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UPDATES: 01.01.2009 Meine Bitte für (Januar) 2009 // 26.12.2008 Forum: Diskutieren mit (und oft auch ohne) Bert Simon // 29.08.2008: Bert Simon unterbricht Fußmarsch // 20.08.2008: Wie es mir derzeit geht // 23.07.2008: Bin in Santiago angekommen // 21.07.2008: Neue Bilder im Fotoarchiv (ganz hinten) //

 

 

Aktuelle Meldