig kritisch, da ich in Frankfurt nur noch 35 Minuten Umsteigezeit habe. Maximal. Ich werde es probieren. Drängeln. Mich vorschieben. Platz da! Und wahrscheinlich klappts. :-)

Nun noch ein abschließender Hinweis: In Indien gibt es derzeit limitiertes Internet, da die einzige Internetverbindung, ein Unterseeglasfaserkabel vor Ägypten, gekappt wurde. Die Reparaturschiffe sind bereits bei der Arbeit und versuchen in den nächsten Tagen den Schaden zu beheben. Es kann sein, dass ich mich nur selten werde melden können da das Internet in Indien ganz schön gerupft zu sein scheint. Mehr Infos zu diesem spannenden und ungewöhnlichen Thema findet Ihr >>> hier.

Passt bitte auf Euch auf und bis bald!

Bert Simon.

 

Aktuelle Meldung - Hannover (4516 km), 3. Februar

Heute haben wir den letzten Tag abgedreht. Und sind fertig. Alle. Zig Taxifahrten, hundert Kaffees, einige Viertele Wein und sieben Stunden Material später ist die letzte Klappe gefallen und ich habe jetzt erst einmal keine Lust mehr viel zu reden sondern verziehe mich übermorgen zurück nach Indien. Einen Monat lang ausruhen. Und 680 Kilometer marschieren. Danach komme ich kurzzeitig zurück und dann steht das nächste Programm an.

 

Bei meiner Gastfamilie. Strenge Regeln. Keine Aussenaufnahmen. Keine Spuren.

Bei meiner Gastfamilie in meinem Zimmer. Aufenthaltsort: Unbekannt.

 

Wenn Millionen Menschen zusehen, dann nehmen sich Sender besonders viel Zeit und wollen alles so richtig gründlich machen. Es geht nicht nur um Quote, sondern auch um persönlichen Ehrgeiz. Die Regisseure sind keine Grünschnäbel mehr sondern gestandene Journalisten. Die Fragen werden nicht vom Zufallsgenerator produziert oder aus der Hüfte geschossen sondern geplant. Die Einstellungen müssen passen. Die Sequenzen sollen nachher ein Ganzes ergeben. wenn  möglich ohne Lücken. Zeit ist nicht wichtig. Das Ergebnis ist, was zählt.

Für jedes Thema haben die Redakteure ihre ganz besonderen Lieblingskamerateams. Unseres war aus Frankfurt angereist. Und „richtig gründlich“ bedeutet, dass viele Szenen mehrfach aufgelöst werden müssen. Ein schneller Schwenk ist nicht genug. Es wird alles aus X Perspektiven abgefilmt. Spannend aber auch sehr mühsam. Vor allem weil es gestern und heute verdammt kalt war und ich eigentlich die Wärme des Subkontinentes gewohnt bin. Das war zeitweilig echt unangenehm aber machbar. Denn die Sache dient einem klaren Ziel: Das Stalking muss weniger und der Weisse Ring stärker werden. 

Auch heute nahm die Kette der Besuchten oder besuchenden Menschen nicht ab, die an dem Beitrag teilnehmen. Nach einem Dreh bei meiner Gastfamilie (keine Aussenaufnahmen, keine Adresse, keine Spuren…) machten wir uns auf den Weg zum Flughafen. Drehgenehmigung lag bereits vor und so begannen wir meine An- und Abreise zu filmen. Nebenbei wollte ich ein Käsebrötchen zu Mittag haben. Die Leute von der Käsebrötchentheke hatten aber keine Käsebrötchen. Überall nur Fleisch und Wurst. Auch mit Käse. Aber nur Käse? Gibts nicht. Keine Ahnung, was mit den Leuten los ist. Also verschoben wir das Mittagessen kurzfristig auf später.

 

Bernd erinnert sich an die alte Zeit. Die nicht gut war.

Die gute alte Zeit war nicht gut,  ist aber alt. Bernd erinnert sich sehr gut daran...

 

Am Spannendsten für mich war das wunderbare Wiedersehen mit Bernd. Bernd und seine Frau Petra waren mit Christine und sind mit mir befreundet. Wir kennen uns jetzt seit einem halben Jahrzehnt. Gleichzeitig hatten die beiden auch Kontakt zu unserer Jägerin gehabt. Darüber sprachen wir heute ein wenig gemeinsam und Bernd nachher alleine im Interview. Es war spannend zu hören, was bei anderen Menschen vorging und wie sie die ganze Sache aus einem anderen Blickwinkel beschrieben.

 

Sind wir nicht ein besonders schönes Paar? :-)

Die Arbeit ist zu Ende, die letzte Klappe gefallen. Erleichterung. Entspannung.

 

 

Aktuelle Meldung - Hannover (4516 km), 3. Februar

Gestern war ein langer Tag. Wir haben stundenlang gedreht. Bekannte und Freunde besucht. Christine besucht. Am Grab von Christine gab es einen ersten kleinen Riß in meiner Eisfassade: Von der Familie, die sich mit entfernten Bekannten von Christine während ihrer Beerdigung am Sarg lautstark stritten, von den Bekannten und Nachbarn die nur zwei Stunden nach Christines Tod in ihre Wohnung eindrangen und ihr (und mein) Hab und Gut durchwühlten und alle Wertsachen mitnahmen, von dem Sozialbegräbnis das Christine erhielt (nachdem alles Wertvolle ausgeräumt war wurde das Erbe fix ausgeschlagen) bis zu dem falsch geschriebenen Grabstein, der heute auf ihrem Grab liegt, ist der Umgang mit Christine nach ihrem Tod durch die Bank ziemlich unwürdig gewesen.

Ich habe mit Christine oft über die Zeit nach ihrem Tod gesprochen und wir haben uns so ziemlich alle Szenarien durchgedacht. Was passiert ist, das hat unsere Vorstellungskraft überstiegen.Christine würde vor Lachen zusammenbrechen. "Was glaubst Du, wie viele Leute mich nachher supergut gekannt haben? Ich werde viele Freunde haben!". Da hat sie recht gehabt. Die hat sie nun. :-) 

 

Chistine Schelle. Tine würde sich wegwerfen vor Lachen :-)))

Der einzige falsch geschriebene Grabstein auf dem ganzen Friedhof.

 

Nach meinem Besuch bei Christine stand ein Treffen mit unserem gemeinsamen Rechtsanwalt auf dem Programm, der Christine bis zu ihrem Tode und mich bis heute vertritt. Das unendliche Verfahren gegen Christines und meine Peinigerin Tanja ist nun im fünften Jahr. Nur die Grundlage hat sich andauernd geändert - und erschreckend gesteigert: Von der einfachen Belästigung über Nachstellung über Erpressung über Stalking über Körperverletzung bis hin zum versuchten Mord. Es ist wichtig, dass ein kühler Kopf bei all dem Chaos die Übersicht behält. Dieser kühle Kopf sitzt auf den Schultern von Alexander von Bennigsen-Mackiewicz.

 

Unser Anwalt seit vielen Jahren.

Täglich grüßt das Murmeltier - seit fünf Jahren diskutieren wir Recht.

 

Schon am Vormittag hatten wir die Außenstellenleiterin des Weissen Rings in Hannover besucht. Frau von Schroeter kennt sich mit den Merkwürdigkeiten menschlicher Verhaltensweisen gut aus: Seit Jahrzehnten betreut sie Überlebende von Gewaltverbrechen und davor arbeitete sie ehrenamtlich in Strafvollzugsanstalten und lernte so auch die Täterseite kennen. Das ganze Thema ist, das könnt Ihr Euch sicher vorstellen, ein sehr interessantes Gebiet. Aber man sollte sich nicht unter den Betroffenen wiederfinden, denn dann wird aus dem interessanten Gebiet ein Kriegsschauplatz.

 

Beim 'Weissen Ring' haben wir auch gedreht - im Wohnzimmer.

Im Wintergarten des Weissen Ring - ehrenamtlich-verantwortungsvoll.

 

 

Aktuelle Meldung - Hannover (4516 km), 1. Februar

Update 22.00 Uhr: Ich komme gerade nach dem ersten Drehtag zu meiner Gastfamilie zurück. Fertig. Müde. Nachdenklich. Zuerst haben wir Michael besucht, der mir das Leben gerettet hat. Es tat verdammt gut, ihn wieder zu sehen. Unglaublich aber wahr: Michael lebt nun in der Wohnung, in der ich angegriffen wurde. Es war merkwürdig und beklemmend zugleich wieder an den Tatort zurück zu kehren. Nachdem wir sechs Stunden lang gedreht haben ging's zur Döneria am Kantplatz. Für mich gab es einen Bauernsalat, für den Rest der Crew zerschnippelten Hammel & Co.

 

Michael und ich - ein echtes Powerduo!

Michael (Lebensretter) und ich nach dem Döneressen.

 

Der Dreh mit einem so intimen, großen Thema bedeutet dass Du viel Einblick in Deine inneren Strukturen zulässt. Aber ich möchte, dass mein Erlebtes wenigstens zu kleinen Verbesserungen führt. Zu ein wenig Nachdenken anregt. Und ich denke, das schaffen wir.

 

Beim ersten längeren Interview.

Beim ersten Interview im Hotel Luisenhof in Hannover.

 

Es geht um nicht wenig. Es geht um Leben und Tod, um Verletzung und Schmerz, um Heilung oder eben Nicht-Heilung. Ich nehme hier auch irgendwie eine Stellvertreterrolle ein für die Menschen die über ihr Schicksal nicht mehr sprechen wollen. Vor allem Stalkingopfer haben sich jahrelang den Mund fusselig geredet aber sind nicht gehört worden. Logisch, dass manche nach einem Impulsdurchbruch des Stalkers nicht mehr reden wollen. Ein Gewaltverbrechen aus der Sicht des Überlebenden darzustellen, das ist eine Energieleistung. Und Energie ist eines von mehreren Dingen die ich nicht mehr endlos zur Verfügung habe.

Und da es morgen weiter geht mit der Arbeit haue ich mich jetzt aufs Ohr und erzähle Euch morgen Abend wie die Sache weiter geht.

 

 

So. Da bin ich. In Hannover. Einer Stadt, die mir nach meinem Aufenthalt in Indien so sauber vorkommt, dass man hier getrost auf der Straße schlafen könnte. Man könnte dann am nächsten Morgen aufstehen und zur Arbeit gehen. Nicht einmal der Hauch eines Straßenstaubkorns würde an der Kleidung zu sehen sein. Aber… und das habe ich aus meinen Gesprächen mit meinem Sitznachbarn auf dem Flug von Kalkutta nach Frankfurt gelernt, produzieren auch wir viel Müll. Wir verstecken ihn nur besser und er ist deshalb nicht so penetrant im Auge wie in der Nase. Verstecken. Und verheimlichen. Wie so viel Ungeliebtes in Deutschland.

Der Aufzug in Frankfurt, den ich benutzte um vom Flieger auf eine andere Flugsteigebene zu kommen, der war so spiegelblank, so sauber, so gut riechend, so adrett, so herrlich funkelnd dass ich am liebsten einen Stuhl genommen hätte um ein paar Stunden im Aufzug zu verweilen. Ihn zu genießen. Kein Stuhl zu haben? Kein Problem. Ich hätte mich auch auf den blitzeblanken Boden gesetzt. Aber das ging natürlich nicht. Was würden die Leute denken, wenn sie in einen Aufzug kommen in dem ein magerer, von der Sonne verwöhnter Mann im Trachtenhemd sitzt und immer auf- und abfährt und sich einfach nur an einem sauberen Aufzug erfreut?

Auf dem Flug von Kalkutta nach Frankfurt habe ich Armin, einen Designer, als Sitznachbarn gehabt der vor drei Jahrzehnten nach Ibiza ausgewandert ist und dort nun Kleider entwirft, Opern aufführt (er wurde u.a. an der Kubanischen Nationaloper gefeiert) und ansonsten ein ganz normaler Hindu ist, der jedes Jahr Zeit in Indien verbringt um seinem Glauben und um seinen Göttern nahe zu sein. Es war erstaunlich, ja beinahe verwirrend, wie sehr unsere Sicht übereinstimmte. Wie sich unsere Gedanken zu einem einzigen Strom zusammenfassten der in aller Ruhe in die gleiche Richtung floss. Ich hoffe, dass wir uns noch einmal oder auch öfters Treffen werden um unsere Philosophien aneinander wachsen zu lassen. Armin, wo auch immer Du jetzt steckst, DANKE für die wunderbare Zeit, die Du mir geschenkt hast.

Angekommenb ich in Hannover mittels einer sehr gefährlichen, sehr wackeligen Landung. Ich habe meine Redakteurin ohne Probleme gefunden und bin zuerst einmal zur Medizinischen Hochschule gefahren um einen Freund auf der Intensivstation zu besuchen. Alte Prioritäten im neuen Leben. Es war ein wenig grauenhaft, die Wege zu gehen, die Christine und ich tausende Male gegangen sind. Jetzt hallen meine Schritte alleine durch die Gänge. Ich gehe alleine auf eine Station. Besuche die Menschen alleine. Verabschiede mich alleine. Und verlasse die Klinik alleine. Ohne jemanden zu haben, der die Gefühle mit-ertragen kann. Ich habe vier Jahre eine Frau an meiner Seite gehabt, die bei Gott nicht einfach war. Einfach,. lustig und gut gelaunt war sie nur bei den Urlaubsbekanntschaften und ich-komm-Dich-jetzt- mal-besuchen Freunden. Menschen, die ihr jetzt wesentlich näher sind als sie es zu lebzeiten sein wollten. Aber Christine war wichtig für meine Seele und ein wirksames Medikament für mein Herz.

Danach sind wir zu  meiner Gastfamilie gefahren, haben uns bei einem Italokroaten niedergelassen und zu Abend gegessen. An dieser Stelle mache ich jetzt man Schluß, denn wir beginnen in einer Stunde mit dem Dreh und ich muss mich noch schön machen. :-)

Bert Simon

 


Aktuelle Meldung - Wien (4516 km), 31. Januar

Vienna calling! :-) Guten Morgen in die Runde aus der Stadt der Viaker und des Praters, der Melange und Maronen.

Gestern um 16.47 Uhr: So. Sitze am internationalen Varanasi Flugschuppen. International, weil anscheinend Thai Airways hierhin fliegt. Wieso weiß ich nicht. Aber es wird wohl zwei oder drei Passagiere geben die von Bangkok direkt nach Benares fliegen wollen. Einen kleineren Flughafen habe ich noch nicht gesehen, selbst der kleine Flugplatz von Jaipur war riesig groß dagegen. Doch, Moment, Katherine in Zentralaustralien war noch kleiner und Broome im Nordwesten Down Unders. Und auf Fraser Island ist unsere Maschine direkt auf dem Strand gelandet. Da gab es gar kein Gebäude. Nur Palmen und Moskitos. Das Gebäude des Flughafens hier ist etwa so groß wie ein Kindergarten bei uns - aber gerade durch die Winzigkeit hat der Ort einen gewissen Charme. Hier zwängen sich Koreaner und Franzosen in eine Reihe, dort begegnen chinesische Touristen exiltibetischen Mönchen. Ganz friedlich.

Mein Flug begann mit großem Schrecken: Zum Check-In sollte ich nämlich die Kreditkarte vorlegen, mit der ich den Flug online gebucht hatte – was aber nicht möglich war da die vermaledeite Karte von der Lufthansa erst vor ein paar Tagen ausgestellt wurde und noch in Deutschland liegt. „Tja, keine Karte, kein Ticket. Sorry Sir. Please understand…“. Boh. Liebes bisschen. Katastrophe. Ich habe mir umgehend die Schneidezähne stumpfgesprochen und so viel Honig verteilt dass der Flughafenboden noch mehr klebte als er es ohnehin schon tat. Mit Erfolg, denn jetzt halte ich meine beiden Tickets von Varanasi nach Delhi und Delhi nach Kalkutta in der Hand. In Indien geht das. Da werden die Regeln nicht gnadenlos durchgepeitscht. Bei uns in Deutschland hätte die Check-In-Dame spätestens beim zweiten Versuch ein "ICH HABE IHNEN DOCH GERADE..." um die Ohren gehauen. Diese Flexibilität in Indien ist eine der schönen Seiten der südasiatischen Gesellschaft.

In Kalkutta flüchte ich in die nächste Lounge, arbeite noch ein paar Mails ab und werde erst gegen 2.50 Uhr am frühen Morgen wieder auftauchen - wenn der Airbus 330 der Lufthansa zum Einsteigen bereit ist. Ich plane direkt nach dem Start größere Anteile einer Flasche Rotwein zu verkosten – der erste Wein seit Monaten! - und mich dann zur Ruhe zu betten. In den meisten freien Ländern dieser Welt ist Alkohol auf Flügen kein Problem. In Indien ist das ausschenken von alkoholischen Getränken hingegen für alle indischen und ausländischen Airlines verboten solange sie auf indischem Boden stehen. Indische Inlandsflüge sind generell trocken. Die größte Demokratie der Welt hat eben ihre Grenzen recht eng gesteckt: Der Inder darf an sämtlichen Nationalfeiertagen mit seinem Indienfähnlein winken aber im Flugzeug keine Fahne haben. Wenn ich wieder aufwache, werde ich etwa über Ungarn sein und nach einem kleinen Frühstück lande ich in der Heimat. Ankunftsorte. Zielorte. Aufenthaltsorte… Alles „Geheimsache“. Ich habe nie Zäune zwischen mir und Menschen errichtet – vor der Tatnacht. Jetzt ist der Zugriff auf mich stark limitiert. Zu Terminen wo ich auf Menschen treffen könnte die mir unangenehm sind kommen immer zwei oder drei Helfer mit oder ich geh’ nicht hin. Mein Sicherheitsbedürfnis ist halt einfach ein anderes geworden.

20:33 Uhr: In Delhi sitze ich nun im Domestic Terminal des internationalen Flughafens. Es ist a.) laut, b.) relativ sauber, b.1.) es gibt ein hervorragendes Klo (für hiesige Standards) und c.) gibt es kein Wireles LAN. Nicht mal zum Kaufen. Das ist ein schwerer Schlag für meine Internetsucht. Aber in 30 Minuten sollte eigentlich schon wieder weitergehen - nach Kalkutta. Der Flug dorthin dauert zwei Stunden die ich irgendwie verlesen oder sonst wie verdösen werde. Schlafen darf ich nicht sonst habe ich nachher ein Problem mit dem Einschlafen. Ich hoffe einfach mal, dass ich mich in Kalkutta auf Datensurfboard stellen darf. Wäre schön, weil ich immer gerne meine Mail abrufe und Eure interessanten Mitteilungen lese.

16.10 Uhr varanasi: Falls Du von Allahabad nach Varanasi marschieren solltest (es wird doch noch irgendjemanden geben, der das macht, oder?) dann kommt als allererstes eine mächtige Brücke. OK, diese Brücke kommt auch, wenn Du von Allahabad nach Varanasi fährst. Diese Brücke quert den Ganges oder das, was von ihm übrig ist. Im Grunde ist der Ganges die verweste Leiche der „Großen Mutter“. Es gibt keinen verfügbaren Sauerstoff mehr im Wasser und in 100 Milliliter Gangeswasser tummeln sich rund 1,5 Millionen Kolibakterien. Die Sache ist ganz einfach: Trinke aus dem Ganges und Du kannst den Rest der Reise die Klotüre von innen zunageln. Es gibt neuerdings ein paar halblebige Projekte, die den Ganges wieder mit Leben erfüllen wollen. Unter anderem wurden in Varanasi und Umland ein paar Kläranlagen gebaut. Mit dem Ergebnis, dass die Kapazitäten permanent nicht ausreichen und sich die Gülle in die Stadt zurück staut und sich dort mit dem Trinkwasser vermischt. Eine der sichersten Varianten die Sanitärflüssigkeiten aus dem Ganges entfernt zu halten ist sie zu trinken. Prost Gurgel. Kommt Wolkenbruch.

Was ich sagen wollte… ahso ja. Derzeit findet unter der mächtigen Gangesbrücke die Magh Mela statt. Ein Badefest mit hunderttausenden Pilgern die sich im Ganges die Seele reinwaschen wollen. Wenigstens etwas wird sauber… Das Zeltlager sieht aus, wie im Mittelalter die Lager der Heere. Bis zum Horizont erstreckt sich der Wanderzirkus. Zelte. Wehende Gebetsfahnen. In Orange gekleidete Gläubige. Moment, ich schau mal, ob ich ein Video finde. Hier ist eines: http://youtube.com/watch?v=qpGrJ4UR4lQ

 

Aktuelle Meldung - Varanasi (4516 km), 30. Januar\

So. Frisch gewaschen. Geputzt. Gepackt. In neunzig Minuten kommt meine Autorikscha die mich zum Flughafen von Varanasi bringt - immerhin 23 Kilometer vor der Stadt gelegen. Von dort aus geht mein Flieger in Richtung Delhi und dann weiter nach Kalkutta.

Ein weiterer Ueberraschungsbesuch in Deutschland steht an. Acht Wochen nach meinem Gespraech mit Johannes B. Kerner habe ich mittlerweile die Ruhe und den Abstand gefunden an einer weiteren Sendung teilzunehmen. Insgesamt warten sechs Fernsehsendungen auf Rueckmeldung. Aber diese Menge an Theater halte ich zur Zeit noch nicht aus. Ich lasse es ruhig angehen. Bit by bit. One by one.

So, genug gequasselt. Jetzt sinds nur noch dreissig Minuten und ich muss noch auschecken. Das kann, je nach dem, zehn Minuten oder aber eine halbe Stunde dauern.

Bis nachher.

Bert Simon.

 

29.1. Varanasi: Ich bin gerade noch so online, muss mich aber sofort wieder von den Tasten trennen, da ich meine Sachen waschen und packen muss.

Morgen habe ich viel Zeit zu schreiben. Da werde ich dann so richtig in die Tatstatur greifen und Euch eine kleine, humorvolle Zusammenfassung der letzten Woche geben.

Passt bitte gut auf Euch auf und bis Morgen.

Bert Simon

 

Aktuelle Meldung - Orai (4476 km), 28. Januar

27.1. Bharod (32km) - 28.1. Orai (42km)

Ich melde mich nur ganz kurz weil erschoepft und muede. Ich habe fertig.

Gestern Nacht habe ich nur drei Stunden geschlafen. Grund war ein Alptraum. Gut, Alptraeume habe ich oft. Aber der war wirklich Extraklasse. Allererste Sahne. Nachdem ich endlich aufgewacht bin habe ich noch ein paar Stunden gegruebelt und als die Sonne aufging, da schnuerte ich schnell meine Stiefel und war froh auf die Strecke zu kommen um etwas anderes zu sehen.

Was ich sah - nur ein paar Kilometer die Strasse runter - war ein umgekippter LKW. Und wie ich naeherkam, da sah ich auch was passiert war. Auf Indiens Strassen haben alle keine Zeit. Warum, das weiss eigentlich niemand so genau. Nicht, dass am Ende der Eile ein wichtiger Termin warten wuerde. Nein, der Inder rast nur gerne (mit 50 Stundenkilometern) und ueberholt noch lieber (mit 52 Stundenkilometern). Der LKW-Fahrer wollte also ein paar schamlos langsame LKWs ueberholen und tat dies, in dem er ein wenig von der Fahrbahn ging. Dort befand sich ein kleiner Hubbel. So 40 Zentimeter hoch velleicht. Undramatisch. Vernachlaessigbar. Mit einem Polo oder einem Mini waere der Hubbel kein Problem gewesen. Aber mit einem LKW, der mit 100 Reissaecken ueberladen ist, schon. Die Ladung rutsche, der LKW kippte und quetschte die zu ueberholenden LKW (gleich zwei) an eine Mauer. So. Waehrend ich mich setzte, begann der erste gequetschte LKW-Fahrer Gas zu geben, weil er eilig weiterfahren wollte. Die Reifen orgelten, der Motor droehnte. Ploetzlich liess es einen superlauten Knall. Wie als wenn eine Handgranate explodiert waere. Wow! Dem gequetschten LKW, der durch den Druk der Ladung gegen die Mauer keinen Zentimeter vorangekommen war, hatte nun zwei intakte Reifen weniger: Ein Doppelreifenpaar war geplatzt. Habe ich noch nie gehoert. Ist wirklich ein bombenmaessiger Sound. Dann orgelte der hintere LKW rueckwaerts. Aber auch er sass in der Falle. Ende vom Lied war, dass nichts mehr ging. Ausser ich. Und zwar weiter. ;-)

Das Wandern war allerdings nicht frisch und schnell und bunt, sondern einfach nur ein graues "wann kommt denn endlich der naechste Tee-Laden"? Und so hangelte ich mich von Tee zu Tee und war froh vor ein paar Minuten angekommen zu sein.

Ihr Lieben ich melde mich morgen wieder und wuensche Euch eine gute und ruhige Nacht. Und mir auch. :-)

Bert Simon.

 

 

Aktuelle Meldung - Hanumanganj (4402 km), 26. Januar

Ich musste also, von Fatehpur kommend, einen zwei-Tages-Abschnitt 'shutteln', da es zwischen Kagha und Allahabad keine Hotels gibt. Hier in Indien existiert eine andere Hotelkultur als bei uns in Deutschland. In Deutschland gibt es in jedem Dorf mindestens einen Gasthof der im zweiten Stock ein paar kleine Zimmer hat. Hier in Indien gibt es entweder reine Hotelbetriebe oder gar nichts. Und auf den letzten 86 Kilometern, da gab es eben gar nichts.

Vorgestern wollte ich dann von Allahabad zurück fahren nach Kagha. Das ist nicht einfach, sondern so kompliziert, dass Du daran beinahe zerbrichst. Der Reihe nach:

Zuerst stehst Du ganz früh auf. Am besten bei Sonnenaufgang, wenn es so richtig grauenhaft kalt ist. Dann fährst Du mit der Fahrradrikscha zum Bus-Stand (das ist ein Busbahnhof). Da findest Du zwanzig bis fünfzig Busse. Vor jedem Bus steht ein Mann und schreit das Fahrziel in die Runde. Also mal erst genau hinhören. Dann gehst Du zum Bus Deines Vertrauens und vergewisserst Dich fünf Mal ob das Ding auch tatsächlich nach Kagha fährt. "Jaja. Kagha!" Du steigst ein. Und fragst Deinen Sitznchbar ob der Bus nach Kagha fährt. "Jaja. Khaga!". Dann schreit von hinten jemand "Nix Kagha. Der Bus fährt in die andere Richtung". Du packst also Dein Bündel und steigst wieder aus. Nächster Bus. Diesmal klappts. Vielleicht.

Sobald Du richtig sitzt (da Du ja früh angekommen bist hast Du einen guten Platz...) kommt der Abkassierer-Mann zum Abkassieren. Clou: Sobald Du gezahlt hast bist Du ein fester Passagier. Und dann beginnt die Zeit des Hoffens und Wartens. so eine Stunde braucht es schon, bis der Bus sich langsam füllt. Neben Dich setzt sich nicht ein Hungerhaken vom Land, sondern eine indische Dorfwalze! Wie eine Quarktasche schmiegt sich die warme Leibesfülle Deines Sitznachbarns um Deine Knochen. Hin und wieder beugt er sich über Dich um die rote Betelnuss-Speichel-Rotze aus dem Fenster zu spucken. Du ekelst Dich und wünschst Dir Helmut Schmidt als Sitznachbarn. Mit Kippe! Solange die Karre nicht voll ist, bewegt sie sich auch nicht. Sobald sich der Bus halbwegs gefüllt hat, halbwegs bedeutet, dass kein Sitzplatz mehr frei ist und die Leute bereits stehen wird der Motor angelassen. Und gleich wieder ausgemacht. Dann wieder angelassen. Und wieder ausgemacht. Dann wieder angelassen. Dann rollt der Bus ein bissel nach vorne. Der Motor geht wieder aus. Der Bus rollt von alleine wieder zurück. Dann wieder Motor. An. Aus. Dann geht der Fahrer erst mal wieder einen Tee trinken, kommt nach fünf Minuten wieder. Motor an. Diesmal bleibt er an. Diese Manoever dienen dazu den Menschen zu sagen "Wir fahren jetzt wirklich bald los. Kommt an Bord!" Während der Fahrer pinkelt. Dann rollt der Bus wieder vor. Und zurück. Während des ganzen Dramas hupt der Bus unentwegt und der Mann vor dem Bus schreit wie verrückt das Fahrziel in die Welt, die in Indien von stocktauben Menschen beseelt ist. Dann geht der Motor erneut aus. Du bist a.) sauer, b.) verfluchst Du die Schnapsidee so früh aufgestanden zu sein, denn mittlerweile ist es acht Uhr Morgens und Du sitzt schon eine Stunde im Bus der hupt und sich vor und zurück bewegt und c.) kannst auch nicht mehr raus, weil Du ja schon gezahlt hast. So. Und nach anderthalb Stunden geht es dann los. Der Bus rollt! Jawohl! Zur nächsten Tanke. Und dann ist der Motor wieder aus. Es wird getankt. Spätestens an dieser Stelle würde in Deutschland der Busfahrer von den Businsassen des Landes verwiesen werden!

Nicht hier. Jetzt beginnt eine nicht enden wollende Fahrt die immer wieder unterbrochen wird sobald der Bus sich zu leeren beginnt. Nach drei Stunden Fahrzeit bist Du am Ziel (für 86 Kilometer!). Insgesamte Reisedaür: knapp fünf Stunden. Solchermassen verzögert begann ich meinen Marsch von Kagha in Richtund Allahabad. Und wie ich mich auch anstrengte - ich schaffte an diesem Tag von zwölf Uhr bis 17.33 Uhr (Sonnenuntergang) nur noch 33 Kilometer. Ich wanderte zwei Kilometer weiter, ins nächste Dorf und versuchte nun meine Rückfahrt nach Allahabad zu organisieren. Aber: Kein Schwein hielt an. Niemand. Kein Bus. Kein LKW. Kein Jeep. Alle hupten nur wie verrückt und gaben Vollgas. Schliesslich kamen mir die einheimischen zu Hilfe. "Die halten nicht mehr an. Es ist dunkel". Aha, sagte ich. "Ja, wissen Sie, weil hier ist ein gefährliche Gegend. Es gibt viele Kriminelle". Oh, sagte ich. "Ich rufe jetzt mal die Polizei an. Die kann uns hier sicher helfen". OK, sagte ich. Nach einer kleinen Weile kam mein indischer Helfer wieder. "Die Polizei kommt auch nicht mehr. Weil es halt gefährlich hier ist". Logisch, sagte ich. "Aber der Polizeimeister möchte, dass Sie einen halben Kilometer zurück gehen. Dort ist ein Restaurant, das A-1. Dort sollen sie übernachten. Jetzt dürfen Sie auf keinen Fall mehr weiter marschieren. Wir gehen um die Uhrzeit auch nicht mehr auf die Strasse". Ahso, sagte ich. Erstaunt aber auch irgendwie nicht.

Viele Gesichter der Menschen hier trugen ungeheuer harte Züge. Harte Augen. Harte Münder. Es ist eine böse Gegend, durch die ich hier marschiere. Das hatte ich in den Tagen zuvor schon gespürt. Und nun wurde das bestätigt.

Und so wanderte ich die 500 Meter wieder zurück zum A-1 Plaza Restaurant, die an den Tankstellen des indischen Reliance-Konzerns angegeliedert sind und in denen man sehr, sehr gut essen kann. Allerdings sind es keine Hoteliers im eigentlichen Sinne. Sondern eben nur Restaurants. Die Menschen im A-1 waren schon polizeilich vorgewarnt und freuten sich riesig, einen Westler unter sich zu haben. "Sowas hat's ja noch nie gegeben", freute sich meine junge Bedienung. Besser als Fernsehen. Viel besser als miteinander zu reden. Und während ich mein Abendessen ass (Paneer Butter Masala - ein weisser Kochkäse mit zerlassener Butter und scharfer Sosse) hatte ich reichlich Gesellschaft. Danach gab ich grosse Müdigkeit vor. Und, zugegeben, ich war müde. Von irgendwoher kamen Decken an, eine Liege fand sich ein und ich wurde im Nebenraum, in dem auch alle anderen Angestellten schliefen, einquartiert. Ich zog meine Hose aus, liess Hemd und Jacke an und fiel auf mein Bett. Dann kamen eher schwierige Minuten. Wie schlafe ich ein - ohne Türe und ohne Beruhigungsmittel? Eines von beiden wäre notwendig gewesen. Also sah ich so lange stundenlang an die Wand bis mir die Augen zufielen. Draussen trillerten derweil die Trillerpfeiffen der zwei Wachleute die mit schweren Schrotflinten vor und hinter dem Restaurant auf und abgingen. Das Trillern machen sie, damit die Kriminellen wissen, dass eine Schrotflinte auf- und abgetragen wird. Und damit die Wachleute sich gegenseitig wahrnehmen und sich nicht, ganz ausversehen, selber eliminieren.

Solchermassen gesichert verbrachte ich eine kalte und für mich sehr unangenehme Nacht. Nach wie vor habe ich grosse Schwierigkeiten mit der Dunkelheit. Ich fühle mich sehr verletzlich sobald die Sonne weg ist. Gemeinsam mit anderen in einer unbekannten, unsicheren Umgebung zu schlafen das ist eine sehr grosse Herausforderung.

Ihr Lieben, es ist wieder dunkel draussen - ich mache mich jetzt auf den Weg zurück ins heutige Hotel.

Beste Grüsse aus Indien

Bert Simon.

 

 

Aktuelle Meldung - Allahabad (4380 km), 25. Januar

24.1. Kalyanpur (34km) - 25.1. Allahabad (51km)

Ganz schnell einen Gruss irgendwo vom Highway aus einem Mini-Internetcafe.

Mir geht's gut und ich bin  nach einer nicht geplanten Uebernachtung weit draussen auf dem Lande nach 51 Marschkilometern soeben in Allahabad angekommen. Ich bin noch fit und frisch und werde morgen (so gegen 5.00 Uhr Eurer Zeit) einen kompletten Bericht ueber die wohl seltsamsten zwei Tage meines derzeitigen Indienaufenthaltes ins Netz stellen - den ich nachher noch schreiben werde.

Nur soviel: Die Polizei hat mir aus Sicherheitsgruenden verboten meinen Marsch nach Einbruch der Dunkelheit fortzusetzen und mich in einem Restaurant untergebracht wo ich mit den Angestellten in einem kleinen Raeumlein campierte waehrend vor dem Haus und hinter dem Haus Sicherheitsleute mit Gewehren wachten... :-) Sachen gibts...

Bis morgen in alter Frische!

Bert Simon.

Aktuelle Meldung - Khaga (4295 km), 23. Januar

So langsam macht sich bei mir eine echte Indien-Müdigkeit breit. Ich habe fertig. So ziemlich. Die Distanzen sind leicht, meine Füsse schnell. Aber das Drumherum... das ist entwürdigend. Indien ist ein Land, dass zur Menschenwürde an sich keine echte Beziehung hat. Menschen gibt es hier schliesslich wie Sand am Meer. Und dem Sand gebührt auch keine spezielle Würde.

Alles, was Du in Indien tun willst braucht mindestens einen Akt Gottes. Alles ist hyperkompliziert. Ewig dauernd. Zermürbend. Energieverschwendend. Das sehen die Inder übrigens genauso. Nur die Kurzzeittouristen erfreuen sich an den Hürden. Logisch. Die haben ja auch noch frische Füsse. Aber auch viele Touris sind froh, wenn es dann auch mal wieder ein Ende hat mit dem Urlaub in einem Land, in dem eben alles ein wenig unter-aller-Sau ist.

Ich kann meinen Gastgebern nicht vorwerfen, sich nicht zu bemühen. Aber die Art und Weise wie sich "bemüht" wird ist schon wieder Grund weiteren lauten Gejammers. :-) Nimm das Cafe Coffee Day. Das ist die vermeintliche Vorzeige-Kaffeekette Indiens. Der Starbucks des Subkontinents. Da sitze ich und trinke sechs Kaffee. Kostenpunkt 250 Rupien. Das ist ein Haufen Geld in Indien. Dann esse ich ein Sandwich und bestelle ein Glas Wasser dazu. Das Sandwich kommt. Das Glas Wasser bleibt auf dem Tresen stehen. Weil sich niemand findet, der das Scheisswasser zu mir tragen will. Dabei arbeiten in dem Kaffee acht Leute (alles Männer, logisch) die alle rumstehen und nichts tun. Und die Inder, die jammern auch. Gerne sogar. Sie sehen sich als arme Opfer genau des Systems dass sie mit ihrer halbherzigen Lebensweise am Leben erhalten.

Gestern gab es eine Situation, die ich komisch fand. Und bezeichnend für meine Müdigkeit: Ich wanderte auf meinem National Highway 2 so dahin und sah am Horizont, der sich aufgrund des unglaublichen Smogs auf drei Kilometer beschränkt, mehrere LKW am Strassenrand stehen. "Toll. Eine Dhaba. Mittagessen". Dachte ich. Als ich dann dem Fernfahrerrestaurant näher kam sah ich, dass einer der LKW havariert war. Im Grunde war er nicht havariert, er war führerhausseitig nur noch zur Hälfte vorhanden. Die andere Hälfte war einfach weg und lag zertrümmert neben und um den LKW herum. Dann stand da noch ein LKW. Der sah ganz normal aus. Komisch dachte ich. Wie das wohl passiert ist? Als ich dann ganz nahe war, sah ich was geschehen war. Der LKW mit dem halben Führerhaus war auf den normal aussehenden, am Strassenrand parkenden LKW ins Hinterteil gefahren. Und der parkende, normal ausehende LKW war deshalb nicht verformt, weil er 50 Tonnen Baustahl geladen hatte! Die kinetische Energie wirkte brachial. Als ich um die Ecke kam sass da schon die Polizei und nahm den Unfall auf. Alle Anwesenden hatten versteinerte, graue Gesichter. Auch die Kinderarbeiter, die in Indien für gewöhnlich bedienen. (Das ist deren Hobby. Kinderarbeit gibt es ja kaum noch).

Und das Seltsame: Ich fand's vollkommen OK! Endlich einmal kein Mittagessen, wo über mich gelacht und gescherzt wird. Und sich die Leute über meinen Rucsack, über mich, über mein Essen lustig machen. Und mit mir spielen um eine Reaktion hervorzurufen. Und mir selbst meine wenigen Ruhepause noch kaputt machen nur um einen kleinen Spass zu haben. Endlich hielten diese Arschlöcher mal ihr dreckiges Maul! Ich setzte mich hin und bestellte Alu-Ghobi. Bratkartoffeln mit Blumenkohl. Das Essen schmeckte herrlich und ich hatte, meinem Freund, dem Tod, sei Dank, das beste Mittagessen seit WOCHEN! Seit Wochen - das meine ich nicht nur so, das ist so. Jedes Essen, das ich ja gezwungener Weise im Restaurant und damit vor aller Augen zu mir nehme, wird von den Indern dazu genutzt mit mir zu spielen.

Was ich hier zum Teil aushalte, das spottet jeder Beschreibung. Keine Sekunde vergeht in der Du nicht observiert wirst. Jeder schaut Dir in die Augen. Kleines. Aber nicht für ein paar Sekunden, sondern für lange Minuten! Du wirst, wenn Du nicht reagierst, angebrüllt oder sogar angetatscht. Auch von hinten. Meiner arg verletzlichen Seite. Du wirst behandelt wie ein Tier. Ein Hund. Ein Viech. Man pfeift nach Dir. Wenn Du kommst, wirst Du vermutlich beschissen, auf jeden Fall verarscht. Wenn Du nicht kommst, macht man Dir das Leben zur Hölle bis Du ausser Sichtweite bist. Anderen Reisenden ist das auch schon aufgefallen. Allerdings haben die einen Kontakt zum Land, der sich in Grenzen hält. Bei mir ist der Kontakt zur Landbevölkerung schrecklich grenzenlos...

Aber davon schreiben die meisten Heimkehrer nicht. Und die Touristen vergessen die Last der Reise schnell und berichten vom tollen, vom exotischen Indien. Das es auch gibt. Meist da, wo die Touristen wohnen. Ein paar Strassen weiter ist Indien wieder Indien und Indien brennt. Wie Salz in einer Seelenwunde. Wie Sand im Getriebe des immer-weiter-Wollenden.

Einen lieben und ehrlichen Gruss

Bert Simon.

 

Aktuelle Meldung - Fatehpur (4264 km), 21. Januar

Bin wieder zurueck. 48 schnelle Kilometer liegen hinter mir. Fatehpur ist erreicht. Eine Stadt die eigentlich nur dazu da ist um 100000 Menschen zu beherbergen. Mehr gibts hier nicht. Nur noch 280 Kilometer trennen mich von Varanasi. Wo es wieder was zu gucken gibt - brennende Leichen zum Beispiel. Am 30.1. sollte ich die arg heilige Stadt am Ganges erreichen.

Heute war die Strecke leicht schwierig, da der Highway Nr. 2 stellenweise noch nicht erweitert bzw. im Bau befindlich ist. Die Erweiterung ist kein Wollen, sondern ein zwingendes und dringendes Muss! In den 13 Jahren meiner Abwesenheit sind nicht nur einige hundert Millionen Neu-Inder auf die Welt gekommen, sondern auch Neu-Autos auf die Strasse. Das was damals schon sehr schwer zu bewaeltigen war ist nun eine Blechlawine ungeheuren Ausmasses. Und es wird nicht besser:


Vor ein paar Tagen hat Tata, der Volkswagenkonzern Indiens, beschlossen, ein Auto fuer 100 000 Rupien zu bauen. Das ist das Ende des beherrschbaren Strassenverkehrs in Indien, denn wenn man statt Moped gleich ein Auto kaufen kann, dann werden das die Inder auch tun. Und es ist, nebenbei, auch das Ende des sinnvollen Gebrauchtwagenmarktes, denn wenn ein Gebrauchtauto drei Mal so teuer ist wie ein kleiner Neuer, dann kauft man selbstverstaendlich den kleinen Neuen. Der "Nano" heisst. Interessant: Auf einer gewoehnlichen, zweispurigen Strasse passen etwa 12 Nanos nebeneinander. So wird das demnaechst in Indien aussehen :-)

So, ich werde mich nun schnell ins Hotel begeben. Draussen ist es stockdunkel (und saukalt) und ich bin zwar nicht so geschlaucht dass nichts mehr gehen wuerde. Aber ich muss noch duschen, meine Klamotten auswaschen und zwei Briefe schreiben. Und das alles geht nur mit halbwegs geoeffneten Augen.

Liebe Gruesse nach Deutschland.

Bert Simon.

 

Aktuelle Meldung - 50km vor Fatehpur (4216 km), 20. Januar

Rania (28km) - Kanpur (30km) - irgendwo (25km)

Beste Gruesse sende ich Euch aus dem noerdlichen Zentralinien.

Heute nur ein winzig kurzer Gruss, da ich auf dem Weg ins Bett bin. Morgen steht ein 50-km-Marsch auf dem Programm und ich moechte noch vor Sonnenaufgang auf der Strecke sein. Morgen Abend erreiche ich dann, ganz wie geplant, die alte Stadt Fatehpur.

Eines ist schoen: Nach dem Schock von Rajasthan, wo Touristen nur noch des Geldes wegen ein bisserl respektiert werden, ist das Wandern durch den Bundesstaat "Uttar Pradesh" eine echte Wohltat. Die Menschen sind meist freundlich und uebertreiben das Uebervorteilen nicht so masslos.

Auch ist das Wandern durch die Doerfer und Staedte wesentlich weniger anstrengend. Klar werde ich jeden Tag immer noch hundert Mal angebruellt: "Hey. Du! Komm her!" (nicht auf Deutsch natuerlich, sondern auf Hindi). Aber der Grund ist meist ein netter: Die Leute wollen Dich zu einem Tee einladen - um zu erfahren, wo Du herkommst und was Du um alles in der Welt mitten in Indien treibst.

Und Spiessrutenteetrinken ist allemal besser als Spiessrutenlaufen :-)

Ich melde mich morgen wieder und wuensche einen schoenen Restsonntag nach Deutschland.

Bert Simon.

 

 

Aktuelle Meldung - Gobirpur (4133 km), 16. Januar

13.1. Etawah (35 km)

Komisch. Heute habe ich noch mal nachgedacht, wie viel offene Fläche in einem Dorf doch so vorhanden ist. Selbst um mich herum sind etliche Quadratmeter Boden auf den man reihern könnte. Wieso der Schwall unter allen beweglichen und unbeweglichen Dingen gerade mich traf… keine Ahnung :-)

Da ich ein paar Fragen erhielt wieso ich denn ein Kind scheuchen würde, möchte ich heute mal ein wenig über den Unterschied „Kind“ in Indien und „Kind“ in Deutschland schreiben. Worte die wehtun. Und Worte, die wir nicht hören wollen.

In Deutschland da vermutet man „Du Herbert, ich glaube unsere Nachbarn haben Nachwuchs bekommen!“. „Ist nicht wahr, Sigrid! Wirklich? Wie können die sich das leisten?“. „Naja, sicher bin ich mir nicht. Aber die Indizien sind erdrückend. Zuerst der Van. Da dachte ich noch dass das vielleicht mit dem neuen Haus zusammen hängt. Aber jetzt habe ich die Nachbarin dabei ertappt dass sie Cornflakes und Cola im Einkaufswagen hatte. Das sind doch eindeutige Beweise“. „Unglaublich. Wir haben ein Kind in der Strasse! Der Dreck! Der Lärm! Die Kindergeburtstage… Gibt es nicht irgendeine Baurichtlinie die so was verbietet?“. OK, das war ein wenig überzogen. Satire halt. Ihr habt das sicher mitbekommen. Kinder sind in Deutschland rar. Wenn ich aus Indien komme und durch die Straßen in Deutschland gehe dann sehe ich alte Gesichter überall. Was für ein Kontrast zu Indien, wo es genau umgekehrt ist – Kinder wohin Du schaust und weniger ältere Menschen.

Weniger satirisch dagegen der indische Alltag. Hier in Indien sind hunderte Millionen Einwohner unter vierzehn Jahre alt. Viele werden einfach sich selber überlassen. Völlig wurst, wo es den Nachwuchs hintreibt, einfach ein unvorstellbar großes Summerhill Projekt. Zuerst das gute: Es ist schön zu sehen, wie sich eine eigene "Gesellschaft" unter den Kindern entwickelt. Antiautoritär ist das allerdings nur so lange, bis man dem nächsten starken Mann begegnet. Polizist. Politiker. Priester… Sobald eine Autorität auftritt macht sich die fehlende, weil nicht erlernte soziale Kompetenz der unteren Schichten bemerkbar. Resultat: der Mensch geht in die Knie und bedient die Obrigkeit. Das ist das System des Subkontinents. Und es funktioniert hervorragend. Für einige.

Und dann gibt es – und da marschiere ich soeben durch – die Lehmziegeleien, Stahlküchen und Glashütten in denen Tagelöhnerfamilien für weniger als ein US-Dollar am Tag schuften. Die Kinder dieser Familien sind nicht nette, saubere Schulkinder sondern wild. „Ungezogen“ im wahrsten Sinne des Wortes – einfach sich selber überlassen. Rohes Leben ohne Zaum. Lange, zottelige Haare und Haut, Haare, Kleidung und der Rest der kleinen Wesen ist von mokkabrauner Farbe der Erde in der sie leben. Aus den Mündern dieser Kinder kommen keine Lieder. Sie geben mit heller Stimme die Flüche der Erwachsenen wider und aus dem Sprachzentrum des unterforderten weil nicht geförderten Hirns dringen heisere Schreie an die Umwelt. Und wer solch ein „Kind“ an der Backe hat, der hat ein Problem. Wäre das „Kind“ zwei Köpfe größer würdest Du Dich vor ihm fürchten!

Bestenfalls werden sie zum Betteln abgerichtet. Weder werden die Chancen des großartigen menschlichen Geistes noch Grenzen des sozialen Miteinander entwickelt. Anstatt Hausaufgaben gibt es Hunger. So sieht das hier aus. Die Medien entdecken diese Missstände langsam und die Zeitungen berichten zunehmend über die Horrorgeschichten die weder die wohlhabenden Inder noch die Touristen so richtig interessieren. Der reiche Inder will gefälligst ein Land in dem es sich leben und der Tourist will ein Land, in dem es sich genießen lässt.

Den Indern tut die Armut weh. Sie verträgt sich nicht mit dem Image aus Räucherstab und Mahatma das Indien gerne pflegt. Armut wird mittlerweile als nationale Schande empfunden. Die Lösungsansätze allerdings sind vielfach korrupt und die Hilfe zur Selbsthilfe nicht im Sinne der Inder, die mit dieser Armut ihren Mercedes finanzieren.

So, eigentlich wollte ich heute, wie jeden Abend noch schnell den Bericht online stellen. Aber da gingen hier die Lichter einmal mehr aus und das Internet verabschiedete sich aus Etawah. Mehr als 100000 Leute sitzen jetzt im Dunkeln. Nur die ganz Reichen haben Backup Systeme, die Hotels ihre Generatoren und der Rest hüllt sich in Schweigen und wartet. Und die hiesigen Stromausfälle, die können lange dauern! Der Strom ist jetzt schon wieder eine halbe Stunde weg und auch heute Morgen waren die Steckdosen saft- und kraftlos. So wie ich jetzt, denn ich hatte heute den ganzen Tag Gegenwind. Und das zehrt!

 

14.1. 30 km vor Auraiya (31km)

Habe soeben kalt geduscht. Herrlich. Fühle mich wie neu geboren, erfrischt und sauber. Und soll eigentlich gleich schlafen. Der Strom ist seit einer halben Stunde wieder weg. Aber das macht nichts. Mein kleines Mininotebook hat eine Batterie, die drei Stunden hält. Und in drei Stunden liege ich hoffentlich auf dem Rücken und atme ruhig ein und aus. Der Gegenwind hat nachgelassen. Dafür wird es jetzt richtig winterlich kalt. In der Sonne waren es vielleicht noch zwanzig Grad und im Schatten fiese achtzehn Grad. Regen habe ich seit meinem Abflug aus Wien immer noch keinen gesehen. Es scheint, als ob alle Wolken aus der Atmosphäre direkt in das Weltall entfleucht sind. Wie die Welt so ganz ohne Regen aussieht? Trocken. Das meine ich nicht als Scherz. Trocken heißt wirklich durchgetrocknet. Absolut staubig. Vor den Fernfahrerrestaurants liegen ca. zehn Zentimeter feinsten Staubes. So fein, dass er fließt! Du kommst Dir vor als wärst Du auf dem Mond.

 

15.1. Auraiya (30km)

Und wieder ist der Strom weg. Es gibt Gegenden knapp südlich von hier da sind einige Hochspannungsmasten gesprengt worden – vor vielen Monaten. Und ganze Landstriche haben seit Monaten keinen Strom. Also bin ich dankbar, dass hier wenigstens ab und an der Saft da ist. Aber wie schon gestern hängen die Steckdosen ab exakt 20.30 Uhr zur Zierde an der Wand. Das Hotel hat ein Power-Backup-System das bis gegen 24.00 Uhr reicht. Danach ist zappenduster. Auch morgens gibt es keinen Saft. Aber man lernt damit umzugehen. Und so werde ich heute meinen Bericht kurz halten und Strom sparen, denn mein PC Bildschirm ist meine Nachttischlampe falls ich nachher mal muss…

Einen superschweren Unfall habe ich heute gesehen. Muss gerade erst passiert sein, denn die Fahrzeuginsassen lagen blutend auf dem Straßenrand und der Mob-Rufdienst hat erst 150 Leute oder so zusammen getrommelt. Der Fiat-Panda-große Kleinwagen war ohne nach links und/oder rechts zu gucken auf den Highway gerollt. Dort traf ihn dann ein LKW mit ca. 50 Sachen in die Seite und drückte den Kleinwagen noch kleiner. In Indien ist die Geschwindigkeit der Fahrzeuge eigentlich zu vernachlässigen. Erstens sind die Straßen so schlecht, dass man auf ihnen nicht rasen kann und zweitens sind die Fahrzeuge allesamt untermotorisiert. Was hier in Indien die Unfälle absolut tödlich macht, das ist die kinetische Energie der Last: Alles ist überladen bis zum geht nicht mehr und wenn 40 und mehr Tonnen mit nur 50 Stundenkilometer auf Dein Auto auffahren dann ist es wurst ob Deine Karre 2 oder 20 ADAC-Crashtest-Sterne gewonnen hat, weil der LKW einfach vorne zur Crashzone hinein fährt und hinten wieder raus. Die Airbags, die die meisten Autos nicht haben, würden wie eine Plastiktüte irgendwo unter dem LKW baumeln – während der ohne anzuhalten davonfährt. Was sinnvoll ist, denn der Mob lyncht in Indien gerne. Auch wenn der LKW-Fahrer sicherlich keine Schuld am heutigen Drama hatte: Der Fahrer des Kleinwagens war eben einfach schlecht auf den Straßenverkehr vorbereitet. Was verständlich ist wenn ich manchmal Fahrschulautos an mir vorbeifahren sehe. Ich habe für meinen Führerschein heldenhafte 51 Fahrstunden gebraucht. Aber die Menschen hier fahren noch arg viel schlechter als ich!


Aktuelle Meldung - Etawah (4133 km), 16. Januar

Etawah +31km - Auraiya +31km - NH2/NH25 +47km

bin wieder da. nicht dass ihr meint dass dieser bericht einfach nur leger dahin geschrieben wäre - die 'shift' taste funktioniert einfach nicht. auch nicht bei verstärktem draufhauen. wenn ich noch stärker draufhämmere gucken alle nur noch mehr. also bleiben die buchstaben eben klein.

ich verschmelze derzeit mit dem national highway 2 zu einer echten einheit. ich esse am highway, schlafe am highway, wache am highway auf und bewege mich auf ihm fort. und zwar richtig schnell. das interessante: seit zwei jahren ist der alte highway, den ich vor 12 jahren gewandert bin, verschwunden. statt dem immer zu engen, dicht befahrenen asphaltstreifen existiert nun eine stattliche vierspurige bahn. so kann ich auch bei nachlassender konzentration marschieren ohne sofort gefahr zu laufen umgefahren zu werden. hin und wieder tauchen alte schnipsel der einstigen route links oder rechts der neuen trasse auf. ich erlaube mir manchmal den spass, gehe rüber und wandere auf exakt der spur, die ich vor 12 jahren nahm. das bringt erinnerungen mit sich - gute und schlechte. die jahre waren fast allesamt gut, ein paar davon weniger.

was mich dann der frage nahebrachte: würden wir überhaupt von vorne herein das erleben wollen, was wir in unserem leben so erleben? wenn wir wüssten, dass dieses oder jenes passiert, diese oder jener stirbt, an diesem oder jenem tag unheil oder heil in unser leben einzug hält? würde sich unsere geduld, die aus dem unwissen des vorherbestimmten herrührt, auch aus anderen quellen speisen lassen? oder wäre unser leben nur ein schnelles, von angst und unbehagen bestimmtes sein? immer mit den dingen vor augen, von denen man weiss, dass sie demnächst eintreffen...

und wenn ich zuviel solcher dinge denke, dann gehe ich schnell wieder auf den neuen, schnellen weg - arm an philosophischen reizen aber dafür kerzengerade.

ich habe einen langen bericht geschrieben (jeden abend ein wenig) und den stelle ich morgen samt neuen bildern und einem neuen bild der woche online. nicht verpassen und morgen wieder vorbei schauen :-)

herzliche grüsse allerseits,

bert simon.

 

Aktuelle Meldung - Etawah (4024 km), 12. Januar:

Moin zusammen. Ich bin derzeit extrem schnell unterwegs, habe keine Probleme mit meinen Muskeln, in den letzten drei Tagen 120 Kilometer zurückgelegt und brenne vor lauter Energie.

Gerade in Etawah angekommen, wo gestern noch geprügelt und geschossen wurde, merkt man die sehr starke Polizeipräsenz an jeder Ecke und an jedem Ende. Mehr noch: Unterwegs fahren unentwegt Männer auf Motorrädern umher die grosse Schrotflinten auf dem Rücken tragen. Vermutlich tun sie das nicht aus Spass sondern sie meinen ihren Schiessbefehl durchaus ernst. Es gibt politische Unruhen in Uttar Pradesh - und wohl auch Räuber in der Gegend. Darauf wurde ich, typisch indisch, durch mehrere Blumen mehrfach angesprochen. Der letzte Hinweis trudelte beim letzten Tee ein: "Nachts sind Sie dann schon im Hotel, nicht? Es gibt überhaupt keine Räuber hier. Aber Nachts ist es im Hotel schon besser." Ahso...

Gestern bin ich ein wenig spät dran gewesen und die letzten zwei Stunden wanderte ich in der Dunkelheit - beschattet von einer Polizeistreife. Die zwei schwer bewaffneten Beamten fuhren immer ein paar hundert Meter voraus, liessen mich "auflaufen" und fuhren dann wieder ein wenig vorraus. Nach 47 Kilometern erreichte ich müde, leicht verängstigt aber gut beschützt die Stadt Firozabad.

Heute dann der zweite Marsch über die Marathondistanz - 44 Kilometer waren es. Bis zu einer Sikh-Dhaba - einem Strassenrandfernfahrerrestaurant das von einem Angehörigen der Sikhreligion geführt wird (erkennbar am Turban und Vollbart). Dort versuchte ich dann einen Jeep anzuhalten um in die Stadt Etawah zu shutteln. (Morgen wandere ich dann wieder von hier zur Sikh-Dhaba um die Strecke zu komplettieren). Im Jeep sassen zwar schon 23 Passagiere - aber ich durfte mich obendrauf werfen und nach mir passte sogar noch mal ein Mensch in das Fahrzeug. Erstaunlich, wie viele Körperteile ich plötzlich nicht mehr von meinen unterscheiden konnte. Man verliert wirklich die Übersicht wenn Du 20 Hände um Dich herum hast und herausfinden muss, welche Hand nun eigentlich zu Dir gehört und welche nicht.

Im Grunde habe ich nur wenig Zeit, da ich dringend meine Hose auswaschen muss. Ich hatte heute verschiedentlich Kinder als "Schatten". Schatten nenne ich Menschen, die aus lauter Staunen kilometerweit hinter mir hergehen weil es westliche Touristen zu Fuss in Indien eigentlich nicht gibt. Und einem Schatten wurde es plötzlich extrem schlecht und bevor ich es mich versah war ich von oben (Hintern) bis unten (Schuhsohle) rückwärtig vollgekotzt. Eklig war das. Und schleimig. Zuerst begann ich das Kind zu scheuchen - weil ich erst mal wieder einen Angriff vermutete. Waffe: Kotze. Aber dem Bürschchen ging es wirklich schlecht. Das merkte ich daran, dass ich trotz Rucksack den fliehenden Würger alsbald eingeholt hatte der sofort jämmerlich um Hilfe schrie weil er eine Abreibung vermutete. Sein Fieber rettete ihn. Nachdem ich Gande vor Recht ergehen gelassen habe, besorgte ich mir viel Wasser um den Schaden erst einmal zu verdünnen. Aber ärgerlich war das schon. Sehr.

So. Und nun gehe ich schleunigst wieder ins Hotel. Der Friede hier in Etawah ist brüchig und es würde mich nicht wundern, wenn es heute Nacht knallt. Ich muss nicht unbedingt im Finstern umherrennen und Kugeln abducken. Ich bin schliesslich nicht mehr beim Bund...

Allerbeste Grüsse

Bert Simon.

 

Aktuelle Meldung - Agra (3933 km), 10. Januar:

Der gestrige Abend endete mit einem Knall. Ein Koreaner, der im gleichen Gästehaus wie ich logiert wurde vor der Türe von einem Motorroller umgefahren. Koreaner sind seltsame Wesen. Immer am sich verbeugen und lächeln und geheimnisvoll tun. Und störanfällig sind sie auch. Vor allem wenn man sie mit Motorrollern anfährt. Sofort versammelte sich der Mob, den es in Indien für alle Zwischenfälle braucht. Es scheint, als ob immer ein Mob auf Abruf organisiert wäre. So nach dem Motto: „Herhören! Heute haben die Straßen  X, Y und Z Mob-Rufbereitschaft. Abtreten!“.

Heute Morgen dann Knall Nummer zwei: Fünf Kilometer in der heutigen Etappe drin war es Zeit für einen Tee. Und während ich meinen Morgens-ist-die-Welt-noch-in-Ordnung-Tee genoss, da hielt vor uns eine Fahrradrikscha. Der Rikschafahrer stieg ab. Und unterhielt sich mit den Leuten. Dann sah ich, dass es von dem jungen Mann der hinten in der Rikscha lümmelte so merkwürdig zu Boden tropfte. Also stellte ich meinen Tee weg und untersuchte das Getropfe. Und wie ich um die Rikscha herumgehe da schaue ich direkt in eine geöffnete menschliche Stirnhöhle. Ich kenne mich mit Schäden am Kopf mittlerweile aus, a.) weil ich bereits mehrere Verbrechensopfer kennen gelernt habe und b.) weil ich hin und wieder am falschen Ort zur falschen Zeit rummarschiere. Das, was da auf der Rikscha lag war ein Machetenhieb mit Hirnbeteiligung, denn was da hinter der ca. 4 cm tiefen Spalte weiß schimmerte war das Denkzentrum. Das Gebaumel davor war uninteressant. Augenbraue, Auge und so, das lässt sich reparieren. Aber Hirn ist ein breiiges, nicht zu flickendes Zeugs. Einmal weg bleibt weg. Ich rief den Rikschafahrer her, der immer noch seelenruhig im Gespräch vertieft war, gab ihm 50 Rupien und kaufte so die Fahrt zum Krankenhaus. Ich sagte ihm in meinem besten Hindi, dass er express und nonstop zum nächsten Krankenhaus fahren solle weil der Kerl das ansonsten nicht überlebt. Wenn überhaupt. Mit einem so tiefen Einschlag im Kopf der ausschaut wie eine dunkelrote 5-Minuten-Terrine ist die Chance sowieso eher niedrig. Und so zockelte die Fahrradrikscha mit dem komatösen Schädel-Hirn-Trauma durch die Schlaglöcher davon. In Deutschland wäre der Christopher angeschwebt gekommen. In Indien kommt Ranjit mit seiner Rikscha. Wenn es mich hier erwischt, dann ist es zappenduster. Das ist mir von Anfang an bewusst gewesen und deswegen habe ich auf der Strecke mein Radar auch immer bis zum oberen Anschlag aufgedreht. Und Krankenwagen? Träum weiter. Die gibt es zwar aber ein Rettungsleitsystem gibt’s nicht. Also kommen die Dinger auch nicht. Und da spielt es auch keine Rolle ob Du Geld hast oder nicht.

Ich liege derzeit zwei Tage hinter meinem Zeitplan. Das ist nicht schlimm, da ich bis nach Varanasi noch mehrere Puffertage eingebaut habe – für unvorhergesehene Fälle. Und ein solch unvorhergesehener Fall ist gestern Abend in Form einer Ohrfeige eingetroffen. Geohrfeigt wurde der Bruder des Oppositionsführers der hiesigen Partei SP. Der Ohrfeigende war ein Polizist – in Uniform. Aus dem entstehenden Handgemenge wurde eine zunehmend blutige Revolte und derzeit wird in mehreren Städten gekämpft, namentlich in Etawah und Varanasi. Aus beiden Städten ist es im laufe des Tages zu Schiessereien mit etlichen Toten und Verletzten gekommen. Indien ist ein Land in dem milde, freundliche, lachende SÜDLÄNDER wohnen die, einmal in Rage, vor nichts zurück schrecken. Wütende Mobs bilden sich, Autos, Busse, Stoffpuppen und Geschäfte werden angezündet und dann gehen die Leute bis an die Zähne bewaffnet aufeinander los. Wer keine Waffen hat, der baut sich welche. Dachlatten. Steinbrocken. Molotowcocktails… was der Geldbeutel oder der schnelle Plündergang durch die Stadt eben so hergeben.

Touristen sind zwar nicht das Ziel. Aber zur falschen Zeit am falschen Ort aufzutauchen (und ich tauche eben immer auf – weil ich nicht in einem Auto sitze) kann unter Umständen dazu führen dass man sich auf der falschen Straßenseite wieder findet und ins Kreuzfeuer gerät. Das ist nicht schön. Und für mich, immer noch redlich traumatisiert, sind offene Kampfhandlungen natürlich nicht die beste Medizin. Ganz abgesehen davon dass ich Gewalt, außer im Affekt, nicht gutheiße. Wenn einem in einer Reaktion auf eine üble Provokation mal ein böses Wort oder die Hand ausrutscht ist das schon schlimm genug. Wenn die Gewalt aber geplant ist, so frei nach dem Motto „nu ziehen wir mal los und hauen den anderen in die Fresse“ dann ist das sehr schlimm.

Wie sehr ich immer noch „neben der Kappe“ bin, das merke ich wenn es an so banale Dinge geht wie eine Kamera kaufen. Was ich früher in Nullkommanix erledigt habe das zieht sich nun ewig hin. Soll ich? Wenn ja welche? Vielleicht doch nicht die? Ach, ich überlege noch ein wenig. Ich bin einfach immer noch total unsicher. Der Flug nach Hannover. Ein Chaos in meinem Hirn. Wie jetzt? Wohin? Wie komme ich dann da weiter? Ist das sicher??? Vor allem immer die Frage nach der Sicherheit. Ist das Sicher??? Ist diese Welt sicher??? Gibt es da eine Türe, die ich nachts abschließen kann?! Was kannst Du tun um sicherer zu sein, nachdem Du ja nun weißt, dass diese Welt möglicherweise doch nicht so rosarot ist, wie sie durch Deine zertretene Brille einmal schien… Ich verrammele meine Türen nach wie vor mit allen möglichen Riegeln die ich finde, inklusive einem Stuhl, der davor gerückt wird. Eine Nachtlampe muss immer funzeln. Bloß nicht aufwachen und im Dunkeln nicht wissen wo ich bin! Das wäre schrecklich! Da würde ich in Panik drei Tage nicht schlafen. Dass diese Dinge Jahre anhalten, und bei manchen Opfern einer Bluttat nie mehr abklingen, das war mir vorher nicht bewusst. Aber das weiß ich heute.

Obwohl ich immer wieder lustig schreibe geht es mir innen drinnen immer noch sehr, sehr bescheiden. Ich rede kaum noch fällt mir so auf. Schreiben mag ich noch gerne. Aber wenn ich die Worte zähle, die ich heute gesagt habe komme ich vielleicht auf 50. Ich verliere langsam die Lust am direkten Kommunizieren. Naja, schaun mer mal. Auch das wird sich wieder bessern und wenn nicht dann ist’s auch gut. Ich habe in meinem Leben genug Mist verzapft.

So. Ich wünsche Euch ein guts Nächtle. Bis demnächst.

Bert Simon.

 

 

Aktuelle Meldung - Agra (3927 km), 09. Januar:

Gestern unterbrach ich meinen kleinen Kurzurlaub für einige Stunden, denn ich musste mir – meine Dauerleser wissen das – etwas wärmendes, anschmiegsames kaufen. Nein, nicht eine VW-5-Minuten-Braut, sondern einen Pullover. Und so mietete ich mir eine Fahrradrikscha und fuhr von hier zum „Big Bazar“ (= Großer Basar). Das Fahren mit einer Fahrradrikscha ist erst einmal unangenehm, da die Dinger nicht gefedert sind und du bei jedem Schlagloch Deinen Kopf am blechernen Überdach anstößt. Und dann mußt Du den Fahrer permanent davon abhalten, Dich in irgendwelchen Kunstbetrieben abzuladen: „Nur für zehn Minuten. Sie müssen auch nichts sagen...“. „Ich will auch nichts sagen. Ich will zum Big Basar!“. Die Fahrer bekommen von diesen Betrieben satte Kommissionen wenn sie einen möglichen Kunden fremder Herkunft da abladen. Ich wollte aber keine Mini-Taj-Mahals oder sonstigen Krempel sehen. Ich wollte einmal Pulli und Zurück. Also schimpfte ich alle paar Minuten wenn der Fahrer wieder verlangsamte und mir eine weitere Kunstbude empfahl. „Weiter!“. „Don’t stop!“. „No, I don’t want to...“ Wie ein Eselkarren halt.

Im Big Bazar gabs dann zu allem Überfluss auch noch einen McDonalds. Da wurde ich ein wenig schwach und bestellt mir eine kleine Pommes die ich auf dem Rückweg zur Hälfte aß. Dann fuhren wir durch ein Schlagloch und die andere Hälfte wurde aus der Tüte katapultiert und landete neben einem Wasserbüffel der kurz mal dran roch und dann sich seiner Widerkäuerei widmete.

Ich hatte im Big Bazar die Möglichkeit zwischen Hubbabbubba „Marken“ Artikel, deren Marken ich noch nie gehört hatte und die nach Müllhalde aussahen. Oder, die einzige Marke die ich als solche erkannte, „adidas“. Also betrat ich den Adidas-Store und und durchwühlte die Ware. Schließlich hatte ich mein Pulli gefunden: Dunkelblau. Drei weiße Streifen am Ärmel... irgendwie wie ein Relikt aus den siebziger Jahren aussehend. Aber aus Fleece. Und das war genau das, was ich brauchte: Leicht und warm. Der Preis sieht in Indien auch ganz anders aus als bei uns in Deutschland. Für ein indisches Adidas-Fleece-Pullöverchen bezahlt man hier 1249 Rupien. Das sind 21 Euro. Dafür bekommt man in Deutschland einen Adidas-Geldbeutel, glaube ich. Aber ohne Lächeln.

Am Taj Mahal war ich, anders als vor dreizehn Jahren, diesmal noch nicht. Und werde ich auch nicht hingehen. Das zweifellos Beste am Taj Mahal sind die Rooftop-Restaurants im Straßengewirr drum herum. Von hier aus kann man sich den Taj anschauen ohne sich durch die glotzenden Massen wühlen zu müssen oder sich in irgendwelchen Schlangen anzustellen die von den untergewichtigen Ordnern angeschnautzt werden. Und auch die in Indien übliche Diskriminierung der Touristen möchte ich mir ersparen: 750 Rupien werden vom fremdländischen Gast abgefordert, 20 vom gemeinen Inder. Das wäre, wie wenn wir ein Schild am Schloss Neuschwanstein aufhängen „Japaner zahlen das 38fache!“. Das ist einfach unverschämt und dreist. Mehr nicht.

 

 

Aktuelle Meldung - Agra (3927 km), 07. Januar:

Dausa (53km) - Sikandar (30km) - Mahwa (33km) - Bharatpur (62km) - Agra (57km)

1.1. 30km vor Dausa. Bin soeben in meinem Zimmerle angekommen. Viel zu spät. Viel zu dunkel. Und reichlich kaputt. Der Abmarsch aus der „Rosa Stadt“ Jaipur ist ein wenig chaotisch, da sich die Strasse durch ein Minigebirge windet. Den Hügeln geht aber nach etwa zwei Kilometern die Luft aus. Danach öffnet sich die zugeknöpfte Landschaft. Wo nicht bewässert wird liegt Sand, wo Wasser zugeführt wird grünt es neonfarben. Kamele gibt es tausendfach. Immer den gleichen tristen Gesichtsausdruck auf den baumelnden Schlabberlippen vor sich hertragend zieht jedes Trampeltier eine Karre. Derzeit ist da meist Holz drauf weil es in der Wüste tagsüber wunderschön warm ist und des Nachts bitter-bitter-kalt wird. In Zahlen: Am Tag 25 Grad und nachts Raureif auf dem kleinen Fleck Rasen vor meinem RTDC Gästehaus!

Und als ich über die dreißig Kilometer war, fühlte ich mich auch noch schön stark. Ich beschloss es gut sein zu lassen, da die Sonne schon arg tief stand und begab mich ans Shutteln – also einen Bus bis zum Schlafplatz nehmen. Endlich hielt ein Bus. Und dessen Fahrer meinte „Dausa Bypass, OK?“. Und ich sagte „OK“ - und fuhr sechs Kilometer übers Ziel hinaus – obwohl ich das Gästehaus gesehen habe… So ein Blödsinn. Die sechs Kilometer stapfte ich dann wieder zurück. In der Finsternis. Durch die Dauerbaustelle NH 11. Aber je stressiger der Marschtag desto schöner die Ankunft. Und so befinde ich mich nun in einem großen Zimmer, in dem zwei sauber bezogene Betten stehen und zwei kleine Tische. Und vier Stühle. Und sonst nichts. Besonders dass der Fernseher fehlt ist eine angenehme Sache. Und während ich nun vor mich hinschreibe macht der Koch ein Ei-Curry, fünf Chapati und zwei Tassen Tee – wobei der Tee schon hier steht.

2.1.08 Dausa. Ei-Curry. Ei!!! „Bert – hier ist (isst) kein Mensch, die letzten Gäste haben sich am 27.12. ins Buch eingetragen und Du bestellst Eier. Was soll das???“, sagte meine innere Stimme. Aber der Bert, der hört nicht gut. Schon gar nicht auf sich selbst. Und so aß ich den, zugegeben, recht merkwürdigen Ei-Curry und ging zu Bett. Am Morgen wachte ich auf. Nicht weil ich ausgeschlafen war sondern wegen der grünen Farbe im Gesicht. „Hätte ich lieber nicht…“. „Warum nur…“. Alles half nichts mehr. Mein System war an zwei schlechten Eiern gescheitert die nicht meine eigenen waren. Direkt nach dem Aufstehen musste ich auf den Pott und kam da bis 12.00 Uhr Mittags auch nicht mehr groß runter. Ich hatte D-Day. Durchfall-Day. Um 12.00 Uhr beschloss ich trotzdem zu wandern. Und das war gut so, denn durch das Schwitzen hatte mein Darm zu wenig Wasser um Montezuma zu rächen. Scheinbar geheilt aß ich mutig gelbe Linsen zu Mittag. Und danach nichts mehr. Am Abend noch eine Packung Kekse. Licht aus. Bett. Und auf bessere Zeiten hoffen. Mittagessen und Kekse landeten aber um 1.00 Uhr nachts in der Schüssel und ich kackte mir die Seele aus dem Leib. Und als ich dachte alles wäre nun gut fiel ich hundemüde ins Bett, wachte ein paar Stunden später auf - und hatte ins Bett gekackt! So nu aber. Grauenhaft. Furcht erregend. Was für ein Stink! Und peinlich dazu. Gut dass zwei Betten im Zimmer standen. Ich verließ das eine, stinkende, nasse, duschte mich während ich kackte und kotzte und warf mich ins nächste. Saubere. Und pennte wieder ein. Als ich am nächsten Morgen aufstand war mein Bauch leer. Oder so dachte ich.

3.1.08 Sikandra. Eigentlich fühlte ich mich heute nicht nach Wandern. Und es ist auch nicht sonderlich toll mit dem Wissen in die Schuhe zu steigen, dass man dauernd dringend muss und überall Leute sind die nicht müssen, sondern nur zuschauen wollen. Das ist in Indien nun mal so. Aber ich bestellte die Rechnung, verschwieg den Grund warum ich so artig das Bett abgezogen hatte und machte mich schnell dran so viele Kilometer als Möglich zwischen mich und die einst blütenweiße Bettwäsche zu bringen. Ich überstand den Tag. Einigermassen. Und marschierte tapfer von Dausa nach Sikandra. Immer auf der Suche nach dem nächsten freien Busch. In Sikandra bestieg ich den nächsten Busch, pardon den nächsten Bus zum nächstmöglichen Hotel – in Mahwa. Und dort bejammerte ich mich beinahe selber weil das der dritte D-Day war.

4.1. Mahwa. Aufgewacht in einer lebensfeindlichen Welt die entschieden zu wenig Toiletten hat. Aber trotzdem losmarschiert. 36 Kilometer standen auf dem Programm. Und Dünnpfiff hin oder her, irgendjemand muss schließlich die Meilen gehen sonst komme ich nicht an. Und so wanderte ich heute mit Gummi in den Füßen den Highway 11 entlang. Wahnsinn, wie wenig Nährstoffe ankommen wenn der Körper versucht die Eier von vorvorgestern loszuwerden die schon längstens draußen sind aus dem System. Der Highway 11 ist von Jaipur bis Mahwa eine Baustelle – allerdings eine geordnete. Wenn das in Indien überhaupt geht. Viele Fahrstreifen sind wirklich gesperrt und so ging ich mal links und mal rechts auf einer frisch geteerten Strasse ohne allzu viel Verkehr. In Sikandra angekommen ging gerade die Sonne unter – mit dem Effekt dass die Temperaturen binnen einer Stunde um rund 20 Grad sanken. Schnell einen Nahverkehrsbus nach Mahwa gefunden und mich an Bord gequält. Vor der einzige Türe dieser Busse steht draußen eine Traube und von drinnen wollen die Leute ja noch aussteigen. Was so ein wenig wie eine Schlägerei in einem irischen Pub aussieht ist im Grunde nur der Versuch beide lebenden Massen aneinander vorbei zu schieben. Bei den letzten Einsteigern fährt der Bus meist bereits wieder. Es gibt ab und an Tote, die einfach aus dem anfahrenden Bus fallen. Aber ein bisserl Verlust gehört zur indischen Busfahrt dazu. Wie die schlechten Bremsen und das nicht vorhandene Profil auf den Reifen. Ein Bauer wollte mit seiner Frau dann irgendwo unterwegs aussteigen. „Halt. Wir sind da!“. Schrie er. „Wir sind wo?!“ fragte der Fahrkartenknipsmann. „Na bei mir zuhause!“ meinte der Bauer. „Ich seh’ nichts. Hier ist alles Dunkel. Wie kannst Du wissen dass Du da bis wo Du sein willst“. Der Bus grölte. Ich grinste. Der Bauer „Das rieche ich!“ Noch mehr gegröle. „Stimmt jetzt riech ich’s auch“ rief der Fahrkartenmann und pfiff in seine Trillerpfeife. Der Bus hielt. Und die Leute sich den Bauch vor Lachen. Bauer und Frau kletterten hinaus in die Dunkelheit. Die vermutlich auch ohne Toilette ist. Alle hatten einen Heidenspaß. Ich musste dringend mal wohin. Weshalb sich mein Spaß in eng gesteckten Grenzen hielt. Mit zusammengekniffenen Backen kann man nicht laut lachen. Es könnte was daneben gehen.

5.1.08 40km vor Bharatpur. Heute in acht Wochen ist Indien vorbei. Ende. Aus. Feierabend. Ich liege heute in einem Bett in das manche von Euch nicht einmal fallen würden wenn Euch der Teppich unter den Füßen weggezogen würde. Ihr würdet vor Ekel schweben! Wahnsinn was man aushält, wenn man weiß dass dieses Leben temporärer Natur ist und kein Dauerzustand. Aber was willst Du erwarten von einem Land in dem die einen mit Mercedes fahren und die anderen mit Matchbox? Heute habe ich versucht ein Internetcafé zu finden – in Bharatpur. Einer großen Stadt. Die Stadt ist groß, keine Frage. Aber es gibt nicht einmal ISDN Leitungen hier. Alles ist Dial-Up in 2400 BPS – das war bei uns mal vor 20 Jahren so. Als die Leute noch Scirocco fuhren und die Floppydisks noch 1,44 MB speicherten :-) Also las ich 60 Minuten lang meine Mail - alle fünf Minuten eine - und erfreute mich an den Dingen die ich las während ich popelte, die Decke anstarrte, überlegte was ich wohl heute zu Abend essen bekomme? Ich würde wohl zum Inder gehen. Logisch. Hin und wieder hauchte ich in meine klammen Finger, denn das Thermometer purzelt wieder gen Null. Als die Stunde um war wollte der Mann hinterm Tresen 50 Rupien haben. 50!!! FÜNFZIG! Ich sagte ihm, dass das nicht möglich sei („Not possible, Sir. Very, very sorry“). War es wirklich nicht. Meine Geldauszahlautomatik klemmte! Da fragte einer warum nicht und ich antwortete „das ist wie wenn Du eine Rikscha nimmst und dann den Preis für Jet Airways zahlen sollst“. Alle anwesenden Inder fingen das Lachen an. Der Vergleich war also angekommen. Und ich bezahlte meine 20 Rupien. Danach hieß es warten auf die nächste Fahrradrikscha. Diese vermaledeiten Dinger sind immer so peinlich: Du sitzt hinten arg erhöht und vor Dir da strampelt ein unterernährter Inder sich die Lunge aus dem Leib. So ähnlich wie die Billiglohn-Zusteller von PIN oder wie der Saftladen der BILD heißt der sofort pleite ist sobald die Menschen einen anständigen Lohn bekommen. Nee, mal ehrlich. Peinlich ist das. Fahrradrikscha und PIN. Beides. Aber der einzige Weg um von A nach X sich nicht zu verlaufen. In der dunklen Stadt Bharatpur. Und so eierten wir Richtung „Hotel Maggo“, einer abgefuckten Bude am Highway 11. Das Problem Indiens ist am „Hotel Maggo“ festzumachen: Ein Haufen Arbeiter hängt hier rum – vom Stellenschlüssel her ungefähr ein Angestellter je Gast. Aber weil die Kerle sich selber nicht einmal sauber halten können und für einen Lohn beschäftigt werden bei dem ich auch sofort jegliche Motivation verlieren tät, ist das Hotel ein schäbiges Loch in dem meine vollgekackte Bettwäsche von vor ein paar Tagen möglicherweise noch einmal eingesetzt werden würde. Dabei war das ein schönes Hotel. Einmal. Irgendwann. Mit aus Holz geschnitzten Spiegelrahmung und schönen Fliesen auf dem Boden. Aber jetzt bräuchte man schon eine Abrissbirne um den Dreck von den Wänden zu klopfen. Indien ist ein Land das wunderschön gedacht und toll angelegt wurde und dann brutal verlotterte weil sich die Leute einen Dreck drum kümmern. Dabei ist der Highway 11 eine echte Goldgrube: tausende schwerreicher Touristen fahren jeden Tag in ihren weissen, modernen mittelklassejapanischen Autos vom „Taj Mahal“ in Agra zum „Palast der Winde“ in Jaipur und abermals tausende fahren andersherum. Und nur einer wandert. Die Leute fahren ohne anzuhalten. Es sei denn sie müssen mal. Zwischen den zwei Touristenorten gibt es nur Ärger, Schmutz und Trübsal. Nicht in dieser Reihenfolge, sondern immer alles gleichzeitig.

6.1.08 Bharatpur. Leute! Ich habe ein Würstchen gemacht!!!! :-) Ich habe mich noch nie so über ein Würstchen gefreut wie heute. Nicht mal über Tofuwürstchen. Der Durchfall ist besiegt und ich kann erstmals wieder frei und ungezwungen durch die Lande marschieren ohne nach einem freien Busch Ausschau zu halten. Ach ist das schön… Heute stand ein langer, langer Marsch nach Barathpur an. Die Straße geht immerzu geradeaus. Ich nehme mal an, dass das für die Autofahrer sehr ermüdend sein muss. So erklären sich auch die zwei Frontalunfallfahrzeuge die am Straßenrand zerknautscht auf ihre letzte Fahrt warten. Morgen endet Rajastan nach zwanzig und ein paar zerquetschten Kilometern. Ich werde von der Grenze aus vorfahren nach Agra und die Etappe am nächsten Tag erledigen. Ich muss nämlich dringend der Lufthansa eine Adresse mitteilen damit die meine blöde Senator-Kreditkarte dahin schicken können. Meilensammeln macht Spaß. Aber nun hat der letzte Flug mit der Austrian Airlines meinen Status von Frequent Flyer nach Senator verschoben und meine Kreditkarte, die bislang reibungslos funktionierte und nicht einmal verkratzt war die ist gestern einfach „abgelaufen worden“… Im Prinzip bin ich nun mittellos bis auf die paar Kröten, die ich in bar dabeihabe. Kein gutes Gefühl. „Wir schicken Ihnen gerne eine nach Indien…“ meint Lufthansa. Na toll. Das ist ein guter Vorschlag. OK. Es könnte schlimmer sein, denn es gibt sicher noch ein paar Länder die korrupter sind als Indien. Aber nicht viele. Ich werde jetzt mal erst schauen ob ich ein Hotel finde in dem ich diesen Harakiri-Austausch vornehmen kann. Ich komme ja Anfang Februar nach Hannover, entweder mit der AUA oder Swiss oder Lufthansa. Vielleicht lasse ich die Karte einfach zum Flughafenbüro der Airline schicken mit der ich fliege. Oder… ach was weiß ich. Kaum ist der Durchfall weg kommt die nächste Kacke.

Kinderarbeit gibt es in Indien ja nur noch ganz wenig. Die arbeitenden Kinder, die ich gestern und heute in den hiesigen Ziegeleien habe schuften sehen die bessern sicher nur ihr Taschengeld auf. Oder sind Hobbytöpfer. In den Restaurants, Schuhfabriken und sonstigen Betrieben werden Praktiken und berufsvorbereitende Massnahmen gemacht. Dass das im zweiten Grundschuljahr geschieht... naja. Man bereitet hier halt die Kinder zeitig auf ihren Beruf vor...

 

 

Aktuelle Meldung - Jaipur (3692 km), 31. Dezember:

Wünsche zum Neuen Jahr? Besser nicht. Noch weiß ich nicht, was das Neue Jahr im Schilde führt. Ich bin misstrauisch und wünsche mir vom neuen Jahr gar nichts. Außer in Ruhe gelassen zu werden. Das wäre schon eine wesentliche Verbesserung. 2008 kann das erste komplette Jahr seit zwei Jahren werden. 2006 und 2007 sind mir insgesamt zehn Monate gestohlen worden. Wahnsinn… fast ein ganzes Jahr einfach futsch.

Und Silvester? Ich gehe heute Abend zeitig zu Bett und melde mich morgen auf der Strecke zurück. Nicht allerdings ohne spezielle Grüße nach WT zu senden. :-) Herzliche Grüße / Glückwünsche zum vierten Geburtstag. Ihr seid großartig und macht Eure Sache echt gut! auf ein neues, unkompliziertes 2008 ohne Komplikationen und sonstigen Mist. Christine schließt sich diesen Wünschen an, seid Euch da sicher.

Meine nächsten Etappen sind einfach und schnell erklärt: Ich wandere jetzt nach Osten und zwar so lange bis Indien aufhört. Ich gebe Euch mal eine kleine Etappenausschau. Wer mitwandern möchte, der ist mir herzlich willkommen, sollte aber dringend eingelaufene Schuhe mitbringen - und körperlich und geistig so fit sein wie Jackson :-)

00 Jaipur 31.12.
51 Dausa 2.1.
63 Mahwa 4.1.
60 Bharatpur 6.1.
56 Agra 9.1.
65 Shikohabad 11.1.
62 Etawah 13.1.
61 Auraiya 15.1.
80 Akhbarpur-Kanpur 17.1.
77 Fatehpur 19.1.
120 Allahabad 23.1.
130 Varanasi 27.1.

In der den Hindus heiligen Stadt Varanasi, am heiligen Fluss Ganges, steht dann der erste Schuhwechsel an - nach gewaltigen 4517 Kilometern!

Für ein einziges paar Schuhe ist das eine Riesennummer. Heinz, der diesen Schuh entwickelt hat, hat dieses Paar im März einfach wahllos von einer Palette genommen. Das ist also keine verstärkte Version, sondern aus der Normalproduktion entnommen. Auch so ein Schuhwechsel möchte geplant sein, denn FedEx liefert nicht an jede Bambusbude. Sobald ich den neuen Stiefel am Fuß habe geht es auf die 700 km lange Zielgerade nach Kalkutta. Und diese 700 Kilometer sind bereits die Einlaufphase des neuen Stiefels für den Jakobsweg von Hannover nach Santiago den ich am 13. März 08 beginnen möchte.

Was mich in Varanasi auch verlassen wird, ist mein Rucksack. Der Pack hat sich bewährt, wird aber nun zunehmend unbequemer. Und ich werde meine Kamera, die Canon EOS 5D abwerfen und für die letzten Kilometer einen Digitalwinzling einpacken. Die Canon EOS 5D hat sich nicht bewährt sondern gibt mir Fehlermeldungen ohne Ende. Ich werde sie an Canon einschicken und hoffen, dass sie die Maschine noch einmal fit bekommen.
 
Ich wünschte mir dass der Rest der Strecke locker und cool ablaufen würde – aber die Strecke von Jaipur nach Kalkutta wird noch einmal richtig stressig. Cool und lässig gibt’s eigentlich nur im Werbefernsehen oder im Katalog der Outdoorversandhäuser. In der Realität musst Du jeden Kilometer aus dem Asphalt stanzen während Du dreckig und verschwitzt Kalorien rechnest, oft grauenhaft schmeckendes Wasser trinkst („Gießkannenwasser“ hat Jackson das genannt) obwohl Du gar keinen Durst hast und abends zwischen „Schlafen“ und „Essen“ eine Münze wirfst. Manchmal verschiebe ich das Abendessen einfach auf den nächsten Morgen…

Rund 5213 Kilometer stehen auf meinem Tacho wenn ich im Biergarten im Fairlawn Hotel ankomme. Wenn ich ankomme... Der National Highway 2 (auch Grand Trunk Road oder GT Road genannt) ist eine Herausforderung an sich: Es ist die Straße mit der größten Verkehrsdichte Indiens, mit den meisten Unfällen und mit den meisten Toten.

112 Sasaram 9.2.
45 Aurangabad 10.2.
47 Sherghati 11.2.
73 Barhi 13.2.
72 Dumri 15.2.
106 Kulti 18.2.
128 Barddhaman 22.2.
113 Kolkat 25.2.

Ihr Lieben, ich werde mich bereits jetzt ein ums andere Mal für Euer „Mitreisen“ bedanken: Ihr habt mein Leben durch Eure E-Mails und Euren Kontakt auf der Strecke interessant und oft auch lustig gestaltet. Ohne Euch wäre dieser Marsch nicht das gewesen, was er war bzw. ja noch ist, denn noch sitze ich nicht im Biergarten sondern im Café Coffee Day in Jaipur.

Meine Muskeln sind aufgetankt und es sind nur noch acht Wochen bis ich dem chaotischen Indien Lebewohl sage. Aber gerade durch das grosse Chaos, die unentwegten Eingriffe ins Privatleben und die andauernden Belästigungen sind die Momente der Ruhe, die Momente des Friedens umso bedeutsamer.

Bis die Tage.

Bert Simon.

Das letzte P.S. des Jahres: Auch heute gibt es kein abschließendes Urteil im Fall Tanja Streit. Gerichtsverfahren um Kapitalverbrechen ziehen sich oft über Jahre hin und mein Fall ist keine Ausnahme. Würde Tanja nicht zum Personenkreis derer zählen, die unter der Erbkrankheit Mukoviszidose leiden, würde das Verfahren bereits beendet sein. So musst Du einfach eine Eselsgeduld aufbringen und ein endgültiger Abschluss, der ja auch ein stückweit Sühne und Wiederherstellung bedeutet, der bleibt Dir erst einmal für Jahre verwehrt – auch wenn die Sachlage unstrittig und das Urteil bereits vom Bundesgerichtshof bestätigt wurde...

 

Aktuelle Meldung - Jaipur (3692 km), 30. Dezember:

Kleiner Denkfehler. Große Wirkung. Alle RAW-Dateien auf meinem Notebook sind aus Versehen seit wenigen Minuten definitiv gelöscht (an EC: Das stimmt wirklich! Ich habe einmal nicht aufgepasst…). Herber Verlust. Grauenhafter Abgang meiner gesammelten Werke. Und es interessiert mich nicht die Bohne. :-)

In neun Wochen endet meine Indienwanderung nach 5000 langen, mühsamen, ermüdenden und herausfordernden Kilometern. Die Bilder werden dann bis auf die 30 besten Aufnahmen zusammengestrichen, das Reisefotoalbum geleert und Platz für meine Pilgerfahrt von Hannover nach Santiago auf dem Jakobsweg geschaffen, die am 13. März 2008 beginnt.

Das Wichtigste, was ich persönlich von Indien mitnehme sind weder exotische Eindrücke noch tolle Bilder sondern einen wiederhergestellten Körper. Als ich hier in Indien ankam hatte ich zehn Monate nichts getan außer in Krankenhäusern herumzuhängen und zu hungern. Der Weg durch Indien hat sich gelohnt: Ich bin „fighting fit“ und kann das, was ich in meinem Leben noch erledigen möchte angehen ohne mich müde vor mich hin zu schleppen. Das einzige, was jetzt noch ein wenig Erholung braucht ist meine Seele. Nach wie vor drehe ich in meinem Kopf kleinere und größere Kreise „und komme nicht so richtig aus dem Quark“. Christine würde das so gesagt haben.

Das Neue Jahr beginnt leider erst einmal im Unfrieden. Mein Anwalt muss einigen Leuten auf die Finger hauen. Klagen sind anhängig, Verfahren laufen. Der Grund ist so einfach wie alt: Wenn Du am Boden liegst, dann gibt es Menschen die versuchen Deinen Sturz auszunutzen. Diesen archaischen Instinkten steht, zu meinem Glück, eine moderne Strafgesetzgebung entgegen. Das ist übrigens nichts Neues. Die meisten Gewaltverbrechen werden von Machenschaften im Umfeld des Opfers begleitet. Das hat damit zu tun, dass für die Opfer ein Leben zu Ende geht und ein neues Dasein beginnt. Das Leben teilt sich messerscharf in „vor der Tat“ und „nach der Tat“. Und wie bei vielen Lebensenden versuchen manche schnell vollendete Tatsachen zu schaffen und sich einen möglichen „Erbteil“ zu sichern.

Erbstreitigkeiten nehmen mitunter eigenartige Formen an. Als Christine am 12. Januar 2007 starb, da war sie nicht einmal eine Stunde tot als sich die ersten „Freunde“ durch ihre Sachen wühlten. Zwei Stunden später waren Fernseher, Computer und sonstige Wertgegenstände aus dem Haus getragen. Drei Stunden später waren alle Sachen von Wert geräumt. Am Ende wurde das „Erbe“ ausgeschlagen und Christine bekam ein Armenbegräbnis auf Staatskosten.

Am Sozialgrab von Christine gab es dann zuerst Streit, wenig später gar Handgreiflichkeiten zwischen ihrer Familie und dem „Verein“. Es ging um … eine Box, in der die Trauergäste Grußkarten und geringe Geldbeträge einlegten. Wegen zwanzig Trauerkarten gingen die Menschen an Christines Sarg nicht nur im Unfrieden auseinander, sondern nachher mit Anwälten aufeinander los.

Die besten Freunde von Christine waren erst gar nicht gekommen. Ich lag noch im Krankenhaus und saß während der Beerdigung in der Krankenhauskapelle, ein Ort den Christine gut kannte. Ich war froh nicht zur Beerdigung gekommen zu sein, werde diese Szenen aber in meinem Büchlein festhalten - weil sie so wunderbar typisch sind. Echte Steilvorlagen. Unbezahlbare Einblicke in die menschliche Beschaffenheit. In meinen letzten 18 Monaten habe ich so merkwürdige, so groteske, so verzerrte Dinge erlebt… dass ich Anfragen von Sendern habe, die ein Drehbuch draus machen wollen.

Christine jedenfalls hat sich vor und während der Trauerfeier und auch danach sicherlich den Bauch gehalten vor Lachen – und ich grinse, während ich diese Zeilen schreibe, ebenfalls über beide Backen… Wir haben über genau diese Sache oft spekuliert und das, was wirklich geschah, das hat unsere kühnsten Träume übertroffen :-)

„Todtraurig“, meinst Du während Du das liest? Sicher. Ich stimme Dir zu. Aber im Gegenzug zu denen, die nur Zuschauer sind muss ich mit diesen Geschichten weiterleben. Und wenn Du die Augen voller Tränen hast, dann kannst Du gar nicht klar sehen. Deshalb konzentriere ich mich auf das, was der eigentliche Kern der Sache ist: Es ist Komik.

Wie oft kommt es vor, dass sich erwachsene Menschen für ein gebrauchtes Fernsehgerät bis auf die Knochen blamieren? Na siehste. :-)

Durchhalten! Noch hat das Jahr noch einen Tag über…

Euer Bert Simon.

 

Aktuelle Meldung - Jaipur (3692 km), 29. Dezember:

Dass Benazir Bhutto ermordet worden war habe ich erst gestern Nachmittag mitbekommen - als ich den automatischen Sendersuchlauf des Fernsehers in meinem Zimmerle bediente. Da tauchte plötzlich "Bhutto laid to rest" auf. Wieso schon wieder? Bhutto wurde doch schon ’79 begraben… Ich unterbrach den Suchlauf und sprang die paar Sender zurück. Unglaublich. Da haben sie also einen der Top-Leader Pakistans erwischt. Wie von langer Hand geplant.

Und als ich dann in meinen Postkasten sah waren da schon die ersten Mails mit den ersten Fragen. Ich bin durch Pakistan marschiert, als Benazir in Amt und, naja, Würden war. Unter Benazir gab es, das eine Randbemerkung, keine Pressefreiheit und nur wenig Rechte für den normalen Bürger. Dafür aber massive Korruption. Pakistan stand, weltweit gesehen, an Nummer zwei der korruptesten Staaten nach Angola. Aber nur deshalb, so ein gängiger Witz, weil die Statistiker bestochen worden sein sollen :-) Aber das wird, in der nun stattfindenden Verklärung, sicherlich schnell vergessen sein. Ich versuche Euch einfach mal die drei Gründe zu benennen, die ich als Ursache für dieses Attentat sehe:

1.) Benazir selbst. Benazir Bhutto hat in den letzten Jahren mit vielen gestohlenen Millionen in den USA und in England, in Dubai und sonst wo im selbst gewählten Exil gelebt und munter Deals eingefädelt, dabei aber ihre Landsleute und ihre Partei in Pakistan mehr oder weniger hängen lassen. Meist mehr, selten weniger. Das Mausoleum, die Grabstätte ihres Vaters, wurde – und das ist ein deutliches Zeichen – während ihrer Abwesenheit permanent geschändet. Jetzt kommt sie, nach Einfädelung eines weiteren schmutzigen Deals, plötzlich nach Pakistan zurück. Aber das Land hat noch gute Erinnerungen an ihre korrupten Regierungen. Benazir wird als eine verwestlichte, unislamische, und - das wiegt am schwersten! - unpakistanische Frau empfunden die zehn Jahre lang im sündigen Westen gelebt hat. Und jetzt hängt sie den großen Führer raus. Völlig abgehoben und zunehmend unerträglich. Die letzten Interviews, die diese Frau gab waren völlig durchgeknallte Zeugnisse ausgeprägten Größenwahnsinns und Abgespaltenheit von dem ihr einstmals gewogenen Land. „Was werden Sie denn als erstes machen, wenn sie nach Pakistan zurückkehren?“ fragt die Interviewerin. Anstatt nach dem Rosengarten zu sehen oder ein pakistanisches Essen zu genießen antwortet Bhutto: „Als erstes werde ich das Grab von Muhammad Ali Jinnah (Gründer von Pakistan) besuchen. Er ist meine Inspiration…. blablabla… Eine halbe Stunde lang gab sie verquirlte Scheiße zum besten ohne jeden Tiefgang. Das pakistanische Establishment ist nicht blöd, sondern politisch sehr beschlagen, hellwach und orientiert! Vermutlich beschlagener und orientierter als wir Deutschen. Benazir lebte in ihrer eigenen verdrehten, verzogenen, wohlhabenden Welt und war politisch zuletzt völlig neben der Kappe: Erst lässt sie sich von Musharraf einwickeln und legalisiert seinen Wahlsieg in dem Sie am Wahlboykott der anderen Parteien nicht teilnimmt. Dann, als sie erkennt dass sie von Musharraf gelinkt wurde, versucht sie Allianzen mit den Leuten einzugehen, die sie durch diese Aktion nur wenige Tage vorher nackt in den Wind gehängt hat… In dieser wirren Welt gehört es dazu, dass man auch aus dem Sonnendach des gepanzerten Wagens schaut – und das in der Stadt Rawalpindi, einer der eher unüberschaubaren und gefährlichen Städte Pakistans, in denen Attentate gegen Politiker an der Tagesordnung sind. Ihre Personenschützer hatten nicht den Hauch einer Chance. Dass ihr die Leute zujubeln hat wenig mit Popularität zu tun. Das Volk würde in Pakistan einem Affen zujubeln wenn die feudalistischen Großgrundbesitzer dies fordern würden. Die Bhutto Familie ist eine solche. Frenetisches Feiern wird angeordnet und frenetisch wird gefeiert. Der Terrorist allerdings war ein ungeladener Partycrasher.

2.) Die Kinder des Terrors, der heute in Pakistan blüht, die wurden von Benazir Bhutto gezeugt. Die zwei Regierungen unter Benazir haben den Terrorismus nicht nur gefördert, sondern instrumentalisiert, finanziert, motiviert und genutzt. Was die Armee nicht durfte und die UN nicht erlaubte wurde eben von Terroristen erledigt. Benazir wurde von dem Bumerang getroffen, den sie vor 19 Jahren selber geworfen hat und der eine riesige Runde über Kabul, New York, Madrid, London und Mumbai geflogen ist. Bhutto wird in den westlichen, amerikanisierten Medien als Hoffnung und "Gesicht der Demokratie" gefeiert? Benazir Bhutto hatte, und das ist Fakt, Zeit Ihres Lebens mit Demokratie so viel zu tun wie Dieter Hallervorden mit dem ersten Mondflug.

3.) Die USA. Mit der plumpen, öffentlichen und permanenten Parteiergreifung Washingtons wurde Benazir Bhutto zu einem wertvollen Ziel. Die Frage war nicht ob, sondern wann der Terror sie erreichen und ausschalten würde. Hier darf man ruhig laut drüber nachdenken, ob die USA den Tod von Benazir durch diese große, laute Presse möglicherweise bewusst gefördert haben da Benazir dem erklärten und erprobten USA-Freund Musharraf zunehmend gefährlich wurde. Ich persönlich denke, dass die Vereinigten Staaten hier durch Proxi getötet haben. Clever. Nicht mal eine moralische Schuld bleibt hängen. Der perfekte Mord.

Und das ist alles, was es zu diesem traurigen und tragischen Kapitel zu schreiben gibt.

 

 

Aktuelle Meldung - Jaipur (3692 km), 27. Dezember:

Heute fliege ich mit einer "Bierdose" nach Jaipur. "Bierdose" nenne ich scherzhaft die Flugzeuge der Kingfisher Airline. Kingfisher wiederum ist eigentlich dafür bekannnt ein durchaus trinkbares Bier herzustellen. Und das Logo des Bieres, ein Eisvogel eben (Eisvogel = Kingfisher) ist auch auf dem Schwanz der Bierline zu sehen. Der Scherz schlechthin: An Bord von Kingfisher wird KEIN Bier serviert. Alkohol ist auf Inlandsflügen landesweit verboten. Selbst ausländische Fluggesellschaften dürfen erst alkoholische Getränke servieren wenn das Flugzeug abgehoben hat.

Aktuell:

Soeben bin ich in Jaipur gelandet. In der „Pink City“. Ein komisches Gefühl. Da rennen Jackson und ich durch die Wüste mit viel Schweiß und, zugegeben, einigem Ärger auch. Und dann stehst Du irgendwann einfach auf, duschst, fährst gut riechend mit einer weniger gut riechenden Rikscha zum Flughafen. Steigst in Dein Flugzeug ein, das in Toulouse hergestellt wurde. Futterst ein kleines Mittagessen. Ohne Wein. Mit Wasser. Lässt Dich von den Flugbegleitern wohlig anlächeln. Fragst Dich, ob Dich jetzt Angst befallen sollte weil ein 25jähriger Inder Dein Leben in seinen Händen hält. Beschließt, Dich an die Statistik zu halten. Eine Million zu irgendwas. Wird schon nichts passieren. Auch wenn wir keine Hupe haben? Ach, egal. Landest. Fährst mit einem Taxi zum Hotel. Und Du bist soeben knapp 1000 Kilometer gereist. Einfach so. Ohne einen Tropfen Schweiß zu verschütten. Ohne Dich um Nachtlager oder Bettwanzen darin zu kümmern. Ohne angelallt zu werden. Und ohne Beschiss.

Interessant war, dass ein Inder permanent einen Sony Camcorder bediente. Ich dachte schon „Au backe, wenn das man keine Verzögerung gibt“. Ich hatte meine Kamera im Rucksack gelassen weil auf dem ganzen Flughafen Überwachungskameras zu sehen waren. Überall. Und diese engmaschige Überwachung haben sie sicher nicht zum Spaß an die Decke genietet. Bei der Anzahl von Kameras kannst Du nicht mal unbeobachtet einen Popel fallenlassen. Und ich lag richtig. Bevor der Hobby-Spielberg ins Flugzeug durfte, da kamen ein Soldat mit Gewehr und ein freundlicher Mann mit Krawatte. „Camcorder, please!“.  Und dann beschlagnahmten sie den Memory Stick. Auf dem Rollfeld. Einfach so. So freundlich die Kerle waren, so unfreundlich waren ihre Augen. „Wenn Sie ein Wort sagen, dann nehmen wir den Camcorder auch noch mit!“ sagten die. Hätte ich gar nicht vermutet, dass die Soldaten wissen was ein Memory Stick ist. Aber von wegen: Sie wussten es. Und hatten ihn binnen Sekunden aus dem Camcorder rausgefummelt. „Danke. Sie können jetzt fliegen. Namaste“. Und der Stick gesellte sich zu meiner Nagelschere und meinem Obstmesserchen die mich seit Madras begleitet habe und nun ebenfalls in Surat, gegen meinen Willen, festgehalten werden.

Hier, in Jaipur, werde ich über das Jahr bleiben. Das hat einen gewichtigen Grund: In Indien hat sich mittlerweile eine wohlhabende Schicht in der Mitte entwickelt. Hauchfein nur ist der Schnitt im statistischen Kuchen, der diese Schicht ausmacht. Aber immerhin. Und diese statistische Kuchenschnitte reist nun ihrerseits frohlockend und mit Rupien wedelnd durchs Land und blockiert, pardon reserviert alle Räume die sonst von mir belegt werden könnten. Und so habe ich, weil ich das Neu-Jahr-Theater bereits kenne, vorgesorgt und ein Zimmerle in Jaipur gebucht. Ein nettes Bett in sauberem Zimmer, TV, heißes und kaltes Wasser - wenn’s denn laufen will. Telefon gibt’s auch. Wer mich anrufen möchte, der sende mir eine E-Mail. Ein Café Coffee Day ist gleich die Straße runter. Und genug Obst gibt’s auch zu kaufen. So kann es denn kommen, das Neue Jahr. Nur feiern werde ich es nicht, denn dazu muss es sich erst einmal bewähren. Das letzte Jahr hat auch gut angefangen und dann, nach genau zwölf Tagen, schlagartig erheblich nachgelassen. Das Jahr 2007 war im Grunde ja nur acht Monate lang. 2008 wird, wenn es gut läuft, das erste Jahr werden in dem ich einigermaßen normal meinem Leben nachgehen werde. Und, gefühlsmäßig, da geht es langsam bergauf. Und wenn’s nicht so gut läuft … dann werde ich mir eben noch ein wenig Zeit geben.

Alles, alles Gute aus Jaipur und viele Grüsse nach Deutschland.

Bert Simon

 

Aktuelle Meldung - Surat (3692 km), 26. Dezember:

Vorweg: Ich spare mir dieses Jahr Bemerkungen zu Weihnachten und zum Neuen Jahr. Ich möchte, dass es Euch gut geht. Dass Ihr Freude habt. Dass Ihr Euch geborgen und umsorgt wisst. Ich wünsche Euch allen von Herzen das allerbeste.

Weiße Weihnachten gibt es für mich dieses Jahr nicht. Nicht einmal eine Wolke am Himmel. Und das letzte Mal dass ich Regen erlebt habe (außer bei meinem Besuch in Hamburg vor ein paar Wochen) ist schon lange her.

Ich bin einen Tag früher in Surat angekommen und habe 33 Kilometern nicht wie geplant marschieren können. Grund: Nach meinem Auszug aus Baroda – der nicht so funktioniert hat wie ich mir das eigentlich vorstellte… (ich bin, weil ich den Weg aus den Augen verloren habe, sieben Strafkilometer gegangen) begann direkt am Ortsausgang eine Baustelle. „Och, naja, wird schon mal wieder aufhören“. Dachte ich, stellte mein Radar auf höchste Stufe, und wanderte los. 10km. 20km. Baustelle hörte nicht auf. 30-40-50 Kilometer… Mann das zog sich. Gestern dann in Bharuch angekommen – nach 80 km. Immer noch Baustelle. Nach Bharuch ist eine lange, große Brücke. Eigentlich eine gute, logische, natürliche Grenze erst einmal das begonnene Werk zu vollenden und dann den Rest der Welt aufzureißen. Denkste. Hüben wie drüben Baustelle.

Baustellen haben auf Inder einen ganz merwürdigen Reiz. Zuerst einmal wir der normalerweise bereits chaotische Verkehrsfluss gestört. Und wenn das passiert, dann rastet der Inder aus. Sobald die  Bewegung ein wenig erlahmt drückt der Fahrer hier zuerst auf die Hupe und dann aufs Gas. Es gibt schließlich noch die Baustelle. Auf der sind wenige Autos unterwegs. Also kann man da durchbrettern. Wenn ein Bauarbeiter wagt an der nicht einmal asphaltierten Piste zu werkeln wird er weggehupt. Auch der Gegenverkehr eignet sich hervorragend um einen Stau zu umfahren. Dass einem dabei Autos entgegen kommen könnte erschließt sich den hiesigen Autofahrern erst dann wenn das gegnerische Fahrzeug zehn Zentimeter vor ihnen steht und hupt. So und nun haben wir ein Patt! Auf der Baustelle geht nichts mehr. Auf der eigentlichen Spur auch nicht und der Gegenverkehr ist ebenfalls gestoppt - und versucht nun seinerseits auf die Baustelle und in den Gegenverkehr auszuweichen. Das Ende vom Lied ist, dass die Autos aus allen Richtungen kommen. Die Autos sind dabei aber nicht das Problem, da sie sich aufgrund ihrer Größe selber blockieren. die Motorradfahrer allerdings, die schiessen durch die kleinsten Lücken und haben mich bis gestern morgen bereits zwei Mal touchiert. Das war dann der Punkt an dem ich "es reicht!" gesagt habe.

 

 

Aktuelle Meldung - Baroda (3596 km), 22. Dezember:

Ich befinde mich soeben auf dem Abmarsch aus Baroda. Aus einer Millionenmetropole abzumarschieren ist in Indien immer eine sehr heikle Angelegenheit. Es gibt normalerweise eine Einfalls- und eine Ausfallsstrasse und auf der waelzt sich der Verkehr. Andere Wege, die es auch gibt, sind den meisten Indern unbekannt. Wenn man sie nach einer Strasse fragt, dann verweisen sie einen entweder umgehend an den Busbahnhof oder eben auf die Hauptstrasse.

Also fummele ich mir meinen Weg anhand der Sonne, der Verkehrsdichte auf einer Strasse und meiner 1:1500000 Karte hin - diese Karte zeigt immerhin wie z.B. die Bahngleise verlaufen. Wenn ich nun den Zug hoere, und man hoert die Zuege in Indien immer - weil die Menschen permanent auf den Gleisen umherirren - dann weiss ich wie weit ich neben der "Ideallinie" laufe. Am Ende einer Stadt reduzieren sich die Strassen dann wieder zunehmend und gehen ineinander ueber - so lange, bis die Hauptstrasse erreicht ist. Meistens klappt das.

Und dann war da eben dieses kleine Internetcaffeechen am Strassenrand und da dachte ich, ich lasse mal schnell einen Gruss nach Deutschland los. Ich hoffe Euch daheim geht's gut und Ihr nehmt ordentlich an Gewicht zu :-) Immer schoen essen, Leute. Es ist Winter - da braucht man eine waermende Schicht.

Bis demnaechst.

Bert Simon.

PS: Seit ein paar Tagen gibt es einige neue Bilder im Fotoalbum. Nicht verpassen :-)

 

 

Aktuelle Meldung - Baroda(3596 km), 21. Dezember:

Ich komme gerade von der Strecke. Habe hohes Fieber und weiß nicht so ganz warum. Ich verdächtige ein Wasser, das ich vor ein paar Tagen getrunken habe. Seither gehts mir immer bescheidener. Kann sein, dass ich heute einen Mist schreibe. Dann einfach übergehen und auf bessere Zeiten warten :-)

Während ich hier in einem sicheren Hotel sitze (oder aufgrund meiner Gesundheitslage lümmele) betreibt Indien draußen sein beispielloses Chaos: Ein Stromausfall jagt den anderen (Licht an, Licht aus – im 20-Sekunden-Takt) und die Inder scheinen irgendwie alle auf der Straße zu leben. Überall Menschen. Wohin ich schaue. Hunderte. Tausende. Wie ein Ameisenhaufen. Der nichts zu tun hat. 

Ich habe mein Luxushotel „Surya Hotel“ nach einer Nacht, ganz der Schwabe, wieder verlassen und wohne nun im Schatten des Hotels in einem kleinen „Guest House“. Surya kostete alles in allem 1778 Rupien die Nacht, das „Apsara Guest House“ nur 150 Rupien :-) Dafür gibt es hier halt die typische Rock-Bottom-Ausstattung. Das Wort „Absteige“ trifft das Guest House nicht so gut, denn so tief steigen wir in Deutschland für gewöhnlich nicht ab. Wer meint, eine saubere Bettdecke zu bekommen der sollte schnell einschlafen und davon träumen. 

Heute habe ich 36 Kilometer von Anand bis Vadodara nachgeholt, die mir noch fehlten. Eigentlich soll ich nun binnen vier Tagen nach Surat marschieren von wo aus ich vor fünf Wochen von Kerner nach Deutschland geholt wurde. In Surat angekommen werde ich, nach unserem Chat am zweiten Weihnachtsfeiertag (um 17.00 Uhr Eurer Zeit!) einen kleines Flugzeug nach Jaipur nehmen wo ich mit Jackson die Wüstenwanderung begann. 

Von Jaipur aus gibt es zwei Wege – einer geht Richtung Norden nach Delhi. Ich denke, ich spare mir Delhi diesmal. Außer Häuser, Chaos und Smog liegt in Delhi eigentlich der Hund begraben. Und so riecht es da auch. 

Es gibt eine zweite, nicht so große, dafür aber befahrene Straße und die führt geradewegs von Jaipur nach Agra zum „Taj Mahal“. Und im Anschluss daran geht es dann solange Richtung Osten – über die vielleicht heiligste aller Städte, Varanasi – bis ich schließlich im „Biergarten“ lande. 

„Biergarten“ nennen die in Kalkutta wohnenden Deutschen den Hof des altehrwürdigen Fairlawn-Hotels. Und wenn man denen sagen würde, dass man den Hof Biergarten nennt würde man ganz schnell seine Koffer packen dürfen. Dort wird nach wie vor im Kolonialzeitalter gelebt. Stil ist alles und zum Abendessen servieren Inder in weissen Glacierhandschuhen das englische Dinner nachdem eine Glocke die Zeit gewiesen hat. Und dort, an diesem seltsam anmutenden Ort, wird meine Wanderung in acht Wochen nach ca. 5000 Kilometer unterbrochen. 

Von dort aus fliege ich nach Bangalore (hoffentlich sind meine Hamburger bis dahin auch dort… Frage nach Hamburg: Seid Ihr?) und dann nach Pune um am 6. März morgens um 11.30 Uhr die Heimreise anzutreten. Am 13. März lande ich in Deutschland und am 14. März geht es in Hannover auf den Jakobsweg. 

Aber… ich sitze hier in Indien. Und Indien lässt manchmal die schönsten und stabilsten Träume einfach platzen. „Es gibt ein System im System“ versprach mir heute Mittag ein Inder, mit dem ich mich darüber unterhielt. Ich habe dieses Systemsystem allerdings noch nicht gefunden :-)

Alles Gute und viel Freunde so kurz vor Weihnachten.

Bert Simon.

 

Aktuelle Meldung - Anand (3559 km), 19. Dezember:

Heute ein Statusbericht. Was ist derzeit mit / bei / in Bert Simon los?

Zuerst noch einmal einen ganz herzlichen Dank an alle, die mir anlässlich der Kerner-Sendung geschrieben oder gemailt haben. Ich bin durch. Alles beantwortet. Von einer lieben Einladung zum Schwimmen mit Delfinen auf Jamaika bis zum dringenden Rat in meiner (Familien-)Vergangenheit nach einem Toten zu suchen, der mich ins Jenseits ziehen möchte (!?) war so ziemlich das gesamte Spektrum abgedeckt.

Zuerst habe ich gesagt „Schwimmen mit Delfinen? Ey, da gibt es sicher Leute die das viel dringender brauchen […als der große, tolle Bert, Anm. d. Autors]“. Andererseits muss ich mir dann aber auch wieder ins Gedächtnis rufen, dass die Dinge, die sich in meinem Leben abgespielt haben, von mir selber während der Traumatherapie als eine 10 von 10 beschrieben wurden (1 gut erträglich, 10 extrem unerträglich). Und auch wenn ich das ganze heute zu einer zwei von zehn umgemogelt habe (damit ich halbwegs gut schlafen kann) sollte ich vielleicht mein Ego doch mal einen Schritt zurück und den Bert Simon einen Schritt vortreten lassen. Aber dann kenne ich den Simon ziemlich genau und ich weiß, dass er hunderte Gründe (er)finden wird um die Delfine nicht ausprobieren zu müssen. Denn der Simon hat Schiss, dass ein weiterer Trick verreckt. Und so arg viele funktionierende Tricks hat er nicht mehr übrig um sich am Schwimmen zu halten. Vermutlich fährt er sicher nicht (…ein typischer Simon¬-Satz).

Wobei wir wieder bei einem Punkt sind, der mich heute ein wenig zum Nachdenken angeregt hat: Jeder, mit dem ich spreche, meint, dass ich zu souverän, zu abgeklärt gesprochen habe im ZDF. Fand ich nicht. Und finde ich nicht. Ich versuche Euch meinen Eindruck zu erklären:

Wenn man einen großen Stein ins Wasser eines stillen Sees wirft, dann wird die Wasseroberfläche so richtig wild! Auf den Menschen bezogen bedeutet dass, er reagiert auf einen Schlag auf die Seelenoberfläche mit Tränen, mit Zorn, mit Trauer, mit Betroffenheit, mit Angst, mit Liebe. Wild eben. Und sichtbar. Die stillen Schichten des zunehmend dunkler werdenden Wassers, durch die der Stein gleitet bevor er weich vom Grunde des Sees aufgenommen wird, die sind nicht bewegt worden.

Dies geschrieben, gibt es aber auch Angriffe auf das Lebensfundament, nicht auf die Oberfläche. Auf den Seeboden selbst. Zuerst ist da auch wieder die Seeoberfläche bewegt, denn das Ding muss ja durchs Wasser um an den Seeboden zu kommen. Aber die Oberfläche, die legt sich schnell wieder. Bissel Tränen. Bissel Aufgeregtheit. Aber die massive Bewegung des Seebodens, die kann einen Tsunami ausgelöst haben und der äußert sich gar nicht mit Gefühlsausbrüchen. Und das ist, was Ihr bei Kerner gesehen habt. Die Seelenoberfläche ist still aber es sind Energieströme in Bewegung geraten die man nicht sieht oder nur dann wahrnehmen kann, wenn man mich gut kennt. Es gibt in der ganzen halbstündigen Sendung einen Sekundenbruchteil wo man kurz hören kann, was da tiefer in mir abläuft. Den Rest der Sendung habe ich das gezeigt was auch tatsächlich, wirklich so ist – eine ruhige Oberfläche.

 

 

Aktuelle Meldung - Ahmedabad (3482 km), 16. Dezember:

Sodele. Die Stadt Ahmedabad ist zu Fuß erreicht und die tote Ratte (siehe letzter Bericht) ist nicht mehr aus dem Klo aufgetaucht. Das sind die Eilmeldungen des Tages.

Ich habe mich, weil Weihnachten naht – und aufgrund des dadurch sofort verbessert gefühlten Allgemeinbefindens – in einem schönen Hotel einquartiert, in dem es sogar Wireless LAN gibt und allen möglichen Firlefanz wie sauberes Bettzeug, funktionierende Beleuchtung und Badewanne.

Das alles braucht man aber gar nicht, weil es auch ohne geht wie ich mir in den letzten Monaten beinahe täglich bewiesen hatte. Kopfkissen die stinken als hätte jemand reingekackt, Decken die seit Maharadschas Zeiten täglich von anderen Körpern vollgeschwitzt werden und Zimmer in denen lange schwarze Haare der Inderinnen auf und volle Kondome der Inder unter der Matratze liegen. Jackson hat einmal den Vogel abgeschossen. Er hat auf einem plattgedrückten aber getrockneten Gecko und einer benutzten, alten Unterhose geschlafen (natürlich lag darauf noch die Matratze auf die er schlief) :-) Das ist der Standard, mit dem man hier schon rechnen darf - auch wenn die Hotels besser und die Zimmer teurer sind!

Heute mal keine volle Kondome, dafür „Carlito’s Way“ in der Glotze. Ich bin’s zufrieden und beantworte fleißig meine Mail und haue mich irgendwann demnächst aufs Ohr. Morgen stehen zwar nur 36 Kilometer auf dem Programm… aber unausgeschlafen sind die auch nicht gerade toll…

Bis in ein paar Stunden.

Bert.

 

Aktuelle Meldung - Himmathnagar (3401 km), 14. Dezember:

Ich bin wieder im Internetcafe. Der Rikshaw-Fahrer hat mich einfach in ein anderes Café gefahren das auch in einer anderen Gegend sich befindet. Da ich die Stadt nicht kenne habe ich den gestrigen Stadtteil ‘Chaos’ getauft und heute bin ich in ‘Hoffnungslos’ gelandet – gleich daneben.

Indien hat wunderschöne Tiere. Mitunter. Es gibt eine Papageienart, die die Inder ‘Lovebirds’ nennen – grasgrün und mit rotem Schnabel. Dann siehst Du hin und wieder Eisvögel. Das Dumme bei diesen ist dass sie genau solange auf ihrem Kabel sitzen bleiben bis Du Deinen Rucksack abgesetzt hast, die Kamera ausgepackt und gerade wartest bis die Kamera hochfährt. Sobald Du die Kappe von der Linse nimmt fliegen sie davon. X mal probiert. X mal der gleiche Mist. Einfach abgezockt, die Biester.

 

Und dann gabs heute noch was. Und zwar eine ersoffene Baby-Ratte in meinem Duscheimer! Gesternabend eingecheckt, fand ich die Ratte in meinem Bad vor. Das arme Tier floh die glatten Wände hoch, sprang piruettendrehend durch die Gegend – nur rauslassen wollte ich sie ungern – besser Ratte im Bad als Ratte rate mal. Also jagte ich das Tier und es gelang mir einen Eimer drüberzustülpen. Darunter wollte ich die Ratte zwei Tage in Gewahrsam nehmen und hätte sie ja dann freigelassen. Des Nachts hat sie dann einen Houdini gemacht und ist dann von unter dem Eimer geflohen - und in meinen Duscheimer gesprungen?! Dort ersoff sie dann.

 

Nun stand ich also da, mit meinem Duscheimer samt Eklinhalt. Was tun? Da dachte ich mir “Tu’s halt ins Klo. Ist ja nicht Dein Klo. Wenn die Ratte das Ding verstopft… Pech. Ist ja nicht meine Schuld, wenn in meinem Hotelzimmer eine Ratte im Klo steckt”. Also warf ich die Ratte ins Klo und zog ab. Die Ratte verschwand (bis jetzt) und ich auch.

 

Nämlich auf die Strecke. Die 36 Kilometer spulte ich ruckzuck ab und bin nun wieder, naja, daheim eigenlich nicht. Aber in Himmathnagar – da wo eben mein Rucksack steht und jetzt sitze ich im Stadtteil ‘Hoffnunglos’ und haue in die Tasten.

 

Passt bitte auf Euch auf und bis morgen. Ich melde mich dann aus Ahmedabad.

 

Bert Simon.

 

Aktuelle Meldung - Himmathnagar (3365 km), 13. Dezember:

Hotel Matt's (15km) - Rishabhdev (53 km)
- Bicchiwara (44 km) - auf der Strecke (36 km)

Ich bin wieder da! Nach vielen einsamen (und langen!) Kilometern durch die Wüste habe ich heute die Grenze nach Gujerat überschritten, marschiere derzeit rund 370 Kilometer nördlich von Surat und bin, mit grossem Tamtam auf einem Motorrad zum Internetcafe chauffiert worden das sich irgendwo in der Stadt versteckt aber für einen Menschen wie mich nahezu unauffindbar ist, da es im tiefsten Gujarat keine englischen Schilder gibt sondern nur Zeichenfolgen die einen Unkundigen wie mich bestenfalls verwirren.
 
Gerade noch hatte ich die Zeichen für Tee, Klo, Restaurant, Hotel und Internet auf Rajasthani gelernt, da bin ich schon wieder in einem anderen Bundesstaat und das Lernen geht von vorne los :-) Ich wollte zwar ganz besonders cool aussehen, hinten auf dem Motorrad. Aber als wir dann die dreissig Kilometer Geschwindigkeitsmarke überschritten hatten und mit wahnsinnigen 40 km/h durch die Schlaglöcher Himmathnagars flogen, da bekam ich es dann doch mit der Angst zu tun und hing auf dem Motorrad wie ein nasser Sack kurz vorm Umfallen. Nix mit cool. Nur Panik.
 
Heute Morgen gabs dann richtig Stress: Eine R.T.O. Streife (das sind die, die normalerweise für den Betrieb der Highways zuständig sind) brauchte offenbar dringend Teegeld und kassierte die LKW-Fahrer ab. Funktioniert so: Die Männer stehen, mit langen Knüppeln drohend, auf der Strasse und halten die LKW an, die ihrerseits – das Spiel schon gewohnt – fünfzig Rupien aus dem Fenster reichen und dann weiterfahren dürfen. Ich dachte “Ey, das fotografiere ich doch mal” (Bilder stelle ich morgen online wenn ich kann). Und wie ich so knipse, da gab es grosses Geschrei und dann rannten die abkassierenden “Authoritäten” mit ihren langen Stöcken auf mich zu. Die brüllten. Ich brüllte. Alle brüllten. Und nachdem wir alle erst einmal gebrüllt hatten packte ich meine Kamera weg und ging. Das Schöne an Indien ist, dass alles wesentlich dramatischer ausschaut als es das nachher tatsächlich ist. Obwohl… Pseudoauthoritäten beim Bakschischnehmen zu fotografieren ist denn doch ein wenig brisant… Ich hätte mir schon einen Knüppel einfangen können :-)
 
So, nachdem ich jetzt Eure zahlreichen Mails gelesen und davon auch schon einige beantwortet habe mache ich mich nun auf den langen Weg zurück ins Hotel. Morgen stehen erneut knapp 40 Kilometer auf meinem Programm und ich muss dringend meine Beine hochlegen.
 
Viele liebe Grüsse
 
Bert Simon.

 

Aktuelle Meldung - Udaipur (3217 km), 10. Dezember:

Guten Morgen.

Im Aufbruch befindlich sende ich Euch noch einmal beste Grüsse nach Deutschland. Eigentlich wollte ich heute morgen einfach liegen bleiben, da ich gestern Nacht noch schnell ein paar Seiten geschrieben habe. Dann aber habe ich an die lange Strecke nach Surat gedacht – die ja durch das auf-dem-Rücken-liegen nicht gerade kürzer wird – und mich rasch angezogen.
 
Jetzt sitze ich gepackt am PC vor meinem “Lal Ghat Guest House” und trage erstmals sogar ein Buch durch Indien das mir im Guesthouse vor die Flinte kam (“Pokorny lacht”). Wenn ich schreibe und nebenher lese dann geht das alles wesentlich einfacher habe ich gemerkt.
 
Heute werde ich irgendwo hinmarschieren. Richtung Süden. Keine Ahnung wohin - aber ich werde dort schon ankommen. Schaut bitte ab und an vorbei denn sobald ich wieder einen Internetzugang finde melde ich mich sofort wieder.
 
Lieben Gruss und alles, alles Gute,
 

Bert Simon.

 

 

Aktuelle Meldung - Udaipur (3217 km), 9. Dezember:

Ich strecke gerade meine Beine von mir, denn ab Morgen geht es den vierspurigen National Highway Nummer 8 in Richtung Surat, der Stadt in der ich die Richtung wechselte um Jackson ein wenig durch den Sand der indischen Wüste zu führen, ein Weg der zwar interessant aber auch ganz schön anspruchsvoll ist - der Menschen wegen. Du hast auf dieser Strecke nicht nur mit den oft langen Distanzen zwischen den Orten, Mangelversorgung an Nahrung und Wasser zu tun, sondern auch mit der Distanzlosigkeit, mit der Dir die Einheimischen begegnen. Am 24.12. sollte ich, wenn alles nach Plan läuft (und das tut es in Indien seit sechzig Jahren nicht), in Surat ankommen und am 26.12. findet hier um 17.00 Uhr Eurer Zeit der Weihnachts-Chat via Skype statt.

Gestern habe ich mich von einem weiteren der "alten Bekannten" getrennt. Ohne Aufhebens, ohne viel Tralala. Mein Umfeld habe ich bewusst auf eine handvoll Menschen reduziert. Diesen Menschen vertraue ich ohne wenn und aber. Habe ich einst einen beträchtlichen Bekanntenkreis unterhalten, so ist heute eine unmittelbare Kontaktaufnahme zu mir nahezu unmöglich und die Qualität meines Umfeldes war nie besser. Mein Telefon ist ein Anrufbeantworter geworden und wer mich per E-Mail anschreibt der bekommt nicht immer eine Antwort. Das gab's so früher nicht.

Eines der merkwürdigsten Dinge, die mich seit des versuchten Mordes an mir prägen ist die Unwilligkeit - oder Unfähigkeit - zur Diskussion. Habe ich früher immer alles stundenlang und bis zum Exzess ausdiskutiert haben wollen, so endet heute jedes Streitgespräch nach wenigen Minuten, oft Sekunden. Es gibt viel wichtigeres als Diskussionen über Dinge zu führen, die meist so trivial sind, dass man sie bereits wenige Minuten nachdem man zuendegestritten hat, vergisst. Frieden ist nicht, wenn man einen gepflegten Krieg der Worte führt und bei einem Glas Wein mit Verben und Adjektiven um sich schiesst. Frieden ist, wenn man die Sichtweise des anderen versucht zu verstehen - auch wenn man selbst eine ganz andere Meinung hat.

Was hat der 'Balast' gesagt? Er hat über ein paar Kapitel meines Buches geurteilt, die ich ihm im Vertrauen zusandte und ein Wort gebraucht, dass mich nachdenklich gemacht hat. Er meinte, meine Geschichte sei voll von Selbstmitleid. 'Moment', habe ich gestern Nacht gedacht: 'Wieso muss ich eigentlich mit allen Menschen Mitleid haben, denen etwas schlimmes passiert? Und nur dann, wenn mir selber Unglück widerfährt, dann ist es schlecht wenn man für sich selbst Mitleid empfindet?'.

Wisst Ihr was auch ganz komisch ist? Wenn ich einen Brief oder ein Buch schreibe, dann erwartet man von mir, dass ich "mein Täter und ich" schreibe - und nicht "ich und mein Täter"... Wir leben offenbar in einer Welt, in der man a.) kein Mitleid mit sich haben darf, wenn einem etwas Schlimmes zustösst und b.) in der die Schreib- und Benimmform uns dazu zwingt dem Täter den Vortritt vor mir, dem Opfer, zu geben.

Werde da heute noch ein wenig drüber nachdenken und mich im Laufe des Tages wieder melden :-)

Euer Bert Simon.

 

Aktuelle Meldung - Udaipur (3217 km), 8. Dezember:

7.12. Nathdwara (49 km) - 8.12. Rajnagar (14 km)

Heute melde ich meine dritte Streichdistanz ein. Streichdistanzen sind Kilometer, die ich aus einem nachvollziehbaren Grund nicht gehen kann. Die erste Streichdistanz nahm ich kurz vor Ooty um mit der uralten, UNESCO Weltkulturerbe Zahnradbahn zu fahren, die zweite weil Elefanten in einem Nationalpark die Strassen unsicher machten. Und heute, da nahm ich eine Streichdistanz von 24 Kilometern. Diese 24 Kilometer befinden sich zwischen Gobli und Rajnagar und können auch als Marmor-Allee bezeichnet werden. Marmor wird in der hiesigen Region Indiens abgebaut. Der indische Marmor kann mitunter die weltberühmten Farben und Formen des italienischen Marmor übertreffen. Meist jedoch eher nicht. Auf rund 40 Kilometer ist der gesamte Strassenrand mit Marmorscheiben und deren Verkäufer bestückt (Bilder folgen heute abend).
 
Der Marmor ist nicht das Problem gewesen, denn der steht nett anzusehen da und schweigt. Aber zwischen den stillen Marmorscheiben da sitzen Männer die nichts zu tun haben. Und da nur alle paar Stunden mal ein Kunde kommt und es auch nicht viel kostet, einen Mann zu bezahlen (ca. 2000 Rupien in Monat - 40 Euro) hocken diese Menschen den ganzen Tag, einen Tee nach dem anderen trinkend, in Gruppen herum und haben nichts besseres zu tun als den vorbeiwandernden Bert zu nerven und ihm zuerst zuzubrüllen als wenn der keine Ohren hätte, dann ihm vielleicht mal in den Weg zu springen oder gar Steinchen hinterher zu werfen.
 
Wenn das einmal passiert dann ist das erträglich. Wenn das zehn mal geschieht, dann ist man in Indien. Wer allerdings einen Spiessrutenlauf von 40 Kilometern absolvieren muss, der braucht entweder einen Wanderpartner (mit dem man sich als Team gegenseitig bereits von den einheimischen abschottet in dem man Deutsch spricht), eine Uzi mit viel Munition oder eine Eselsgeduld. Meine Geduld reichte für 13 Kilometer und rund 500 "Angriffe". Und diese 13 Kilometer waren ganz schön lang! Danach merkte ich aber, wie ich mehr und mehr unbelastbarer wurde. Das ist ähnlich wie Unterzuckern - ausser dass Du gegen den Frust nicht anfressen kannst.
 

So war das heute. In Indien. :-)

 

 

Aktuelle Meldung - Udaipur (3154 km), 7. Dezember:

30.11. Bhim (28 km) - 1.12. Deogarh (36 km) - 2.12. Gobli (32 km)

Guten Morgen. Ich bin soeben erfolgreich aufgestanden, habe meine Füsse mit Pflasterstreifen abgeklebt und sitze nun beim letzten Tee. Das ist das unwiderrufliche Zeichen für den Aufbruch auf die Strecke. Ab heute bin ich wieder der Wanderer, der zum Mond geht, und nicht der Tourist der am See mitten in der Wüste sitzt und müde ist von den Dingen die er noch nicht vollbracht hat. (Was aber auch mal sein muss, weil ich ansonsten mit einem Kamel verwechselt werden könnte - die rennen auch nur durch die Wüste und trinken gar keinen Tee).

In den kommenden drei Tagen werde ich die Strecke zwischen Udaipur und Gobli absolvieren - ein kleines Stück Weg das mir noch fehlt. Erst dann, am Montag, wenn dieser ca. 90 Kilometer lange Abschnitt zurückgelegt ist werde ich korrekt in Udaipur angekommen sein. Ich nehme die Distanzen sehr ernst. Es gibt keinen Meter, den ich nicht wirklich gegangen bin. Was ich als Kilometer angebe, das ist auch mit den Füssen gewandert worden.

Draussen vor dem Raum, in dem die Computer stehen, sitzen die indischen Inhaber frierend vor einer ehernen Schale in der ein helles, heisses Holzfeuer brennt. Die Nächte werden mittlerweile für hiesige Verhältnisse bitterlich kalt und so früh am Morgen (7.00 Uhr) ist es auch für mich recht unangenehm.
 
Jackson ist ab heute wieder auf dem Weg nach Hause und wird morgen Nachmittag in München ankommen. Ich beneide ihn seit Tagen und würde - zumindest für den Moment - gerne mit ihm tauschen. Im Grunde würde ich gerne komplett mit ihm tauschen. Ein neues Leben wäre manchmal eine erhebliche Verbesserung zu meinem nach wie vor oft erheblich angeschlagenen Sein. Ich hoffe, dass er, einmal zurück daheim, uns einen kleinen, ehrlichen Reisebericht schreibt. Wie es hier war. Und wie er mich und Indien erfahren hat.

Für Jackson beginnt die Reise aber erst einmal recht indisch und das heisst, es wird eine Fahrt ins Ungewisse: Bis gestern Abend war mit seinen Rückzugsplänen noch alles in bester Ordnung. Dann aber schlug der Chaos-Gott mit seinen mindestens acht Armen zu und um zehn Uhr Abends gab es das erste, grössere Problem: Die Busse sind für heute sind anscheinend alle ausgefallen und er muss wahrscheinlich mit dem Taxi ins 250 Kilometer entfernte Ahmedabad fahren. Diese Fahrt kostet ihn 50 Euro und einen kleinen Haufen Zusatzärger. Aber was tut man nicht alles, um nach Deutschland zu kommen... ? :-)

Ihr Lieben, ich werde mich und meinen Rucksack jetzt packen und freue mich bereits auf die ersten Kilometer. Mit den ersten Schritten fallen auch die Ketten des Luxus' und der Trägheit, die mich nach einem mehrtägigen Aufenthalt mit einem Ort verbinden, ab.

Und das ist ein gutes Gefühl, denn so richtig frei ist der Mensch nur zwischen zwei Wanderschritten. (So, das war jetzt mal wieder ein echter Bert Simon!)

Lieben Gruss und alles, alles Gute

Bert Simon.


PS: Der nächste Chat mit mir findet am 2. Weihnachtsfeiertag um 17.00 Uhr statt. Geschenke alle ausgepackt? Gans weg? Geschirr gespült? Langeweile... ? Dann komm' einfach in den nachweihnachtlichen Chat und wir unterhalten uns zwischen den Jahren - zum letzten Mal aus der indischen Wüste.

 

Aktuelle Meldung - Udaipur (31?? km), 6. Dezember:

Wie sich doch die Dinge gleichen:

10. Oktober 2007 in Hamburg: "...Die 28 Jahre alte Hamburgerin liegt seit gestern mit schweren Stichverletzungen im Krankenhaus. Ein 47 Jahre alter "Stalker" steht im Verdacht, die Frau niedergestochen zu haben. Er sollte noch heute dem Haftrichter vorgeführt werden.

Nach Angaben der Polizei kannten sich das Opfer und der mutmaßliche Täter seit fünf Jahren. Bereits seit 2005 war dem Mann durch eine gerichtliche Anordnung untersagt worden, sich der Frau zu nähern. Am Montag habe er jedoch erneut Kontakt aufgenommen, woraufhin die Frau Anzeige erstattete. Die Beamten hätten den Mann zwar verwarnt. "Wir können ihn aber nicht ohne rechtliche Grundlage festnehmen", sagte die Polizeisprecherin."
 

 

Wir haben ein bundesweit gepriesenes Stalking-Gesetz. Es gibt eine richterliche Anordnung. Die Rechtsgrundlage auf der eine Festnahme zu erfolgen gehabt hätte ist definiert. Der Täter nimmt trotz Richterspruch Kontakt auf und die Polizei tut - nichts.

Ich fühle mich sehr traurig und verzweifelt, da sich an der Situation der Stalking-Opfer trotz Beteuerungen und politischem Jubel wenig geändert hat. Christine und ich wurden jahrelang belächelt. Und bis heute ist es dabei geblieben. Die Opfer befinden sich auch nach der Schaffung einer klaren Gesetzesgrundlage im März diesen Jahres in einem rechtsfreien Raum. Mehr noch: Die Rechte der Stalking-Opfer auf ein unbeschwertes Leben wiegen offenbar weniger als die Persönlichkeitsrechte der Täter.

Darüber und natürlich über meine Wanderung durch die indische Wüste unterhalten wir uns heute im Bert-Simon-Chat, der um 17.00 Uhr Deutscher Zeit auf dieser Seite stattfindet. Den genauen Link findet Ihr gegen 16.30 auf dieser Seite.

Liebe Grüsse,

Bert Simon.

 

 

Aktuelle Meldung - Udaipur (31?? km), 4. Dezember:

Wir sind soeben gut aufgewacht. Ich sitze bereits am Computer (logisch, sonst würde hier ja nichts stehen), 'checke' meine E-Mails und erfreue mich des ruhigen wenn auch kalten und durch die vielen Feuer leicht angesengt riechenden Morgen. Gestern war hier am See ein riesiges Feuerwerk (was ich nicht gesehen habe, weil ich noch Büroarbeiten erledigte). Grund: der Ministerpräsident Rajasthans ist in Udaipur zu Gast. Dann spielten bis weit nach Mitternacht die Gypsie Kings - ob live oder vom Band? Keine Ahnung. Wird aber wohl live gewesen sein, da die derzeitige Urlaubsresidenz des 'Chief Ministers' der Palast eines Rajputs ist. Rajput sind die ehemaligen König der Wüste. Die Krone mussten sie schliesslich ablegen, die von den Untertanen eingesammelte Kohle durften sie aber behalten und so sind die Rajput anders als ihre indischen Landsleute sehr (sehr!) reich und gut beschult. Und wenn ein Rajput mal eben eine Million für einen Feier-Abend ausgeben will, dann tut er es - ohne dass er deshalb seinen Dispokredit bemühen müsste...

Mittlerweile kippt die Sonne rasend schnell vom Firmament. Sonnenuntergänge dauern nur wenige Minuten. Wer romantisch sein möchte, der muss sich beeilen und zwar zackig sonst ist's duster in Indien. Was wir am Abend so machen? Nebenan gibt es ein gutes Dachterassenrestaurant in dem wir um 19.00 Uhr den Film "Octopussy" sehen werden - Pflicht für jeden Udaipur-Besucher. Die Verfolgungsszenen des Films: Autorikschas. Die exotische Kulisse: Die hiesigen Seepaläste die ich noch nicht fotografiert habe weil ich an meinem Buch arbeite.

Nach dem Abendessen werde ich das Reisetag-Fotoalbum hochladen in dem Bilder aus meinem Wanderleben zu sehen sind. Im jetzigen Internetcafe kann ich die Bilder seltsamer Weise nicht hochladen daher werde ich nachher die Computer noch einmal wechseln.

 

3.12. Noch einmal der aktuellste Tipp Am 6. Dezember gibt es um 17.00 Uhr den ersten Chat – mitten aus der Wüste in Dein Wohnzimmer an den PC. Infos gibt es oben in meinem Aktuell-Kasten. Und: Es gibt neue Bilder im Fotoalbum – Bilder der vergangenen Woche.

Während ich über die letzten Tage nachdenke sitze ich bei einem Glas Wasser und einer Handvoll Cracker (Carr’s Table Water mit zerstoßenem Pfeffer) in Udaipur, schaue über den See und denke an Euch im fernen Deutschland. Hier in Indien ist weder Advent noch gibt es Weihnachtskonsum. Die Inder tun, was sie immer tun. Zu wenig. Und die Touristen tun das, was sie immer tun. Zu viel. Und wenn es Carr’s gibt, dann gönne ich mir die – weil mich die Wüste schon recht bald wieder hat. Jackson hat heute seinen Rückzug nach Deutschland organisiert und für mich könnte es ebenfalls schon bald wieder einen Überraschungsbesuch in der Heimat geben, denn mir liegt die Anfrage einer Sendung vor, die mich von ihrem Format her anspricht (die Sendung natürlich, nicht die Anfrage). Und um den Stress zu verkomplettieren habe ich heute mein Probekapitel abgeschickt – das erste von einigen Kapiteln die sich noch auf meinem Diktiergerät und noch viel mehr Kapitel, die sich in meinem Kopf befinden. Ich werde die Wüste dazu zwingen meine intimsten Erlebnisse anzuhören und das Band läuft mit.

Udaipur hat sich in den dreizehn Jahren meiner Abwesenheit zwar verdreifacht, ist aber das seltsame Dorf inmitten der Wüste am See geblieben. Der James Bond Film „Octopussy“ wird nach wie vor jeden Abend aufgeführt und ausser Touristenhorden und den flüsternd gehauchten Worten „Haschisch? Haschisch?“ der merkwürdigen, halbwüchsigen Inder, die im Halbdunkel jeder Ecke stehen ist alles so, wie es immer war. Oder auch nicht. Derzeit ist „Heiratswoche“ in Indien. Jeden Tag heiraten etwa zehn Paare in Udaipur. Das Zeremoniell ist immer Gleich: laute Musik von kleinen Wagen die Jackson und ich „Lärmerator“ getauft haben, weil riesige Lautsprecher und von einem unter dem Wagen befindlichen Generator gespeist werden. Das ganze klingt wie direkt aus der Hölle nur nicht ganz so harmonisch. Der Bräutigam sitzt derweil halbtaub und vollständig schmollend auf einem schmollenden Schimmel und wird am Halfter durch die Strasse geführt. Dann kommt die Zeremonie, das Feuerwerk, das Gefresse der Gäste und das Ende. Danach muss der Feierplatz schnell aufgeräumt werden weil der nächste Schimmel mit dem nächsten Bräutigam schon durch die gleiche Strasse geschoben wird.

Von all dem habe ich heute nichts mitbekommen, da ich meine Büroarbeiten erledigt habe und nun, da es dunkel geworden ist, langsam aber sicher in Richtung Bett pilgere. Ich habe zwar derzeit ein paar Ruhetage, möchte aber meinen Tagesablauf (frühes Aufstehen, frühes Zubettgehen) beibehalten, da ich in vier Tagen wieder auf der Marschstrecke sein werde.

 

2.12. Ich habe zwar alle Termine im Kopf, aber der Kopf ist müde. Wir sind in den letzten Tagen immer wieder über dreissig Kilometer marschiert, haben mal gut und mal grauenhaftes Essen gegessen. Das Merkwürdigste ist, dass Du in den kleinsten Orten kein sauberes Trinkwasser bekommen kannst, wohl aber eine eisgekühlte Cola.

Wir sind just in dieser Stunde in Udaipur angekommen. Jackson will hier die letzten Tage seines Indienaufenthaltes noch einmal geniessen (was ich ihm nach den vielen hundert Marschkilometern nicht verdenken kann) und ich melde mich gleich morgen wieder mit einer Zusammenfassung der letzten Tage und den neuesten Bildern!

Nicht vergessen: Am 6. Dezember findet der erste Chat mit Bert Simon statt. Downloade dazu schon einmal die Skype Software und lege Dir einen Skype Account an. Dann bist Du am 6.12. um 17.00 Uhr Deutscher Zeit mt dabei beim Wüstenchat.

Alles Gute und bis Morgen.

Bert Simon.

 

 

Aktuelle Meldung - Bali (3058 km), 29. November:

Wir kommen gerade in dieser Minute vom heutigen, 35 Kilometer langen Marsch von Beawar nach Bali zurück (nach Beawar). Problem: Die Busse, die uns ja von der Marschstrecke zu unseren Betten in Beawar fahren sollen, die fuhren immer weniger. Und so blieb uns am Ende nichts anderes übrig, als in einen der abenteuerlichen Jeeps zu klettern, die für den lokalen Transport vorgesehen sind. 20 (!) Menschen sitzen in so einem ganz normalen Jeep und ca. sechs bis zehn hängen draussen-hinten dran. Wir hingen mit. Und ich mit ganzer Kraft! Jesses habe ich Angst gehabt. Wenn Du von dem Ding abrutschst, dann ist ausser der Kamera vermutlich noch ein haufen anderer, nützlicher Dinge kaputt. Gelenke, Gehirn und so... Jackson hat, lockerer Jeep-Surfer der er ist, ein Bild mit seiner kleinen Kamera gemacht das mich arg besorgt zeigt, den Jeep im Klammergriff. Mich ins Metall verkrallend wie ein Koala im Eukalyptus. Am 4. Dezember gibt es hier den Bildreport "Einen Wandertag in meinem Leben". Dort wird es zu sehen sein, das Bild (leider).

Der Weg führte uns auch heute wieder durch mit Büschen und stacheligem Bodenbewuchs bedeckte Sanddünen. Es ist interessant zu sehen, wie sich die Wüstenpflanzen mit langen, fiesen Dornen gegen Tiere  zu schützen suchen. Gegen den Menschen sin die Dornen leider ohne jede Wirkung geblieben. Der Mensch tut, was er immer tut - er nimmt mehr als er braucht und hinterlässt gähnende Leere. Besonders dramatisch empfinden wir das Abhauen von Bäumen wenn wir daran denken, wie langsam die Pflanzen in der trockenen, dürren  Wüste wachsen! Das geht nicht so hopplahopp wie bei uns in Deutschland. Ein Wüstenbaum braucht Jahrhunderte um Baum zu werden. Wer solch eine Pflanze füllt, der vernichtet binnen Minuten das Wachstum eines halben oder gar ganzen Jahrhunderts!

Ab Morgen werden meine Berichte hier noch einmal leicht 'unbeständig', da Jackson und ich erneut in der Wüste verschwinden werden (noch sind wir durch den Sandkasten nicht ganz durch). Wir rechnen fest damit, am 4. Dezember in Udaipur anzukommen und müssen uns bis dahin noch sputen. Merkwürdig ist es, wenn wir uns vorstellen dass es bei Euch in Deutschland mittlerweile richtig kalt ist und wir hier in Indien nach wie vor richtiggehend schwitzen.

Und sonst? Persönlich? Derzeit habe ich fünf Fernsehsender die mich lieber in Deutschland als in der Wüste wüssten. Eine der Sendungen würde ich vermutlich sogar machen, aber da laufen noch ein paar Verhandlungen am Rande. Es ist mir sehr wichtig, dass die Sache den Opfern und dem WEISSEN RING nützt. Nur eine spektakuläre, spannende Geschichte zu erzählen, dafür ist mir das Thema und die Not der 600 000 Menschen die derzeit in Deutschland unter einem Stalking leiden einfach zu eindringlich.

Ich mache mich nun auf den Weg in unser Hotel ("Kanak") und melde mich wenn nicht morgen, dann so schnell ich kann. Schaut einfach ab und an vorbei. Ich freue mich über Euch.

Herzliche Grüsse und alles Gute.

Bert Simon.

 

 

Aktuelle Meldung - Beawar (2994 km), 27. November:

Wir sitzen mitten in der Wüste, viel Sand an den Rändern der Strasse, und haben ein kleines aber sehr gutes Internetcafe gefunden - mit DSL Leitung! Rund zehn einheimische, wüstentaugliche Jugendliche schauen uns (noch) auf die Tasten und haben ihren Spass. Das wird sich aber nach zwanzig bis dreissig Minuten legen (je nach IQ der Zusehenden), denn es ist auf Dauer einfach nicht interessant genug Menschen beim Schreiben an einem Computer zuzusehen.Auch nicht, wenn die Schreibenden weisse Finger haben. Wenn ich im Zoo bin, dann wird der affigste Affe irgendwann langweilig weil er eben nichts anderes tut als affig zu sein. Die Situation mit dem Bescheissen haben wir ab heute ganz einfach gelöst: Wir bezahlen den Preis, den wir kennen und wenn die Wirte uns Kamel, Warzenschwein oder sonstwas hinterher schreien - es gibt keine Rupie mehr. So kommen wir wesentlich angenehmer ans Ziel, weil wir uns als Gast wieder im Fahrersitz unserer Reise befinden und nicht permanent gehijackt werden.

Heute fand das beste Abenteuer an einem Truck-Stopp weit draussen, jenseits aller Orte statt. Ich sah eine "Pille" in den Truckstopp einbiegen. Eine Pille ist einer der neuen, modernen, abgerundeten Touristenbusse die aus einiger Entfernung wie eine Ciprobay Antibiotikapille aussehen. "He Jackson, lass uns das anschauen, das wird garantiert urkomisch!" meinte ich, bereits über die Strasse laufend. Jackson und ich setzten uns an einen Tisch mit guter Sicht auf die Dinge die hoffentlich kommen sollten und orderten Tee.

Die Türen der Pille schwangen auf und pummelige Mitfünfziger stapften ungelenk in den tiefen Sand des Truckstopps. Die Damen trugen Spaghetti-String-Shirts und Hosen. Einige rauchten. Den einheimischen Indern fielen schier die Augen aus dem Kopf. Jackson begann sich "fremdzuschämen" - ein Begriff, den ich durch ihn kennen gelernt hatte. Fremdschämen tust Du Dich dann, wenn Du Dich wegen eines oder für einen anderen schämst. In diesem Fall liefen die Frauen unseres Kulturkreises in Unterhemden durch die Wüste, denn die Unterhemden der indischen Frauen sehen so aus.

Ihre hängebäuchigen Ehemänner diskutierten währenddessen lautstark die abgefahrenen Reifen eines der LKWs die auf dem Platz vor dem Restaurant standen. Ihren Gesichtern war deutlich anzusehen, wie wenig sie die Maschine der Inder schätzten. Ein LKW ist den Indern ein nahezu unbezahlbarer, ein teurer Stolz. Wer einen LKW fährt, der ist King of the Road. Die Gäste schien das nicht zu interessieren. Dass ihre Pille genau die gleichen Schwächen hat, dass die runderneuerten Reifen unter ihrem dicken Hintern vom gleichen maroden Bremssystem verzögert werden... das konnten sie sich scheinbar nicht vorstellen. Aber so ist das eben in Indien - egal wie toll ein Bus ausschaut, unten drunter sind sie alle gleich (abgewetzt).

Die Touristen stellen sich in Reihe vor die Klos, entleerten sich, stiegen in den Bus und verschwanden so plötzlich wie sie gekommen waren. Keiner hatte etwas bestellt, getrunken, gegessen oder war anderweitig an unsere Tische gekommen. "Indien ohne Inder wäre besser", schrieen ihre nonverbalen Signale. Was die Inder von dieser Art "Import" hielten, das war ihnen anzusehen. Wir bestellten schnell noch einen Tee und benutzten das Klo nicht - um ein wenig Ausgleich zu schaffen :-)

So Ihr Lieben, ich muss immer noch ein wenig Fanmail beantworten. Jackson ist zudem durch den langen Marsch hungrig. Ich melde mich morgen ganz sicher wieder hier.

Ich wünsche Euch alles, alles Gute nach Deutschland und viel Freude - trotz der kalten und kurzen Tage. Lasst euch einfach mal ein Wannenbad ein, nehmt ein wenig Duftöl dazu, zündet eine schöne Kerze an, legt Eure Lieblings-CD auf, lest ein gutes Buch und ... geniesst einfach mal ein wenig (...das habe ich in einer der Kliniken gelernt, die mich behandelt haben, und das tut Euch wirklich gut!)

Bert Simon

 

 

Aktuelle Meldung - Ajmer (2966 km), 26. November:

Bagru (33 km) - Dudu (32 km) - Kishangarh (44 km) - Nasirabad (37 km)

Brandaktuell: Wir sind wieder da! Nach vielen, vielen Kilometern durch die indische Wüste habe ich Euch heute einige Bilder aus einer der eher unwirtlicheren aber fotogenen Regionen Indiens ins Fotoalbum hochgeladen.

Endlich wieder am Datenstrom angenabelt, haben sich in den vergangenen, internetfreien Tagen verschiedene Fernsehsendungen gemeldet, die an meinem Schicksal interessiert sind. Das ehrt mich und belastet mich zugleich, denn ich bin von der letzten Sendung noch fix und alle. Was die Zuschauer nicht sehen ist, dass die von vielen bemerkte Selbstdistanz wahnsinnig viel Energie kostet. Traumatisierte Menschen müssen genau den Bereich in ihrem Leben, der am bedeutsamsten und am eindrücklichsten ist, ausklammern um nicht dauerhaft Schaden zu erleiden. Du kannst eben nicht jeden Tag ungestraft ein Blutbad nehmen. Diese Art Leben funktioniert nur mit Disziplin, Selbstdistanz und Gelassenheit. Um aber das seelische Gleichgewicht während einer Sendung zu halten die sich mit dem Thema beschäftigt das Du vermeiden sollst, musst Du permanent eine Ladung Wackersteine ausbalancieren. Und das ist schwer.
 
Ich bin froh mich, kaum abgreifbar, in Indien aufzuhalten. Das Flugticket um mich in eine Sendung zu holen kostet 110.000 Rupien. Hotel und Unkosten obendrauf… da liegen wir in einem Bereich der den meisten Sendungen zu viel des Guten ist. Johannes B. Kerner war die optimale Sendung mit dem richtigen Format zu richtigen Zeit. Ich habe mir Kerner ausgesucht, weil er nicht oberlehrerhaft und gleichzeitig sensibel mit seinen Gästen umgeht. Er benutzt seine Gäste nicht um sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen. Der nächste Beitrag kommt bestimmt - aber nicht im Boulevardfernsehen. Um meine „Story“ so zu erzählen dass sie anderen Opfern und dem WEISSEN RING nützt, brauche ich mehr als dreieinhalb Minuten Sendezeit.
 
Jackson und ich hangeln uns derzeit knapp am Abbruch unseres Rajasthan-Wander-Abenteuers entlang. Die Leute sind pauschal widerlich, die Art und Weise wie mit uns umgegangen wird ist verletzend. Bestenfalls. Ich habe die ersten drei Tage damit verbracht mich bei Jackson zu entschuldigen. Langsam gehen mir allerdings die Wörter aus. Dass ich diese Sache nicht alleine so sehe, sondern einen eigentlich ausgeglichenen Menschen wie den Jackson an meiner Seite habe, der die im Grunde bizarren Dinge genau so bizarr erlebt wie ich, das beruhigt mich ein wenig. So ganz „daneben“ kann mein Eindruck also nicht sein.
 
Der Abmarsch aus Jaipur gestaltete sich noch einfach. Wir hatten schließlich an der „Ajmer Road“ übernachtet und diese Straße führt, nomen est omen, nach Ajmer. Wir redeten viel und lachten über die vielen Merkwürdigkeiten am Rande der Straße. Da war zum Beispiel ein LKW Anhänger aufgebockt – allerdings nicht so wie in Deutschland. Dem schweren Tieflader waren doch tatsächlich ALLE Räder abgeschraubt worden und nun stand er auf kleinen Türmchen aus wackeligem Naturgestein (habe ich im Fotoalbum für Euch hinterlegt)! Ein latenter Hang zum Fatalismus ist den Indern nicht abzusprechen. Je mehr wir jedoch in die Wüste vordrangen, desto merkwürdiger wurden die Menschen.
 
Die Kilometer flogen nur so vorbei und bevor wir uns versahen waren wir angekommen im Ort, der ein Hotel haben sollte, in Dudu. Die einzige Unterkunft: Das verfallene „Motel Dudu“. Der Preis für ein Zimmer mit schimmeligen Betonwänden, einem einzigen, durchgelegenen Bett und seit Wochen ungewaschenem Bettzeug: 400 Rupien. Ich handelte den bierbäuchigen, mittelalterlich anmutenden Wirt auf 250 Rupien runter – immer noch 100 zu viel aber immerhin hatten wir ein Dach über dem Kopf. Wir vereinbarten mit dem Wirt/Koch/Hotelier ein einfaches Abendessen an dem einzigen Plastiktisch im Hof einnehmen zu wollen. Der Guteste kochte los, unterbrochen nur von der einen oder anderen Zigarette und dem permanenten Ausspucken ansehnlichen Mengen gelben Schleims aus seiner Lunge. Jackson schaute mit großen Augen wenig begeistert zu und ich entschuldigte mich schnell zum mindestens 237sten Mal: „Das ist hier so. Er kann aber gut kochen!“. „Achso“.
 
Schließlich kam das Essen und wir vertilgten eine Handvoll Fishcurry, eine Handvoll Gemüseeintopf, sieben Chapatis und einen kleinen Tomaten-Zwiebel-Salat. Dann kam die Rechnung: 455 Rupien! 455!!! Wir waren an diesem Tag bereits sechzehn Mal betrogen worden (ich habe mitgezählt) und das war nun das Ende. Des Tages. Und meiner Geduld. Ich reduzierte die Rechnung erst einmal einseitig auf immer noch teure 300 Rupien und dann zogen Jackson und ich schon recht sauer auf unser Zimmer. „Jeder Tag wird in Indien irgendwie ruiniert“, meinte er trocken. „Das ist hier so. Aber dafür können sie gut kochen“. „Achso“. Licht aus. Genug gesehen von Indien.
 
Der nächste Tag begann mit den üblichen kleinkriminellen Betrügereien der Teeverkäufer am Rande des Weges. Einer wollte für zwei Tee 30 Rupien haben – etwa zehn Mal so viel wie von den anwesenden Indern. Dumm war nur, dass wir ihm einen fünfzig Rupienschein in die Hand gedrückt hatten und er nun auf unserem Wechselgeld hockte. Um meine Verhandlungsgrundlage zu erhöhen packte ich schnell sein Teesieb. Ohne Teesieb keinen Tee. Das ist schlecht, wenn man eine Teebude hat. Und siehe da: Plötzlich tickte der Mann wieder richtig, gab uns unser Wechselgeld und erfreute sich an seinem Sieb. Die Anwesenden grinsten und nickten mir anerkennend zu. Wie schnell man doch alle Beteiligten glücklich stimmen kann.
 
Das Wandern in Rajasthan war vor 13 Jahren ganz anders. Viel schöner. Auf den Dörfern und in den Städten wurde mir nie ein höherer Preis abgefordert und mir wurde grundsätzlich freundlich und respektvoll begegnet. Das hat sich komplett geändert. Die Menschen schreien Dich vom Wegesrand an. Lachen Dich aus. Bewerfen Dich hin und wieder mit kleinen Steinen. Singen Spottlieder (die ich dummerweise kenne – weil die Inder über kein nennenswertes Spottliedrepertoire verfügen). Wo man singt da lass Dich bloß nicht nieder, denn nur gute Inder singen keine Lieder.
 
Am Abend dann die nächste Schererei. Wir waren nach 44 Kilometer Marschdistanz völlig ausgelaugt und freuten uns auf ein schönes Hotel. Zu früh. Denn das erste Hotel war voll. „Sorry, no rooms“. Das zweite ebenso. „Sorry, no…“. Beim Dritten „Sorry, no vacancy“ grub ich meine Hufe in die Erde wie ein sperriger Esel und ließ den Rezeptionisten / Eigentümer wissen, dass wir hier und jetzt auf seiner Eingangscouch Quartier aufschlagen werden. Wo sei bitteschön die Kundentoilette ich müsse noch kurz meine Socken auswaschen... Er erschreckte sichtlich und versprach uns eine Übernachtung zu vermitteln. Ein Telefonat später ließ er mich, selber am höchsten erfreut, wissen, dass er eine Übernachtung im wunderbaren, uralten, historischen, sehenswerten Maharadscha-Palast organisiert hätte. Ich drehte mich zu Jackson um. „Der will uns ins Palasthotel lotsen. Das kostet aber mindestens 3000 Rupien. Ich habe eigentlich keine Lust 60 Euro für zehn Stunden Übernachtung zu bezahlen“. Jackson war mit mir einer Meinung, dass wir auf der von uns besetzten Couch wohnen bleiben würden. Der Rezeptionist rief währenddessen, auf mein Nachfragen, noch einmal im Palast an um den genauen Preis zu erfragen. 2800 Rupien plus 12,5 Prozent Luxussteuer. Es ist manchmal gar nicht toll, wenn man die Lage kennt in der man sich befindet…
 
Ich begann mit dem Inder zu verhandeln. Der junge Mann sprach nämlich recht gut Englisch und vertraute mir im Gespräch an, dass er nach England wolle. Zum Studieren. Da meinte ich „Nun stellen Sie sich mal vor, Sie kommen nach England und man sagt ihnen ‚Entweder Sie schlafen im Hilton oder auf der Straße’ – genau das tun Sie uns gerade an“. Dieser Hinweis saß. Ihr Lieben, nichts anderes passierte uns gerade – entweder, wir zahlen 3000 Rupien oder wir würden auf der Straße stehen. Plötzlich kam Bewegung in die Sache und von irgendwoher kam die Erlaubnis doch eine Nacht im „Mayur Hotel“ zu übernachten. Hintergrund der gesamten, einstündigen, lästigen Diskussion (nach 44 Kilometern Fußmarsch!): Sämtliche Hotels der Stadt haben einen Deal mit dem Maharadscha-Palast. Wann immer ein Tourist kommt wird er an den Palast verwiesen („Sorry, we are not allowed…“, „Sorry, no room…“) und der Palast sendet für jeden verwiesenen Touristen einen Dankeschön-Scheck über 500 Rupien als „Vermittlungsgebühr“ an die Hotels – der Betrag, der dem Hotel den Ausfall der Übernachtung vergütet. Altes Spiel. Scheiß Spiel. Aber eben typisch für das heutige Rajasthan.
 
Wir sind jetzt in ein schönes Hotel (1000 Rupien die Nacht) und in uns gekehrt und überlegen, wie wir die nächsten Tage „überleben“ wollen. Rajasthan macht es uns nicht einfach – und vermutlich wird sich daran auch in der nächsten Woche nichts ändern. Dem unweigerlichen Ärger stehen lediglich die kleinen, unscheinbaren Kleinode am Wegesrand entgegen, die urwüchsigen Bilder und die wenigen freundlichen Kontakte mit Menschen die noch nicht mit dem Virus Tourismus infiziert wurden – oder immun dagegen sind.
 
Ihr Lieben, wir werden es Euch mitteilen wie die Geschichte weiter geht sobald wir wieder einen Ort finden um die digitale Brücke zu Eurem Computer zu schlagen.
 
Bis dahin alles erdenklich Gute und eine schöne Vorweihnachtszeit.
 

Bert Simon

 

25.11. Eigentlich wollten wir aufgrund des Verkehrs den neuen Highway 79 erwandern. Aber die Einsamkeit und die auf Fahrzeuge ausgelegte Infrastruktur hat uns auf den Highway 8 zurückkehren lassen. Hier, auf dem NH 8 ist zwar das reinste Chaos - aber wir finden wenigstens immer ein Bett am Abend (so bescheiden das auch sein mag). Ich werde mich nun auf mein Zimmerle begeben und an einer langen Zusammenfassung unserer gemeinsamen Reise arbeiten (die geht dann heute Abend online) und Euch noch ganz schnell neue Fotos ins Fotoalbum hochladen.

Drei Kapitel meines in Entstehung befindlichen Buches sind bereits auf mein winziges Diktaphon aufgesprochen und ich bin fleissig beim Abtippen. Jackson hat sich noch nicht ganz mit Indien angefreundet - die Menschen hier machen es ihm sehr, sehr schwer. Er versteht (genausowenig wie ich) nicht, dass man von früh am Morgen bis zum Einbruch der Nacht von den Einheimischen angelacht und dann ganz furchtbar ausgenommen wird. Zum Teil geschieht dies so, dass man wirklich nicht mehr an fair-play glaubt sondern einfach nur noch pauschal seine Ruhe haben möchte. Wir fühlen uns als Geld-Kuh und werden nach dem Melken von den Rajasthanis durchs Dorf getrieben wie eine Sau. Rajasthan war der erste Bundesstaat, der in Indien touristisch erschlossen wurde. Und er ist der erste, der vollkommen vor die Hunde gegangen ist. Das Land hat viel zu bieten. Die Menschen gehören nicht dazu.

Ganz erstaunlich ist, wie Jackson die Tagesetappen mitgeht. Seine Füsse taten ihm stellenweise arg weh. Trotzdem weigerte er sich z.B. den 44-Kilometer-Marsch abzubrechen und wenigstens die letzten zehn Kilometer einen Bus zu nehmen. Das ist schon allerhand. Die Wüste macht ihm und mir durch das gleissende Sonnenlicht zu schaffen. Wir sind mittlerweile arg verbrannt! Wieviel Sonnenstunden es in der Wüste gibt? Solange die Sonne am Himmel ist, gibt es Sonnenstunden. Die Pflanzen sind alle nur kniehoch und alles was einmal Zweige hatte ist bereits vor Jahren in den Ofen gewandert. Die Menschen frieren nachts und wollen Tee am Tag. Dazu hacken sie die wenigen verbliebenen Bäume auch noch in klitzekleine Fetzen und verbrennen sie. Eines der sonderbarsten Bilder bot sich uns heute an einer Teebude: Die Leute tranken unten ihren Tee, während im Baum über der Teebude ein Inder eifrig Zweige abhackte. "Die verfeuern gerade ihren Schatten" meinte Jackson baff. So ist das eben. In Zukunft sitzen die Leute eben in der prallen Sonne - weil sie heute selbst ihren Schattenbaum kurzerhand verfeuert haben...

Aber viel mehr - in Bild, Wort und Ton - gibt es morgen.

Eine gute und erholsame Nacht aus Indien sendet Euch

Bert Simon

 

 

Aktuelle Meldung - Jaipur (2820 km), 21. November:

Brandaktuell: Ab dem Morgen des 22. November wandern wir von Jaipur nach Ajmer (131 Kilometer). Wir gehen davon aus, dass wir unterwegs vermutlich keinen Internetzugang bekommen werden. Sobald wir wieder online sind werde ich mich sofort wieder hier melden. Herzlichen Gruss und alles Gute aus Indien, Bert Simon.

Guten Morgen aus der indischen Wüste. Viel goldenen Sand, das obligatorische Kamel und den wenig begeisternden, weil winzig kleinen “Palast der Winde” (Hawa Mahal) haben wir bereits gesehen. Unsere Boeing 737 landete gestern Abend kurz vor zwanzig Uhr auf dem Flughafen der beschäftigt vor sich hinsummenden Wüstenstadt Jaipur, die auch “Pink City” genannt wird weil der hauptsächliche Baustoff rosafarbener Sandstein ist, bzw. war - bevor die Menschen hier vom Sandstein- ins Betonsteinzeitalter wechselten. Das Thermometer zeigte bei Ankunft nur noch 20 Grad und während der Nacht schaltete ich zum ersten mal in Indien den Deckenventilator aus - weil es zu kalt wurde.

 
Die Ankunft am Flughafen Jaipur ist toll: Der Jet rollt bis vor die Türe des Flughafengebäudes und Du gehst die Treppe runter, die vor die Jet-Tür geschoben wird. Dann folgt eine Wanderung von 50 Meter über das Rollfeld und Du betrittst das Flughafenterminal. Das hat irgendwie etwas von Casablanca: Keine Gangway und kein Shuttlebus stört die Nostalgie…
 
Unser Wunsch-Hotel, das Pearl Palace Hotel, war voll und so bezogen wir einfach gegenüber Quartier. Nachdem wir unsere Rucksäcke in der blitzsauberen Kammer abgestellt hatten, tigerten wir über die Strasse und stiegen die Stufen in den vierten Stock des Pearl Palace Hotels hoch, wo sich ein “Rooftop-Restaurant” befindet. Diese Restaurants sind typisch, vor allem für die touristisch erschlossenen Wüstenstädte Rajasthans. Du sitzt ganz oben auf dem Dach, kannst nach allen Seiten schauen (es wurden, während wir assen, gleich mehrere Feuerwerke gezündet) und geniesst Dein Abendessen während Bob Marley “No Woman, No Cry” trällert.
 
Plötzlich wurde es für eine Sekunde ganz hell am Himmel. Nahe des eigentlich schon recht hellen Halbmondes zogen kurz hintereinander zwei grosse Sternschnuppen mit einem grossen Feuerschweif durch den Himmel. Das war Feuerwerk Nummero vier. Ich habe mir aber nichts gewünscht, denn meine Wünsche betreffen allesamt meine Vergangenheit, nicht meine Zunkunft. Ich wünschte, viele Dinge wären einfach nicht geschehen…
 
Eigentlich wollten wir beim Abendessen das erste Kapitel meines Buches aufzeichnen. Aber wir waren irgendwie beide Groggy und ich hatte nicht den Mut müde und mitten in der dunklen Nacht in Gedanken an den Tatort zurück zu kehren. Das ganze hat etwas von Archäologie: Wir suchen nach Vergangenem, dass von der Gegenwart zugeschüttet wurde. Also werden wir direkt nach diesem Satz aufstehen, das Internetcafe verlassen, uns eine ruhige Ecke suchen und das erste Kapitel aus meinen Gedanken ausgraben.
 
Alles Gute nach Deutschland und hoffentlich bis heute Abend.
 

Bert Simon.

 

 

Aktuelle Meldung - Jaipur (2820 km), 20. November:

Gerade hat Jackson, während ich eifrig Zuschauer-Mails beantworte, Erfahrung mit der indischen „Ohrreinigung“ gemacht. Der Trick geht so: Du gehst nichtsahnend, versehen mit ganz normaler, europäischer Körperhygiene gut riechend und gekämmt über Indiens Strassen. Da kommt ein kleiner, leicht muffelnder Inder auf Dich zu und spricht Dich an. „Sorry, aber sie haben da was im Ohr!“. Du guckst ganz verdattert. Seife? Rasierschaum? Nein, nein – hier. Und schon steckt Dir der Inder seinen tiefbraunen, dürren Finger ins Ohr. „Hier!“ meint er nachdrücklich. Dann steckt er Dir „Moment, das haben wir gleich“, einen langen, dünnen Haken ins Ohr, den er rein zufällig dabei hat. Und bevor Du Dich versiehst, da zieht er ein hässliches, braunes, schmalziges, haariges Ding aus Deinem Ohr. So eine Art Ratte in Miniformat (die er Dir natürlich bei der ersten Untersuchung rasch ins Ohr geschoben hat...). Erfolgreich wedelt er Dir mit dem vermeintlichen Inhalt Deines jetzt (wieder) sauberen Ohres vor Deinen Augen und jubelt. „Ohr sauber! 500 Rupien!“. Der Jubelschrei bricht abrupt ab als Jackson ihm erzählt dass er gar kein Geld dabei hat und weitergeht. Jetzt hatte er zwar nichts mehr im Ohr, aber den Reiniger am Ohr der ihm nun weitere Vorschläge zu unterbreiten suchte. „400“. „No?“ „OK. 300“. „No?“ „200?“ „Yes?“ „OK, last Price 100. Only 100…“ da war Jackson wieder im Kaffee angekommen, plumpste erleichtert vor mir auf den Sessel. „Wieso guckt der Dich denn so an?“ „Weil mein Ohr sauber ist“.

Jackson und ich werden um 17.30 Uhr nach Jaipur fliegen. Die nächsten zwanzig Tage wandern wir durch die Thar-Wüste Indiens (auf dieser Straße). Kamele. Sand. Schlafen auf Bastliegen unter freiem Himmel. Wir wandern von Jaipur nach Udaipur. In der Wüste werde ich erstmals längere Zeit an meinem Buch arbeiten. Jackson wird mich jeden Abend eine Stunde im Gespräch mit Fragen eindecken. Fragen, die andere Menschen mir auch stellen würden; Fragen, auf die ich dann eine Antwort finden muss. Ein Tonband läuft mit. Dieses Interview soll die letzten vier Jahre Umfassen. Die Anfänge des Stalking. Unsere Arbeit mit Lungentransplantierten. Mein Leben mit Christine. Bis hin zum Kampf auf Leben und Tod in der dunkelsten Nacht meines Lebens... Die Wüste ist die perfekte Umgebung dazu. Reizarm. Zum Nachdenken anregend. Wenn ich mich bei Euch melde, dann mit irren Bildern von Kamelen, Sand und Einsamkeit. Aber in dieser Reizarmut kann ich Gedanken zu Papier bringen, die mir ansonsten wie feiner Wüstensand durch die Finger rieseln würden.

Wir werden in einer halben Stunde zum Flughafen fahren. Jetzt erholen wir uns noch ganz schnell im Barista Café, das im Schatten eines der ältesten Kinos der Welt, dem „Regal Cinema“, liegt. 1933 gebaut, hatte es bereits damals eine Tiefgarage und, das war geradezu revolutionär, einen Aufzug! Das Gebäude war damals state-of-the art. In Indien ist es das noch heute. Gerade ist ein Muslim mit langem Bart und typischer Kopfbedeckung hereingekommen. Es ist plötzlich irgendwie ungemütlich geworden, im Barista. Das Tragische ist, dass man traditionelle, aber friedliche Muslime plötzlich in einer Schublade ablegt, in der auch Sprengstoffgürtel und Kalaschnikow liegen. Der in ein langes graues Gewand gekleidete, aufrecht, schlank, erhaben und stolz schreitende Moslem, und aus der Heimat der Muslime entstammt ja „unsere“ Kaffeekultur, möchte sicher nur einen Bohnenkaffee genießen und keine Bomben zünden. Aber unser Sicherheitsgefühl ist für einen Moment angesprungen…

Ihr Lieben, ich werde versuchen heute Abend noch ein Internetcafé in Jaipur zu finden. Bis dahin Sende ich Euch alles erdenklich Gute nach Deutschland aus Indien.

Bert Simon

 

 

Aktuelle Meldung - Bombay (2820 km), 19. November:

Anja, eine liebe Zuschauern der JBK-Sendung hat mich in ihrem langen Brief auf Sonnenaufgänge angesprochen. Das hat in mir Bilder hervorgerufen, die ich gerne mit Euch teilen möchte. Für mich ist das eine gute Therapie, denn ich muss meine Gefühle in Worte kleiden und sie bekommen dadurch eine bessere Textur.

Als ich aus der Notoperation auf mein Zimmer der hervorragenden Henrietten-Stiftung in Hannover verfrachtet worden war, da begann ganz leicht der Morgen zu grauen. Als schließlich die Sonne das erste bisschen hervorlugte, da liefen mir die Tränen das Gesicht runter. Ich habe in zwanzig Jahren nur einmal geweint. Und das war, als einem in den höchsten Tönen kreischenden, schwerst kranken Kind ein Punktionsspieß ohne Betäubung mit der Faust in und durch den Rücken geschlagen wurde um einen Infektionsherd in der Lunge zu punktieren. Die Chirurgen verrechneten sich und verfehlten das Ziel - und mussten noch einmal zustechen. Ich hielt während dieses Grauens die Mutter im Arm. Diese verlor während des 12-minütigen Dramas (zwölf Minuten!) hunderte Haare. Das war, nach dem Mordversuch, das Fürchterlichste was ich in meinem Leben jemals gehört und gesehen habe.

Wo waren wir? Ach so, beim Sonnenaufgang. Der erste Sonnenaufgang nach der Nacht in der ich sterben sollte, der war so ersehnt, so willkommen, so dringend benötigt, dass ich den ganzen Schmerz und die ganze Pein dieses unmenschlichen Behandeltseins der Morgensonne entgegen schrie. Beinahe wie wenn ich sie fragen würde „Wo warst Du denn die ganze Zeit? Schau’, was mir passiert ist, während Du weg warst! Weißt Du nicht, dass schlimme Dinge meist nachts passieren?“. Ich weinte lange und die das Weinen tat nicht gut, sondern weh. Die Tränen waren das tropfende Blut meiner weit aufgerissenen Seele.

Diese Art Tränen brauchen Monate um zu trocknen. Äußerlich begann ich nur Stunden nach dem Mordversuch meine Fassade wieder aufzubauen. Denn das ist, was der Mensch am dringendsten braucht: Fassade. Wir können uns in unserer Gesellschaft nicht erlauben das das ungeschützte Innere zu zeigen. Aber hinter dieser Fassade, da weinte ich ohne Unterlass weiter. Monatelang! Ich hörte auf zu essen. Nahm fast 20 Kilogramm ab. Und verabschiedete mich von meinem Leben vor und begann mein Leben nach der Tat. Und diese Leben, die sind ganz unterschiedlich. Ich lebe heute ganz anders. Viel kleiner. Gedemütigter. Ich weiß, wie klein, wie unscheinbar ich bin. Und wie gewaltig groß sich andere Menschen für einen Moment machen können. Wie sehr sie Dir bis in die tiefsten Gefühle reichen und Dir das Herz aus dem Leib reißen. Ich fürchte mich seither vor dem Tier Mensch. Ich sitze lieber alleine mit dem Rücken an der Wand und beobachte das Leben der anderen aus sicherer Distanz.

Heute Morgen ging auch über Bombay meine Freundin, die Morgensonne, auf und strahlte uns an. Wir allerdings lagen auf dem Rücken und schnarchten. Jackson war kurz vor sechs vom Flughafen angekommen und ich konnte, vor lauter Erwartung, auch nicht so recht schlafen. Um zehn Uhr wachte ich dann allerdings auf und weckte Jackson, damit der in der Nacht schläft und nicht den Tag über. Danach wanderten wir zum Internetcafé – eigentlich ein Café mit einem Hotspot – und während ich weiter fleißig Briefe beantworte die von der Johannes B. Kerner Sendung resultieren (ich habe mir vorgenommen jeden Brief persönlich zu beantworten denn er wurde mir schließlich auch persönlich geschrieben – manche ganz schön lang und ausführlich) tigerte Jackson durch Bombay. Zum Mittagessen tauchte er wieder auf und ich lud ihn ein. Wir gingen zum Inder - wohin auch sonst? :-) Und dort gab’s das ultimativ nordindische Essen: Dhal Fry (ein feuriger Eintopf aus gelben Linsen) und Tandoor Roti (im Lehmofen gebackenes Fladenbrot). Jackson fand’s gut und verzichtete umgehend auf Besteck und benutzte, wie sich das in Indien schickt, seine rechte Hand (die linke ist für das andere Körperende gedacht).

(Morgen geht's weiter! Gut's Nächtle. Bert.)

 

 

Aktuelle Meldung - Bombay (2820 km), 18. November:

(Fortsetzung von Gestern) Meine Flugzeugbekanntschaft, mit der ich in die Innenstadt von Bombay fahren werde, die kommt aus Hamburg, wo ich ja auch erst ein paar Tage vorher war. Nein, nicht ganz aus Hamburg, sondern aus Pinneberg kommt er. Aber das ist auch so eine Art Hamburg. Und aus dieser Art Hamburg hatte er sich von einem Taxifahrer zum „Flughafen Fuhlsbüttel International“ chauffieren lassen. Der Taxifahrer berichtete, während der Tax-o-Meter tickte, grinsend über einen vorherigen Fahrgast: „Ja stellen sie sich vor, der alte Herr wollte heute nach Kuba fliegen – aber sein Reisepass war abgelaufen. Den habe ich dann gleich wieder mit zurück nach Pinneberg genommen“. „Oh!“ staunte meine Flugzeugbekanntschaft. Vergnügt. Was für eine nette kleine Geschichte. Am Flughafen angekommen wollte er beim Check-In die Geschichte mit der Lufthansa-Schalterdame teilen. Die kommentierte die Sache mit einem gequälten Lächeln: „Ja. Wahnsinn, nicht? Aber sagen Sie jetzt nichts. Das war mein Vater! Ist das nicht peinlich…?“ „OH!“, so meine Flugzeugbekanntschaft. Verblüfft.
 
Unterdessen hatten wir uns zum Zoll durchgekämpft. Der indische Zoll, artig wie immer, ließ uns freundlich grüßend passieren und wir waren angekommen. In dem Moment, in dem wir das Flughafengebäude verließen stürzte ein Mann in zerknittertem Anzug, wirren Augen und ungekämmten Haaren bedrohlich auf uns zu! Er hielt etwas in der Hand! Und übergab artig lächelnd ein massives Blumengebinde an meine kurz peinlich berührte Mitfahrgelegenheit. „Der Inhaber Deiner Miles-and-More Senator Partnercard?“ scherzte ich lachend. „Ein Geschäftspartner. Der bis morgen früh glücklich sein darf“, raunzte der Pinneberger mir zu, den mitternächtlichen Blumenmann freundlich anlachend. Bombay lag bereits im Bett. Auf der Strasse schliefen deswegen hunderte Menschen. Auf dem Pflaster. Neben ihren Hunden. Und unter Sternen, die auch mir gehören. Als Autofahrer musst Du in Indien nicht nur auf den Verkehr aufpassen, sondern auch auf das allabendlich gefallene Heer der unzähligen Menschen, die den Kampf um ein menschenwürdiges Leben verloren haben.
 
Unser Auto hielt nach einer zielstrebigen Schlangenlinienfahrt vor dem berühmten Taj Mahal Hotel. Ich verabschiedete mich in Windeseile am anderen Ende der Welt von meinem Pinneberger und verschwand in die 27 Grad warme Nacht. Ich kann mit dem Luxus eines Taj Mahal Hotels nichts anfangen. Es ist mir peinlich, meinen Hintern auf Seide zu betten während sich nur fünfzig Meter entfernt Kinder auf der Straße in den Schlaf weinen. Sicher kann ich die lebensfeindliche Perversion, die wir für ein paar Jahrzehnte unter den vermutlich vor Entsetzt geweiteten Augen eines guten Gottes „Leben“ nennen, nicht dadurch ändern dass ich mich ebenfalls auf die Strasse lege. Aber ich kann mir einen letzten Rest Anstand bewahren. Und dieser Rest, der trieb mich weg von Glamour und Glitter und direkt in die weichen Arme der warmen, dunklen Nacht.
 
Ich ging die Kaimauer am arabischen Meer entlang. Tief in Gedanken versunken. Ich bin beinahe gestorben. An einem Fahrradständer. In einer Stadtrandsiedlung in Hannover. Und ich hätte nichts mitgenommen als den Wunsch viele Dinge anders oder überhaupt getan zu haben. Eine Erfahrung, die diesen Menschen vermutlich vorenthalten bleiben wird. Ein Hundehaufen weckte meine Aufmerksamkeit nachdem er unter meinem Schuh klebte und rief mich wieder in der Realität zurück. Ich war angekommen. Vor dem Bentleys Hotel. Meiner planmäßigen Unterkunft. Die voll war?!
 
Unversehend fand ich mich, ganz entgegen meiner Pläne, auf der Strasse wieder. Und nun begann ein Hotelslalom der besonderen Art: Ganz Bombay schien voll zu sein. Oder maßlos überteuert. „Sorry, fully booked“ hörte ich ein ums andere Mal. Schließlich, entnervt, demotiviert, kam ich wieder am Taj Mahal Hotel an. An der Ecke stand eine junge Frau. Und rauchte. Nette Inder kamen lachend aus dem Dunkel. Eine blonde Frau. Um drei Uhr. Geil! GEIL!!! ICH BIN GEILLLLL!!!! stöhnten die glänzenden Augen über den makellosen Lächeln. Ich stellte mich dazu. Schnell wurde klar, dass die Münchnerin gerade eben auch erst gelandet war. Martina ist, wie ich, eine erfahrene Indienreisende und so nahmen wir die Menschen locker. Inder sind erdrückend und zahlreich aber, zumindest im Beisein eines Mannes, harmlos. Frauen werden hingegen schon mal aus Versehen quasi im Vorbeigehen begrapscht und/oder vergewaltigt.
 
Wir klopften an das „Red Shield“ der „Salvation Army“, eine der ältesten Herbergen Bombays. Mit den ältesten und stinkendsten Matratzen der Stadt. Auf einer derer ich wenig später versuchte ein ganz kleinwenig zu schlafen – mit zehn anderen furzenden, nach Fuß riechenden Männern mittleren Alters im Zimmer. Die paar Stunden würde ich überstehen. Danach wieder auf Hotelsuche gehen. Und mich unter einer kalten Dusche entseuchen von Matratze und Modergeruch. So der Plan. Ob das funktioniert hat? Das schreibe ich Euch später…
 
Allerbeste Grüße aus Bombay und alles Gute,
 
Bert Simon

 

Aktuelle Meldung - Bombay (2820 km), 17. November:

Mann, da ist der AUA (Austrian Airlines) aber ein Stein aus meinem Brett gefallen. Das Chaos wartete am Stuttgarter Flughafen auf mich. Ich sauste zum Gate (das ist da, wo das Flugzeug normalerweise zum Einsteigen bereitsteht, wenn es denn steht). Aber da war gar kein Flugzeug. Der kleine Jet nach Wien kam mit einer fiesen Vespätung von 20 Minuten angebrummt. Das ist deshalb so bemerkenswert gewesen, weil mir AUA einen knappen Flugplan vorgegeben hatte. Und dann warteten wir darauf, dass wir einsteigen durften. Was uns weitere 50 Minuten versagt wurde. Der Maschine war ein sogenannter “Slot” verpasst worden. Das heisst, dass das Chaos in Wien so gross ist, dass niemand nach Wien abheben darf bis nicht klar ist, wann die Maschine landen kann. In Wien sind nämlich drei Schneeflocken gefallen!

Ein etwa sechzigjähriger Mann, der aussah wie ein Frosch mit blauen Augen, regte sich besonders arg auf und zimmerte die armen Schaltermitarbeiter der Lufthansa zusammen. Er schrie “Unverschämt! und sein riesiges Doppelkinn schrie “Fettabsaugen!” Er verrauchte seine Wut alle Viertelstunde und immer wenn er weg war scherzte ich mit den Damen des Check-ins. Was die dankend aufnahmen. Die konnten doch auch nichts dafür... Schliesslich, der Frosch hatte wutentbrannt seinen Flug ganz laut “Gekäntzelttt!!!” (“Fettabsaugen!” sagte das Doppelkinn dabei leise) durften wir an Bord. Die Schuldigen versuchten uns mit allerlei Worten zu erfreuen. Der Versuch misslang. Merke: Passagiere sind nicht happy wenn man sie am Gate einfach eine Stunde stehen lässt.

Nun begann das Rätselraten ganz ohne Jauch: Werden wir nach Bombay fliegen? a.) Vielleicht. b.) Nicht. c.) Wohin? d.) Umbuchen auf Aeroflot. Der Publikumsjoker floppte. Das Publikum im Jet wollte nicht mitspielen sondern verweigerte arg vergrämt die Abstimmung mit Froschgesichtern. Ich grinste. Wie immer. Je mehr Miesmuscheln um mich herum sind, desto besser werde ich von den Stewardessen versorgt, denn zu mir kommen sie immer gerne weil ich viel lache und scherze. Auch wenn das nur Teil meiner Fassade ist. Es ist wenigstens eine lustige Fassade. Und kein quakendes Froschgesicht.

Wir landeten im (sechs Zentimeter) tief verschneiten Wien. Und nun wurden wir, die sieben Bombay-Passagiere, unzerimonell wie Vieh zusammengeherdet und in ein Auto gepackt welches vor dem Flieger stand. Die AUA-Mitarbeiterin raste mit uns durch verschiedene, anscheinend immer entgegengesetzt angeordnete Bereiche des Wiener Flughafens und nach zwanzig Minuten hatten wir Austria praktisch durch den Hinterausgang verlassen. Wir wurden zum  Schwesterflugzeug der in Bangkok vom Himmel gefallenen Lauda-Boeing geleitet bei der sich seinerzeit die Schubumkehr einschaltete weil der Jet schlampig gewartet worden war. Wir erinnern uns. Und nun, nachdem wir durch den gesamten Flughafen gescheucht worden waren, da blieb der Jet erneut am Boden!? Erneut sammelten wir eine Stunde Verspätung ein. Warum war nicht so klar. Aber wenigstens gab’s Rotwein satt und verängstigt dreinschauende Stewards (der fliegende Mob wurde langsam rüde...). Schliesslich gab der Pilot den Satz von sich “Wir haben nun die Erlaubnis die Triebwerke anzulassen”. Worauf ich trocken kommentierte: “Triebwerke anlassen? Hey wir sind ja im Grunde schon fast in Bombay!”. Es lachte vereinzelt um mich herum.

Das Besondere an der AUA Fernfliegflotte ist, dass vorne im Flugzeug eine Kamera eingebaut ist. Das heisst Du siehst, was die Piloten sehen. Und so zockelten wir zuerst hinter einer “Fly Nicki” Maschine her. Der kleine Airbus vom Rennfahrerrösti startete. Dann landeten noch ein paar sicherlich arg verspätete Flugzeuge in denen sicherlich arg verärgerte Froschgesichter sassen und dann guckten wir uns selbst beim Starten zu. Spannend war das! Und die Schubumkehr blieb diesmal auch drin.

Ich nahm die Gelegenheit war und trank Rotwein und ass Käseplatten bis ich nicht mehr konnte. In Indien wird mir das von nun an vorenthalten. Also musste ich vor-trinken. Dann fiel ich in einen unruhigen Schlaf und wurde von einem schimpfenden Huhn verfolgt, das mir aus Versehen auf Salat serviert worden war.

Viel zu schnell erreichten wir Bombay. So schnell, dass wir nicht landen durften sondern vierzig Minuten lang in Warteschleifen gehalten wurden. WEIN! rief ich. Bitte. Danke. Und noch ne Runde. In der Luft. Und noch ne Runde. Im Glas. Um halb eins landeten wir fast zwei Stunden nach Plan. Mein Rucksack, den ich zum ersten Mal seit Jahren einchecken musste (ich habe zwei Flaschen Olivenoel mitgenommen) kam mit einer total zerschredderten Regenhülle zum Vorschein. Und eine Schnalle war gerissen. Ich war viel zu Müde um mich aufzuregen und ich wollte auch kein Froschgesicht bekommen. Mittlerweile war es zwei Uhr Nachts! Was mir in dieser ersten, so späten Nacht widerfuhr, das schreibe ich Euch morgen...

Guts Nächtle nach Deutschland.

Bert Simon

 

Aktuelle Meldung - Stuttgart (2820 km), 15. November:

Guten Morgen zusammen. Es ist verblüffend, wie viele Menschen das Thema Stalking, über das wir vorgestern bei und mit Johannes B. Kerner diskutierten, betroffen gemacht hat. Zigtausende haben in der Zwischenzeit diese Homepage besucht. Viele von Euch haben mir Mut zugesprochen oder ihre eigenen Schicksale mit mir geteilt. Dafür danke ich Euch von Herzen. Eure Briefe bedeuten mir sehr, sehr viel!

Vorweg möchte ich Euch noch einmal bitten über eine Mitgliedschaft im WEISSEN RING nachzudenken. Das tue ich nicht, weil ich dazu "verdonnert" worden bin, sondern weil die Botschaft und das Handeln des WEISSEN RINGS das ist, was wir als Gesellschaft brauchen - und wünschen: Wir wünschen uns ein Land, in dem das Opfer mehr zählt als der Täter, in dem Gesetze geschaffen werden die Verbrechen verhindern können - und wenn nicht verhindern, dann zumindest erträglich machen. Ich bin deshalb ebenfalls Mitglied im WEISSEN RING.

An meinem letzten Tag vor meiner Rückkehr nach Indien streikt nicht nur die Bahn, sondern auch das Wetter: Es liegt Schnee! Ich freue mich wie ein Kind über solche Veränderungen. Ist es nicht wunderschön wie sich die Natur für uns herausputzt?

Als die Lufthansa mich in Hamburg auf den Boden setzte, da war kein Schnee in Sicht. Es gab eigentlich nicht einmal Sicht, nur Wolken. Die Zeit bis zur Sendung verging schnell und der Talk begann. Die gesamte Geschichte, die ich erzählen würde hat es bereits bis an den Bundesgerichtshof geschafft und ist mehrere Aktenordner dick. Die Mordkommission, Staatsanwaltschaft und weitere dreißig Juristen und Richter haben bereits daran geschrieben. Ich habe keinen Grund mehr, an der Geschichte etwas zu ändern - und auch keine Lust. Sie ist so, wie sie eben ist. Lang und grausam.

Während ich die Fragen von Johannes B. Kerner bis aufs Komma genau im Grunde aus den Gerichtsakten ablas war ich mit meinen Gedanken ganz wo anders. Ich dachte über die Chance nach, die sich uns nach jeder Gewalttat bietet - nämlich den Bruch des Gewaltkreislaufes durch uns. Wir haben die wunderbare Gelegenheit unsere Welt so zu schaffen wie wir sie wollen. Wir können damit beginnen kleine Oasen schaffen, in denen es freundlich zugeht und andere Menschen von den Vorteilen einer solchen Welt überzeugen...

"Wie können Sie bei all dem so ruhig sein?" weckt mich Kerner aus meinen Gedanken. Was soll ich denn tun? Ihm zitternd um den Hals fallen? Schluchzen? Schreien bis die weißen Männer kommen? Psychopharmaka schlucken bis die Welt in einem geschmacklosen Einheitsgrau verharrt? Das habe ich alles schon hinter mir. Und es hat nicht zu einer guten Lösung geführt. Also bin ich ruhig geworden. Ich habe auf einer Schreckensskala von Eins bis Zehn eine Zehn kennengelernt. Das einzige was meine Erfahrungen noch toppen kann ist, wenn ich tatsächlich umgebracht werden würde. Alles andere ist eine Wiederholung. Alles andere war schon da.

Das einzige, was ich tun kann um aus dieser schlimmen Situation eine gute Sache zu machen ist das Thema Gewalt in unserer Gesellschaft ein wenig zu beleuchten, ein wenig "greifbar" zu machen. Wissen Sie, wir leben in einem Land, in dem ab und zu Kinder getötet werden. Mit diesem Leid müssen wir leben. Aber wir müssen nicht in einem Land leben in dem vierzehn Tage nach dem Auffinden der Leiche des Kindes das Finanzamt bei der Mutter anruft und das Kindergeld zurückfordert - und bereits von Unterschlagung des Kindergeldes spricht (einen Filmbeitrag zu diesem dramatischen Fall können Sie sich bei "Volle Kanne" im ZDF ansehen). Wir müssen Opfern das Recht einräumen Opfer sein zu dürfen, trauern zu dürfen, Schmerzen empfinden zu dürfen und heilen zu dürfen. Bislang gibt es diese Art des Opferschutzes noch nicht.

 

 

Aktuelle Meldung - Stuttgart (2820 km), 14. November:

Zuerst eine kurze Bitte: Ich bekomme zur Zeit Mails, Post und Zuspruch. Ich werde alle Ihre Schreiben beantworten aber es kann ein wenig dauern, da mich die schiere Anzahl ein wenig überwältigt. Ich bitte Sie einfach ein wenig Geduld mit mir zu haben. Herzlichen Dank und von Herzen alles Gute. Bert Simon.

 

Ich bin erleichtert, dass die Johannes B. Kerner Sendung ohne Probleme über die Bühne ging. Du bist schließlich zu Gast in Millionen deutschen Wohnzimmern und Du kannst Dich auch ganz schön blamieren! Die Spannung, die mich gestern Abend kurz vor der Sendung durchströmte, die war beinahe zu viel. Da halfen auch nicht die Entkrampfungsversuche vom herrlich menschlichen Tim Mälzer der mit seinem Gipsbein und Doc Benecke auf dem Boden saß und Lagerfeueratmosphäre verbreitete.

 

Für den Bericht der Welt-Online bitte hier klicken.
(Hier klicken für einen Artikel der Welt-Online über die Sendung.)

 

JBK ließ sich ab und an im von einem großen, glücklicherweise salatreichen Buffett dominierten Raum blicken und versprühte seinerseits unkomplizierte und von Herzen kommende Wärme um fünf Minuten später mit einer fürs Leben gezeichneten bulgarischen Krankenschwester in die Folterkeller Libyens abzutauchen. Noch ein paar Minuten später plauderte er mit dem fürs Leben gezeichneten Simon ein wenig über Blutbad und Stalking.  Ich wundere mich ob Familienvater Kerner nach so einem Tag abends manchmal seine Familie betrachtet und denkt "in was für einer Welt wachsen meine Kinder da eigentlich auf...?".

Es war das erste mal, dass ich nach meinem Krankenhausaufenthalt über die ganze Sache öffentlich geredet habe. Dieser Selbstversuch hätte im Grunde jederzeit in jede Richtung abgleiten können. Aus diesem Grunde hatte ich meinen Traumapsychologen und mein tragendes Umfeld auf Stand-by. Aber es ist gut gelaufen und der WEISSE RING hat eine kleine Gruppe neuer, freundlicher, lebensbejahender Mitglieder, die sich solidarisch mit den Opfern erklären. Das war diese Nervenaufreibung allemal wert und das freut mich sehr :-)

Interessant war alleine schon der Auftakt der Sendung. Ich bin gestern von Stuttgart nach Hamburg geflogen. Am Ausgang stand schon ein netter, freundlicher Mensch, der Holzwirtschaft studiert und nebenbei Gäste für Johannes B. Kerner fährt. Ich kommuniziere immer noch gerne - wenn ich die Energie dazu habe. Mir ist es sehr wichtig, dass Menschen nicht nur wie eine Miesmuschel durch ihr Leben gehen, sondern auch ein wenig von mir mitnehmen - und ich von ihnen. Und mein Fahrer war ein wirklich toller Mensch. Ein wertvoller Rohdiamant. Letzthin fuhr er Altkanzler Helmut Schmidt der, wie auch anders, kettenrauchte. "Junger Mann was haben Sie denn heute noch vor?" fragte er ihn. Fahrer: "Nichts besonderes Herr Schmidt". Schmidt: "Dann kaufen wir jetzt noch Blumen für Loki und dann rauchen wir noch eine". Fahrer: "Ich rauche aber nicht". Schmidt: "Dann rauche ich eine für Sie mit" :-) Ich wäre beinahe aus dem Auto gefallen vor Lachen.

Das Studio von Johannes B. Kerner erkennst Du daran, dass an jeder Türe ein Sicherheitsmitarbeiter steht. Das gesamte Gebäude ist gesichert. Vorne. Hinten. Treppenaufgänge. Türen. Freundlich sehen sie zwar aus. Aber nicht gewillt, Unbefugte eintreten zu lassen. Einmal drin findet sich sofort Deine Redakteurin ein, die Dich bis zum Schluss begleitet und für alles zuständig ist. Im Grunde kannst Du Dir wünschen, was Du willst. Die werden das irgendwie möglich machen. Ich wünschte mir nur eins: Eric Clapton. 24 Nights. Royal Albert Hall. Live. Auf die Ohren. Aber dazu kam es kaum - weil die Räume brummen mit Stars und Halbstars und gar keinen Stars. Letztere könnten gut einem Loriot-Sketch entsprungen sein, so weit laufen sie neben ihrer Spur.

Mein größtes Problem waren zeitweise die Avocadohälften. Ich liebe Avocados. Aber die waren mit Krabbenpaste gefüllt. "Ist richtig gut" sagte jemand. Ich: "Fragen sie mal die Krabben was die davon halten". Bin daraufhin komisch angeguckt worden. Egal. Ich bin solidarisch mit Opfern. Auch wenn's Krabben sind. Irgendwie war das Büffett ein wenig fischlastig. Aber Fisch gehört eben nun mal zu Hamburg. Also entsorgte ich die Krabbenpaste klammheimlich und mischte mir einen eigenen, kleinen Salat an den ich fortan vor Tim Mälzer zu verbergen suchte. Ich will mich schließlich nicht blamieren mit meinem unverständigen Tun.

Schließlich war der Moment gekommen, auf den ich schon seit meiner Anreise aus Indien gespannnt war. Die Johannes B. Kerner Musik erklang und ich lampenfieberte für eine Sekunde so arg dass ich keinen Ton rausbekommen hätte. Aber dann stellte mich JBK vor und der ganze Kloß im Hals löste sich auf. Die Fragen von Johannes B. Kerner waren präzise, der Talkstil gutmütig. Er ließ mich von Anfang an selber bestimmen, wie tief ich in die Materie eintauchen wollte - und ich nahm ein ziemlich tiefes Bad!

Problem: Wie mache ich Unglaubliches glaubwürdig ohne die Menschen zu tief mitleiden zu lassen? Wie spreche ich Unsägliches aus ohne, am Ende, unverstanden zu bleiben? Es ist unglaublich schwer den roten Faden im roten Blut nicht zu verlieren! Aber die Gratwanderung gelang. Mir taten nur die Menschen leid, die ich im Publikum sah. Und die am Fernseher sicher ähnlich aussahen. Ich konnte sehen, dass ich ihnen Schmerzen bereitete. Aber was tun? Johannes B. Kerner hatte mich genau dazu eingeladen. Und so trat ich seinen Zuschauern unablässig gegen die Seelenschienbeine. Und mir auch.

Wenn man mich fragen würde, wer die wichtigsten drei Menschen in all der Zeit waren, dann würde meine Antwort nach langem Überlegen lauten: 1.) Werner Riethmann, der als Chef von LOWA Sportschuhe sofort meine Lebensgrundlage als für gesichert erklärt hat - in einer Zeit, in der Du meinst, dass nichts mehr weiter geht war das das mit Abstand wichtigste Signal! 2.) Alexander von Bennigsen-Mackiewicz. Alexander samt Team ist mein Anwalt - und ein wirklich Guter dazu! Er nahm sich nicht nur der Sache an, sondern verschonte mich vor allem auch vor den vielen Informationen, die ich gar nicht wissen brauchte. 3.) Karlheinz Niggemeier-Denker, mein Traumapsychologe - und zudem auch noch forensischer Gutachter! Karlheinz kennt nicht nur die Opfer-, sondern auch die Täterseite der scheußlichsten Verbrechen. Und so konnte er mir nicht nur in meinen Kopf schauen, sondern mir auch erklären was im Kopf der Täterin vor sich geht. Das war wichtig um zu verstehen was da eigentlich über mich hineingebrochen ist. Diese drei Menschen waren für mich unverzichtbar...

Ohne ein paar sicher tragende Säulen ist es kaum möglich aus einer solchen Situation heil herauszukommen. Ich habe nicht nur diese Säulen gehabt, sondern auch den WEISSEN RING der mit seiner ganzen dreißigjährigen Erfahrung zu einer Zeit in mein Leben trat in der das Blut nicht einmal getrocknet war. Das hat mich so restlos fasziniert und begeistert, dass ich direkt nach meiner Entlassung aus dem Krankenhaus Mitglied im WEISSEN RING wurde. Wenn Sie jetzt ein Ziehen in Ihrem Herzen spüren und überlegen ebenfalls dort fördernd mitzuhelfen, dann geben Sie diesem Ziehen ruhig nach. Der WEISSE RING tut uns allen gut!

So, mittlerweile bin ich in Stuttgart angekommen und mache mich nun auf den Weg zum Hauptbahnhof um dann Richtung Plochingen zu fahren wo ich die Nacht bei einer liebenswerten, engagierten Bekannten verbringen werde. Ich melde mich morgen wieder.

Gute Nacht.

Bert Simon.

 

 

 

Aktuelle Meldung - Bombay (2820 km), 17. November:

 

 

18.20 Uhr (22.50 Uhr): Wir sind im Anflug auf Bombay. Gerade fliegen wir über Surat, der Stadt in der ich meinen „Marsch zum Mond" unterbrochen habe und der mich ein Erdbeben der Stärke 5,1 auf den Weg nach Deutschland schickte…

In einer Stunde werde ich in der rund 400 Jahre alten Stadt an der Westküste Indiens landen. Bombay, oder Mumbai wie es auf neuindisch heißt, hatte am Anfang schlechte Voraussetzungen zur heutigen Megastadt zu werden. Mehrere schlickige Inseln wurden durch Brackwasser führende Kanäle getrennt. Mit viel Fleiß wurde die Sumpfmasse trockengelegt und die Stadt gebaut. Heute weiß man nicht mehr so recht wie viele Menschen eigentlich in Bombay wohnen – bis zu 30 Millionen könnten es sein, denn jeden Tag kommen weitere arme Dörfler in den Slums der Metropole mit Träumen von einem besseren Leben an. Das Leben wird aber nicht reicher sondern viel ärmer wenn man seiner Heimat den Rücken kehrt...

Bombay ist riesig und hört im Norden, das weiß ich weil ich es bereits zu Fuß durchmessen habe, genau 48 Kilometer vom „Gateway of India", dem Wahrzeichen-Torbogen im Süden der Stadt, auf. Kennzeichen Bombays ist die chronisch schlechte Luft: Mit der normalen Atemluft nimmst Du jeden Tag so viel Schadstoffe auf wie wenn Du zwei Schachteln Zigaretten rauchen würdest! Das ist sehr viel. Viel zu viel.

Zwei Tage nach mir trifft Jackson in Bombay ein, ein Nürnberger und leidenschaftlicher, staatlich geprüfter Höhlenforscher. Jackson möchte mich die nächsten 1200 Kilometer von Surat nach Delhi durch die große indische Wüste begleiten. Indien ist zwar keine Höhle aber man muss es wie eine Höhle entdecken. Es wird interessant für mich zuzuschauen wie ein Mensch das erste Mal Indien erfährt, hechelnd mit hochrotem Kopf seinen ersten mit Chili beladenen Curry verdrückt und zum ersten Mal von den unglaublichen Menschenmassen Indiens an die Brust genommen und erdrückt wird… der arme Kerl wird sich noch wundern… :-)

Ihr Lieben, ich wünsche Euch aus weiter Ferne einen wunderbaren Abend in Deutschland und sende Euch die besten Grüße. Der Pilot hat uns gerade mitgeteilt, dass er nun die Reiseflughöhe verlassen möchte und das ist für mich das Zeichen meinen Hausrat langsam zusammen zu packen.

Passt bitte gut auf Euch auf.

Bert Simon

 

 

4.33 Uhr. Ich bin nach einer kurzen Nacht aufgewacht. Gestern Abend haben wir, zum Deutschlandabschluß, noch einen „Besen“ besucht. Früher fand ich Besen immer grauenvoll weil einem dort die Tränen in den Augen standen vor lauter Zigarettenrauch. Seit 41 verrauchten Jahren sind die Besen nun plötzlich familienfreundlich geworden. Das war schon sehr interessant. Und schön – weil das Essen um Längen besser schmeckte, so ganz ohne Rauch.

So, jetzt noch schnell einen freundlichen Kaffee trinken. Zähne putzen. Zum Flughafen fahren. Mich von meiner wunderbaren Gastgeberin verabschieden. Sie ist Philosophieprofessorin und hat in Ihrem Leben ebenfalls horrende Schicksalsschläge einstecken müssen. Manchmal, und viele von Euch haben das selber erlebt, schreibt das Leben Geschichten die man eigentlich gar nicht erzählen kann weil sie eh keiner glaubt...

Es ist schmerzhaft, liebe Menschen für eine Weile zu verlassen aber ich soll jetzt nach Wien fliegen. Das sind die ersten Aufgaben dieses langen Tages, der heute Abend im indischen Bombay enden soll. Ich bin froh mit meinem Langstreckenmarsch in Indien fortfahren zu dürfen. Jetzt die 1200 Kilometer durch die große indische Wüste nach Delhi zu marschieren, denn da kenne ich mich aus während mich die vergangenen, rasanten Tage in Deutschland eher verwirrt haben. Ich habe so viele neue Leute kennen gelernt dass ich mich nun erst einmal in Ruhe sortieren muss.

 

 

7.15 Uhr: Mittlerweile sitze ich am Stuttgarter Flughafen und schaue zu wie die Flugzeuge enteist werden. Auf der Fahrt hierher haben wir uns über die RAF und RAF-Opfer unterhalten. Stuttgart ist die Stadt, in der der RAF der Prozess gemacht wurde. Fest steht: für die Familien der Opfer werden immer Fragen bleiben. Und unser Staat wird in den nächsten Jahrzehnten zu mancher Frage zwischen den Zeilen Bände schreiben. So... ich muß los! Der Flieger wartet nicht. Und die C-Taste meines C-omputers auch nicht - die ist nämlich soeben aus der Tastatur gesprungen und läßt sich nicht mehr richtig einfügen. Ih habe niht gedaht wie wihtig eine C Taste wirklih ist :-) 

 

 

 

 

Aktuelle Meldung - Hamburg (2820 km), 13. November:

Sie haben Johannes B. Kerner geschaut? Danke, dass Sie mich auf meiner Homepage besuchen. Ich freue mich über Ihr Kommen!

Wieso Botschafter? Weshalb für den WEISSEN RING? Warum nicht schweigen, für eine Ewigkeit oder mehrere? Diese Gedanken treiben mich um. Und die letzte Frage, übrigens, stellt sich jeder Mensch, der am Ende tödlicher Gewalt ganz nahe an den Tod herangeführt wurde - und doch nicht sterben durfte.

Du findest Dich, nachdem alles verloren scheint, überraschend selber wieder – vom Leben stumpf geschlagen, aus Deinen Träumen aufgeschreckt, geblendet vom nackten Licht der Realität, taub für den Ratschlag von Menschen, die im Grunde nicht wissen was sie sagen sollen. Du ahnst, dass Du nicht gänzlich umsonst unaussprechliches erlitten hast und Du spürst, dass aus dem plötzlichen Tod Deiner Menschenwürde eine Hoffnung aufersteht, die es Wert ist anderen mitgeteilt zu werden. 

 

Wieso Botschafter? Weshalb für den WEISSEN RING? Weil von mir noch etwas übrig gelassen wurde. Darum! Viele durchfahren den Malstrom einer Gewalttat und erreichen niemals mehr stille Wasser: Wenn Knochen brechen, Fleisch zerreißt, Blut spritzt und sich der Glaube an das Gut im Menschen verflüchtigt, dann beginnt ein Hinterfragen und Neuordnen. „Zäsur“ sagt der Psychologe dazu. „Wahnsinn“ denkt der Patient. Am Ende bringen sich manche Opfer um - oder sie definieren sich neu. Eine 'Grauzone' gibt es hier nicht.

Die Opfer einer Gewalttat, wissen Sie, haben meist große Portionen Gedankenfutter auf ihren Tellern. Und mit vollem Mund redet man nicht. Dabei wären es vor allem die Opfer, die unserer Gesellschaft gute Wege weisen könnten – indem man sie berichten lässt, welche Wege nicht zu einem guten Ende geführt haben: 

Gewalt in unseren Schulen… kein Schüler soll glauben, dass man einen am Boden Liegenden gegen den Kopf tritt und dieser aufsteht und in den Mathematikunterricht geht als wäre nichts geschehen. Kein Mann soll im Glauben belassen werden, dass die Gewalt die er seiner Familie antut zu einem besseren Leben führt. Keine Ehefrau darf sich selber glaubend machen, dass sie die Prügelstrafe ihres Mannes in Kauf nimmt um ihren Kindern ein „besseres Leben“ in einer „geordneten Familie“ zu ermöglichen weil es „woanders noch schlimmer“ ist…

 

Wenn wir still in uns hineinhorchen, dann ist es doch unser ureigentliches Ziel, unser Wunsch, die Welt in die wir hineingeboren wurden ein kleinwenig besser zu hinterlassen. Stimmen Sie mir da zu? Dann lassen Sie uns gemeinsam diese Zielsetzung niemals kleiner reden als sie ist. Und weigern Sie sich standhaft, lediglich Teilziele zu akzeptieren!

Es ist möglich eine Gesellschaft zu schaffen, in der das Leben und die Gesundheit und der Frieden als Allgemeingut empfunden und gegen Angriffe geschützt wird. Es ist machbar ein Land zu schaffen, in dem nicht gemordet, geplündert und gebranntschatzt wird und, wenn es wider alle Bemühungen doch geschieht, ein Land, in dem nicht nur die Täter resozialisiert werden – sondern auch die Opfer!

Bislang gibt es nur den WEISSEN RING, der sich dieser mächtigen gesellschaftlichen Aufgabe seit dreißig Jahren ohne Unterlass annimmt. Seien Sie so gut, und helfen Sie den Opfern. Die Mitgliedschaft im WEISSEN RING drückt Solidarität mit den Opfern aus und kostet gerade einmal 2,50 Euro im Monat, eine sehr gute und sehr wichtige Investition - für uns alle. 

Bleiben Sie gesund.

Ihr Bert Simon

 

 

Aktuelle Meldung - Ludwigsburg (2820 km), 10. November:

Ich bin im Eisschank gelandet. So kalt wie das Wetter ist, so unterkühlt ist der Schoß meiner Familie. Wenn ich zu Besuch komme – was ich versuche zu vermeiden – dann knallen Lebensfronten ungebremst aufeinander. Und in der vermuteten Nähe werden die Bereiche, die uns möglicherweise noch verbinden könnten, zum Kollateralschaden. Die Gespräche erinnern mich an Spam-Mail – überflüssige Angebote ungebetener Informationen bei denen man umgehend nach der Löschen-Taste sucht. Mein Besuch ist ein Terror auf einem Terrain das nicht das meine ist; ist der Gegenwind im Sturm der Eitelkeit zwischen dem Hoch des schnöden Haben und dem Tief des sich krümmenden, verwelkenden Seins. Um nicht den leichten Verwesungsgeruch einer verstorbenen Beziehung anzunehmen werde ich den Besuch bei meiner Familie morgen abbrechen. Es ist besser dass Hänschen klein in die weite Welt hinein geht, als am Brunnen vor dem Tore zu verdursten.

 

 

8.11. Die freundlichen Flugbegleiter der österreichischen Staatsairline, die mich wunderbar umsorgt haben, öffneten die Türen unserer Boeing 767-300 und ich stand in der Gangway. Jesses! Ham die n' Schuß? Wie haben die denn die Klimaanlage eingestellt? Das war ja viel zu kalt!!! Ich wollte schon auf die nächste Barrikade gehen da dachte ich im letzten Moment „Klimaanlage? In Österreich? Im November?“ Und dann wurde mir klar, dass das die Natur war, die mir hier Frostbeulen verschaffte. Was für ein Temperatursturz ! Von 36 auf 6 Grad - im T-Shirt. Mit Fieber. Na Klasse. Welcome back :-)

Von einem besonders liebenswerten Mitflieger, der in Indien arbeitet und mit dem ich bereits in Mumbai auf unseren Flug gewartet habe, wurde ich dann in die Austrianische Senatorlounge eingeladen. Ein netter Mensch. Aus Graz. Da wo das von mir so heißgeliebte Bauernkernöl herkommt. Und mein Freund Clemens auch :-)

Und während wir so dasassen und gut miteinander umgingen, da fiel mir ein, dass ich nicht nur aus Versehen ein Messer, sondern auch eine Nagelschere, ein Päckchen Streichhölzer und sonstigen Unfug durch die Sicherheitskontrollen geschleust hatte. Ich habe schließlich mein Wandergepäck auf dem Rücken... Irgendwie seltsam - und das in der heutigen Zeit.

Gerade gelandet habe ich mich also in der Lounge schnell entseucht und lasse nun bei einer schönen Wiener Melange die Eindrücke meiner Reise ein wenig nachhallen. Das eindrücklichste Bild hat ein Mann mir auf die Seelenleinwand gemalt, der mir im Zug gegenübersass. Ich bestieg den Zug während der Mann, eine wandelnde Wampe mit zwei fetten Stummelarmen und -beinen ein frühes Mittagessen einnahm. Ich verliess den Zug als der Mann sein spätes Mittagessen einnahm. Dazwischen aß er. Unmengen. Ungeniert. Unheimlich ist es, einem Menschen beim Selbstmord mit Messer und Gabel zuzusehen. Wann immer einer der (vielen) untergewichtigen Essensverkäufer seine Ware laut anpreisend durch den Zug lief ließ er sich auftischen: Idli (Reiskuchen). Tee. Salat. Erdnüsse. Brötchen mit frittiertem Gemüse. Wieder Tee. Mineralwasser. Chapati mit Dhal. Tee. Einen Berg Chips zwischendurch. Tee. Wasser. Wieder Idli... Wahnsinn. Ich stellte mir vor, wie diese nurmehr in vollen Eimern zu bemessende Pampe in seinem Bauch hin und herschwappt. Und mir wurde bei dem Gedanken ganz elend. Während er weiter aß...

 

Angereist. Der Wahnsinn hat in Indien Räder angeschraubt! So etwas habe ich noch nie gesehen. Begonnen hat das ganze Drama mit dem Anstehen am Schalter für die Fahrkarte des Zuges. Zuerst wollte ich ja mit dem Bus fahren. Aber ein Inder bedrängte mich dies nicht zu tun, da ich sonst irgendwann vielleicht mal irgendwo ankommen würde. Aber vielleicht nicht heute. Und vielleicht auch nicht unbedingt in Bombay. Also Zug. Und dann knäulten wir uns - ich und meine Traube von Indern, die mir seit meiner Landung in Goa zu folgen scheint wohin ich auch immer gehe - vor dem Fenster des armen Bahnbediensteten.

Nachdem ich eine Stunde lang artig angestanden habe schickte der mich einfach an den nächsten Schalter. Boah. Tief durchatmen. Nicht ausrasten, Bert. Einfach wieder schön brav hinten anstellen. Beim nächsten Schalter. ($§&%@$ !!!) Dann hatte ich schließlich meine Karte in der Hand. Nie-mehr-loslassen wollend. Glücklich. Euphorisch. Jubelnd. Auf dem Bahnsteig angekommen rutschte meine gute Stimmung auf der nächsten Bananenschale aus: Weg war er. Der Expresszug. Um fünf Minuten verpasst.

Ach, scheiß drauf... Ich schlug neben meinem am Boden liegenden Rucksack auf und sah den Indern beim Spucken und Pinkeln zu. Das wird am Bahnhof direkt auf den Gleisen erledigt. Auch umgedreht wird sich nicht. Guckt doch eh keiner... Ich habe in Indien schon so viele pinkelnde Schwänze gesehen, das ist im Grunde bereits ein heimeliges Gefühl: "Lass einfach laufen Baby, Du bist in Indien...". Das ist vielleicht eines der irritierendsten Bilder Indiens - diese vielen, im Grunde direkt neben Deinen Füssen pinkelnden Männer. Schließlich kam der Zug laut jaulend in den Bahnhof eingefahren, hielt fünf Minuten und fuhr dann, nachdem er mich verschlungen hatte, im Bummeltempo von Surat nach Mumbai.

Im Zug wurden sich schnell alle Mitreisenden einig, dass ich nicht bis zur Endstation, sondern eine Station vorher aussteigen sollte. Macht Sinn, denn von 'Bombay Central' würde mich das Taxi durch den Feierabendverkehr zum Flughafen fahren. Von Borvali aus würden wir durch den eher leeren Norden Bombays brettern. Gesagt getan. Ich stieg aus. Der erste Taxifahrer war bereit, sein Tax-o-Meter anzuwerfen und so rasten wir, sämtliche aktuellen und zukünftigen Straßenverkehrsregeln mit absoluter Mißachtung strafend, zum Flughafen. Ich war froh, dass wir am Ende keine Kinder, Omas und sonstige Verkehrsteilnehmer umgemäht haben. Aber es war einige Male echt knapp!

So Ihr Lieben. Jetzt packe ich mein Bündel und entschwinde in Richtung Flughafen, einem der eher einfaltslosen, nüchternen Gebäude in Mumbai. Aber ich brauche keinen Palast um abzufliegen, sondern lediglich eine lange, unsortierte Schlange vor einem kleinen weiß-roten Schild auf dem Check-In Austrian Airlines steht. In wenigen Stunden werde ich im Dreivierteltakt nach Deutschland eiern. Das nächste Mal melde ich mich aus dem wunderschönen Wien.

Cherio. Bert.

 

BREAK! Wegen eines dringenden Termins werde ich morgen für ein paar Tage nach Deutschland fliegen und eine Woche später zurück auf der Strecke sein. Die Nachricht, die zu meinem Kurzbesuch führt, erreichte mich heute kurz nach 17.00 Uhr. Dieser Kurzurlaub kommt mir nicht ungelegen: 1.) habe ich Ruhe und gute Luft um meine Lungenentzündung auszukurieren, nehme 2.) einen wichtigen Termin für den WEISSEN RING und mich war und - das ist das Beste - 3.) weiche dem anstehenden Diwali-Fest aus! Diwali ist ein Fest, bei dem nahezu alle Inder unterwegs sind. Alle Hotels sind lange im vorhinein ausgebucht; für mich wären die nächsten Tage zu einem echten Problem geworden, denn ich bin auf Unterkünfte angewiesen. Ich werde also morgen mein kleines Bündel packen, nach Bombay tuckern (und ich habe noch keine Ahnung wie ich das hinbekomme - ich bin es nicht gewohnt lange Distanzen in Indien zu fahren) und morgen, spät in der Nacht nach Wien fliegen und von da aus nach good old Germany.

 

7.11. Da liege ich um drei Uhr Nachmittags im Bett (mit Lungenentzündung muss man viel ausruhen, meinte "Doktor Ranjit") da begann alles ein wenig zu hopsen und zu schaukeln. Gut, mit Fieber ist sowieso alles ein wenig wackelig. Aber das war dann doch zu viel des Guten. Und heute lese ich auf der Titelseite der Zeitung dass genau um 15.08 Uhr ein Erdbeben mit der Stärke 5.1 Gujarat heimgesucht hat. Das war der Grund, warum hier alles so seltsam lebendig wurde... In der Stadt gerieten einige Wolkenkratzer ins Schwanken und die Arbeiter darin in Panik. Was die Leute nicht bedenken ist, dass die größte Gefahr nicht zusammenstürzende Gebäude, sondern herunterfallende Fassadenteile sind. Die Gebäude halten viel aus. Die Fassaden sind allerdings meist nur zur Dekoration an die Häuser gepappt. Und diese Dekoration hinterlässt dicke Beulen, Risswunden, Quetschungen und gespaltene Schädeldecken wenn man aus Angst aus dem sicheren aber wankenden Haus auf die Straße rennt.

 

6.11. Ich habe mich heute gezwungen, einen Ruhetag zu nehmen. Die Sehnsucht nach den Kilometern ist mittlerweile so groß, dass ich mich kaum beherrschen und nur mit großer Anstrengung den heutigen Gang auf die Strecke verhindern konnte. Ich möchte mich am liebsten ganz auf der Strecke verlieren, meine Seele an den Kilometersteinen ausrichten, mein Leben in 1000 Meter Abschnitte aufteilen, mein Herz in einem 10, 100 oder 1000er Rhythmus schlagen lassen...

 

5.11.: 29 Kilometer sind es heute geworden. Eigentlich habe ich mir vorgenommen heute zum Arzt zu gehen. Aber nur schon der Gedanke an "Doktor Ranjit" sorgte dafür, dass es mir schlagartig besser ging. Zumindest gefühlt besser. Ich werde mich nun, es ist mittlerweile sehr spät geworden weil ich lange mit meinem Anwalt in Deutschland telefoniert habe, sofort in die Falle hauen und morgen vor meinem Abmarsch noch ein paar Zeilen schreiben.

 

3.11. Chikhli (24 km) - 4.11. Navsari (27 km): Das Wetter ist militärisch. Heute. Schon am frühen Morgen warfen die Wettergeneräle Nebelgranaten und überzogen das Firmament mit weißem Rauch. Danach folgte ein Bombardement. Rauchpilze stiegen überall in den Himmel. Heroisch. Patriotisch. Die Pilze verschmolzen schnell zu einer mächtigen Front. Die uns überrannte. Große graue Schiffe zogen über den Himmel. Wolkenkreuzer. Fregatten. Flugzeugträger. Sie begannen auf alles zu feuern, was sich bewegte. Laut donnerten die Wolkenkanonen. Grell blitzte das Mündungsfeuer. Und wir wurden durch die Bugwellen der Kampfschiffe arg durchnässt. Schnell hatte alles auf der Erde allzeit eine handbreit Wasser unterm Kiel. Auch ohne Kiel. Als die Wettergeneräle schließlich alle Kugeln verschossen hatten, da zogen sie siegtrunken die Bibel und verlasen laut die Stelle, an der Gott, der soeben den ersten Massenmord der Geschichte vollzogen haben soll, die Menschen für alle Zeiten an seine Heldentat mit einem Regenbogen erinnert. Und dann hissten sie die Regenbogenfahne über den gesamten Himmel. Und ich war angekommen. In Navsari.

Warum ich die Überwinterung in Pakistan vor zwei Monaten abgesagt habe wurde dem Rest der Welt spätestens gestern Abend klar: Der ewig charmante, lächelnde, halb-legitim fast-gewählte Generalpräsidentpolikerdiktator Pervez Musharraf zeigt seine Zähne. Ohne Lächeln. In wenigen Minuten zerstob die von den USA lobgehudelte Puderzuckerfassade und legte sich über die Straßen des Landes wie der Inhalt eines Sackes Zement, der aus dem zehnten Stock auf dem Gehsteig aufschlägt. Und mittendrin im Staub: Die USA. Als Freundesmacht des Diktators. Hier ein Diktator gestürzt. Dort einer aufgebaut. Außenpolitik. Made in Washington. Solchermassen aufgewühlt, derart ehrverletzt und gleichzeitig so vereint sind die Menschen in der muslimischen Welt noch nie gewesen. Das ist ein Basis negativer Energie neben der sich die Hassgrundlage auf der Weltkriege ausgetragen wurde, unerheblich ausnimmt. Die große weite Welt in der wir weisse, westliche Menschen noch sicher sind wird täglich kleiner. Und Pakistan zählt nicht mehr dazu.

Was sonst noch passiert? Ich habe dauerhaft hohes Fieber. Und ich huste mir die Lunge aus dem Hals. Für die heutigen 27 Kilometer – mehr war einfach nicht drin – habe ich acht grauenvolle Stunden gebraucht; viel länger als gewöhnlich. Morgen habe ich mir erneut einen dreissiger vorgenommen. Mal schauen wie’s läuft. :-)

Cherio. Bert.

 

 

Aktuelle Meldung (Navsari, 2791 km, 4. November):

3.11. Chikhli (24 km) - 4.11. Navsari (27 km)

Das Wetter ist militärisch. Heute. Schon am frühen Morgen warfen die Wettergeneräle Nebelgranaten und überzogen das Firmament mit weißem Rauch. Danach folgte ein Bombardement. Rauchpilze stiegen überall in den Himmel. Heroisch. Patriotisch. Die Pilze verschmolzen schnell zu einer mächtigen Front. Die uns überrannte. Große graue Schiffe zogen über den Himmel. Wolkenkreuzer. Fregatten. Flugzeugträger. Sie begannen auf alles zu feuern, was sich bewegte. Laut donnerten die Wolkenkanonen. Grell blitzte das Mündungsfeuer. Und wir wurden durch die Bugwellen der Kampfschiffe arg durchnässt. Schnell hatte alles auf der Erde allzeit eine handbreit Wasser unterm Kiel. Auch ohne Kiel. Als die Wettergeneräle schließlich alle Kugeln verschossen hatten, da zogen sie siegtrunken die Bibel und verlasen laut die Stelle, an der Gott, der soeben den ersten Massenmord der Geschichte vollzogen haben soll, die Menschen für alle Zeiten an seine Heldentat mit einem Regenbogen erinnert. Und dann hissten sie die Regenbogenfahne über den gesamten Himmel. Und ich war angekommen. In Navsari.

Warum ich die Überwinterung in Pakistan vor zwei Monaten abgesagt habe wurde dem Rest der Welt spätestens gestern Abend klar: Der ewig charmante, lächelnde, halb-legitim fast-gewählte Generalpräsidentpolikerdiktator Pervez Musharraf zeigt seine Zähne. Ohne Lächeln. In wenigen Minuten zerstob die von den USA lobgehudelte Puderzuckerfassade und legte sich über die Straßen des Landes wie der Inhalt eines Sackes Zement, der aus dem zehnten Stock auf dem Gehsteig aufschlägt. Und mittendrin im Staub: Die USA. Als Freundesmacht des Diktators. Hier ein Diktator gestürzt. Dort einer aufgebaut. Außenpolitik. Made in Washington. Solchermassen aufgewühlt, derart ehrverletzt und gleichzeitig so vereint sind die Menschen in der muslimischen Welt noch nie gewesen. Das ist ein Basis negativer Energie neben der sich die Hassgrundlage auf der Weltkriege ausgetragen wurde, unerheblich ausnimmt. Die große weite Welt in der wir weisse, westliche Menschen noch sicher sind wird täglich kleiner. Und Pakistan zählt nicht mehr dazu.

Was sonst noch passiert? Ich habe dauerhaft hohes Fieber. Und ich huste mir die Lunge aus dem Hals. Für die heutigen 27 Kilometer – mehr war einfach nicht drin – habe ich acht grauenvolle Stunden gebraucht; viel länger als gewöhnlich. Morgen habe ich mir erneut einen dreissiger vorgenommen. Mal schauen wie’s läuft. :-)

Cherio. Bert.

 

 

Aktuelle Meldung (Valsad, 2740 km, 2. November):

(Am Morgen des 3. November): Ich habe, nachdem ich gestern aus dem Internetcafé zurückkam mal vorsichtshalber Temperatur gemessen. Leicht erhöht. 40,3. Kein Wunder bin ich gestern so groggy wie ne Socke gewesen. Und ich weiß nicht, wo der Mist herkommt. Aber ich rassele und huste seit zwei Wochen. Werde da mal ein Auge drauf haben. Wenn ich noch eine Woche weiterhuste dann werde ich bei meinen Bombay-Freunden erst einmal nach einem brauchbaren Doktor in Ahmedabad anfragen, denn TB und sonstige bei uns eher kuriose Krankheiten sind in Indien genauso lebendig wie die Patienten tot sind wenn sie sich diese eingefangen haben.

Das Gesundheitssystem ist hier in Indien nicht so ganz mit unseren Vorstellungen einer Fürsorge kompatibel. So starben beispielsweise zwei kastenlose Frauen, so genannte „Dalit“. Die Frauen haben im Krankenhaus ein Kind zur Welt gebracht. Dann kam die Krankenhausverwaltung und wollte je Frau 1000 Rupien Bestechungsgebühr haben. Zudem stehen den Angehörigen der kastenlosen zusätzlich 1400 Rupien „Sozialhilfe“ bei der Entbindung eines Kindes zu. Auch dieses Geld wurde beschlagnahmt. Ende vom Lied: Die Frauen konnten nicht bezahlen, wurden aus dem Krankenhaus verwiesen, es kam zu Nachblutungen, die Frauen starben. Jetzt kam Indien in die Gänge. Es bildete sich umgehend ein Mob der ins Krankenhaus eindrang und so lange die Pfleger, Ärzte und Verwaltungsangestellten verdrosch bis die Polizei schließlich die Ermittlungen gegen das Krankenhaus einleiteten. So läuft das hier. In Indien. Leute, die unsere Gesundheitsministerin kritisieren, die sollten ab und an überlegen, was für einer kurzsichtigen Weltvorstellung sie da erliegen.
 
Würde ich vor dreizehn Jahren so geröchelt haben wie heute, dann wäre ich in Quarantäne: Damals brach unweit von hier, in der Stadt Surat, die Lungen- und Beulenpest aus. Genau. Der schwarze Tod. Bei uns seit Jahrhunderten an unserer Hygieneerziehung daselbst eingegangen sind solche Gottesgeißeln in Indien nach wie vor präsent und kosten von Zeit zu Zeit hunderten Menschen das Leben bevor sie wieder für eine Weile verschwinden. Würde ich so schlapp wie heute nach Deutschland zurückkehren, dann würde ich vor der Abreise erst einmal einen Flugarzt sehen. Es ist die Pflicht eines Indienreisenden keinen mittelalterlichen Mist mit nach Deutschland zu schleppen sondern sich gefälligst vorher gewissenhaft zu entseuchen.
 
Ich habe erstmals auf diesem Marsch ‚totgelegen’. Das ist ein Ausdruck, den ich dann benutze wenn ich komplett ausgepowert bin. Dann schmeiße ich meine Klamotten unzeremoniell in den Waschzuber und lege mich aufs Bett, drehe den Ventilator an und penne eine Stunde bis wieder ein wenig Energie da ist. Nach dem Totliegen habe die Übertemperatur erst einmal paracetamolisiert und dann mit zusätzlichen zwei Litern intern und kalter Dusche extern verwässert. 39,2. 

Heute geht es mir den Umständen entsprechen so lala. 38,8. aber ich werde jetzt erst einmal auf die Strecke gehen und rechne damit, dass mein Körper die Sache im Laufe des Tages abarbeitet und mich erst einmal ungehindert meiner Arbeit nachgehen lässt. Schlapp bin ich. Ohne Ende. Keine Frage. Aber nicht beinamputiert. Meine Langstreckenwanderung ist nun wieder das, was sie von den ersten Jahren an war: Ein harter Eilmarsch gegen die Uhr. Am Tag ist 30 das geforderte Soll und jeder Kilometer drüber addiert sich zum Ruhetag (ich habe bereits anderthalb Tage reinmarschiert). Auf der anderen Seite warte ich mit den wertvollen, mit Überkilometern hart verdienten Ruhetagen lieber bis ich sie wirklich brauche.

 

2.11. Es gibt Tage, so wie heute, da geht wenig bis nichts und ich muss mich die ganze Strecke in den Allerwertesten treten um Abends anzukommen. Zugegeben: Den ganzen Tag bauten sich Gewitterwolken auf und die Luftfeuchtigkeit war atemberaubend. Das kann aber trtzdem nicht der Grund eines "Totalausfalls" sein. Grund war, dass mein Hotel, in dem ich gestern nach einem Slalomlauf durch alle Hotels von Vapi ankam, ein "complimentary breakfast" anbot. Und ich Esel nahm diese Einladung zum Umsonstfressen dankbar an - und ass Fett und Eiweiss. Fett und Eiweiss garantien, dass Du den Tag getrost in die Tonne kloppen kannst. Mit Fett und Eiweiss im Magen hast Du einen Klotz am Bein den Du bis in den Nachmittag hinein nicht mehr los wirst. Was also essen wenn Du dauerhafte Leistung erbringen musst? Der Tag beginnt mit nahezu 100 Prozent Kohlehydrate und auch auf der Wanderung bleibt es bei Kohlehydraten. Fette und, sehr selten, Eiweisse gibt es erst nach der Wanderung. Am Abend. Hintergrund ist, dass Kohlehydrate schnell im Blut landen und der Magen das Zeug ruckzuck verdaut hat. Fette und Proteine hingegen sind nicht nur Energielieferanten, sondern auch verbauchen auch einen Haufen an Energie um aufgespalten zu werden. Und so verdaute ich eben nahezu die gesamten 30 Kilometer nach Valsad und kam nie richtig in meinen Marschtritt...

 

28.10. Dahisar (45 km)
29.10. Hill View Resort (31 km)
30.10. Manor (36 km)
31.10. Talasari (46 km)
01.11. Vapi (33 km)

 

2.11. Heute verlasse ich Vapi wieder. Ziel: Valsad. An der gestern von mir überschrittenen Bundesstaatsgrenze zwischen Maharashtra und Gujarat wollten mich die Polizisten einmal mehr stoppen. Ich hasse das. Weil es nur darum geht ein interessantes Gesprächlein mit dem exotischen Ausländer/Wanderer zu führen und ihn um einen Kuli zu bitten. Eine halbe Minute vor meiner Ankunft bretterte ein Motorrad mit Fahrer ohne Helm und Kind ohne Helm entgegen der Fahrtrichtung an den Ordnungshütern vorbei – ohne, dass diese auch nur einen Finger gehoben hätten. Bevor also die übliche Fragerei begann fragte ich, warum sie ihre Arbeit nicht erledigen. Permanent werden Augen zugedrückt. Alles geht. Auch auf einem der größten vierspurigen Highways Indiens auf der falschen Seite an einer Polizeistation vorbeifahren vor der eine gute Gruppe Uniformierte stehen und zuschaut. Die Unordnungshüter waren sichtlich verblüfft. Und hatten auch keine echte Antwort auf der Pfanne. Wie auch? In diesem Zusammenhang fällt mir eine nette Studie des Polizeikrankenhauses zu Thiruvananthapuram ein. Dieses Krankenhaus hat 1038 Polizeibeamte der Stadt untersucht. Nun das Ergebnis: der überwiegende Anteil der Uniformierten leiden unter Fettsucht und Alkoholabhängigkeit!? In Zahlen: 58.01 Prozent der männlichen Beamten sind Fettleibig und 77.18 Prozent der Polizistinnen. Von den 929 Männern hatten 70 Prozent Cholestinprobleme, 216 hohen Blutdruck und 211 (!) waren Diabetiker. Unter den 109 Polizistinnen hatten 85.56 Prozent hohe Cholestinwerte aber nur 12 Prozent waren diabetisch.

 

1.11. „Die größte Kläranlage Indiens!“ jubelte üppig dimensioniert das Schild am Ortseingang von Vapi. Ich lasse mich von dieser Feierstimmung nahezu mitreisen! Klasse! Ein richtiger Urlaubsort! Dafür ist die Stadt selbst so trist wie viele andere ausgewachsenen Straßendörfer: Industrieanlagen und vierstöckige Häuser, deren Betonfassaden mit schwarzem Schimmel und Ruß an den Morgen nach einer Bombennacht erinnern prägen das Ambiente. Aber etwas gibt es hier, dass den Aufenthalt in Vapi allemal rechtfertigt: ein Internetcafé! :-)
 
Am Morgen hatte ich mich aus der Dhaba verabschiedet und wanderte weiter, gen Norden. Nach zweieinhalb Stunden ging der Bundesstaat Maharashtra zu Ende und Gujarat begann. In Gujarat habe ich endlich kein Problem mehr mit den schlechten Weinen Indiens, denn Gujarat ist „dry“. Alkohol ist verboten. Was die Leute aber nicht davon abhält, unter der Theke zu kaufen und zu saufen. Der einzige, der an diesem Treiben nicht mitverdient ist der Staat Gujarat.
Jetzt heißt es, die Füße hochlegen, dann eine Stunde später aufstehen, dann ins Internetcafé und erst gegen 11.00 Uhr auf die Strecke zu gehen. Es ist zwar dann bereits spät aber ich habe so meine Ruhezeit auf gut 14 Stunden verlängert und meine Muskeln werden ausgeruht sein.

 

(1.11. für den 31.10): Ich schreibe heute, weil ich gestern nicht schreiben konnte. 24 Kilometer waren absolviert, da waren meine Beine noch voller Kraft und ich dachte dass da noch etwas ginge... Also nahm ich weitere 24 Kilometer in Angriff - und endete mitten in der Pampa. Vom kleinen Ort Talasari, der auf der Karte verzeichnet war, keine Spur. Nicht einmal ein paar Lichter?! Nur zwei "Dhabas" - Fernfahrer-Restaurants. Und so wartete auf mich die erste Dhaba-Nacht.
 
Dhabas sind mit Schlafecken ausgestattet. Trucker halten hier um zu essen und zu schlaffen. Gemeinsam mit den Fernfahrern legst Du Dich also unzeremoniell in die mit Bastliegen ausgestattete Ruheecke unter einem Wellblechdach gleich neben dem Restaurant und ratzt. Neben Dir unbekannte Menschen und Dein eher bekannter Rucksack. Im Grunde könnte den jeder mitnehmen und Dich auch jeder Massakrieren. Schließlich schläfst Du im Offenen. Für jeden Zugänglich. Sichtbar. Aber hier ist Indien und nicht Hannover - niemand stiehlt und keiner mordet. Und so bietet eine Dhaba perfekte Sicherheit am Ende eines langen Wandertages für den Preis von exakt 0 Rupien.
 
Dafür schläfst Du (vor allem wenn Du wie ich unvorbereitet an eine Dhaba kommst) unglaublich unangenehm in Deinen verschwitzten Klamotten, wirst von hunderten Moskitos gepeinigt und einmal wachte ich auf, weil sich eine mutige Maus an meinen besockten Füßen zu schaffen machte... Auf der Liege neben mir tummelten sich rund zehn junge Inder und diskutierten mein Erscheinen auf indisch; ein Jugendlicher spielte auf einer Bontempiorgel. Fünf Töne. Immerzu. Permanent. Dudeldidudeldidudeldidüüüü. Dudeldidudel…
 
Ich begann während dieser Schlangenbeschwörung tatsächlich einzunicken. Einer der Restaurantbediensteten sah, dass dies wohl meine erste Dhaba-Nacht war und brachte mir rasch eine Decke als Kopfkissen. Das war schon viel, viel angenehmer. Und so entschlummerte ich dieser Welt und meine Muskeln erholten sich. 46 Kilometer ist eine schwere Belastung – vor allem weil vom Vortag bereits 36 Kilometer in den Beinen steckten und jetzt, einen Tag später, erneut 33 Kilometer dazu gekommen sind. Morgen stehen gut 40 Killermeter auf meinem Programm. Hohe vierziger (46 km und mehr) sind vor allem mental sehr schwer zu verdauen: Du marschierst 16 Kilometer und wenn es gerade so richtig heiß wird, dann liegen immer noch 30 Kilometer vor Dir!

 

30.10. Leider wieder kein Internet am Rande des Highways. Was mir sehr leid tut, denn ich vermisse Eure Briefe sehr. „Wie läufst Du eigentlich 1400 Kilometer?“ war eine Frage, die mir gemailt wurde. Antwort: Ich gehe keine 1400 Kilometer. Ich versuchen nur so oft wie möglich über 30 Kilometer am Tag zurück zu legen. Die weiteste Strecke, die ich im Auge habe ist so ein- oder zweihundert Kilometer lang. Dass Delhi 1400 Kilometer weit weg ist, das hat für mich einen Informationsgehalt wie dass die Russen derzeit den ersten Malaysier für einen ISS Besuch vorbereiten. Wissenswert. Interessant. Aber nicht die ganze Zeit präsent. Wesentlich wichtiger ist Disziplin. Ohne eiserne, unnachgiebige Disziplin geht beim Langstreckenmarschieren gar nichts. Du musst jeden morgen aus dem Bett - auch wenn irgendwas zwickt / zwackt. Du musst permanent Deine zugeführte Wasser- und Energiemenge kontrollieren. Du musst so lange auf der Strecke bleiben bis die Minimaldistanz geschafft ist und Du musst danach so schnell wie möglich von der Strecke – denn auch die Ruhezeiten sind mit großer Disziplin einzuhalten. Ich bin das erste mal in meinem Leben ein Leichtgewicht und habe mittlerweile Muskulatur bis zum Abwinken aufgebaut. Das verleitet dazu diesen „ach, einer geht noch…“ Gedanken zu denken. Wehe! Entweder Du gehst jeden Tag akribisch penibel diszipliniert an oder Du kannst die Strecke auf der Du Dich befindest im Grunde gleich in die Tonne kloppen. Der Grund, warum es nur sehr wenig erfolgreiche Langstreckenwanderer gibt die zehntausende Kilometer absolvieren ist, dass die meisten nicht auf der Strecke daheim sind, sondern das Wandern in ihrem Herzen als lästig empfinden. Ich bin, wenn ich Kilometer jage, daheim. Das ist, was ich bin. Ultralangstreckenwanderer. Und heute war ein guter, ein schneller Tag.

 

29.10. Habe es gestern übertrieben und bezahle heute dafür. Meine Oberschenkelmuskulatur ist schrottreif und ich quäle mich. Aber ich lasse nicht locker. 31 Kilometer stehen heute auf dem Programm und wenn es bis heute Nacht dauert – ich werde diese Marke schaffen. 20.16 Uhr: Habe es geschafft. Ich bin um sechs Uhr Abends im Urlaubsresort eingetroffen, habe meinen Rucksack in die Ecke gestellt und bin Schwimmen gegangen. Warum ich hier übernachte? Weil dies die einzige Unterkunft zwischen Gestern und Morgen (Manor) ist. Deshalb. Die Zimmer sind unter aller Sau, der Swimmingpool riecht wie als wenn eine verweste Ratte im Ausguss klemmt und der Preis ist völlig überzogen. Aber: Ich habe aber die Möglichkeit 1650 Rupien (30 Euro) für die Nacht zu bezahlen und schwimmen zu gehen - oder für 0 Euro draußen vor der Türe im Straßengraben zu übernachten und den Straßenkötern Eric Clapton vorzuspielen... Ich habe mich für die 30 Euro Variante entschieden.

 

28.10. 10.47 Uhr: Bin gegenüber des Pfadfinderhauptquartiers in einem Café der indischen Kette „Thirst Busters“ für fünfzehn Minuten zusammengebrochen. Hier gibt es noch einmal Lavazzo-Bohnen bevor mich mein Weg ins kulinarische Abseits führt. Heute Morgen vom Penthouse aus dem achtzehnten Stock wieder auf die Strecke gefallen zu sein, fühlt sich bekannt an: Zu meinen Füßen betteln die Menschen, an meiner Seite werde ich bedrängt und von oben scheißen die Tauben aus großer Höhe auf mich herab. Und während in 20 Meter Entfernung die Büste von Sir Baden-Powell gestreng auf mich ungezogenen, teuren Lavazzo schlürfenden, Bettlern nix gebenden Ex-Pfadfinder herüberschielt packe ich bereits wieder mein Bündel (dem sich seit gestern ein weiterer halber Liter kalt gepresstes Olivenöl aus Spanien zugesellt hat – das mir im Diplomatenviertel plötzlich im Wege stand) und wandere weiter durch den Rauch und die Hitze, die Bombay wie einen Wintermantel im Sommer umfängt. Nächstes Kurzetappenziel: International Airport Mumbay (BOM) und dann weiter auf der Swami Vivekananda Marg immer Richtung Norden.

 

13:18 Uhr: Bin im Stadtteil Santa Cruz (zu Deutsch „Heiliges Kreuz“), benannt nach einem hier tätigen christlichen Orden, in einem Café der indischen Kette „Thirst Busters“ für fünfzehn Minuten zusammengebrochen. Swami Vivekananda war übrigens ein indischer Wandermönch. Wie passend, dass ich die nach ihm benannte Straße nun zu Fuß erwandere. Was mir nicht gerade leicht gemacht wird, denn ab hier sind die furcht einflößend fahrenden Motorrikschas wieder erlaubt. Wer in Bombay einschwebt und am Flughafen von einem Motorrikschafahrer angequatscht wird, der wird verarscht sobald der Fahrer seine Lippen bewegt: Die Motorrikschas werden Euch zehn Kilometer vor dem Stadtzentrum abladen, „Welcome to India…“ grinsen und davon tuckern. Im Zentrum von Bombay haben die Autorrikschas ein von der Polizei hervorragend umgesetztes Dauerfahrverbot: Wird eine Rikscha im Stadtzentrum gesichtet, dann wird sie beschlagnahmt. Ende Banane.
 
Ich werde auf meiner Wanderung auch immer wieder einmal gezwungen Wegzuschauen. Gerade noch machte ich ein Bild an einem Strand auf dem Jugendliche Cricket spielten, da schlenderten an mir zwei etwa sechs Jahre alte Jungen vorbei. Wenig später jagte ein etwa siebzehnjähriger Jugendlicher mit einem dicken Bambusstock hinterher und begann einen von den Jungs zu verdreschen. Aber wie! Gehe ich dazwischen? Im Leben nicht. Grund: Wenn ich mich einmische, dann bekommt der Kleine nachdem ich zwangsläufig irgendwann mal weiter gegangen bin eine doppelte Tracht Prügel – und zwar für das, was er vermutlich verbrochen hat und für das, was ich ihm durch mein Eingreifen zusätzlich einbrocke! Das Kind wird groß werden. Es werden den Tränen auch wieder lustige Zeiten folgen. Die Schläge sind schnell vergessen.
 
Die Kinder in Indien brauchen keine Urlaubshelden die, ihrer akuten Gefühlsaufwallung folgend, im Grunde lediglich ihre eigene Welt verschönern wollen in dem sie das gerade miterlebte Unrecht kurzzeitig bekämpfen. Aber an der Wurzel des Übels schürfen sie nicht. Und daran haben sie eigentlich auch gar kein Interesse, denn das würde den exotischen Mythos einer Indienreise stören. Die Wurzel des Übels nämlich ist, dass in Indien das Leben und die Gesundheit des Anderen nur sehr wenig wert sind. Menschen sind in Indien keine Rarität sondern inflationär vorhanden. So und nun ist mal wieder die Batterie leer – weil sich mein Notebook im Rucksack zum hundertsten Male selber angeschaltet hat… Bis später.

 

 

 

Aktuelle Meldung (Bombay, 2518 km, 28. Oktober):

Ich bin gut auf die Strecke gekommen und schreibe Euch diese kurzen Zeilen aus einem kleinen Internetcafe, das direkt in der Einflugschneise des internationalen Flughafens zu Bombay liegt. 21 Kilometer habe ich somit geschafft und noch ist fuer ca. 20 weitere Kilometer “Sprit im Tank”. Ich versuche heute Abend ein Internetcafe zu finden und Euch einen laengeren Bericht ueber den heutigen, ueberaus interessanten Tag online zu stellen. Cherio. Bert. (Nassgeschwitzt bei 35 Grad im Schatten)

 

27.10. Bombay: Du denkst es kann nicht mehr ärger kommen – und dann kommt es doch. Ärger(lich).Wir haben seit heute Morgen eine neue Windrichtung und die scheinbar frische Luft, die wir gestern noch genossen haben, die genießen nun andere Menschen. Wir hingegen haben eine auf vier Kilometer begrenzte Sicht und die Luft riecht nach Sprit. Das ist, was unserer Welt noch blüht. Du glaubst doch nicht im ernst, dass wir nachlassen werden die Schöpfung solange untertan zu machen bis sie aus dem Fenster hüpft? Erst wenn das letzte Ölfeld geplündert und der letzte Liter Benzin getankt ist werden wir merken, dass man ohne Sprit nicht fahren kann. Und dann werden wir den Holzvergaser aus der Mottenkiste holen, den Rest der Regenwälder in handliche Pellets pressen und verfeuern :-)

Heute Abend kommen noch ein paar Freunde meines Gastgebers zu Besuch. Wir werden uns über unsere Kulturen austauschen – unter der stündlichen Erinnerung daran, dass die heulende Kuckucksuhr aus Titisee-Neustadt und die Bierdeckel vom Münchner Oktoberfest stammen. Der Ball (eigentlich eine Vase, die aussieht wie ein Ball) auf dem Tisch kommt aus Dänemark. An der Kühlschranktüre klemmen Magneten der Blauen Moschee in Istanbul und von der Wiener Oper. Und die kleine Trophäe auf der Schrankwand vom arktischen Kreis in Norwegen. Wo nicht mal ich bislang hingefunden habe, da war diese Familie schon.

Der Patriarch hatte sich in Dänemark einen Leihwagen genommen. Dann rief ihn überraschend seine Tante aus dem hohen Norden Skandinaviens an und lud ihn ein. Und Decee, so sein Rufnahme, gab die Adresse ins Navigationsgerät ein und fuhr mal eben 1500 Kilometer an den Polarkreis. Und auch wieder zurück. Der Autoverleiher wollte seinen Augen nicht mehr trauen und Fielmann kaufen, als er nach ein paar Tagen den Tacho ablas... Der Sohn der Familie hat in den USA studiert und flog gestern aus den USA ein – wo er für vier Tage die Hochzeit eines Verwandten besucht hat. Jetzt aber ist ihm nicht mehr nach feiern zumute. Jetzt hat er Jetlag. 

Für mich geht morgen früh mein Marsch weiter – und zwar auf den Highway Nummer acht. 1400 Kilometer bis nach Delhi stehen an und einige wundersame Wochen Wanderung durch die Wüste. Mein Husten wird sich in den nächsten Tagen hoffentlich verziehen und die Luft wird wieder klar, sauber und trocken sein.

Ob ich mich in solchen Kreisen wohlfühle? Klar. Warum nicht? Hauptsache die haben guten Rotwein. :-) Diplomaten. Industrielle. Firmenchefs. Küchenchefs. Penthouse. Reihenhaus... Alles normale Menschen. Mindestens so normal wie ich. Als bester Langstreckenmarschierer der Welt brauche ich keine Vergleichsängste zu haben. Ich bin ein auf Leistung getrimmter Workoholic der langsam wieder zu sich selber findet. Mit meinen erlebten Abenteuern kann ich jede Kaminrunde zum Lagerfeuer machen, an den Abenteurer im Mann appellieren. Das, was uns Menschen ein ganzes Leben lang antreibt, nämlich die lebenslange Schnipseljagd-Schatzsuche, das ist der Inhalt meines gesamten Lebens.

Cherio. Bert.

 

26.10. Bombay: In Bombay gibt es keine Sterne. Die Stadt selbst ist eine Supernova, die in einem gelben Lichtermeer laut hupend explodiert und sich eine Menge anderer, ehemals unbebauter Flächen einverleibt wie ein schwarzes Loch. Eine wahrlich kosmische Stadt. Nicht von dieser Welt.

 

Der Abmarsch aus Bombay fühlt sich wie eine 20 Kilometer lange Kirchweih an: Menschenmassen. Dicht an dicht. Alles besetzend. Schiebend. Quetschend. Fordernd. Am Abend hast Du überall blaue Flecke, weil Du unentwegt Ellebogen in die Rippen, Fahrradvorderräder gegen Schienbeine oder Einkaufstaschen gegen die Oberschenkel stoßen. Das ist nicht nur wenig angenehm sondern brachte mich nach der x-ten Belästigung langsam auf die Palme. Das Problem in Indien: Du kannst ausrasten. Den einen ausschimpfen. Dem anderen ans Revers greifen. Fluchen. Schreien. Mit den Füßen Löcher in den Asphalt stampfen. Am Ende hast Du Dich an einem Widerstand gerieben. Toll gemacht. Jetzt sind nur noch 290 Millionen anderer Widerstände übrig. Und weil Du Dich als Reisender an Indien aufreiben kannst bis nichts mehr von Dir übrig ist, musst Du einen anderen Weg finden. Den des zurückgelehnten Zynismus. Oder den der buddhistischen Barmherzigkeit. Nur eines darfst Du auf keinen Fall: Dich von den Problemen engagieren lassen!
 
Eine andere Stadt jedenfalls. Und ein anderes Penthouse. Hoch oben, über der Skyline Bombays zu sitzen, ist vergnüglich. Du meinst, den Smog der Millionenmetropole unter Dir zu lassen und wie auf einer Nadelspitze aus der beinahe greifbaren Luft herauszuragen. Auch wenn dem nicht so ist. Aber allein das Gefühl einer möglicherweise saubereren Atemluft wirkt bereits beruhigend auf die benebelten Bronchien. Meine Lunge tut richtiggehend weh. Ich huste im Minutentakt. Ich fühle mich unsauber. Von innen heraus.
 
Die Höhe regt Dich aber auch zum Nachdenken an: Das Nebeneinander von Reich und Arm wird aus der Höhe der Carmichael Road noch deutlicher, sichtbarer. Auf der einen Seite die Hochhäuser mit ihren Dachterrassen und mittelklassewagenbestückten Parkplätzen und am Fuße der Apartmentblöcke die mit blauen Plastikplanen bedachten Behausungen der Bediensteten.
 
Während meine Gastgeber noch beim Geschäftsführen sind, die meisten Plastikschläuche der Klimaanlagen unserer Welt werden von dieser Familie hergestellt, nehme ich mir die letzte richtige Auszeit vor meiner 1400-km-Wanderung nach Delhi - wo ich, nach ersten Berechnungen, am 8. Dezember eintreffe. Meine Stiefel habe ich soeben eingecremt. Ich hoffe, dass sie die nächsten sechs Wochen noch durchhalten. Sollte ich Delhi in meinen jetzigen Tretern erreichen, dann wäre ich 4000 Kilometer in ein und denselben Schuhen gegangen – das ist eine unglaubliche Distanz für ein einziges Paar und zeigt deutlich, wie sehr sich die verwendeten Materialien mit den Jahren weiterentwickelt haben. 4000 Kilometer am Stück  – das wäre während meines ersten Marsches nicht möglich gewesen. Nötig ist es eigentlich auch nicht, dann wir wissen, was die Schuhe draufhaben. Aber spannend ist es allemal, die Leistungsgrenzen in der Praxis bis zur letzten Rille abzurufen.

 

 

Aktuelle Meldung (Bombay, 2518 km, 23. Oktober):

So. Da. Bombay. Angekommen. :-) In der Stadt des Schalls und des Rauchs. Wenn Du oben, im Wetter-Kasten "Smoke" liest, dann ist das tatsächlich so: Bombay raucht laut vor sich hin. Tag und Nacht. Die Luftverschmutzung ist so dramatisch, daß Du die Schadstoffe von zwei Schachteln Zigaretten je Tag aufnimmst!

Der erste Teil meiner Reise ist somit beendet und Teil II steht an - ein eiliger 1400 km Marsch von Bombay nach Delhi. Nach mehreren blitzsauberen, langen Wanderungen habe ich heute nicht nur die 2500 Kilometer geknackt, sondern bin in der Stadt angekommen, in der mein "Marsch zum Mond" am 1. Oktober 1994 begann - in Bombay. Ich bin heute schon um sieben Uhr auf der Strecke gewesen und marschierte von Pen nach Madvan. Madvan ist eine Hafenstadt vis a vis von Bombay und dort erwischte ich dann die 17.00-Uhr-Fähre, die von Madvan zum 'Gateway of India' schippert - dort wo früher auch die Vizekönige, Könige und sonstigen Besatzer nach wochenlanger Seereise mit grünen Gesichtern und von Bettwanzen und Skorbut geplagt an Land krochen. Im Grunde waren diese Reisenden fast so schlimm dran wie wir. :-)

Die überfahrt selbst war sehr schmerzhaft. Sie brachte viele Erinnerungen an Christine hoch. Christine und ich sind x-mal nach Amrum getuckert. Amrum war ihre Lieblingsinsel unter den friesischen Eiländern. Auch über die Wellen des arabischen Meeres würde ich nach längerer Fahrt zur Fraueninsel kommen. Der Dieselmotor des indischen Kahns jedenfalls tuckert wie eine dieser grün-weißen WDR-Fähren, die Amrum bedienen...

Trauer, Ihr Lieben, führt eine merkwürdig lebendige Regie im Leben der Zurückgelassenen: Auf der einen Seite schnürt Dir die Trauer das Herz so zu, daß Du körperliche Pein empfindest und Dir die Luft zum Atmen abhanden kommt. Auf der anderen Seite hilft Dir das Sterben dabei, die Diskrepanz zwischen Geburt und Tod, die wir 'Leben' nennen, besser zu verstehen.

Ich habe dann, traurig, mal ein wenig in den Tiefen des Internets gekramt und Folgendes gefunden: "Ich möchte mich auch im Namen meines Vaters und auch meiner Mutter bei so vielen bedanken, die uns in der wohl schwersten Zeit beigestanden haben und ich hoffe, wenn ich jetzt irgendwen vergeßen habe, der ist mir nicht böse! Als allererstes möchte ich Christine und Bert erwähnen! Ohne Euch wäre wohl so manches drunter und drüber gegangen und ich bin froh, daß Ihr uns in so vielen Situationen wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt habt! Bert, Deine Aufmunterungssprüche sind einfach megaspitze!!! :-)"

Christine und ich waren ein Hammerteam. Wir haben ganze Bergketten bewegt und sind am Ende über Kieselsteine gestolpert. Das Leben hinkt arg, wenn man nur als eine Hälfte herumläuft.

Bis morgen und allerbeste Grüsse. Bert.

 

Aktuelle Meldung (Pen, 2478 km, 22. Oktober):

20.10. Vadgaon (39 km) – 21.10. Khopoli (42 km) – 22.10. Pen (34 km)
 
20.10. Vadgaon: Bin nach 39 dem Ende zu arg dunklen Kilometern in Vadgaon angekommen. Vorgestern und gestern war ich bei einem indischen Filmemacher zu Gast der schon einige ‚National Awards’ eingeheimst hat. Er hat sich auf Filme für Kinder und Jugendliche spezialisiert. Kay ist vor ein paar Tagen erst aus Frankfurt zurückgekehrt, wo er seinen neuesten Film auf dem internationalen Filmfestival vorgestellt hat.
 
Er war baff, als ihm die Kassiererin eines Frankfurter Restaurants 1,70 Euro für ein stilles Wasser berechnete - nicht wegen des Preises, Kay entstammt einer wohlhabenden Akademikersippe, sondern weil in Deutschland selbst Wasser Geld kostet – das Lebenselixier schlechthin. Ein wenig merkwürdig finde ich das, mit der Entfernung die mein Indienaufenthalt mit sich bringt, auch. Bier, Wein, Tee, Kaffe… da ist ein Gegenwert vorhanden. Aber Wasser? Ich weiß nicht. Irgendwie fühlt sich das ganz schön poplig an da richtig Geld für zu verlangen - vor allen Dingen wenn man im Hinterkopf behält, dass die meisten Mineralwässer von schlechterer Qualität sind als das Wasser, das aus dem Wasserhahn kommt.
 
Der professionell gedrehte, beeindruckende 80 Minuten Streifen handelt von einem Mädchen, das permanent versagt und doch so gerne eine Gewinnerin sein möchte. Und so flüchtet sie sich in oft lustige aber auch immer verdrießlicher werdende Traumwelten. Schließlich klafft zwischen Traum und Leben eine immer größere Kluft und die Ernüchterung beim Aufwachen aus den Tagträumen führt langsam zur Depression. Da begegnet ihr eine Fee. Allerdings eine moderne. Leider. Ohne Zauberstab. Dafür mit Haaren auf den Zähnen. Aber die Fee hilft dem Mädchen am Ende das zu finden, was sie sucht: Den Bereich in ihrem Leben, in dem sie spitze ist. Der Film ist irre gut gemacht und wird sicherlich wieder eine ganze Wand an Preisen einheimsen.
 
Nach einem langen Frühstück inklusive Penthouseblick über die Hügel, die Pune vom Rest der Welt abgrenzen und einem weiteren herrlich unkomplizierten und gehaltvollen Gespräch bin ich erst gegen elf Uhr auf der Strecke gewesen – und eben gerade erst hier eingetroffen. Gerade eben ist um 20.00 Uhr. Das erste, was mir beim Start am Wegesrand auffiel war ein moderner Supermarkt. Da bin ich sofort einkaufen gegangen und habe eine für indische (und deutsche) Verhältnisse sündhaft teure 250 ml Flasche kalt gepresstes italienisches Olivenöl erstanden. Extra virgine. Extra importiert. Extra fünf Euro. Endlich kann ich meine indischen Fladenbrote wieder mediterran genießen; eine der wenigen Freuden die ich mir beim im Grunde recht eintönigen Essen gönne.
 
Vadgaon liegt 126 Kilometer von Bombay entfernt – ich nähere mich nun rasch einer der größten Metropolen der Welt. Wenn ich Raubbau am Körper betreiben würde, dann könnte ich in drei Tagen dort sein. Mache ich aber nicht. Ich werde erst am 25ten von einer indischen Industriellenfamilie in Bombay erwartet.
 
Mehr als 20 Millionen Menschen sollen in Bombay leben. Aber so genau weiß das niemand. Die Menschen sind unzählbar da ein stetiger Strom hagerer Utopisten von den Dörfern in die Stadt plätschert. Die Menschen sind auf der Suche nach dem besseren Leben das aber sehr schnell sehr viel schlechter werden wird als nur schlecht. Wie Zombies halbtot vegetieren sie schließlich vor sich hin. Sie überdauern ihre Frist in grauenvollen Slums auf einem Boden der ihnen nicht gehört vom Müll der ihnen nicht gehört. Das einzige, was diese Menschen ihr Eigen nennen ist Hunger, Krankheit, Gewalt und früher Tod. Hoffnung zählt nicht zu ihrem Besitz.
 
21.10. Khopoli: Heute ist Formel Eins Tag und da die Autos erst um 21.30 Uhr unserer Zeit im Kreise herumfahren kann ich in Allergemütsruhe einen vollen Marschtag einlegen ohne pausieren zu müssen. Und dieser Marschtag ist soeben zu Ende gegangen. Ich habe das erstbeste und ein wenig teurere Hotel am Strassenrand genommen und freue mich nun auf das Rennen. Hoffentlich (hoffenlich!) gibt es nicht wieder Stromausfall... Mein Zeug ist gewaschen und ich habe wieder kein Internet gefunden um mich bei Euch zu melden. Sei’s drum. Schreibe ich eben für morgen:
 
Heute war Chaos angesagt. Und zwar indisches Straßenarchitekturchaos, ausgelöst durch eine sehr steile, für die Ingenieure scheinbar völlig überraschend gekommene „Tiger Schlucht“. Oben an der Schlucht ist jedes Haus ein Hotel. Und überall sind Menschen, die sich die beeindruckende Natur ansehen. Und dann kommt der Hang und damit die Probleme. Zuerst ist da der Express-Highway, ein Monsterhighway mit Tempo 30! Kein Scherz – überall stehen 30er und manchmal auch 50er Schilder auf der Autobahn :-)
 

Und dann gibt es den normalen Highway. Dieser ist aber plötzlich gesperrt: Ein großer Sandhaufen zwingt den Verkehr des kleinen Highways auf den Superhighway. Auch Fußgänger, Eselkarren und Traktoren – allesamt eigentlich streng verboten, obwohl sie die 30 Stundenkilometer, die auf der autobahnähnlich ausgebauten Straße gefordert sind, locker erreichen. Hinter dem Sandhaufen geht der normale Highway allerdings weiter. Und so entscheidet sich die eine Hälfte der Fahrer für den Superhighway, die andere umfährt den Sandhaufen und bleibt auf dem alten Highway. Kurz danach teilt sich der alte Highway Strecke in links (eigentlich für die, die bergab fahren) und rechts (bergauf). Hier teilen sich die Verkehrsteilnehmer nochmals auf. Je nach Laune fahren sie entweder rechts oder links den Berg runter. Und unten am Berg treffen die Autofahrer ebenfalls nach dem Zufallsprinzip ihre Fahrstreifenwahl. Das ganze endet in einem unglaublichen Chaos und nachdem auch noch beide die Kurven schneiden und an jeder zweiten Ecke Rindviecher auf der Strasse herumtollen kommt es unablässig zu Begegnungen der indischen Art.

 

 

Aktuelle Meldung (Poona, 2363 km, 18. Oktober):

17.10. Kapurhol (40km) - 18.10. Poona-Warje (34km)

Poona ist erreicht und ich bin bereits jetzt ins Speed-Wandern gerutscht. Anstatt am 22. hier anzukommen habe ich es auf den paar Tagen richtig krachen lassen :-) Was ist Geschwindigkeitswandern? Zuerst einmal gibt es nur dann Ruhetage, wenn man sie sich vorher "verdient" hat. Die Tagesmindestdistanz liegt bei 30 Kilometern, der gewünschte Wochenschnitt bei 210. In den letzten paar Tagen habe ich mich bereits daran gewöhnen können. Ich marschiere 40er Etappen natürlich auch anders als einen 27 Kilometer Marsch. 27 Kilometer lege ich meist ohne Frühstück und mit sehr wenig Essen zurück, da ich kaum stoppe. Bei einem 40 Kilometermarsch wird gut gefrühstückt und ab 20 Kilometer sind zwei oder drei längere Pausen notwendig, da die Muskulatur vor allem auf den letzten zehn Kilometern leidet. Und das, was Du Deinen Muskeln antust, das zahlen sie Dir am nächsten Tag zurück...

Gestern wurde meine Wanderung zum ersten Mal richtig lebensgefährlich – und zwar 17 Kilometer vor Poona. Dort nämlich gräbt sich die Straße durch den Berg. Entweder kannst Du den neuen Tunnel benutzen, der 1,3 Kilometer lang ist – oder aber Du wanderst ein paar Serpentinen weiter nach oben und benutzt den alten Tunnel. Ohne Tunnel geht’s nicht. Da gerade wieder Stromausfall war, war die lange Röhre nicht nur pechschwarz, sondern auch die Abluftanlage war ausgefallen. Nachdem ich 200 Meter in den Tunnel getapst war drehte ich um weil mir von den Abgasen schlecht wurde. Ich  evakuierte mich aus dem Höllenloch und wanderte die paar Serpentinen nach oben um die alte Röhre zu nutzen. In dieser Röhre gibt es keinen Fußgängerweg und keine Beleuchtung. Der Verkehr überholt sich wie eh und je und der Straßenbelag ist komplett ruiniert. Ich überlegte kurz und machte dann etwas, was zwar halsbrecherisch war aber im Endeffekt funktionierte: Ich wartete auf den nächsten überladenen Bus und begann in seinem Windschatten durch den Tunnel zu rennen. Die Straße war so schlecht, dass der Bus nicht schneller als 30 Stundenkilometer fahren konnte. Der Bus schob den Verkehr vor mir zur Seite und hinter mir hielt mir ein  Jeep mit ein paar reichen Indern den Rücken frei. Als ich den Tunnel verlassen hatte machte ich beim Tempel am Straßenrand erst einmal eine längere Pause um meine Nerven wieder in den Griff zu bekommen. Was für ein Mist man halt macht, wenn man jung und unerfahren ist… :-)

 

Aktuelle Meldung (Wai, 2289 km, 16. Oktober):

Tipp: Neue, interessante Bilder sind im Fotoalbum...

 

Heute nur eine ganz kurze Meldung: Ich bin soeben in Wai angekommen. Wai ist nicht Hawaii und befindet sich 12 Kilometer von meiner eigentlichen Marschroute entfernt. Nur hier gibt es Herbergen. Es braucht eine Viertelstunde sonderbarer Jeep-Fahrt um den Ort zu erreichen. Du glaubst es nicht, aber in einen ganz normal bemessenen Jeep passen in Indien mindestens 17 erwachsene Menschen. Mit mir waren es sogar 18! Mit ein wenig mehr Geschrei des Fahrers glaube ich, dass wir den Inhalt des Jeeps auch locker auf 25 aufstocken haetten können.

Der heutige Marschtag war ruhig und normal - mit der Ausnahme, dass ich erstmals wieder gute Ideen hatte, die wirklich brauchbar, bunt, interessant und spritzig waren. Unkraut vergeht bekanntlich nicht; ich scheine langsam wieder aufzuerstehen und das hat mir heute sehr viel Spass bereitet :-)

Es trennen mich nun noch zwei lange oder drei mittlere Marschtage von Poona. Ich haue mich nun ratzfatz aufs Ohr, da ich morgen erneut an die viezig Kilometer Marke rangehen will.

Cherio und alles, alles Gute. Bert.

 

15. Oktober, 2255 km, Satara: Komme soeben von einem blitzschnellen und sauber marschierten 26 Kilometer Marsch zurück in meine Herberge. Es ist schon Wahnsinn, was ein kurzer Ruhetag bewirkt: Deine Knochen fühlen sich wieder gerade an, Deine Muskeln sind gefüllt mit Energie und die Kilometer sind definitiv mindestens hundert Meter kürzer als sonst.

 
Heute bin ich sehr zügig an einem Schulkind vorbeimarschiert. Der Junge, vielleicht sechs oder so, fing sofort an zu weinen weil er, wie viele Kinder, noch nie einen Weissen und schon gar nicht in seinem Dorf gesehen hat. Was Kinder nicht kennen, das wird, wenn sie in Gruppen auftreten, mutig bestaunt. Wenn ein Kind allerdings keine Gruppe um sich hat, dann hat es sofort Panik. Witzig waren die riesigen, kugelrunden Augen als ich grinsend in Hindi “Hallo. Alles ist OK. Bleib schön sitzen!” sagte. So ungefähr würde ich auch gucken wenn mir ein widerkäuender Wasserbüffel “En guete mitenand” wünschen würde…
 
Links von mir schaue ich nach wie vor auf eine höhere Hügelkette, die mich vom Ozean trennt – und mich vor der wabernden Luft des Südwestmonsuns schützt. Dafür bin ich sehr, sehr dankbar. Erstmals muss ich während des Wanderns ab und an sogar mal pinkeln. Das gabs in den vergangenen Monaten eigentlich nicht, weil ich dermassen geschwitzt habe dass für solch einen Luxus kein Wasser mehr übrig war.
 
Der Herbst hält nun ganz langsam, ganz vorsichtig Einzug. Du merkst, dass die Atmosphäre langsam austrocknet. Gestern Nacht war es, anders als im Monsun, erstmals sogar komplett sternenklar. Die Temperaturen gingen von “Schwitzen” auf “Wohlfühlen” zurück. Die sternenklare Nacht konnte ich allerdings nicht zum Sternegucken nutzen, da Indien, wie auch Deutschland, erhebliche Lichtverschmutzung betreibt: Nur die stärksten Sterne fallen Dir überhaupt auf. Der Rest des Firmaments ist ein Opfer unserer Laternen.
 
Heute war ein Tag des Nachdenkens und des in-mich-gehens. Körperlich habe ich mich gottseidank aufgerafft und bin da, wo ich vor dem Anschlag auf mein Leben war. Zwar um einiges leichter, aber zäh wie eh und je und auf der Strecke herrlich kompromisslos-zielorientiert. Psychisch aber, da stehe ich seit Monaten still. Da hat sich auch bei der x-ten Kuh und dem x-ten Tempel nichts bewegt. Mir fehlen ganz einfach Gespräche. Austausch. Reflexion. Gemeinschaft. Aus diesem Grunde, weil mir ein wesentlicher und wichtiger Bereich für mein Gesundwerden fehlt, werde ich die 13000 Kilometer des Projektes aufsplitten.
 
In 270 Kilometern steht Bombay an, ein Ort, an dem ich mein Projekt neu ausrichte. Aus Zufall trage ich die benötigten Landkarten bereits im Rucksack mit! Ich werde vom UNESCO-Gegurke aufs Speed-Wandern umschwenken und das geht nur auf geraden Bahnen. Der neue Streckenverlauf wird Bombay – Ahmedabad – Udaipur – Jaipur – Delhi– Amritsar (1900 km) und dann Delhi – Agra – Varanasi – Calcutta (1500 km) werden. Oder in Highways ausgedrückt: der Wüsten-Highway NH8, dann der Punjabi-Trek NH1 und, quasi als das Grand Finale, die absolute Lebensader Indiens, der berühmte, berüchtigte, bekannte NH2.
 
Zusammen mit den bereits absolvierten 2200 km sind das knapp sechstausend Kilometer. Es wird immer Leute geben, die meine Leistung kritisieren. Aber 6000 Kilometer zu Fuss, in Indien, nach einem halben Jahr Krankenhausaufenthalt in dem ich im Grunde ausser Tablettenfuttern nichts gemacht habe… das ist mehr als ich mir selber am Anfang zugetraut habe.
 
Vorausgesetzt ich erreiche Calcutta lebendig, dann werde ich im März 2008 sofort auf den Jakobsweg gehen – und zwar so, wie die Menschen den Jakobsweg im Mittelalter gegangen sind: Von der heimischen Jakobuskirche weg (in diesem Fall die Jakobuskirche in Hannover) und dann nach Santiago de Compostela und dann, typisch kompliziert Mittelalter halt, auch wieder zu Fuss retour nach Hannover. Das sind erneut knapp 6000 Kilometer.
 
Wieso hin und zurück? Zug, Bahn, Flugzeug gab es damals noch nicht, Ein Pferd konnte man sich kaum leisten. Also sind die Pilger des Mittelalters die Strecke zwei mal gepilgert - hin und wieder zurück. Message an ‘LooseMoose’: Du kannst schon mal die Couch klarmachen. Heute in fünf Monaten sitze ich wieder mit Euch vor der Hand-Wand :-)
 
So, ich werde mich nun in mein Zimmerle begeben. Habe auf dem Weg ins Cyber Café einen Erdnusshändler gefunden. Hier in der Region werden nebst Zuckerrohr und Tabak vor allem Peanuts angebaut. Vor den Hütten der Umgebung liegen die Nüsse in der Sonne und trocknen auf grossen Planen die die Menschen auf dem heissen Asphalt der Strassen ausbreiten. Der Erdnusshändler hat mir ein paar frisch geröstete Nüsse eingepackt und so werde ich in ein paar Minuten auf meinem Bett herumgammeln, Eric Clapton hören und früh zu Bett gehen, da morgen wieder ein etwas längerer Marsch ansteht.
 
Cherio. Bert.

 

Aktuelle Meldung (Satara, 2229 km, 13. Oktober):

14.10. Ruhetag - mit neuen, interessanten Bildern im Fotoalbum...

Mann, endlich habe ich es geschafft einen Ruhetag zwischen zu schieben. Meine Füsse haben gekreischt vor lauter ich-kann-nicht-mehr. Ich habe Euch gerade ein typisches Fußbild hochgeladen. Allerdings ist es ein grausliges - wer kein Blut sehen kann, der sollte den Link NICHT KLICKEN! So und hier ist der LINK zum Bild... Ich habe in den letzten zwei Wochen jeden Tag mit meinen Zehen rein rechnerisch einige Tonnen Gewicht weggetreten. Das geht am Fahrgestell nicht spurlos vorbei: Zehennägel fallen ab und wachsen nach, Druckstellen tun sich auf und verschwinden wieder... irgendwas ist immer.

Gestern begann mein Tag damit, daß ich einen Wasserbüffel erschreckte. Die Menschen in dem angelinkten Video (unterstrichene Worte = Link) sind Angehörige der Sikh-Religion. Das erkennt man an den langen, meist nie geschnittenen Haaren. Sikhs sind meine Lieblingsinder weil sie, anders als der hinduistische Massen-Inder, überdurchschnittlich freundlich, hilfsbereit und gütige Menschen sind die meist eine strikte, authoritäre Erziehung genossen haben während die Kinder der Hindus meist überhaupt nicht erzogen werden und daher auch im späteren Leben ihre Grenzen entweder nicht kennen oder aber permanent verletzen.

Zurück zum Vieh: Diese tonnenschweren, eigentlich gemütlich vor sich hinkauenden Kreaturen sind normalerweise nicht aus der Ruhe zu bringen. Weshalb die indischen Bauern immer schreiend und prügelnd hinter ihren H2O-Büffeln herrennen und sich furchtbar ärgern weil es wieder mal nicht vorangeht - während die Büffelkuh in aller Gemütsruhe ihr zum Widerkäuen hochgewürgtes Gras von der linken in die rechte Backe schieben. Mit ihren kleinen Stöckchen können die Bauern den Büffel hauen wie sie wollen - ein VW-Bus hält schließlich auch nicht inne, nur weil ihm jemand auf die Windschutzscheibe spuckt. Und diese Überlegenheit, die genießen die Büffel sichtlich!

Und dann kam ich. Wanderer. Rucksackträger. WEISS! Die Büffel sind nicht dämlich, sondern eigentlich, wie alle Kühe, recht intelligent. Manchmal scheinen Sie mir sogar intelligenter zu sein als die sie führenden Bauern. Die Tiere können gut unterscheiden zwischen indischem Bauern und komischem Deutschen. Und alles, was sie nicht kennen das macht ihnen, auch wieder ein Zeichen höherer Intelligenz, Angst. Und wie ich so hinter der Büffelkuh herwandere, da dreht sie plötzlich ihren Kopf ein ganz kleinwenig - genug um mich hinter ihr zu erspähen - und beginnt davonzugaloppieren. Der arme Bauer, abrupt von seiner Kuh arg beschleunigt, galoppiert ab sofort mit. Ich konnte nicht anders als sofort vor lauter Lachen beinahe zusammen zu brechen.

Der Farmer brachte seine fliegende Kuh aber recht schnell wieder zur Vernunft und ich klopfte ihm im Vorbeiziehen anerkennend auf die Schulter. Solch ein Tier wirklich zu kontrollieren ist, wenn das überhaupt geht, dann doch sehr schwierig.

So, ich verziehe mich nun ins Bett. Morgen beginnt eine neue Reihe von Marschtagen. Nach Bombay sind es nur noch 300 Kilometer und das ist eines meiner wichtigeren Etappenziele. Bis morgen und alles, alles Gute nach Duisburg, Hannover und Schwanewede :-)

Cherio. Bert.

 

Aktuelle Meldung (Karad, 2203 km, 12. Oktober):

11.10. Islampur (50 km) - 12.10. Karad (31km)

 

Ich kehre soeben von zwei sehr anstrengenden Marschtagen an eine Computertastatur zurück. Gestern waren bereits 40 Kilometer abgespult, da tauchte am Strassenrand das viel versprechende aber gar nichts halten wollende Hotel “Sai International” auf. Ich begehrte Einlass in die Herberge, in der die Zimmer immerhin 12 Euro (600 Rupien) kosten. Und als man mir dann mein Vielleicht-Zimmer zeigte, da krochen überall grauslige fliegende Kakerlaken rum! Und fliegen taten sie selbstverständlich auch. Deshalb heissen sie ja so.

“Oh, ‘Tschuldigung”, stammelte der Rezeptionist und holte einen weiteren Schlüssel. Mit diesem öffnete er dann ohne jede weitere Verzögerung das Tor zur Hölle: Noch mehr Kakerlaken! Viel mehr!!! Die geballte Macht der Viecher zwang mich zum sofortigen Rückzug. Es waren nochmals 10 Kilometer bis in den nächsten Ort, Islampur, und so nahm ich meine Beine in die Hand und evakuierte mich im Eiltempo hinein, in die anbrechende Nacht. Das Problem mit der Nacht ist nicht die Sicherheit – Indien ist zu jeder Zeit relativ sicher, Tag und Nacht. Aber der Verkehr, der tagsüber einem andauernden Weltuntergang gleicht, der wird Nachts noch schlimmer, wüster und tödlicher. Und da ich als Fussgänger am unteren Ende der Futterkette stehe, halte ich mich aus dem allnächtlichen Krieg der Welten besser raus.

Heute morgen mit schmerzenden (50-Kilometer-in-den-)Beinen aufgewacht, machte ich mich direkt nach dem Frühstück erneut auf die Socken und marschierte, bzw. kroch die 31 Kilometer nach Karad, einer unübersichtlichen Ansammlung von halbfertigen bzw. halbzerfallenen Gebäuden. Irgendwie lebt man in Karad zwischen dem Wollen und dem Können auf der einen und dem Haben und dem Sein auf der anderen Seite. Und wenn einem alles zu diffus wird, dann knallt man sich halt ‘n Whiskey in die Birne. Deshalb gibt es hier auch besonders viele “Wine Shops” die allerdings gar keinen Wein verkaufen sondern Fusel. Da ich zwischen gutem und schlechtem Fusel eigentlich keinen Unterschied schmecke – es riecht und schmeckt alles irgendwie nach Zahnarzt – kann ich nicht beurteilen ob das Zeug für Humanoiden brauchbar ist oder nicht. In vier Wochen kommt aber ein Freund zum Wandern auf die Strecke und den werde ich die Schnäpse einfach mal probieren lassen.

So, ich  mache mich nun wieder auf den Weg zurück in mein Hotel und melde mich morgen wieder mit einem weiteren, lustigen Bericht aus der Reihe “Only in India!” :-)

Cherio. Bert.

PS: Das Fotoalbum ist upgedatet.

 

 

 

Aktuelle Meldung (Kolhapur, 2122 km, 10. Oktober):

Zuerst die gute Nachricht: Ich habe es geschafft, das Fotoalbum upzudaten.

Heute begann der Tag merkwürdig. Ich wurde nämlich um neun Uhr vom klingelnden Telefon geweckt. Der Telefonhörer: “Blablabla blakrablaba balabadabarabada”. Ich: “Hallo?”. Der Telefonhörer: “Sabaladawabala ladagawablabla!”. Ich: “Können Sie auch Englisch?”. “Der Telefonhörer: “Ich wollte Sie davon in Kenntnis setzen, dass bis um zehn Uhr das kostenfreie Frühstück für Hotelgäste im Garten-Restaurant bereit steht.”. Ich: “Danke”. Der Telefonhörer: “Badablagawablabla”...
 
Die Szene dann im Garten-Restaurant: Mehrere Ober stehen um das Frühstücksbuffett herum. Alle so mager, dass sie selbst erst einmal ein Frühstück nötig hätten. Und wie ich mir so ansehen möchte, was es zum Frühstück gibt, da nimmt jemand einen Teller und möchte mir gerne was drauf tun. Ich: “Lassen Sie man gut sein. Ich komme aus Deutschland”. Ober: “Ja und…?”. Ich: “Wir sind es nicht gewohnt, dass man uns bedient. Wir nehmen uns was wir brauchen. Wenn wir’s nicht bekommen, dann fangen wir traditionell Weltkriege an”. Ober: “Huch!” und springt zurück. Ich: “Das war n Witz!” Ober (ernst): “Achso”.
 
Der Hintergrund hinter meinem Scherzlein ist, dass Du in Indien öfters mit der Deutschen Geschichte konfrontiert wirst – und zwar in recht absurder Art und Weise. “Hitler good!” sagen viele. Nun brauchst Du nicht sofort die ich-werde-dir-nun-die-welt-erklären Brille rausholen. Der Grund ist recht einfach: Adolf Hitler ist neben Michael Schumacher und Steffi Graf das einzige, was die Leute jemals von Deutschland gehört haben. Und aus reiner Vorsicht heraus (man möchte ja schliesslich nicht das Wenige, was man vom Land des Fremden weiss gleich schlecht reden) heisst das, was Dir der Inder eigentlich sagen möchte: “Ich weiss was von Deinem Land. Und ich finde Dein Land toll”.

Und weil es sofürchterlich "in" ist, seine Meinung zum Dritten Reich und Adolf Hitler abzugeben, packe ich auch mal kurz das heisse Eisen an. Ich finde, dass in den Schulen und in den Medien Deutschlands eine Art Täter-Kult um das NS-Regime betrieben wird. Durch die erhebliche Auseinandersetzung mit den Tätern werden die Opfer dezimiert. Anstatt über Göring, Göbbels, Himmler, Hess und, eben auch Hitler zu reden, sollten wir diesen Kriminellen so wenig wie nötig Zeit geben und uns dafür Frank, Deutschkron, Rosenthal, Wiesenthal und anderen Opfern zuwenden.

Jede auf die Täter fixierte Geschichtsstunde in Deutschen Klassenzimmern erhebt die Täter und erniedrigt die Opfer. 

Das ist meine private Meinung zu dieser Angelegenheit.
 

Bis morgen. Cherio. Bert.

 

 

Aktuelle Meldung (Nipani, 2082 km, 9. Oktober):

Zuerst die gute Nachricht: Ich habe es geschafft, das Fotoalbum upzudaten.

Vorletzte Nacht habe ich nicht übernachtet, sondern überlebt: Ein schreckliches “Ding” habe ich mir da ausgesucht: Zig Kakerlaken liefen überall durchs Zimmer, tauchten immer wieder auf meinem Bett auf und selbst als ich alle Lichter andrehte (und so habe ich dann auch geschlafen) und meine Insektenspraydose leergesprüht hatte, kroch immer neues Getier aus irgendwelchen Ritzen und Löchern. Einfach der helle Wahnsinn. Als um sechs Uhr endlich (endlich!) die Sonne aufging, ass ich kurz Frühstück und wanderte dann nahezu ohne Pause die 32 Kilometer nach Sankheswar. Wenigstens das Marschieren funktionierte so wie immer. Allerdigs hatte ich gestern noch einiges an Schlaf nachzuholen. Ich habe mich deshalb gestern in einem besseren Hotel einquartiert (6 Euro!) und bin in ein ganz sauberes Bett gefallen.

Kurz nach dem Losmarschieren erteilte mir Indien gestern eine richtige Lektion: Ich musste ganz dringend mal. Und zwar so richtig! Und das Wunderbare: Am Rande des Nationalen Highway Nummer vier gibt es alle paar Kilometer Klohäuschen für die Reisenden. Also enterte ich das erste Scheisshaus und liess es so richtig krachen. Dann ging es ans Putzen, schliesslich will auch das Hinterteil sauber sein. Dazu nimmt man in Indien die linke Hand. Und Wasser. Und wie ich so schrubbe und säubere… hört plötzlich das Wasser auf zu laufen!!!! Ich, mit Scheisse an der Hand, schraube wie wild am Hahn: “Das darf doch jetzt nicht war sein…”. Dann, immer noch beschissen: “Scheinbar doch... Au Mann!”. Kein Tropfen kam mer. Nix. Der Hahn war trocken und blieb es auch. Nun zog ich mir halt mit der rechten Hand die Hose hoch, machte die Knöpfe einhändig zu und ging dann, die stinkende linke Hand wie einen Leprafetzen von mir streckend, den Highway entlang. Zwei Kilometer später tauchte dann zu meiner Rettung eine Tankstelle auf. Ich verschwand ohne zu Fragen im Klo und wusch mir die Kacke von der Pranke. Ich bin nun ich weiss nicht wieviele zehntausende von Kilometern gegangen. Sowas habe ich auch noch nicht erlebt.

Im Grunde ist das Marschieren entlang eines Nationalen Highways sehr einfach und, vor allem, sehr sicher. Der Verkehr ist durch klare, physische Begrenzungen in Bahnen gezwängt, wer diese Bahnen verlässt tut das, weil es ihm gerade das Fahrwerk weggerissen hat. Und für mich ist es ebenfalls toll, dass es so viele “Dhabas” gibt. “Dhaba” nennt man ein Restaurant für Fernfahrer. Dort gibt es meine heissgeliebten Roti und gebratene Linsen. Noch besser wird es allerdings, wenn ich Karnataka endlich verlassen habe und in Maharashtra bin. Das wird morgen der Fall sein und ab dann werden auch die Menschen ein wenig umgänglicher. Hier im Norden Karnatakas sind die Menschen im Grossen und Ganzen sehr ungezogen. Sie benehmen sich Dir gegenüber grundsätzlich nicht nur anders, sondern schlechter als untereinander. Das ist aber auch anderen Reisenden schon aufgefallen und wird in den eingängigen Reiseführern als regionale Unsitte beschrieben. Unter anderem setzen sich nicht nur einzelne, wildfremde Menschen an Deinen Tisch, sondern ganze Gruppen. Und dann beginnen sie Dich zu nerven – um entweder eine Antwort oder aber eine Reaktion von Dir zu bekommen. Wenn Du dann das eine oder andere zeigst, dann lachen sich die Leute halbtot. Intelligente Einheimische, denen ich das erzähle, sind dann immer ganz peinlich berührt. Es ist aber auch peinlich, wenn sich Landsleute daneben benehmen… wie bei uns im Osten Deutschlands, wo acht Inder durch irgendeine braune Stadt gescheucht wurden. (Das wurde hier auch gelesen und da werde ich auch hin und wieder drauf angesprochen).

Für mich ist das in meinem jetzigen Zustand ene zusätzliche Energieverschwendung (habe mit dem Marschieren schon genug zu tun). Und ich muss wirklich vorsichtig sein, dass ich die mir gesetzten Grenzen nicht allzuoft überschreite. Mein Hauptproblem ist, dass ich mittlerweile wieder eine perfekte Fassade hochgezogen habe. Ich habe mich vor dem Anschlag über Leistung definiert. Und Leistung ist die Struktur, zu der ich gerne gestern zurückfinden würde. Was mir aber früher leicht von der Hand ging, das ist jetzt echte, brutale Knochenarbeit. Mir geht es definitiv nicht gut, aber ich tue wenigstens so als ob. Das ist, wie wenn Du zwei alkoholfreie Biere trinkst und danach den Autoschlüssel Deinem Kollegen gibst :-) Aber schaun mer mal, vielleicht fällt mir ja noch was ein um die Situation zu verbessern.

Sodele, das wars. Ich gehe jetzt kakerlakenfreien Schlaf nachholen und melde mich morgen wieder bei Euch – mit zwei sauberen Händen :-)

Cherio. Bert.

 

Aktuelle Meldung (Belgaum + 24km, 2028 km, 7. Oktober):

 

 

 

Gestern bin ich das erste Mal angefahren worden. Leicht. Ein Fahrradfahrer guckte irgendwo hin. Und da Fahrradfahrer keinen Motor haben, kann ich sie mit meinem akustischen Radar auch nicht ausmachen. Und so kam er an meinem linken Schienbein abrupt zum Stehen. Der Velofahrer  bereitete sich augenscheinlich schon auf eine Abreibung vor und zog den Kopf ein. Auf eine Balgerei hatte ich allerdings überhaupt keine Lust. Erstens habe ich für die kommenden Jahre genug Gewalt gesehen und zweitens befinde mich ja nun in der Underdogrolle: Zwanzig Kilo leichter als noch vor einem Jahr, habe ich nicht mehr viel Durchschlagkraft. Und sich wie zwei Besoffene im Straßenstaub zu kloppen… wem soll das denn dienen? Ich hätte ja auch besser aufpassen können. Ich klopfte also meinem Antagonisten aufmunternd auf die Schulter, überprüfte mein Bein auf größere Schäden die meine Hose versauen könnten und wanderte dann schnell weiter.
 
Und dann kam der Moment, auf den ich mich freute. Formel 1. Wichtiges Rennen. Vielleicht ein neuer Weltmeister. Knabberzeug und McLarenfahne bereit gelegt. Und dann... ist einfach der Strom ausgefallen, das Kabelnetzwerk offline gegangen und anstatt Schnelligkeit gabs Schnee. Auf allen Kanälen. Also habe ich mich auf die Socken gemacht und mich auf meine heutige Tagesetappe begeben.
 

Strom weg gibt es in Indien jeden Tag und jede Nacht. Immer wieder. So gegen drei Uhr bin ich letzte Nacht aufgewacht - als erneut der Strom ausfiel. Indien ist, eigenen Angaben zufolge, die größte Demokratie der Welt. Aber es ist, meinen Angaben zufolge, auch ein großer Sauhaufen - in dem Effizienz durch Egoismus zer- und ersetzt wird. Vor allem Entschuldigungen haben die Inder zu jeder Zeit auf Lager. Sorry, geht nicht weil... - kein Strom. - der Lieferant nicht kam. - alles offline ist. - Sonntag ist. - Problem mit der Hauptleitung ist, die hinterm Haus repariert wird... und dann kommt noch schnell die Bemerkung hinterher: "Wird aber in zehn Minuten sicher wieder funktionieren!".

Das Land könnte hervorragend funktionieren, wenn anstatt der Ellbogen mehr das Hirn eingesetzt und anstatt faul Gandhi zu zitieren fleißig am Lande gearbeitet würde. „Germany is a rich country“, sagen mir viele Inder. Anerkennend. Neidisch. Aber den Deutschen ist der Reichtum nicht von Göttin Laxmi (in Indien für Glück und Reichtum zuständig) zugeschanzt worden. Für den hier so empfundenen teutonischen, unermesslichen „Reichtum“ hat Deutschland hart gearbeitet. Das Wirtschaftswunder war weniger Wunder als Schweiß. Vor allem itaienischer, türkischer und polnischer Schweiß. Das vergessen wir heutzutage leider allzuoft, denn während Hans in russischer Kriegsgefangenschaft oder gefallen war, stemmte der Pavel die Kohle aus dem Boden...

Aber zurück zum Stromausfall: Sobald die Elektrizität fehlt dreht sich der Deckenventilator nicht mehr und es wird schlagartig ungemütlich warm. Nicht mehr so warm, wie in Goa allerdings. Die Küste (Goa) wird vom Inland durch ein paar Bergketten getrennt die auch als Wasser- und Wetterscheide dienen. Ist es in Goa nach wie vor feucht und tropisch, habe ich hier, rund 60 Kilometer von der Küste entfernt, kontinentale Trockenheit. Das bedeutet, dass meine Hose zum aller ersten Mal durchtrocknet, wenn ich sie wasche. Es ist schon schön, wenn sich die Hose nicht anfühlt wie ne volle Windel... :-)
 

Um Euch diese Zeilen zu schreiben bin ich ganze zwei Kilometer gewandert, denn das "Internetcafe" mit seinem einen Computer befindet sich ganz arg weit wech. Mitten in der Pampa. Und es gibt auch nur Dial-Up, weshalb dieser Onlinebesuch dazu dient, Buchstaben aneinander zu reihen. Zu mehr reicht das Internet hier einfach nicht.

 

Es kann sein, dass ich in den kommenden Tagen Schwierigkeiten haben werde ins Internet zu kommen, da die Orte hier winzig und die technische Ausstattung mittelalterlich ist. Ich werde es aber auf jeden Fall probieren. Bis dahin alles Gute nach Deutschland und viel Gesundheit.

 

Cherio. Bert.

 

 

Aktuelle Meldung (Belgaum, 2004 km, 6. Oktober):

Bin soeben in Belgaum angekommen und habe das erste Internetcafe angesteuert Um mich auszuruhen. Und die E-Mail zu checken. Grausam stinken tuts hier und die rrrrrr Taste und die lllll Taste klemmt und hakt, dafuer tut die n Taste nur sporadisch. Ich werde mich in vierzig Minuten trollen und ins Stadtzentrum von Belgaum vorstossen. Dort hat es sicher noch funktionstuechtige PC mit Internetanbindung die nicht stinken als wenn ein verfaulter Hase im High Tower laege...

So, nun habe ich ein besseres Internetcafe gefunden, bei denen die PC zwar funktionieren aber ich Probleme habe, die Bilder hochzuladen... Mittlerweile habe ich das geschafft - aber ich kann mein Fotoalbum nicht bearbeiten - weshalb die gerade hochgeladenen Bilder ganz hinten im Fotoalbum sind. Also einfach nach ganz hinten durcharbeiten :-) Seis drum, kommen wir nun erst einmal zu den bereits geschrieben Berichten der letzten Tage:

 

3.10. Molem: Gammele gerade auf meinem Bett herum. Mein Lager steht heute in einem kleinen Nationalpark und zwar nahe des kleinen Ortes Molem. Wie Moslem ohne s. Vor anderthalb Stunden habe ich zu Abend gegessen. Es gab, einmal mehr, „Green Peas Masala“, ein scharfer, nach mehr schmeckender Eintopf aus grünen Erbsen. Dazu die typischen, dünnen Fladenbrote die Chapati heißen. Und zum Nachtisch Tee und eine Zeitung. So einfach geht das hier. Meine Klamotten sind gewaschen und ich gehe auch gar nicht mehr raus. Erstens, weil ich keine Hose mehr habe und die Belegschaft des „Resorts“ nicht erschrecken möchte. Zweitens weil da draußen viele Tiere unterwegs sind die ich nicht kenne. Ich könnte ja von einer menschenfressenden Schnecke angesprungen werden. Oder so. Und drittens, weil ich vor der Dunkelheit immer noch sehr viel Respekt habe.

Ich habe Goa durchquert ohne einen einzigen Strand besucht zu haben. Das passiert den anderen Reisenden sicher nicht. Mich hat es einfach davor gegraut die anderen feiern zu sehen während ich vergeblich versuche, meine düstere Gedankenwelt zu ordnen.

4.10. Anmod: Gammele wieder auf meinem Bett herum. Mein Lager steht heute in einem kleinen Nationalpark und zwar nahe des kleinen Ortes Molem. Das hatten wir schon? Genau. Und weil es im heutigen Etappenziel, Anmod, keine Unterkunft gab bin ich nach Erreichen des Häuserhaufens in den Hügeln wieder nach Molem zurückgekehrt. Auch das Abendessen war das gleiche. Allerdings sah die Marschverpflegung heute etwas anders aus, da es auf den ganzen 21 Kilometern kein Wasser und kein Essen gab. Was ich natürlich im vorneherein schon erfragt hatte. Also habe ich mir vom Frühstück noch zwei Chapatis aufbewahrt und ein viertel Kilo Cashewnüsse samt zwei Litern Wasser eingepackt. Die Chapatis aß ich unterwegs jeweils mit einem kleinen Fläschchen Olivenöl. Diese Ölfläschchen sind auf dem Hinflug in irgendeiner Lounge in meinen Rucksack gefallen. Aus Versehen. Und so stand ich heute zweimal kurz im Wald und aß wie ein König - während um mich herum die Fahrer der LKW in den Bergen um ihr Leben fuhren.

Der Weg von Molem nach Anmod hat es nämlich in sich: rund 1000 Höhenmeter müssen die LKW in immer schärfer werdenden Serpentinen zurücklegen. Und da ist natürlich dann die eine oder andere Serpentine dabei, die den indischen Fahrer völlig unerwartet erwischt. Ich meine, wenn man schon dreißig Serpentinen hinter sich hat, dann kann man doch schon mal von der einunddreißigsten überrascht werden, oder? Und so sah ich heute rund 10 LKW die in den Abgrund gefahren waren und vier, die es schafften ihren Kipper vor dem Absturz noch schnell umzuwerfen. Das ist im Grunde die einzige Möglichkeit, einen Absturz noch zu verhindern. Grund dieser Unfälle ist übrigens immer Bremsversagen. Die LKW müssen ab und zu anhalten – weil die Bremsen kurz davor stehen Feuer zu fangen (siehe Fotoalbum). Sobald sie dann anhalten quillt aus den Rädern dichter weißer Rauch. Ob der Rauch nun Asbesthaltig ist oder nicht… ich hatte eh keine Chance. Wenn der Asbest mich nicht schädigt, dann eben die Dieselabgase der zu Berge rasenden Laster. Die „Lorrys“, wie sie in Indien heißen, haben auf dem Weg ins Tal Erz geladen und auf dem Weg den Berg hoch sind sie zwar leer, kommen aber ebenfalls kaum von der Stelle. Körperlich hatte ich, da ich ja nun zu den Leichtgewichten zähle, heute leichtes Spiel. Ich wiege samt Rucksack irgendwas um die 72 Kilo. Und so tobte ich mich an den Hängen richtig aus.

5.10. Khanapur: Heute begann der Tag mit einer Überraschung: Nachdem ich mit dem Bus dahin zurück gekehrt war wo ich am Abend zuvor geendet hatte, da beschloss ich noch schnell einen Tee zu trinken. Ein recht gut Englisch sprechender, junger Mensch gesellte sich zu mir und wir begannen einen kleinen Smalltalk. Woher? Wohin? Name? Land? Danach erwähnte ich noch, eher beilcufig, dass ich über Londa nach Khanapur zu wandern gedenke (zwei Tagesetappen). „Och da können Sie auch gleich hier (er zeigte auf die Einmündung einer Strasse direkt gegenüber) reingehen. Diese Straße führt direkt nach Khanapur. Ist ne Abkürzung“. Ich holte meine Karte raus und überschlug die Kilometer: 35 gefühlte Kilometer, denn die Straße war in meiner Karte nicht eingezeichnet. Viel zu verlieren hatte ich nicht. Wenn’s mehr als 35 Kilometer wären, dann würde ich halt ein paar Überstunden einlegen und wenn die 35 Kilometer ungefähr hinkämen, dann habe ich einen unnötigen Zacken ausgeschliffen. Einziges Problem: Keine Verpflegung auf der Strecke. Also trank ich noch schnell einen Liter Wasser und packte drei in Teig gebackene Kartoffelklöße ein, die hier in einem Brötchen aus Sauerteig gegessen werden. Also auch noch drei Brötchen. Und dann begann der bislang schönste Wandertag meiner Indienexkursion: Die Straße war durch jahrelangen LKW-Abusus nahezu komplett zerstört und dadurch hielt sich der Verkehr auf den ersten 25 Kilometern in Grenzen: zwei LKW, drei Motorräder, ein Fahrrad. Das war’s.

 

Aktuelle Meldung (Khanapur, 1978 km, 5. Oktober):

4.10. Anmod (21km) – 5.10. Khanapur (34km)

Bilder kann ich heute leider keine hochladen, da die Verbindung extrem laaaaangsaaam ist. Aber ich bin wieder aus dem Wald aufgetaucht und stecke nun in der kleinen Ortschaft Khanapur am National Highway 4A, eine Tagesetappe von Belgaum entfernt. Ich habe bereits einen laengeren Artikel vorbereitet. Den werde ich morgen online stellen. Bis sende ich einen lieben Gruss nach Deutschland und ich falle jetzt, nach einem, auch landschaftlich tollen34 Kilometer Marsch ins Bett. Cherio. Bert.

3.10. Molem:

Normalerweise soll man den Tag nicht vor dem Abend loben - aber da die Dinge derzeit ihren ganz normalen Gang gehen, gehe ich einfach einmal davon aus, dass ich in sechs Stunden in Molem ankommen werde. Da ich nicht weiss, ob dort ein Internet-Cafe zu haben ist (es scheint ein sehr kleiner Ort zu sein, der eigentlich nur als Sprungbrett für den dahinter liegenden Nationalpark dient) schreibe ich Dir noch schnell, vor dem Aufbruch eine kleine Notiz aus dem i-way Internetcafe von Ponda. i-way ist eine Kette privat geführter Internetcafes mit sehr schnellen Verbindungen die sich über ganz Indien verteilen. Wer in Indien reist und ein i-way sieht, sollte dort surfen und nicht nebenan, wo die Stunde vielleicht 10 Rupien (20 Cent) billiger ist und Du aber mit zehn anderen Surfern auf einer ISDN Leitung herumorgelst.

Zum gerade absolvierten Frühstück gabs erneut Idly. Du erinnerst Dich? Genau, die kleinen, weissen Reiskuchen Südindiens mit scharfer Chily-Sosse. Und dann gab es, als Feier des Tages der Deutschen Einheit noch einen neuen Hut. Die Kappe (rot mit einem blauen N drauf) kostete 35 Rupien. Das sind ca. 60 Cent und eine gute Investition, da mir die Sonne durch die Wolken hindurch die Haut abzieht.

Gestern abend bin ich mit zwei Schweden essen gewesen (das hört sich immer so exklusiv an - aber in Indien essen die meisten Inder mindestens einmal, meistens aber drei Mal am Tag im Restaurant). Die beiden arbeiten in einer Hilfsorganisation für Strassenhunde. Nicht Strassenkinder, sondern Strassenhunde. Diese Hunde werden eingefangen (was ihnen nicht gefällt) sterilisiert (was ihnen noch viel, viel weniger gefällt) und dann wieder laufen gelassen, nachdem man sie gegen allerlei Krankheiten geimpft hat. Ich musste mich während des Abendessens erst einmal von der Sinnhaftigkeit eines solchen Einsatzes überzeugen lassen. Aber dann machten sie inmitten des Gesprächs einen Punkt: Es gibt 99 Hilfsorganisationen für arme Kinder und vielleicht eine für die armen Hunde. Warum soll man denen nicht wenigstens ein bisschen helfen dürfen? Für mich schloss sich daran eine weitere Frage an: Wer bemisst eigentlich die Werthaftigkeit des Lebens per se. Nicht das Leben als Lebensform, sondern das Leben als Lebenselixier, als Kraft und Form des Daseins? Und unterscheidet sich die Urkraft Leben, die wir besitzen, von der Urkraft Leben, die Ameisen oder Strassenhunde belebt? Oder ist das dieselbe Kraft, die gleiche Universalenergie, die uns wie auch den Tieren ein Bewusstsein, ein Dasein ermöglicht?

Ist es so, dass wir das Leben der anderen Arten auf unserem Planeten deshalb weniger wert als das unsere schätzen weil uns die Lebensformen ihr Leid und ihre Bedürfnisse nicht in unserer Sprache vermitteln können? Dann liegt die Schuld für das Leid so unzähliger bedrohter Arten gänzlich bei uns. Und die Natur besonders in Indien ist ungeheuerlich bedroht. Nimm den berühmten indischen Elefanten: In ganz Indien leben gerade noch 16.000 Exemplare dieser vom aussterben bedrohten Tierart. Die meisten Tiger haben ihr Fell ausgezogen bekommen. Es wurde an die Wände irgendwelcher bizzarer Sammler gehängt. Viele Vogelarten, Schlangenarten und sonstige Arten sind verschwunden oder auf dem Weg dahin. Lediglich der Mensch vermehrt sich wie Staphylokokken und ertränkt seinen Lebensraum in giftigem Eiter. Und aus diesem Grunde ist es notwendig Arten, die weitaus weniger Zahlen aufweisen und die weitaus anfälliger für unser Gebahren sind zu schützen. Und da zählt auch ein Strassenköter dazu.

Es war ein interessanter Abend, der uns gegenseitig viel Einsicht in verschiedene Bereiche des Lebens und Sterbens verschafft hat. So etwas passiert leider viel, viel zu selten in Indien und leider nie mit Indern, sondern immer nur mit Ausländern. Die Gespräche mit Indern orientieren sich im wesentlichen an der Beantwortung zweier unermesslich wichtiger Fragen: "Where are you from?". "Lummerland". "What is your name?". "Jim Knopf". "Danke". "Bitte". Und schon trennen sich die Wege wieder...

Mein Weg trennt sich allerdings nicht, er beginnt so ziemlich genau jetzt. Allerbeste Grüsse wo immer Du zuhause bist. Ich mach mich nun auf die Socken, die in guten Schuhen stecken - die mittlerweile nahezu 2000 Kilometer auf dem Buckel haben. Cherio. Bert.

 

 

Aktuelle Meldung (Ponda, 1894 km, 2. Oktober):

Ich habe soeben, nach 24 Kilometern Fußmarsch, Ponda erreicht. Ponda sieht, wie der Rest von Goa, selbst für indische Verhältnisse sehr arm aus. Ich weiß nicht wieso - aber Goa ist, im Vergleich zu den anderen Bundesstaaten, schmutzig und grau. Zuerst hatte ich das Klima als Schuldigen ausgemacht: Die Wände der Häuser wären vermutlich deshalb so vergammelt, weil die Luftfeuchtigkeit so hoch ist, dachte ich. Aber das stimmt so nicht, weil ja auch die Luft der anderen Küstenregionen feucht und salzhaltig ist. Auch die Bausubstanz ist hier nicht älter als anderswo. So ungepflegt wie hier allerdings sieht es an den anderen Gestaden nicht aus.

Die hiesige Dorfjugend ist jedenfalls völlig verzückt von mir und hat für den Moment ihr Ballerspiel total vergessen. Alles schaut mit kugelrunden Kinderaugen was dieser Bert da macht. Leider macht er gar nichts besonderes, sondern haut lediglich einen langen Bericht in eine Tastatur die ausschaut, als hätte ich sie heute den ganzen Weg über hinter mir hergeschleift.

Den heutigen Tag fing ich vorsichtig und langsam in Old Goa an. Dort, in "Alt Goa" findet sich ebenfalls UNESCO Weltkulturerbe - und zwar die Kirchen, die die Portugiesen vor 500 Jahren errichteten um den Heiden ihren katholischen Glauben überzustülpen wie einen schlecht passenden Strohhut. Und um den Menschen an diesen Hut anzupassen, dazu gab es die Inquisition, die das Motto verfolgte: Es wird solange weitergefoltert bis sich die Freude am Herrn bessert (geklaut von Monty Python). Ich möchte allerdings nicht allzusehr über die Kirche herziehen. Ich weiß, daß es modern geworde ist, überkritisch mit unserer Kirche umzugehen. Allerdings würden uns ohne Kirche viele tolle Sachen schlicht entgangen sein: es gäbe z.B. keine Kunst der Fuge von Bach, keine Meisterwerke von Michelangelo, kein glaubensstarker Dietrich Bonhöfer und keine CSU...

Den heutigen Tag fing ich jedenfalls ganz vorsichtig und ganz langsam an, denn ich wollte mich in der 100-Prozent-Luftfeuchtigkeit-Luft nicht sonderlich bewegen. Das einzige, was sich in der ersten Stunde einigermaßen bewegte, war die Kaumuskulatur. Es gab nur Puri. Diese in Fett gebackenen, mit heisser Luft gefüllten Teigballons, machen irres Sodbrennen. Aber sie waren im Preis inbegriffen. Und als Schwabe schaut man einem geschenkten Gaul nicht ins Maul - auch dann wenn er einem nachher Probleme bereitet.

Danach sprang ich noch einmal aus den Klamotten und unter die Dusche um wenigstens einmal am Tag meine Schweißperlenkette abzulegen. Als ich im Anschluss daran mein Zimmer verließ (die Zimmerpreise sind vom 30.9. auf den 1.10. um fast 100 % gestiegen weil vorgestern die Touristensaison begonnen hat) und auf die Strecke ging dauerte es nicht einmal fünf Minuten und ich war erneut klatschnaß. Das Gefühl zu schwitzen ist allerdings gar kein Schlechtes, weil Dich der Schweiß kühlt. Je mehr Du schwitzt, desto wertvoller wird der Wind.

Heute ist, irgendwie hört sich das für mich recht bizzar an, der weltweite Tag der Gewaltlosigkeit. Jawoll! Die Menschen, so zum Frieden angehalten, sind allerdings nur sehr bedingt an Gewaltlosigkeit interessiert. Es gibt schließlich ganze Industriezweige, die mit Gewalt viel Geld verdienen; Supermächte die sich eigentlich nur über Gewalt definieren; einen ganzen Kontinent, der nichts anderes kennt als Apartheid und Gewalt... Irgendwie ist das ganze so, als würde man in einem Löwenfreigehege den Tag der Vegetarier ausrufen.

So Ihr Lieben, das war's für heute :-) Es kann sein, daß ich mich erst wieder in zwei oder drei Tagen melden kann, da nun ein rund einhundert Kilometer langer Marsch durch den indischen Busch auf meiner Strecke steht. Ich werde allerdings jeden Tag ein bisserl was schreiben und das dann hochladen sobald ich kann. Ganz sicher gibts dann auch wieder neue Bilder. Also bitte einfach wieder vorbeischauen. Danke für Deinen Besuch, alles, alles Gute und viel Gesundheit.

Cherio. Bert.

 

 

Aktuelle Meldung (Old Goa, 1870 km, 1. Oktober):

 

Es ist zwölf Uhr und ich bin immer noch in Panjim. Grund: Ich habe Euros in Rupien getauscht. Und das geht so:
 
Um 10.00 Uhr betrittst Du die Bank, weil die um 10.00 Uhr aufmacht. Sagt das Schild. Aber es ist noch niemand da. Also warten. Dann, so um 10.20 Uhr kommt dann eine Mitarbeiterin der Bank. “Ja, ähm, die Devisenkurse sind noch nicht da, kommen aber sicher gleich”. Aha. Also warten.
 
Dafür gibt es eine spezielle Sitzecke mit dunkelroten Sesseln und Sofas die vermutlich bereits von Mahatma Gandhi besessen wurden. Gegenüber der Sitzecke hat der “Assistant General Manager” sein Büro in dem er, durch die Glasscheiben gut sichtbar, in der Nase bohrt und einen Tee nach dem anderen trinkt. Ab und an drückt er auf einen Brummer (Klingel kann man das nicht nennen) der Dich jades Mal zusammen zucken lässt. Das ist ein Zeichen, dass gefälligst ein Diener erscheinen soll.
 
Nach weiteren 40 Minuten kommen die Kurse. Der Euro ist fett, der Dollar hingegen arg mager geworden. Während meiner Warterei blättere ich in der Hauszeitschrift: Die ‘Indian State Bank’ soll in den nächsten Jahren zu einer der Top 5 Banken in Asien und zu einer der besten 50 Banken der welt gehören, das sagt zumindest die indische Version von Herrn Ackermann. Die haben wenigstens noch Träume und Visonen die Inder. Nicht so wie wir… :-) Irgendwie erinnert mich das an jemanden, der in einer Ente sitzt und mit der Zielsetzung Formel 1 erste Fahrstunden nimmt. Aber seis drum. Es geht nun los!
 
Vier Formulare müssen gleichzeitig ausgefüllt werden. Mit Durchschlag versteht sich. Während wir die ersten Formulare ausfüllen denke ich mir: “Besser Du wechselst jetzt einen richtigen Betrag oder Du stehst in ein paar Wochen wieder vor so einem Tresen” und lege schnell 400 Euro auf den Tisch. Misstrauisch prüft die Kassiererin jeden Schein, denn ein falscher Fuffziger ist ihr halber Monatslohn! Dann unterschreibe ich einen Zettel nach dem anderen, der dann unentwegt gestempelt wird. 20 Rupien kostet das Formulareausfüllen. Der Gegenwert eines Mittagessens.
 
Das merkwürdige – und dramatische – in Indien ist die den Menschen entlaufene Bürokratie. Die Bürokratie führt die Wirtschaft am Nasenring durch die Manege und jeder verdient an den Gebühren kräftig mit. Das Computerzeitalter ist selbstredend auch in Indien schon angebrochen. Allerdings dienen die PCs als Schreibmaschine. Der einzige Vorteil der PCs scheinen für die Inder die Laserdrucker zu sein - aus denen das Papier noch viel schneller quillt als aus der Maschine.
 
Schliesslich hatten wir alle Formulare beisammen. Ich bekam nun eine Marke aus Messing, auf der neben vielen indischen Runen auch die Zahl 72 vermerkt war. “Bitte setzen Sie sich nochmal. Ich sage Ihnen dann, wann sie runtergehen können. Dauert auch nur 10 Minuten”. Boh, so langsam war ich mit meiner Langmütigkeit am Ende. Das Rentenalter kam plötzlich bedrohlich näher! Indische 10 Minuten können schliesslich einen halben Tag dauern. Bei mir dauerten sie aber nur 30 Minuten. Danach durfte ich ins Erdgeschoss schlendern wo weitere 78 Menschen darauf warteten bedient zu warden. Die Zählmaschine an der Wand verriet mir das. Dann aber, nachdem ich weitere 20 Minuten gewartet hatte, geschah ein Wunder: Mir wurde die Marke von einem Sicherheitsbeamten abgenommen und ich wurde in einen Raum gebeten. Dort musste ich erneut unterschreiben. Mit diesem unterschriebenen Formular wurde nun ein Mensch zur Kasse geschickt und nur 10 Minuten später kam dieser Angestellte mit einem Bündel Geld wieder. Dieses wurde nun mühsam drei mal gezählt. Von vorne bis hinten und wieder zurück. Dann sollte ich zählen. Ich nahm das Geld und stopfte es in mein Geldtasche. “Sie zählen nicht?” “Ich habe Ihnen doch nun drei mal zugeschaut – wieso sollte beim vierten Mal was anderes rauskommen als 44 500 Rupienscheine?”. Darauf wusste er auch keine Antwort.
 
Mittlerweile ist der Vorteil des kühlen Morgens dahin und es ist 12 Uhr spät. Was nicht arg viel ausmacht, weil heute eh nur 10 Kilometer auf dem Programm stehen. Ich habe mich dafür entschieden nicht den NH 17 weiter nach Norden zu laufen (ich kenne ja bereits die Küste von vor 14 Jahren und erinnere mich noch daran wie langweilig und öde das da war) sonder ab heute auf den NH 4 umschwenken – einer der wenigen indischen Monsterhighways. Der NH4 verbindet den Nordwesten (Bombay) mit dem Südwesten Indiens. Dort werden zwar hundert mal mehr Autos fahren als auf dem NH17. Aber ich bin damit auch mitten im Gewühl und das ist allemal spannender als die Küste entlangzuwandern und wochenlang nur Dorfidylle zu geniessen.
 
Falls ich heute Abend noch ein Internetcafe erwische melde ich mich nochmal. Cherio. Bert.

 

Aktuelle Meldung (Panjim, 1860 km, 30. September):

 

Heute war ich auf der Strecke überaus beschäftigt. Der Highway 17 war stellenweise gefährlich eng und die Sonntagsfahrer mörderisch doof. Deshalb kam ich kaum dazu, mich um solch belanglose Sachen wie essen oder trinken zu kümmern. Ich wollte nur ankommen. Möglichst schnell.

Das aller erste Mal hielt ich nach elf Kilometern, als ich schliesslich vor Hunger nur noch so dahinkroch. Merke: Muskeln verbrennen Kohle(hydrate). Und das ist das Gute am Wandern: Ich werde gezwungen zu essen weils ansonsten nicht mehr so richtig vorwärts geht… Ich bestellte also einen Tee und zwei frittierte Krapfen. Unter dem einen Teigklops fand sich dann doch tatsächlich einen Mäuseköttel. Wofür ich grundsätzlich Verständnis habe, denn Mäuse müssen schliesslich auch mal. Aber doch bitte nicht auf meine Krapfen! Da die Dinger aber ansonsten ganz gut schmeckten, zumindest mehr nach Krapfen als nach Maus, bestellte ich schnell noch mal einen nach, der dann – ich inspizierte ihn diesmal ganz - ohne Beilagen geliefert wurde. Was mich freute.
 
Nachdem ich, wie in Indien üblich, um ca. fünf Rupien beschissen worden war (in Deutschland nennt man diesen Vorgang auch “zahlen!”), gings wieder raus in die Feuchte des Südwestmonsun der nach wie vor die Westküstenregionen schön grün färbt und Wanderern viel Geduld abverlangt. Vorgestern vom Flugzeug aus konnte man sehr gut erkennen, wie sehr der Monsun die Felder ins Meer reisst: Vor jeder Flussmündung war das Meer rotbraun gefärbt und zwar mehrere Quadratkilometer am Stück. Aber ich denke, dass der Monsun eher früher als später an Kraft verlieren wird. Der Herbst steht vor der Tür und da wird sich das Land abkühlen. Zudem wandere ich ja nun Richtung Norden und werde in ca. acht Wochen die tropischen Regionen Indiens verlassen haben.
 
Ich werde nun schnell in mein Zimmer huschen und – gegen alle Regeln verstossend! – meine Hose und mein Hemd waschen. Neben Drogen und Lärm machen und sonstigen Sachen, die eigentlich jeder Inder darf, ist es uns Touristen auch ausdrücklich verboten, unsere Klamotten im Bad auszuspülen?! Der Besitzer der Unterkunft möchte sich halt noch ein bisserl nebenbeiverdienen. Aus diesem Grunde gibt es auch keine der sonst obligatorischen Eimer im Bad. Was mir relative wurscht ist, denn es gibt schliesslich einen Mülleimer in dem es sich ebenfalls hervorragend waschen lässt. Meine Wäsche wasche nur ich, sonst niemand.

Auf dem Weg zum Mülleimer grüsse ich Euch. Cherio. Bert.

 

 

Aktuelle Meldung (Panjim, 1840 km, 29. September):

 

Und dann lief ich also los. In meiner Trachtenjeans, die so perfekt zum 30 Grad warmen Goa passt wie ein Eisbrecher. Zu mir allerdings passt sie perfekt! Das einzige, was ich noch zu tun hatte war, aus der Jeans das Futter mit meiner Nagelschere herauszutrennen. In Goa braucht mein kein Futter. Hier ist es heiss und feucht. Und so schnippelte ich vorsichtig vor mich hin und sah nebenbei dem Qualifying der Formel 1 zu. So ein kleinwenig F1 Fieber macht sich schliesslich auch in Indien breit. Dann aber ging es wirklich los. Fast. Denn erst kämmte ich noch einmal meine Ausrüstung durch und sortierte verschiedene Dinge aus. Klar ist ein Gilette-Rasierer ein tolles (und nicht günstiges) Reiseutensil. Aber nun brachte ich einen aus Deutschland mit und den anderen hatte ich hier in Indien hinterlegt. Und mit einem Zwillingspaar durch Indien zu wandern ist so sinnvoll, wie sich mit den beiden Rasierern hintereinander jeden Tag zu rasieren. Es braucht eben nur einen.

Auf dem Weg nach Norden passierte ich als erstes die Ausfahrt / Einfahrt des Flughafens von Goa, der Dabolim heisst. Der Weg dahin ist bewaldet mit Werbeschildern, die so riesig sind, dass man sich beinahe wie in einem Tal fühlt - so sehr ist der Horizont beschränkt. Hier in Indien ist man bereits “Cool” und “Fashionable” wenn man billiges Bier trinkt und “Sensational” ist, wer FIAT fährt. Das steht auf den Schildern.

Auch "Indian Airlines" soll man fliegen weil da der Service so gross geschrieben sei. Würden sie die Wahrheit aufs Schild schreiben, dann müssten sie einen Slogan texten der so klänge: “Fliegen Sie Indian Airlines – weil wir echt scheisse, unpünktlich und unsicher sind. Wir freuen uns aber trotzdem auf Sie”. Im Grunde könnten sie das sogar draufschreiben weil es keinen grossen Unterschied mehr macht: mittlerweile sind gute Alternativen auf den Startbahnen unterwegs, die europäischen Standard haben. “Ich fliege 'Indian Airlines' nicht mehr, das ist mir zu unsicher”, meinte ein Arzt der neben mir an Bord der hervorragenden 'Jet Airways' nach Goa flog um einen Arztkongress mit seiner Anwesenheit zu beglücken. Das konnte ich nachvollziehen. Ich fühle mich ja schon unsicher, wenn ich an Bord der Singapore Airlines sitze und sehen muss, dass ausser uns auch noch Indian Airlines auf dem Rollfeld herumirrt. Diese Airline gehört nicht verboten, sondern vergraben. Warum? So ein kleinwenig, ohne zu sehr in die Tiefe zu gehen, beschreibt das dieser Spiegel-Bericht.

Klar wird Dir diese Forderung, wenn Du auf dem Flughafen von Mumbai landest und dabei aus dem Fenster guckst. Der zerborstene Haufen Metall, der am Ende des Runways aufgeschichtet wurde sind die Reste eines Anfang der 80er Jahre verunfallten Flugzeugs. 90 Menschen starben damals. Nur: gelernt haben die Verantwortlichen wenig. Insgesamt hat die Indian Airlines Gruppe 28 fatale Unfälle zu verzeichnen bei denen im Grunde ein kleines Dorf, bestehend aus 1654 Passagieren, verstarb. Es gibt ein erstaunliches, kurzes Video eines Crashs den alle Passagiere überlebten. Lustig ist das aber nicht. 

Wie dem auch sei. Der erste Marschtag hat mir nicht geschadet. Das mit meinen Psychotherapeuten abgestimmte Ziel ist es, vor allem Zeit zu gewinnen. Ich wandere also aus dem Tal der Tränen in eine Idylle des Irrsins um mich zu desensibilisieren und meine Gedanken zu zerstreuen - was leider nur sehr bedingt funktioniert.

So, ich werde nun in mein Hotel einchecken, der 'Comfort Lodge' und melde mich morgen wieder. Cherio. Bert.

 

 

Aktuelle Meldung (Margao, 1825 km, 28. September):

 

Bin wieder da. Oder besser hier. In Indien. Das aller erste was ich wieder erlernen muss ist, dass das @-Zeichen auf indischen Tastaturen mit Shift+2 produziert wird. Dann muss ich lernen, daß ich wieder links aufpassen muss – weil dort die Autos fahren - wenn sie nicht gerade rechts unterwegs sind. Oder überholen.
 
Während der Reise sah ich, außer hoch über den Wolken, eigentlich nie die Sonne. Überall wo ich landete regnete es mindestens Bindfäden, ab und an gar Abschleppseile. Als mein Flugzeug vor drei Stunden in Goa landete, da war es… Du errätst es nicht. Genau: Trocken! Aber bereits auf dem Weg von der Fugzeugtüre bis zum Shuttlebus began es erneut zu regnen. Ich hatte also meine kleine, private Wolke von Frankfurt nach Goa mitgenommen.
 
Und dunkelgrau ging es auch gleich weiter: Wie schwer es mir fällt dieses mal meinen Marsch zu beginnen kann ich, fassungslos, kaum in Worte fassen. Ich bin erst einmal völlig konsterniert auf meinem Bett gesessen und habe die Wand angestarrt. Bis mir das zu langweilig wurde. Nach einer Stunde.
 
Ich fühle mich bereits jetzt furchtbar müde, verbraucht und erschreckend unglücklich bei einer Sache, die mir eigentlich Freude bereiten soll. Die mir immer Freude bereitet hat. Ich hoffe inständig, dass das nur der Jetlag ist und morgen die Welt zumindest wieder ein wenig heller wird. Rosarot, sonnig oder wunderschön braucht es ja gar nicht. Gefühle der Freude oder gar echtes Ausgelassensein… das ist schon lange her, dass ich sowas gespürt habe. Nur ein wenig mehr Licht, das wäre schon ganz gut.
 
Trotzdem werde ich morgen auf die Strecke gehen und die ersten Kilometer des zweiten Teils des Indienmarsches sammeln. Und wer weiß, vielleicht wartet das Glück gleich hinter der nächsten Biegung.
 
Bis bald. Cherio. Bert.

 

Aktuelle Meldung (Asien, km-Stand 1825 km, 28. September):

 

Zeit meiner Heimat auf Wiedersehen zu sagen. Die Fremde wird wieder zu meinem Zuhause, die Strecke zum Platz, die flüchtige Wanderung zur dauerhaften Rast. Und, passend zum Abflug, schafft der Regen eine Kulisse aus der man getrost einen letzten Vorhang nehmen kann. Die Souffleure dürfen in ihrer Grube hocken bleiben, der Akteur verlässt das stinkende Schiff.

Flughäfen sind etwas Tolles: Da prügelt eine übermüdete Mutter ihr übermüdetes Kind, dort trinkt ein hippeliger Businessman im zerknitterten Hemd den zehnten Kaffee mit einem wirren "ich bin doch nicht müde - ich doch nicht" Blick, den Gang runter führen die Polizisten irgendeine arme Sau ab und neben dem Wurststand spuckt eine Japanerin schnell die vermutlich ungenießbare Wurst in eine Tüte und bestellt sich eine Cola (light) zum Dessert. Irgendwie sind alle ein wenig schräg. Auf einem Flughafen.
 
Schöne Nachrichten gab’s heute auch aus Hannover. Vor knapp zwei Jahren habe ich einen Ausbildungskurs ausgetüftelt mit dessen Hilfe so genannte "Transplantationsbegleiter" ausgebildet werden sollen, gemeinsam mit der evangelischen und der katholischen Kirche und der Medizinischen Hochschule. Vor ein paar Tagen schließlich war der erste Informationsabend und 10 Menschen haben damit begonnen sich ausbilden zu lassen um transplantierte Patienten zu begleiten. Ich habe mich früher daran berauscht, wenn meine Ideen zündeten und habe aus diesem Hochgefühl gleich die nächste Aktion entworfen und exekutiert. Aber die damalige Arbeit, der Erfolg und mein damaliges, vom selbst implementierten Leistungsdruck geprägtes Leben... das alles ist so furchtbar weit entfernt. Manchmal frage ich mich, ob ich damals überhaupt gelebt habe. Oder jetzt. Irgendwie sind alle schräg. Auf einem Flughafen...

Wenn bei Dir in Deutschland die Sonne aufgeht werde ich in Mumbai (Bombay) landen und um zwölf Uhr Deiner Zeit bin ich dann zurück in Goa... Indien hat mich wieder. Die Frage ist nur, wie lange. Ich kämpfe einen up-hill-battle. Die Chance dass ich Indien abrupt verlasse ist groß, denn ich habe einfach nicht mehr die Stamina um neben der körperlichen Leistung die hunderte von Eingriffe in meine Privatsphäre zu erdulden die jeden Tag auf Dich einprasseln wenn Du es wagst, Indien zu besuchen. Das sieht wie folgt aus: Du landest in Indien und sofort hängen Leute in Deinen Ohren: Tee? Taxi? Hotel? Woher? Wohin? Wieso? Grahhhhhhhhh.... lasst mich in RUHE!!!!! :-) Dann wird Dein Gepäck untersucht. Nicht, dass die was klauen wollen. Es ist nur so interessant a.) die komischen Sachen zu untersuchen, die der Reisende da mitgebracht hat und b.) zu sehen, wie herrlich der Reisende an die Decke geht, wenn man seine Sachen einem kleinen Haltbarkeitstest unterzieht. Merke: Explodierende Touristen sind wunderbarer Zeitvertreib.

Nebenbei habe ich hier in der Lounge einen Amerikaner am anderen Tisch kennen lernen müssen, der ebenfalls gediegen auf die Nerven geht. Er ist ein Ex-Commander der Navy, 64 Jahre alt, fotografiert mit Nikon, Contax und Zeiss-Linsen, ist Professor, hatte vier Tumore (einer davon im Hirn - als wenn ich das nicht gemerkt hätte), lebt auf Hawaii - und zwar auf drei Inseln gleichzeitig. Er ist in drei Yachtvereinen aktiv, hat Freunde in Südafrika, Sevilla, Paris und sonstwo, war auch oft in Dschermani (Amerikanisch für Deutsch) und hat mir binnen fünf Minuten einen Schnelldurchlauf durch ein Leben gegeben das Hardy Krüger in den Schatten stellt - wenn man nur 50 Prozent der Geschichten glaubt. Im Grunde haben wir jetzt alles durch. Nur seine Hämorrhoiden hat er mir noch nicht gezeigt. Mit meinem Glück werde ich die allerdings in den nächsten Minuten noch zu Gesicht bekommen... Leute gibts. Jetzt hüpfe ich noch kurz unter die Dusche (wenn möglich ohne Ami) und dann geht's weiter im Takt.

Bis später. Cherio. Bert.

 

 

25. September

Ich habe Glück, denn ich wohne derzeit in der Einflugschneise des Münchner Flughafens. Und das finde ich richtig toll. Heute Morgen weckten uns ab fünf Uhr die großen weiß-mausgrauen Maschinen der Kranichflotte die in geraden Linien den Bogen in alle Welt schlagen um Menschen in einer Geschwindigkeit an Orte zu bringen die noch vor einhundert Jahren allerhöchstens Forschungsreisenden, Missionaren oder Armeen vorbehalten waren. Zwischen denen waren die Unterschiede ja meistens fließend. So konnte ein Missionar ohne weiteres anderweitig als nützlich angesehene Arbeiten erledigen und beispielsweise Einheimische schiessen oder die neue Welt nach Bodenschätzen untersuchen. Heute erledigen diese Aufgaben die Hotelketten. Und während die kühnen Flieger über den Wolken ihre Frühstückstabletts leerten versorgten wir uns, unter denselben Wolken, mit Kaffee und Regenjacke.

Nach dem Kaffee am Morgen begab ich mich auf meine dunkle - Trachtenhemd - Findungsmission und sitze seither im Starbucks am Odeonsplatz und bereite mich mit einem Café Latte Venti auf die großen Strapazen meines Stadtganges vor die sicherlich eine Langstreckenwanderung durch Indien in den Schatten stellen. Ich meine, Du musst Dir mal die Menschen hier anschauen, die hinter (oder vor... je nach dem wo man steht) der Schaufenstern vorbeiziehen. Mit wilden Lederhosen, Seppihüten und Dirndl bewehrt machen sie einem normalgekleideten Menschen wie mir richtiggehend Angst. Du kommst Dir vor, als wenn Du einen Nadelstreifenanzug auf einem FKK Strand trägst... Nebenbei ist nämlich eine große Festivalität eröffnet worden, deren einziger Zweck die Verringerung des bayerischen Bierbestandes zu sein scheint. Das Bier selbst wird oft nicht getrunken, sondern lediglich vorsichtig im Bauch mit sich getragen und nach ein paar Metern irgendeiner Ecke übergeben, die dann weiter darauf aufpasst.

Mittlerweile ist es 16.00 Uhr und ich bin über die Suche nach der richtigen Kleidung beinahe verrentet worden. Zuerst nach Loden Frey, eine Schickimicki-Spezialkleidungs-Spelunke in der gerade ein Hamburger über den Tisch gezogen wurde, indem man ihm im Gegenzug eine rund 1000 Euro teure Jacke über denselben Tisch schob. Dort fanden wir ein Hemd. Wir waren Michael, der Geologe und seit dreißig-Jahren-Asienreisender ist, und ich. Schön. Braun. Mit Streifen. Und Stehkragen. Aber dann... ging es an die Hosen. Und hier gibt es ein Problem: Alles was Tracht ist, hat mindestens drei X und ein L. Trachten verhalten sich zum Leibesumfang wie Mercedes zur Pension - das eine bedingt das andere. Für mich ist da kein Platz mehr. M und S wird nicht bekleidet, M und S füttert man.

Und so schlurfte ich mit gesenktem Kopf durch den Regen der Landeshauptstadt und frand mich bereits damit ab wieder in irgendeiner grottenhäßlichen Outdoorhose zu landen. Da stieß ich auf einen kleinen Laden der da Gössl heißt. Und der hat Kleidung. Wunderbare, gut ausschauende Trachtenkleidung und nicht Oktoberfestkostüme. Auch für solche Leute wie mich. Aber leider nur bis 48. Da bin ich mittlerweile nach unten rausgewachsen. Auch 48 passt nicht mehr so richtig. Also habe ich die Hose gekauft - eine dunkelgrüne Jeans mit n paar Blättern auf der Hosennaht. Handgeschneidert. In Salzburg. Über Preise reden wir lieber nicht. Aber es war einiges über dem, was ich jemals für eine oder auch fünf Jeans bezahlt habe... Handarbeit eben. Aber dann... wenn ich mir anschaue, was eine Dreilagenplastiktüte aus China kostet, der dann ein nordamerikanischer Aufnäher draufgeklebt wird... liegt man da nicht weit auseinander. Die Hose habe ich dann zu einer Schneiderin getragen, die sich totgelacht hat. "Ja san sie da hinein gegangen und hom nach aner Trachtenjeans fünf Nummern z groß gfragt?". Was soll ich sagen? Die Tat hat halt meine Stirn und meinen Arsch in Falten gelegt. Lediglich das Hirn ist größer geworden.

 

 

24. September

Seit gestern Abend ist mir richtig elend. Mein Kreislauf spinnt ein bisserl. Ich habe blaue Fingernägel und Gleichgewichtsstörungen. Aber ansonsten geht es mir hervorragend. Wirklich. Indien steht an. Der zweite Teil. Die Frage, die sich viele stellen, allen voran ich selber, ist, ob ich noch die Strapazen einer Expedition in einem Gebiet wegstecken kann das nicht für einfaches Reisen bekannt ist. Wie lange reichen meine Batterien? Wie strapazierfähig ist das Zahnfleisch auf dem ich laufe?

Ich gebe nun mal eine ehrliche Einschätzung der Lage: Ich schätze, dass ich noch für ca. 4000 km Saft habe. Das ist derzeit das am weitest entfernte der möglichen Ziele. Ich bin noch nie untergewichtiger (66 Kilo), schlapper und belasteter auf eine Tour gegangen wie diesmal. Ich bin schon vor dem Start fast am Ende. Der Grund, warum ich mich aufmache ist vor allem, weil ich nach wie vor auf dem Beweistrip bin. 4000 Kilometer... Sollte ich scheitern, so schäme ich mich nicht, denn ich laufe mit einem Messer in der Seele los. Das schaffen nur wenige. Die meisten gehen nicht mehr sondern lassen sich gehen. Und das zu Recht.

Ich hatte mich bis heute bei einer Familie ausgeruht, die in den vergangenen Tagen, Wochen und Monaten still geduldig zugehört und leise guten Rat erteilt hat. Still und leise. Das braucht es, wenn man mit Verletzten umgeht. Wer das nicht konnte, oder können wollte, den habe ich schleunig aussortiert. Was sind das für Leute, die mir raten „schnell gesund“ zu werden? Würde man einem Krebskranken jovial zurufen „Nu’ werde mal schnell wieder gesund mein Lieber?“ Oder würde man einem Rollstuhlfahrer locker mitteilen: „Du bist doch nun schon ein Jahr querschnittsgelähmt. Nun kannste doch eigentlich mal langsam aufhören darüber zu trauern dass du nicht mehr tanzen kannst“... Ich habe mir solche Sätze zig Mal angehört. Ich habe die Zähne zusammen gebissen und geschwiegen. Und ich habe solche Tölpel rasch aus meinem Leben entfernt bevor sie noch mehr Schaden anrichten konnten.

Ich lasse nur noch Menschen an mich heran denen ich vertraue. Und ich war gottfroh über jeden, der sich von selbst verabschiedete. Es ist gut, wenn Menschen die mir nicht nützen wollen dahin zurückkehren wo sie hergekommen sind - in ihre Welt die nicht die meine ist und auch niemals war.

Heute Mittag um vier Uhr fliegt mich die Lufthansa von Friedrichshafen nach München. Beim Landeanflug auf Friedrichshafen waren wir vorgestern wohl ein wenig zu hoch und schnell unterwegs. Unser Pilot stieg richtig in die Eisen um uns abzubremsen. Durch sein Manöver fiel mein Blackberry aus meiner dürftigen, mausgrauen Stofftasche die ich immer als Handgepäck dabei habe. Das Händi mutierte, von mir unbemerkt, zu einer Fundsache. Gestern rief ich dann in aller Ruhe am Flughafen an - es gibt bedeutend Schlimmeres als verloren gegangene Händis, das kannst Du mir glauben :-) - und fragte, ob bei der Durchsicht des Jets mein kleines Telefon aufgetaucht sei. Und stell Dir vor: Die haben es gefunden! Es liegt heute bei der Information am Flughafen zur Wiedervereinigung mit seinem Besitzer bereit. Ist das nicht schön?

Neben einer schnellen und angenehmen Beförderung bieten Dir Flugzeuge kleine, abgeschlossene Soziosphären. Nirgendwo kommt man näher an die verschiedensten Menschentypen heran. Im abgeschlossenen Raum des Jets kann ich Menschen endlos studieren. Das ist seit letztem August mein neues Hobby: Still in einer Ecke zu sitzen und Menschen zu observieren - bei dem, was sie gerade machen und wie sie es machen. Nimm die Businessklasse: Es ist faszinierend, wie stolz und prätentiös sich die Menschen im Licht der von ihnen selbst geschaffenen Sonne räkeln. Künstlich gebräunt schauen Gesicht und Seele in die Welt, ganz versessen darauf ein makelloses Äußeres zu zeigen. Unisono tragen die Leute silberne Nadelstreifen auf dunklem Grund und beäugen meine kleine, unscheinbare Stofftasche mit Abscheu. Als wäre sie ein überfahrener Feldhase. Diese Menschen ahnen nicht, dass ihr vermeintliches Glück an einem langen, hauchfeinen Faden baumelt der jederzeit mühelos reißen kann. Sobald er das tut versinkt ihre Sonne anstatt auf den Malediven in einem Meer aus Scheiße. Und ab dann sind andere Nehmerqualitäten gefragt als gierig so-viel-wie-möglich zu nehmen... Aber davon ahnen sie nichts während sie an ihren schlanken Champagnergläsern nippen und den kleinen, beringten Finger abspreizen. Und das ist auch gut so, denn ein Leben im Bannkreis dieser Erkenntnis zu leben, das ist nicht einfach.

Ihr Lieben ich lege mich nun ab. Mir dreht sich alles. Bis die Tage. Cherio. Bert.

 

22. September

Sitze soeben auf dem Flughafen in Hamburg. In einer Stunde geht mein Flieger. In den Süden. Nicht nach Mallorca, aber fast. Friedrichshafen steht auf meinem Plan. Nach zwei Tagen Oberschwaben werde ich dann in die Expeditionszentrale Deutschlands fliegen und mich mit einer neuen Hose eindecken - und, manche von Euch haben das bereits im Gästebuch entdeckt, ein dunkles Trachtenhemd einpacken. Ich komme aus Deutschland. Ich bin diesem Land verbunden. Und ich möchte wieder zurückkehren zu den Traditionen die so verkehrt nie waren und in Zukunft auch nicht sein werden. Dazu zählt auch ein wenig bodenständigere Bekleidung. Anstatt Neongrün und Neongelb darf es ruhig auch mal ein naturfarbenes Leinenhemd mit Stehkragen sein.

Mittlerweile bin ich samt einem älteren aber blitzsauberen Airbus 300-600 in Frankfurt gelandet. Es hat sich in der letzten Zeit viel zum Positiven entwickelt am Frankfurter Flughafen. Im Grunde genommen ist der Flughafen mittlerweile in den Achtzigern angekommen. Das ist schon mal wesentlich besser als vor wenigen Jahren, wo wir hier noch in den Sechzigern sassen. :-)

Am 26. September fliege ich dann von Frankfurt aus wieder nach Indien zurück und am 28. September werde ich wieder auf der Marschstrecke sein - in genau sechs Tagen.

Bedanken möchte ich mich an dieser Stelle bei meinen Hamburger Freunden, Anne & Stefan und Markus. Ihr wart erstklassige Gastgeber und ich bin sehr froh Euch kennen gelernt zu haben.

Bis später. Cherio. Bert.

 

 

 

 

 

18. September

Ich habe es also getan. Mein gesamter Hausrat ist weg. Das, was mich auf meiner Flucht beschweren könnte ist untergestellt. Der Staat kann meine Beinahemörderin so früh oder spät entlassen wie er möchte - ich bin bereit für die nächste Jagd und ich werde es Tanja nicht einfach machen mich zu finden.

Gestern war ich dann, Ihr erinnert Euch, beim Dreh einer Sendung. Das Setup der Aufnahme war witzig. Ich trank noch schnell einen Schümli beim Schweizer Restaurant ‚Helvetia’, das sich im Erdgeschoss des Gebäudes befindet und arbeitete noch ein wenig am ‚Für Betroffene’-Bereich dieser Homepage. Aus den Augenwinkeln sah ich die anderen Talkgäste eintropfen. Die meisten Gesichter kannte ich durch meine vorbereitende Recherche schon.

Ich finde es erstaunlich, wie besonders aufrecht Menschen gehen können solange ihnen das Leben nicht ins Genick getreten hat. Aber liegt genau da nicht auch eine gewisse Gefahr verborgen? Durch den besonders aufrechten Gang bietet man dem Leben viel Angriffsfläche und ist besonders verletzbar weil man selbstverliebt die Realitäten verkennt. Das ist mir auch passiert: Ich war wer! Ich war Supermann! Ich war der, der mit 84 Kilogramm Körpergewicht zehntausende Kilometer zu Fuß ging, vier Tage und Nächte am Stück arbeiten konnte und sich für unkaputtbar hielt... der besonders aufrechte Gang eben. Jetzt wiege ich 20 Kilo weniger, gehe eher verhalten durchs Leben, vertraue wenig und grüble viel.

Ich betrat, wie abgesprochen, um Punkt sechs die Hallen von H1 und fand mich in einer Art Cocktail-Party-Atmosphäre wieder. „Und Sie sind...?“ fragte mich jemand. „Bert Simon“. „Ahso, das so genannte Opfer, gell? Hahahaha. Ja schön dass Sie da sind“. Und weg war er. ‚So genanntes Opfer’? Ich wundere mich nach der jüngeren Vergangenheit nur noch selten und auch als ‚so genannt’ bezeichnet zu werden war mir ein seelisches Achselzucken wert. Gefühle kosten Energie und ich fühle nur noch dann, wenn sich diese Investition auch lohnt.

Nach ein paar Minuten wurde ich erneut von einem Talkgast belächelt und in ähnlicher lockerer, beiläufiger Manier angesprochen. Ich ahnte was da passierte - die hatten mich nicht recherchiert! Deswegen wussten die auch nicht, dass ich nicht nur ein Stalkingopfer war, dem ein paar Briefe in den Briefkasten gelegt wurde sondern dass ich zudem den Mordversuch einer Stalkerin überlebt hatte. Und das nur ziemlich knapp.

Du kannst Deine Mitmenschen aus der Opferrolle heraus furchtbar bloßstellen. Die Leute sehen ja nicht, wer Du bist. Von außen sehen die meine Fassade, die ich schnell wieder perfekt aufgezogen habe. Das Lächeln. Die umgängliche Art. Dass dahinter alles in Schutt und Asche liegt und gößere Umbaumassnahmen anstehen, das können die nicht wissen. Und ich wollte diese Menschen auf gar keinen Fall auflaufen lassen, denn die waren im Grunde allesamt sehr sympathisch. Lustig. Gut gelaunt. Soll ich lachende Leute abstrafen nur weil ich noch nicht so ausgelassen sein kann? Wem soll das nutzen?

Also gab ich schnell ein freundliches Signal. Beim nächsten beiläufigen, belustigten Satz lachte ich schnell mit: "Ja. Und nach einem halben Jahr im Krankenhaus geht es mir auch wieder viel besser". Ups. Der Partyatmosphäre entwich die Luft wie einer angeritzten Luftmatratze. Und so konnte ich schnell meine Geschichte erzählen und die Leute auf eine gute Art und Weise mit meinem Schicksal konfrontieren.

Das Hauptproblem mit dem Stalking ist doch, dass die Leute, die in den Medien darüber erzählen möchten und dann im Fernsehen zu sehen sind, meist eigentlich noch recht harmlose, wenig dramatisch klingende Erfahrungen gemacht haben, die sie dann weitergeben.

Diejenigen hingegen, die das gewalttätige, eskalierende Ende eines Stalkings erleben, respektive überleben, die können nicht mehr darüber sprechen, weil sie in ihrer Seele viel zu kaputt und ausgehöhlt sind. Es ist ja nicht nur das finale Verbrechen passiert, sondern vorher hat jahrelanger Psychoterror als Advent der Gewalttat stattgefunden. Wieso ich drüber rede? Erstens: Tanja hat mir mit einem Hammer einmal zu wenig in den Kopf geschlagen und mir die Möglichkeit gelassen, darüber zu reden. Zweitens: Irgendeinen Sinn muss dieser Wahnsinn doch haben. Und der Sinn ist es, Stalkern das Leben so schwer als irgend möglich zu machen. Und dazu braucht es eine brutale Geschichte, denn Crime sells.

Aber stellenweise ging auch für mich der gestrige Auftritt zu weit. Vor allen Dingen als ein Polizeivideo gezeigt wurde, das ‚Wenn Liebe zur Bedrohung wird’ hieß (nicht zu verwechseln mit dem ZDF-Beitrag, der den gleichen Namen trägt). Dieses Video wird zwar von Schauspielern gespielt, aber die Szenen sind echten Stalkingfällen entliehen. Ich hatte plötzlich einen mächtig schnellen Puls und verlor mich für eine kurze Zeit im Entsetzen meiner Vergangenheit. Gestern Nacht habe ich viel zu denken gehabt und bin bis um vier Uhr wach gelegen. Ich kann die Nächte mittlerweile wieder einfacher ertragen. Aber befriedet sind sie noch nicht…

 

 

 

 

8. September

Gestern Nacht war ich noch schnell im Kino. Das erste mal seit Jahren. Als die acht-Uhr-Vorstellung unseres Films schließlich zu Ende ging, da kam ein Haufen Leute aus dem Saal. „Mann, die sehen aber nicht begeistert aus“, meinte Michael Eckmann zu mir. Ihr erinnert Euch… genau. Mein Lebensretter. Er hatte recht. Irgendwie sahen die Menschen so aus, als litten sie seit drei Tagen an kollektiver Verstopfung. Na gut. Dann mal rein und gucken, warum die alle so ein langes Gesicht machten. Der Film hieß „Bourne Ultimatum“ oder so ähnlich. Im Grunde ist der Film ein Fleisch gewordenes Ballerspiel und spielt, etwas auf das der moderne Kinozuschauer nie kommen würde, im Agentenmilieu. Ihr glaubt es nicht! Selbst das Drehbuch des Films war dermassen top-secret, dass es offiziell nicht einmal existierte und der Film samt Hauptdarsteller planlos von Kampfsszene zu Kampfsszene eilte. Der Kameramann schließlich war aufgrund des fortwährenden Einsatzes von Sprengstoffen so traumatisiert, dass er keine Sekunde still halten konnte und mit seiner Kamera immerzu zitterte und wackelte.

Ganz ehrlich – der Film war grottenschlecht. Die ersten Leute standen bereits nach einer halben Stunde auf, gaben vor pinkeln zu gehen und kamen nicht mehr wieder. Die meisten der im Film mitspielenden Schauspieler haben sie vermutlich im Eilverfahren vor der Bahnhofstoilette gecastet und mit einem Knebelvertrag verpflichtet gegen eine geringe Aufwandsentschädigung in dem Film mitzuspielen. Anders kann man sich die unterirdische Leistung dieser Laientruppe nicht erklären. Einzig Daniel Brühl brillierte als trauernder Bruder der im zweiten Teil erschossen Franka Potente. Ungefähr 40 Sekunden lang war die brühlsche, zitternde Unterlippe zu sehen. Dann war auch Brühl weg. Der Film plätscherte hernach zwischen CIA-Hauptquartier und einem Haufen „Top Secret“ Dokumenten zäh wie Gülle dahin. James Bond (auch ein Ja.Bo. – genauso wie Jason Bourne) hätte wenigstens noch Geborgenheit bei einer Filmschönheit gefunden oder sich mit zwanzig Martinis (geschüttelt, nicht gerührt) die Kante gegeben. Nicht so Matt Damon. Der rennt und springt und schießt und kämpft… und zwingt sein Publikum damit in einen traumlosen Schlaf. Der wenigstens wäre erholsam - wären da nicht unentwegt die Explosionen wegen derer, ich erwähnte es ja bereits, der Kameramann so arg zittert.

Gestern habe ich dann auch noch in Hamburg angerufen. Ich benötige ein weiteres Visum. Für Indien. Ich hoffe mal, dass mein noch nicht abgelaufenes Visum nicht bedeutet, dass sich die Diplomaten zieren. Wenn doch, dann habe ich ein Problem - dann muss ich im Grunde bis zum 12.10. warten. In diesem Fall habe ich bereits einen Notfallplan in der Tasche - ich würde eben ganz schnell noch eine Strecke in Deutschland abmarschieren um in Form zu bleiben. Vielleicht den Rennsteig. Aber so weit sind wir noch nicht. Aus Erfahrung habe ich gelernt, dass die Bürorkratie in Indien wesentlich ausgeprägter ist als in Deutschland. Kleine, putzige Regelchen haben in Indien die Kraft, unsere Welt in ihrer Drehung zu stoppen...

Indien war besetzt! Immer wenn ich es probierte... keine Chance. Also ein Wochenende hoffen und es dann einfach nochmal versuchen. Ich bin mir ganz sicher, dass ich am Montag vielleicht jemanden erreichen werde oder auch nicht. So ist das in Indien auch - man versucht alle Lösungsmöglichkeiten in seine Planung mit einzubeziehen. Dann hat man am Ende immer recht und kann leicht schlangenlinienförmig wie eine Billiardkugel in der Achterbahn sein Ziel erreichen.

 

 

3. September

Mitten in der Nacht um 9.30 Uhr klingelt es an der Türe. Ich öffne meine Augen und blinzle in die Welt. Post. Paket. OK. Ich komme. Hose an. Haare sind 10 mm kurz – da kann ich keinen Scheitel ziehen. Barfuss zur Haustüre. Paket. Klein. Leicht. Danke. Wieder hoch geschlappt. Schade. Ich weiß was drin ist. Kein Weihnachten. Mein Blitz 580EX II ist eingetroffen. Und damit hat sich mein Spielraum als Fotograf mehr als verdoppelt, denn nun kann ich Portraits, Innenraumaufnahmen und Gegenlichtaufnahmen gestalten. Der Grund warum ich meine Technik meist in Deutschland kaufe liegt einfach darin begründet dass ich vom Zoll bereits einmal furchtbar geschröpft wurde (ich musste DM 1900 nachzahlen!) und die Garantie für Deutsche Geräte in Deutschland und für Geräte aus Hongkong in Hongkong gegeben wird. Wobei die Zollgeschichte eindeutig schwerer wiegt. Als Schwabe spüre ich diesen Verlust bis heute.

 

Mittlerweile ist es 1.14 Uhr und ich bin einfach noch nicht müde genug um mich auf's Ohr zu hauen. Also wurschtel ich noch ein wenig vor mir hin und schaue mir die Route meines nächsten Projektes an welches heute in elf Monaten beginnen soll. Ich werde in Indien ein wenig Gas geben und einige unnötige Kurven und Umwege begradigen damit ich am 4. August 2008 das nächste Projekt in Stuttgart starten kann. Indien war als Probe gedacht, denn viele Leute (unter anderem auch einige Psychologen) haben sehr stark bezweifelt dass ich so einfach so schnell wieder in der Lage sein würde zum Langstreckenmarschieren zurück zu finden. Und ich gebe zu dass es nicht einfach ist. Vom Gefühl her würde ich nicht einmal aus dem Haus gehen wollen! Morgen zum Beispiel will man mich zum Abendessen einladen und vor anderthalb Jahren hätte ich mich darüber gefreut. Heute ist das eine echte Überwindung. Aber ich habe während meiner Klinikaufenthalte die armen Würste gesehen die diesem Verlangen nachgehen. Und ich weigere mich mein Leben so verstümmelt zu leben. Der einzige, der nicht aus dem Haus geht ist Tanja - weil überall Gitter sind. Ich darf raus, wann immer ich will. Basta.

 

So. Nun gehe ich Wäsche aufhängen - die Waschmaschine hat "Kuckkuck" gepiepst und ist somit gerade fertig geworden (um 1.30 Uhr) :-)

 

Gute Nacht. Cherio. Bert.

 

 

2. September

Bin heute bereits um halb fünf aufgewacht. Keine Ahnung warum. Vermutlich dachte meine innere Uhr das genau jetzt die beste Zeit wäre um zu explodieren. Also habe ich mich noch eine Stunde lang im Dunkeln vor mich hingewundert. Als sich dann aber eine Stechmücke dazulegen wollte habe ich beschlossen den Tag mit einem wohltuenden Kaffee und Musik von Billy Preston zu beginnen. Später ging dann, von den Vögeln laut ausgeschimpft, die Sonne auf und ich plane einen hervorragenden Sonntag zu genießen.

Gestern Abend fand das erste Treffen mit dem Menschen statt, dem ich es verdanke dass ich diesen Bericht heute schreiben kann - dem Nachbarn, der sich zwischen mich und das Messer gestellt hat. Wir sind merkwürdigerweise von Natur aus beide so gepolt, dass wir das 30 cm lange Messer schnell kürzer geredet und gedacht haben. Aber wir waren recht schnell derselben Meinung, dass meine Zeit in wenigen Minuten abgelaufen gewesen wäre, hätte er mich nicht recht schnell vor der Klinge geschützt.

In dieser Nacht spielte sich die gesamte Palette der Hilfsbereitschaft ab, die in Deutschland derzeit so zu haben ist: Die meisten Nachbarn schauten hinter dem Vorhang zu. Aber bloss nicht am Vorhang wackeln sonst erwächst einem hinterher noch eine lästige Pflicht. Eine Frau öffnete das Fenster im dritten Stock und rief mutig von ganz oben nach unten "Hören Sie auf damit!". Das half mir zwar nicht sonderlich weiter aber ich stimmte ihrer Forderung grundsätzlich zu. Nur Tanja nicht. Zum Glück gab es einen, der sich nicht lange hinter dem Vorhang versteckte oder aus dem Fenster rief sondern der - Gefahr für sich selbst in Kauf nehmend - eingriff.

Während ich ein wenig an dem gestern begonnenen Prozessbericht werkel (siehe unten) staune ich was sich während der letzten fünf Monate hier an Papier gestapelt hat. Und welchen Mist dieses Papier geduldig aushalten muss. Irgendwie scheint jede Firma, mit der ich in meinem Leben einmal kurz Kontakt gehabt habe, eine Druckerei gefunden zu haben, die mir ein halbes Kilo Papier zum Zerschreddern druckt. Und so schredder ich einen Baum nach dem anderen ins Altpapier.

Vor ein paar Minuten, mittlerweile ist es schon 18.00 Uhr, schauten dann noch Dennis mit seinem Vater vorbei. Dennis ist der allererste Patient, den Christine und ich begleitet haben. Es verbindet uns eine nahezu unglaubliche und langjährige Geschichte. Es ist toll zu sehen, wie gut es ihm heute geht - und wie groß er geworden ist! Christine fehlt zwar an allen Ecken und Enden, aber es ist eine Athmosphäre wie bei einem Staffellauf - der Stab, mutig das Leben bei den Hörnern zu packen, ist von Christine an Dennis weiter gegeben worden. Und Dennis wird diesen Stab an den nächsten weiterreichen. Für jetzt ist Leben ohne Wenn und Aber angesagt. Und zum Italiener gehen ist ebenfalls angesagt - begleitet von Michael Eckmann, dem Nachbarn der sich nicht zu schade war für mich.

Cherio und bis morgen. Bert.

 

 

31. August:

Ich sitze gerade bei einem wundersamen Stück Käse. Und während ich den Käse futtere muss ich ein wenig grinsen, denn dies ist der mit Abstand am meisten gereiste Käse der Welt! Und die Geschichte geht so: Nachdem mich die Singapore Airlines in ihrer First Class hat fliegen lassen (OK, zugegeben, ich kenne da ein paar Chefs…) saß ich in der Silverkris Lounge in Singapur am Flughafen und machte mir große Sorgen, da ich spät in der Nacht in Hannover ankommen würde und außer Wein und einem abgetauten Kühlschrank nichts essbares auf mich warten würde.

Und wie ich mich vor meinem inneren Auge bereits verhungert zu Boden sinken sah, da brachte ein Kellner eine neue Käseplatte fürs Büffet. Auf dieser Platte lag ein mächtiges Stück Greyerzer Schweizer Käse. Ich pirschte mich mutig an die Platte heran. Nahm dann eine Gabel, erstach den Greyerzer und legte den kompletten Block auf meinen Teller. Dann trollte ich mich, Jäger und Sammler, mit meiner Beute – unter den verwunderten Blicken der sehr wichtigen Leute die sonst noch in der Lounge herumsaßen (und fortan keinen Greyerzer Käse mehr haben würden!). Ich wickelte den Käse in eine Tageszeitung ein und verstaute ihn in meinem Rucksack. Später im Flugzeug bat ich die Flugbegleiter den Käse in den bordeigenen Kühlschrank zu legen und landete in Frankfurt mit einem halben Kilo Greyerzer das nunmehr 20000 Meilen geflogen war - der am meisten beförderte Käse der Welt :-)

Käse war auch der heutige Prozess gegen Tanja Streit, bereits rechtskräftig wegen versuchten Mordes verurteilt. Heute haben wir das erste mal eine gewisse Müdigkeit gespürt. Alle im Gericht waren die Personalie Tanja leid. Ich. Meine Anwälte. Die Staatsanwältin. Die Richter. Der 'Weisse Ring'. Um es kurz zu machen: Über ein Jahr nach der Tat ist immer noch kein vollständiges, rechtskräftiges Urteil gesprochen. Das Urteil wegen versuchten Mordes ist rechtskräftig aber die Strafzumessung noch immer nicht. Nach wie vor sitzt Tanja in Untersuchungshaft und geniesst Previlegien die es im späteren Regelvollzug nicht geben wird.

Morgen werde ich ein wenig über den Prozess schreiben und wünsche Euch für heute eine gute und erholsame Nacht- Cherio. Bert.


 

Aktuelle Meldung (Margao, 1825 km, 26. August):

 

Moin zusammen. Super-GAU direkt vor meiner Abreise! Gestern Abend, während ich mich bereits im Einschlafstadium befand und noch ein wenig "Fernsehschlafen" praktizierte, da wurden Programme unterbrochen um zu berichten, dass in Hyderabad mehrere Bomben gezündet wurden, ca. 40 Menschen starben und 16 (!) weitere Sprengstofffallen entdeckt und entschärft wurden. Solche Geschichten brauche ich vor einer Reise überhaupt gar nicht, denn was das für meine morgige Flugreise bedeutet ist klar: Kontrolle nach Kontrolle und schwer bewaffnete Polizisten überall. Nach 9-11 wurde ich in den USA zwei mal vor die Türen des Flughafens von Los Angeles und einmal vor den Flughafen von San Francisco geschickt - aus Sicherheitsgründen. Allerdings nicht alleine - auch alle anderen Fluggäste standen vor verschlossenen Türen während im Flughafen die Bombensuchhunde keine Bomben und nicht einmal eine Wurst fanden.

Sei es drum. Der Grund ist sehr, sehr tragisch und völlig unnötig. Man muss keine Bomben in Vergnügungsparks zünden, nur um seine meist sowieso bereits bekannte Meinung kund zu tun. Es ist schliesslich nicht so, dass kein Mensch wüsste, was die ETA aus dem Baskenland oder Osama aus der Höhle uns mitteilen wollen. Wir alle haben ihre Botschaften gehört und mit den bizzaren Aktionen verglichen die folgten. Nur die Anhängerschaft ist von Wort wie Tat ungemein begeistert. Der Rest von uns eher nicht. Wobei wir auch schon wieder bei Indien angelangt sind. Auch hier gibt und gab es allerlei, neutral betrachtet, merkwürdige Gestalten die, vermutlich um des Marketing willens, im nachhinein seltsame Verklärung erfuhren.

Nehmen wir Mohandas Karamchand Gandhi alias Mahatma. Ein reicher Rechtsanwalt der ein Leben in Saus und Braus führte. Wo auch immer er wohnte, produzierte Herr Gandhi ärger, denn auch in London und Südafrika verbrachte er nicht unerhebliche Zeit mit Widerstand und Revolutionsanwandlungen. Während normale Menschen in Rente gehen vertauschte er schliesslich seinen Anzug mit einer Windel und seine anwaltliche Tätigkeit mit mehr oder weniger sinnvollen Aktionen die die Massen in Indien anrührten. Vergessen wird dabei oft, dass der Mahatma, wie jeder Superstar über einen ganzen Stab an Marketing- und Medienleuten verfügte (und verfügt!), die seine Auftritte vorbereiteten und die Journalisten anführten wie eine Herde Hammel.

Inder sind schnell zu begeistern. Eine Menge Gurus zeugen davon. Und wenn Millionen Inder einem Menschen hinterher rennen, dann ist diese Person auch für uns Westler attraktiv (Sai Baba, Baghwan, Gandhi...). Das erstaunliche an dieser Massenhysterie ist, dass an den so Verklärten im Grunde keinerlei Kritik haften bleibt. Die von ihren Anhängern gut ausgeleuchteten Lichtgestalten haben keine dunklen Seiten, keine Leichen im Keller und... ihre zumeist fundamentalistischen Anhänger dulden keinen Widerspruch.

Salman Rushdie, bekannt als der Autor der "Satanischen Verse" (obwohl ich sein Werk "Midnight's Children" wesentlich besser finde), bezeichnet die heutige Darstellung Mahatma Gandhis als "geschichtslose Art westlicher Heiligenschöpfung" die anstatt den Mensch Gandhi den Mythos Gandhi bedient. Ich denke das trifft den Kern der Sache.

Ich werde die Zeit auf den Flughäfen nutzen und diese Seite ein wenig Updaten. Das nächste Mal melde ich mich morgen aus Chennai wieder. Bis dahin wünsche ich Euch einen schönen Sonntag. Cherio. Bert.

 

Aktuelle Meldung (Margao, 1825 km, 24. August):

Da bin ich wieder. Frisch von der Marschstrecke. Heute habe ich mich während eines grossen Regenschauers in mein heutiges Etappenziel, in die Stadt Margao geflüchtet. Aber bei den Wassermassen, die während eines Monsunregens auf Dich einprasseln brauchst Du Dich nach zwei Minuten nicht mehr beeilen – das Wasser steht Dir nach einhundertzwanzig Sekunden in den Schuhen und Du trägst keinen trockenen Faden mehr am Leibe. Eine Minute später watest Du bereits durch fünf Zentimeter tiefes Wasser und die Strassengräben füllen sich innerhalb der nächsten fünf Minuten bis zum Rand mit brauner Brühe.

Während die ersten Minuten des Regens für mich noch erfrischend und schön sind, treten bereits nach ein paar Minuten die üblichen Kälteprobleme auf: Meine Muskulatur kühlt schlagartig ab und meine Beine werden schwer wie Blei. Die letzten acht Kilometer wurden deshalb sehr, sehr mühsam. Und gefährlich: Ich habe nämlich heute verschlafen und bin erst gegen ein Uhr auf die Strecke gekommen. Gegen sieben Uhr abends geht in Indien die Sonne unter und ab dann beginnt die Zeit der Jagd: Alles was nicht im Auto sitzt, wird gejagt. So auch ich.

Zurecht fragen sich manche von Euch, worin genau der Reiz einer Reise nach Indien eigentlich besteht. Armut hier, Rassen- und Religionskonflikte da, das ewige Beschissenwerden zwischendrin, der verrückte Strassenverkehr (der mich auch heute um ein Haar wieder geplättet hätte) überall, der Unwillen der Reichen, die von ihnen verursachte und ausgenutzte Armut zu sehen und der unabänderliche Willen der Armen, ihren Reichen die Stange zu halten mit der sie zum Dank geprügelt werden…

Die Antwort ist einfach und doch schwierig: Indien ist ein schwerer Autounfall auf der A8. Indien ist ein Flugzeugabsturz während einer Flugschow. Indien ist ein Attentat auf einen Politiker… All das ist, was einen an Indien anzieht: die Katastrophe, die dauernd geschieht – während die Menschen vor ihren Göttern Räucherstab um Räucherstab anzünden und händeringend auf ein besseres Leben im nächsten Leben hoffen. (Wobei die Chancen hier allerdings eher schlecht stehen, denn rein rechnerisch werden die meisten Inder im nächsten Leben wieder unter den 800 Millionen Inder landen die unter Armut leiden). Die Faszination Indien ist morbid in ihrer Natur und pervers in ihrem Ausdruck. Aber dann ist da noch mehr – und das ist für mich der eigentliche, der spannende Indien-Faktor:

Indien ist ein Land, in dem die Einwohner behende am Pullover der Anarchie stricken um sich, darin eingehüllt, gegen die Kälte der Realität zu schützen. Will heissen: Die Inder produzieren ihren eigenen Wahnsinn – um den “Fremdwahnsinn”, der ihnen von Geburt an aufgeladen wird (die Kaste aus der Du nie ausbrechen kannst, die Armut, die Dich lähmt während Du vom Reichtum des Rests der Welt durch Fernsehen und Zeitung nur all zu gut informiert bist…) zu überdauern und zu ertragen.

Ich weiss, dass das ein schwieriger Gedankenansatz ist. Aber war das einigermassen verständlich? Alles Gute und bis morgen. Cherio. Bert.

 

Aktuelle Meldung (Paddi, 1799 km, 23. August):

Zugegeben: Indiens Strassen sind furchtbar. Der Verkehr ist furchtbar. Der Gegenverkehr besonders. Deshalb ist es mehr als verstaendlich, dass die Mehrzahl der Verkehrsteilnehmer Indiens nur ungern voellig nuechtern hinterm Steuer sitzt, denn ohne Alkohol wuerde den Fahrern die Realitaet, die sie selbst unentwegt mitgestalten, zu hart auf die Birne schlagen. Also vertauschen die Leute das Steuer mit der Flasche und geben sich die Kante. I.M.F.L. nennt sich das Erfolgsrezept. “Indian Made Foreign Liquor”. (Indisch hergestellter, auslaendischer Schnaps?!). Um den Fahrern das Auftanken zu erleichtern, haben sich entlang der Highways unzaehlige “Family Bar & Restaurants” positioniert und geben den Fahrern so die Moeglichkeit kurz anzuhalten, einen zu zwitschern und dann ohne Muehe ihre Fahrt erheitert und froehlich singend fortzusetzen.

Fuer Dich als Reisender in Indien bedeutet das:

1.)    Vertraue nie darauf, dass der Fahrer des Autos, das Du gerade beobachtest, genau weiss, was genau er da treibt. Meist weiss er nicht einmal, wo genau er sich befindet. Oft nicht einmal, wo er hinmoechte. Die Chance, dass er in einem sicheren Abstand in einer geraden Linie an Dir vorbei faehrt ist gering. Wenn die Fahrer bereits Muehe haben, gerade zu laufen, dann kannst Du keine gerade Fahrlinie mehr abfordern. Rechne also mit merkwuerdigen Lenkbewegungen und plane Deine Fluchtwege fruehzeitig!

2.)    Wenn am Strassenrand ein grosses Schild steht, auf dem “Tandoori & North Indian & South Indian Baqr & Restaurant - Meals Ready” angeboten wird, dann gibt es dort ausschliesslich Fusel. Wenn Du reingehst und etwas zu essen haben moechtest, dann schauen Dich die anwesenden Trinker samt Wirt an, als haettest Du gerade auf den Tresen gepisst. In einer "Bar & Restaurant" wird, zumindest tagsueber, nicht gegessen. Die Eigentuemer der Bar wuerden auch "Pommes & Spaetzle mit Sosse" aufs Schild pinseln, wenn das nur mehr Leute dazu braechte anzuhalten. Entlang der Highways geht es, vor allem in Goa, nur um eins: Den Fahrer bei seiner schweren Arbeit durch ein wenig Feuerwasser zu unterstuetzen.

Ups. Das Internetcafe hat gerade beschlossen zu schliessen und laesst unten bereits das Stahlrollo runter. Ich muss mich also beeilen! Bis morgen. Cherio. Bert.

 

Aktuelle Meldung (Canacona, 1786 km, 22. August): 

Nun schreibe ich schon den zweiten Bericht – ganz schnell, denn ich habe heute die 38 Kilometer von Karwar nach Canacona (Goa) abgespult und noch ein abendfüllendes Programm vor mir (Essen, Klamotten waschen, mich waschen, Bett...).

Die Frage, die ich bereits einmal beantwortet habe (der erste Bericht ist im Notebook und das liegt im Zimmerle der heutigen Lodge) ist: In fünf Tagen soll ich mit Jet Airways, einer indischen Airline von Goa nach Chennai fliegen (via Bengaluru - so heisst Bangalore seit dieser Woche offiziell!) - ob ich da keine Bedenken habe. Die Antwort lautet: JA!

Ich kann mir vor meinem inneren Auge bildhaft vorstellen, wie zehn Inder auf einer Tragfläche sitzen und lustig die Beine baumeln lassen. Kleine Teegläser kleben derweil braune Ringe auf den Flügel, aus dem Radio jammert Bollywood-Musik während irgendjemand ("Der kann das. Auch ohne Anleitung.") mit irgendeinem Schraubenschlüssel irgendetwas am Triebwerk schustert.

Du meinst, dass das ein wenig herablassend sei? Dann höre Dir mal folgende Geschichte an: Jet Airways kaufte vor drei Monaten die indische Airline "Air Sahara" für 380 Millionen Dollar. Air Sahara hat 17 Boeing 737 und 7 Canada Regional Jets (CRJ). Und nun der Hammer: nur 10 der Boeings sind mehr oder weniger einsetzbar und nur 2 CRJs. Der Rest steht - nach wie vor - flügellahm in einer Halle und gammelt vor sich hin weil der Service der Maschinen derart dilletantisch vorgenommen wurde, dass selbst Canada Regional Jet und Bombardier die Hände über ihren Köpfen zusammen geschlagen haben. Das ist Airline ala Indien. Und deshalb, weil ich meine Inder mittlerweile gut kenne, habe ich einen Hauch von Unwohlsein wenn ich daran denke, dass mit mir gemeinsam zehntausende Teile von 0 auf 900 beschleunigt werden, die eben nicht mit teutonischer Präzision zusammengefügt und gewartet wurden...

Aber watt solls – die Statistik, so sagen die Piloten, sollte mich gelassen stimmen. Und ein oder zwei doppelte Vodkas obendrauf verstärken diese Ruhe sicherlich erheblich :-)

Cherio. Bert.

 

 

Aktuelle Meldung (Karwar, 1748 km, 21. August): 

Da bin ich wieder. Regelgerecht und einigermaßen erholt bin ich nach 18 Kilometern soeben in Karwar eingetroffen, dem letzten Ort bevor ich morgen im Bundesstaat Goa einfalle.

Zehn Kilometer vor Karwar belegt die Indische Marine einen gut bemessenen Abschnitt der Küste. An der Küstenstraße haben sie eine hohe Mauer aufgebaut, damit man dem Treiben der Marine nicht zusehen kann. Und diese Mauer ist alle fünfzig Meter für zehn Meter durchbrochen. Vermutlich damit man der Marine ein bisschen zusehen kann. Und vor jedem der nicht bemauerten Abschnitte steht ein Schild: „Defense Land - Photography Prohibited“. Verteidigungsland. Fotografieren verboten. Als wenn es da unten etwas Besonderes zu fotografieren gäbe. Derzeit befindet sich J19 im Trockendock, ein fischkutterähnliches Boot der Marine. Wenn unsere ehemalige Kriegsmarine ein solches Ding im Bestand hätte, dann würde sie einen solchen Seelenverkäufer nachts auf den Atlantik fahren und dort vorsichtig, still und leise versenken – um nicht einen Lachanfall der NATO auszulösen.

Einen Lachanfall gab es auch auf dem letzten Abschnitt meiner Wanderung am NH 63. Da war nämlich der für Indien so symptomatische Unfall passiert: LKW überholt LKW während von vorne ein LKW kommt. Der überholende LKW schert vor dem zu überholenden LKW auf seine Spur zurück, die aber noch ein klitzekleines bisschen vom zu überholenden LKW benutzt wird. Und dieses klitzekleine bisschen des zu überholenden LKW wird nun eingedellt. Dummerweise befindet sich im letzten vorderen bisschen eines LKW auch die Vorderachse mit zwei Reifen. Einem linken und einem rechten. Und der rechte Reifen wird nun angefahren welches folgerichtig zum Bruch der Achse führt. Die Räder reißt es aufgrund des Gewichtes der chronisch überladenen LKW nach links und der LKW landet im Seitenaus, stellt seinen Motor ab und macht Pause. Nun beginnt das große Gejammer. Logisch ist der Schuldige gleich ausgemacht: die feuchte Strasse, die Kuh die gar nicht da war oder der Wind. Alles was nicht freiwillig Alibi sein möchte wird an den Haaren herbeigezogen.

Und dann führte Indien einmal mehr sein Nationalzirkus für mich auf, während ich mich gemütlich an einen kleinen Baumstamm in sicherem Abstand der Protagonisten positionierte. Zuerst war da ein zweiter LKW, der dem havarierten LKW ein Stahlseil an die Hinterachse kettete und sich dann mit großem Getöse an die schwere Aufgabe machte, den im vom Monsun aufgeweichten Boden steckenden Havaristen frei zu schleppen. Dabei brauchte er, logisch, die ganze Strasse – da er ja einen gewissen Winkel ziehen muss (sonst zerrt er den Verunfallten anstatt auf die Straße einfach nur am Straßenrand entlang). Und weil er nun die ganze Straße benötigte, stauten sich zu meiner linken recht bald rund 30 LKW und 20 Kleinwagen (auf Indiens Straßen gibt es eigentlich nur LKW und Fiat-Panda-artige Autos). Und auch zu meiner rechten fand sich schnell in etwa dieselbe Anzahl ungeduldiger Motoristen ein. Alles hupte und stieg aus und schimpfte mit den im Rettungsdienst befindlichen Männern – die das ganze Tohuwabohu nicht zu interessieren schien.

Schließlich riss einem LKW-Fahrer von rechts der in Indien von Natur aus etwas spröde Geduldsfaden und er durchpflügte auf dem Weg in die Freiheit den Straßengraben. Mit viel Mühe schaffte er es gerade noch, aus dem Matsch wieder auf die Straße zurück zu hoppeln, beschädigte dabei jedoch Straßenrand und –belag erheblich. Und während sich Verkehr und Wut der Verkehrsteilnehmer anstauten, versuchte der Rettungs-LKW mit allen Mitteln seinen Kollegen flott zu bekommen. Und wieder riss einem Verkehrsteilnehmer der Faden der Geduld. Diesmal war es ein weißer Suzuki Minibus. Mit großem Anlauf schaffte es der Fahrer genau neben dem ziehenden Rettungs-LKW im Morast des Straßenrandes stecken zu bleiben. Ich fiel beinahe hintenüber vor Lachen. Die Geschichte wurde nun echt gut: Links ein LKW im Straßengraben, rechts ein Minibus im Straßengraben, auf der Straßenmitte ein LKW am zerren und links wie rechts ein Hupkonzert der immer böser werdenden Nebendarsteller.

Der Suzukibusfahrer stellte schließlich fest, dass er auch dann nicht mehr vorankommt, wenn er seine Reifen mit 18.000 Umdrehungen je Minute durch den Matsch orgeln lässt und der Rettungs-LKW gab erst einmal auf, aber die Straße weiterhin nicht frei. Alle Türen des Suzuki öffneten sich abrupt und ca. 15 feierlich gekleidete InderInnen stiegen aus. (In einen solchen Suzuki-Minibus passen etwa sechs Deutsche oder aber 15 Inder). Die Männer des Busses stellten sich nun hinter ihren Bus und wollten das Schieben beginnen, da drehte der Fahrer noch einmal so richtig auf und saute binnen Sekunden seine Fahrgäste dermaßen ein, dass es eine helle Freude war. Für mich. :-) Mittlerweile hatten auch die mit den Rettungsmaßnahmen beschäftigten Männer das Spektakel entdeckt und standen neben mir am Straßenrand – mit auffällig passiv gefalteten Armen und einem Ihr-schafft-das-schon-alleine-Blick im Gesicht. Als kurze Zeit später auch die Frauen des Suzuki-Busses beim Schieben mithalfen und sich ihrerseits eine ordentliche Schlammpackung abholten, da bewegte sich der Bus tatsächlich durch den Schlick und nach ein paar Metern war der Minibus wieder auf der Straße. Alle Türen öffneten sich abrupt und 15 InderInnen kletterten samt einigen Litern frischem Straßenrandschlicks an Bord. So beleidigt wie beschmutzt knallten sie ihre Türen zu, guckten noch einmal ganz böse aus der dreckigen Wäsche in unsere strahlenden, sauberen Gesichter und verschwanden Richtung Westen. Der nächsten Reinigung entgegen.

Nee, watt kannst Du in diesem Land Spaß haben :-) Cherio. Bert.

 

 

Aktuelle Meldung (Amadalli, 1730 km, 20. August): 

Bin doch losmarschiert - allerdings nur eine halbe Tagesetappe.

Begebe mich nun in meine Lodge und schreibe Euch ein wenig.

Cherio. Bert.

 

 

 

 

 

Aktuelle Meldung (HW-17 / HW-63, 1718 km, 19. August): 

Ich habe vor ein paar Stunden, genauer um 18.14 Ortszeit, das Arabische Meer erreicht und bin fix und foxi. Alle Batterien und Akkus, die ich habe sind absolut leer. Das letzte Mal, dass ich einen Ruhetag eingelegt habe ist bereits ich-weiss-nicht-wie-lange her und mein Körper sehnt sich nach einer Ruhepause.

Und während mein Körper schreit weiss mein Hirn, dass es (samt Körper) kommende Woche nach Deutschland fliegt. Und da gibt es ganz viel Pause. Andererseits ist zu viel zu viel. Und derzeit ist es ein wenig viel.

Ich gehe mich nun erst einmal eine Nacht ausschlafen und morgen entscheide ich ganz nach Tagesform und Bauchgefühl ob ich die 29 Kilometer nach Karwar in Angriff nehme oder nicht. Guts Nächtle. Cherio. Bert.


PS: Hier noch ein heisser Urlaubs-Tipp:

Zentrale Sperr-Notrufnummern im Handy speichern!

Kommen ec- oder Kreditkarte im Urlaub durch Diebstahl oder Verlust abhanden oder werden vom Geldautomaten einbehalten, ist die unverzügliche Sperrung der Zahlungskarte Sorgfaltspflicht Nummer Eins. Wer dann die beiden zentralen Sperr-Notrufnummern im Mobiltelefon bereits eingespeichert hat, ist auf der sicheren Seite. Die zentralen Sperrnummern der Kreditwirtschaft 01805 - 021021 sowie 116 116 sind rund um die Uhr und an sieben Tagen in der Woche erreichbar. Aus dem Ausland muss allerdings die dementsprechende Landesvorwahl gewählt werden.

 

 

 

Aktuelle Meldung (Ramangudi, 1679 km, 18. August): 

Kalghatgi (28 km) - Yellapur (41 km) - Ramangudi (32 km)

„Ach stimmt, das habe ich vergessen Ihnen noch zu sagen“ gestand mein Gastwirt mit leidendem Blick. Dabei war ich es, der erlitten hatte! Ich habe erlitten, dass Affen durch das geöffnete wenn auch vergitterte Fenster kletterten, während ich meine 41 Kilometer absolvierte, und meine ganzen Sachen filzten, eine Mülltüte nach draußen schleiften, dabei einen meiner im Fenster hängenden FALKE Walkie Socken zum Absturz aufs Vordach brachten, meine Schuhcremetüte vom Weinhändler Peters aus Husum zerfetzten und auch sonst allerhand Schabernack mit meinen Habseligkeiten anstellten. Meine Rasiercreme haben sie auch gestohlen. Zugegeben, die Viecher sehen aus wie Captain Iglu und haben genug Filz im Gesicht – aber muss man desshalb gleich pilfern?! Gut, dass ich zu Mittag kurz mal nach dem Rechten sehen musste und das kam so:
 
Am frühen morgen, so früh dass selbst der Tag noch nicht wusste dass er bereits angebrochen war, verließ ich meine nette, wenn auch flohverseuchte Herberge in Yellapur und machte mich auf die 41 Kilometer Distanz zwischen Kalghatgi und Yellapur. Kurz nach meinem Start hielt ich an einem bereits geöffneten Hotel an. „Hotel“, das hast Du ja mittlerweile gelernt, wird hier in Indien ein „Restaurant“ genannt. Das, was bei uns „Hotel“ ist, das ist hier „Lodge“. Dort aß ich die erstaunliche Menge von sieben Reispfannkuchen mit Zucker (normalerweise werden die mit scharfem Curry gegessen aber ich möchte so früh noch nicht Chilitunke vespern) und sechs kleinen Tee. 40 Rupien sollte ich dafür zahlen. Das war zwar um die 10 Rupien zu viel aber die Familie hatte kleine Kinder und das Geld fehlte hinten und vorne. Also scherzte ich mit dem Wirt, dass es nur 40 gibt, wenn ich noch einen Tee gratis bekomme. Klar. Bekam ich. Und er seine 40 Rupien. Als ich dann weiterging dachte ich so… „Mann, guck’ doch mal nach, ob Du wirklich Dein Geld eingepackt hast“. Da ich zwei Nächte in der gleichen Herberge übernachte, wollte ich nur Kamera, Pass und Geld mitnehmen. Der Rest bleibt in der Unterkunft. Ich krame also in meinem leeren Rucksack und was finde ich? Die Extrabatterie für mein Notebook! Ja Sackzement - bin ich denn völlig meschugge? Klar, das Ding ist genauso groß wie die Geldtasche. Aber Geldtasche ist Geldtasche und Batterie ist Batterie. Ich zählte das Geld in meinem Portemonnaie und kam auf 20 Rupien und 50 Peisa. „Das reicht nicht mal für den Bus zurück wenn ich heute Abend fertig bin“ (der Bus kostet 21 Rupien) stöhnte ich. Ganz schön sauer. Während ich vor mich hinüberlegte ging ich die ersten 10 und dann 20 Kilometer. Nonstop. Geld für Tee oder sonstige Sperenzchen hatte ich ja keines mehr.
 
Kurz nach dem 20sten Kilometer begann es dann gar furchtbar zu stinken. Im Strassengraben lag eine totgefahrene Wasserbüffelkuh. Kühe, Büffel und Schafe zerfallen irgendwie alle an ihrer Sollbruchstelle in zwei Hälften. So auch dieser Büffel. Und zwischen der hinteren und der vorderen Hälfte lag der heuhaufenähnliche Mageninhalt der Kuh – etwa vier Schubkarren voll gekautem Gras. Und während ich meinen Atem anhaltend vorüberhastete, stopften sich mehrere Hunde ihre Schnauzen mit längst abgelaufenen Teilen der Büffelkuh…
 
An der Hälfte meiner Marschstrecke angekommen, der Ort dort nennt sich Kirwatti, sprang ich, von einer jetzt-hole-ich-mein-Geld-Idee beseelt, in den gerade zu meiner Herberge in Yellapur abfahrenden Jeep und hatte plötzlich 21 Kilometer Todesangst vor mir. Ich habe noch nie jemanden beschissener fahren sehen als diesen jungen Menschen ohne Hirn. „Er lernt gerade das Fahren“ beschwichtigte mich der ältere Kassierer. „Aha“, antwortete ich. Wieso er das mit zehn noch sehr lebendigen Fahrgästen im Fond tat war mir nicht ganz klar. Er hätte sich doch auch die in ihre Hälften zerfallene Kuh hinten reinlegen können – die war schließlich schon tot. Da war zuerst das Schalten: Der Kerl fuhr im ersten Gang an und schaltete dann sofort in den fünften Gang. Immer. Die ganze Fahrt über. Auch beim Überholen am Berg – Gang 1 anfahren, Gang 5 rumeiern. Und so tuckerten wir mit den LKW um die Wette, die auch alle nur mit ca. 20 Sachen den Berg hoch krochen. Dann wieder drückte der Fahrlehrling mit beiden Füßen auf die Bremse - um sich, seinen im 5ten Gang fahrenden Jeep und uns, die zahlenden Passagiere, vor dem Gegenverkehr in Sicherheit zu bringen. Nicht dass ich mich vor den riesigen Bussen, Flüssiggastransportern oder Tiefladern gefürchtet hätte, denen wir hin und wieder quer im Wege standen… meine Qualen hätten wenigstens ein Ende gefunden. Aber nein. Ich musste lebend und ohne Anästhesie die ganze Operation durchstehen. Schließlich hielten wir vor meiner Lodge und ich stieg mit wackeligen Knien aus. Im Leben werde ich nie, nie nie-nie-nie wieder einen Jeep in Indien benutzen. Nie mehr. Vermutlich. Im Zimmer angekommen fand ich meine Geldtasche und die vorhin bereits angesprochene Unordnung vor. Scheiss Affenpack.
 

„Ach stimmt, das habe ich vergessen Ihnen zu sagen“ gestand der Gastwirt mit leidendem Blick, während ich mich schon wieder zur Bushaltestelle aufmachte um schnell nach Kirwatti zurückzudüsen – noch lagen schließlich 20 Kilometer vor mir. Und die spulte ich denn auch routiniert runter. Es regnete zwar hin und wieder ergiebig und die Fahrer fuhren so, wie Menschen ohne ein ausgebildetes Großhirn nun einmal fahren und um sechs Uhr fand ich mich an dem Ort ein von dem aus mich ein Bus zurück in meine 41 Kilometer entfernte Lodge fahren sollte. Das tat er denn auch. Als er endlich kam. Nach einer Stunde.

Erstaunlich: Da ich beim Fahrer saß, konnte ich seine Instrumente beobachten. Wir fuhren immer mit 10 Stundenkilometern (auch bergab), hatten weder Benzin im Tank noch Temperatur im Motor. Der Bremsdruck fehlte ebenso völlig wie die Ladung unserer Batterie. Alle Zeiger lagen links unten und rührten sich nicht. Vermutlich ist das mit dem Armaturenbrett wie mit den Brillen in Indien – man braucht sie nicht, aber man trägt sie - um intelligenter zu wirken. Kein Scherz: Du siehst in Indien öfters Menschen, die lediglich Fensterglas oder gar kein Glas in ihrem Spekuliereisen tragen – die Brille ist hier einfach ein Beweis erhöhter Intelligenz. Kühe zum Beispiel tragen keine Brillen. Weil sie eben nicht so gebildet sind.

 
So, genug ist geschrieben. Bis morgen. Cherio. Bert.

 

 

Aktuelle Meldung (Hubli, 1578 km, 15. August): 

 

Guten Morgen zusammen. Es fühlt sich seltsam an, um diese Uhrzeit am PC zu sitzen. Normalerweise wandere ich jetzt bereits zwei-drei Stunden durch die Felder und Wiesen Indiens (Wälder gibts hier keine mehr - die sind alle unter den Kochtopf gewandert). Da ich allerdings wieder in die Pampa wandere - Goa entgegen - und ich nicht weiß, ob ich unterwegs noch einmal Internetzugang erhalte, gehe ich lieber auf Nummer sicher und lasse meine Homepage in einem guten Allgemeinszustand zurück :-)

Ich soll, das habe ich mit meinem Team gestern telefonisch abgestimmt, am späten Abend des 1.9. in Hannover landen, am 15.9. (spätestens) meine Wohnung dort übergeben haben und um den 20sten wieder in Indien sein um den Rest der Tour in Angriff zu nehmen. Na wenn datt mal gut geht. Jetzt muß ich erst einmal schauen, wie ich mein Singapore Airlines Ticket umgebucht bekomme. In einem Land, in dem jede Bewegung bürokratische Asteroideneinschläge auszulösen im Stande ist und in der die Buchhalter der Nation die Demokratie am Nasenring durch die internationale Arena zerren, ist der Kontakt zu einem Büro ein echtes Happening. Alles kann passieren. Meistens aber passiert erst einmal gar nichts - weil der oder die Person, die hierfür oder dafür zuständig wäre weder hier noch da sei...

Sei es drum. Auch mit viel Unvermögen hat Indien die sechzig Jahre seit gestern voll. Die Reichen des Landes feierten iher Unabhängigkeit während ich von Navalgund nach Hubli ging. Unterwegs sah ich viele Menschen, die gar nicht so unabhängig waren. Sei sahen eher aus wie Leibeigene des späteren Mittelalters und pflügten auf Äckern die ihnen nicht gehörten mit Ochsen die nicht ihr Eigentum waren. Mehr als 700 Millionen Menschen verdienen in Indien weniger als einen halben US-Dollar pro Tag. Das ist nicht unabhängig. Das ist unwürdig. Und eine Schande. Mangelernährung ist eine weitere Baustelle dieser Nation. Schulpflicht gibt es genausowenig wie Anschnall- oder Helmpflicht. Indien lässt sich immer wieder gerne als "größte Demokratie der Welt" feiern. Aus der gestrigen Rede des Premierministers Dr. Manmohan Singh konnte man allerdings zwischen den feierlichen Zeilen lesen, dass auch in Indien langsam anzukommen scheint, daß Quantität nicht mit Qualität verwechselt werden darf. Wie Indien allerdigs die nächsten Jahre gestalten möchte - und wie die vielen ehrenwerten Vorsätze finanziert werden sollen - das ging im allgemeinen Geklatsche und Gejubele unter.

Ich verabschiede mich heute von der Bundesstrafe 218 und biege auf den kurzen National Highway NH-63 ab, der mich, so Gott will, an die Küste des Arabischen Meeres und damit direkt in den "Western Monsoon" führen wird - einer kleinen, regional begrenzten Wasserblase an der Westküste Indiens aus der heraus es unablässig gießt. Und da ich auf diesem Weg, der mich über Kalghatgi (28 km) - Yellapur (41 km) - Sunksal (40 km) - Ankola (40 km) nach Karwar führen wird, möglichweise kein Internet zu sehen bekomme habe ich Euch heute diese Zeilen vorsorglich in den PC der "Internet Dhaba" im Lakshmi-Complex zu Hubli getextet und wünsche Euch alles alles Gute.

Bis die Tage. Cherio. Bert.

 

 

Aktuelle Meldung (Navalgund, 1542 km, 14. August):

Es liegt ein wunderbarer Marschtag hinter mir. Der leicht bewölkte Himmel drückte die Temperaturen in einen Bereich der menschlichem Leben entgegenkommt und der Verkehr hielt sich ob der nach wie vor überfluteten Strasse in Grenzen. Und auch Schauspiele wurden mir am Rande des Weges geboten.
 
Da stand zum Beispiel ein LKW schief im Strassengraben. Die 44 Tonnen massiver Granitblöcke, die er geladen hatte, waren zu viel für die Achsaufhängung die daraufhin brach. Ein anderer, ebenfalls mit 44 Ronnen Granitblöcken beladener LKW setzte sich nun vor den havarierten Laster und der Fahrer stieg mit einem Drahtseil aus. "So, dass muss ich mir jetzt angucken" beschloss ich und setzte mich hier und jetzt in sicherem Abstand auf einen Meilenstein. LKW 1 (havariert) wurde also an den Haken genommen und LKW 2 (demnächst vermutlich ebenfalls havariert) startete den Motor. "Ich wette zwei zu eins dass das gleich ein grosses Geheule gibt" meinte ich ernsthaft.
 
Diese Geschichte wäre an einem anderen Ort lustig. Aber nicht in Indien. Hier ist das nicht witzig sondern einfach nur alltägliche Arglosigkeit - bis an die Grenzen des physisch Machbaren ausgereizt. Weswegen ich auch nicht lachte oder grinste sondern einfach nur so interessiert zusah als wie wenn zwanzig Ameisen eine Raupe zerlegen. Ich beobachtete einfach die Natur bei der Arbeit. In weniger als fünf Sekunden war die Rettungsaktion denn auch beendet. Ich hatte die Wette gewonnen. Das Stahlseil zischte wie eine wütend gewordene Kobra in alle Richtungen. Und LKW 2 hing plötzlich auch schief auf der Strasse - weil es ihm die Strebe rausgerissen hatte an der die Abschleppöse einst befestigt war. Die Öse selbst lag zerbrochen zwischen den zwei havarierten LKW, gleich neben einem sich krümmenden Inder dem das Seil gegen das Schienbein geschossen war.
 
Nachdem alles KO gegangen war was KO gehen konnte waren die Chancen auf eine Fortsetzung des Dramas leider alles andere als gut. Durch meine Fernfahrer leidlich gut unterhalten begab ich mich also wieder auf meinen Marsch und wunderte mich über die ganze Sache gar nicht. Ich habe einen Neffen. Der ist sechs Jahre alt. Wenn ich dem nun sage "Christian, da ist ein LKW so schwer wie ein Panzer. Und dann ist da ein anderer LKW genauso schwer wie ein Panzer. Und dann ist da ein dünnes Drahtseil. Können die beiden sich abschleppen?". Mit seinen sechs Jahren, davon zwei Jahre Berufserfahrung als Sandlastkraftfahrer im Sandkasten, wird er vermutlich ein wenig überlegen und dann zu einer technisch einwandfreien Lösung kommen.
 
Bis morgen! Cherio. Bert.

 

 

 

 

Aktuelle Meldung (Nargund, 1522 km, 13. August):

Pattadakallu (37 km) - Badami (23 km) - Kulgeri (21 km) - Nargund (20 km)

Nach meinem 37 Kilometer Marsch ans sehr beeindruckende, empfehlenswerte UNESCO Weltkulturerbe der Tempelgruppe zu Pattadakallu (siehe Fotoalbum) und den darauf folgenden Wanderungen nach Badami bzw. Kulgeri Cross habe ich die wirren Dorfstraßen des Inlandes hinter mir gelassen und wandere nun wieder auf der Bundesstraße der 700.000 Einwohner zählenden Stadt Hubli entgegen.

Diesmal ist dies die Bundesstraße 218. Viel Bund. Wenig Straße. Eher eine Bundesstrafe: Mehr Schlaglöcher auf einem schmaleren Asphaltstreifen kann man sich nicht vorstellen. Zwischen Erligheim und Freudental (bei Bönnigheim, südlich von Heilbronn) gibt es ein Sträßlein an dem zwei Säue nicht aneinander vorbei getrieben werden können ohne sich aneinander zu scheuern. Das aber ist eine Autobahn im Gegensatz zum hiesigen National Highway 218.

Direkt südlich von Kulgeri Cross zwang mich die nasse Natur eine weitere Streichdistanz zu nehmen (die letzte liegt schon ewig zurück – wilde Elefanten am Straßenrand im Nationalpark… Du erinnerst Dich sicher noch – ansonsten einfach im Archiv blättern): Der Monsun hat den Malprabha Staudamm so voll laufen lassen, dass die Regierung alle Schleusen geöffnet hat. Dies führt zu den berüchtigten Land-Unter-Bildern, die wir zum Abendessen in Deutschland per Tagesschau kredenzt bekommen. Und somit ist auch der NH 218 geflutet. Das bedeutet, dass der Verkehr kurz nach Kulgeri 30 Kilometer nach Osten umgeleitet wird. Dort steht (noch) ein kleiner Steg, der sich gerade noch so eben über Wasser hält. Und danach fährt der Verkehr wieder 30 Kilometer zurück um sieben Kilometer südlich der Umleitung wieder auf die Bundesstraße einzubiegen. Ich weiß das so genau, da ich mich von Kulgeri, wo es wieder einmal nichts außer blanker Armut gibt (die allerdings kostet die Leute nichts) nach Nargund evakuiert habe. Und hier knallte es das erste Mal so richtig. Und die Polizei, die gute, hat mich für heute Nacht in einem Government Guest House untergebracht – wo normalerweise nur die hohen Tiere übernachten. Und das kam so:

Ich rumpelte mit meinem Bus in Nargund ein, nachdem wir beinahe 80 Kilometer (samt Flut-Umweg) über die grässlichsten Straßen der Nation gebrettert waren. Nach rund 30 Kilometern auf der Piste brachen auch bei den ersten Passagieren, vor allem den Kindern, die Dämme. Fenster wurden geöffnet und halbverdaute Mittagessen in der Landschaft verteilt. Es breitete sich schließlich ein intensiver Duft von Currykotze im Bus aus. Currykotze riecht komischerweise um einige Farbtöne besser als das übliche Duftspektakel, das Indien Dir sonst in die Nasenlöcher bläst… Ich rumpelte mit meinem Bus in Nargund ein, stieg aus und bemerkte zwei „Lodges“. Die erste Lodge, Lakshmi Lodge (Lakshmi, die Göttin des Kommerzes),  war anscheinend nur dazu da, um die Kunden der darunter befindlichen Bar zu betten. Nachdem ich klargestellt hatte, dass ich mich nicht zu besaufen gedächte um ihrem Kundenspektrum zu entsprechen wollten die mich auch nicht aufnehmen. So weit so gut. Die zweite Lodge hieß „Delux Lodge“ (ohne "e" im Deluxe). Klang nach viel. Und es sollte noch viel mehr folgen…

Ich kletterte die engen Stiegen der typischen indischen Herberge hoch und brachte meinen Wunsch zum Ausdruck: Zimmerle. Eine Person. Zwei Nächte. Preis bitte. Und glücklicherweise wurde gerade ein Einzelzimmer frei. Winzig klein. 3 auf 3 Meter vielleicht. Ein Bett. Sonst nichts. Mehr passte da auch nicht rein. Und nur ein Badezimmer für alle auf dem Gang. Naja, ni Ermangelung der vielen anderen Möglichkeiten (zwei Lodges, von der eine bereits ‚Njet’ gesagt hat) fragte ich nach dem Preis. 175 Rupien wurden mir angeboten. Na das war doch OK. Dachte ich. Und sagte zu. Und dann kam der Vormieter des gleichen Zimmers an den Tresen und wollte die Rechnung haben. Ich schaute beim Schreiben seiner Rechnung interessiert zu. Und die Angestellten sahen interessiert zu wie ich beim Schreiben der Rechnung interessiert zusah. Eine Nacht. Eine Person. 175 Rupien. Toll. Die haben mir d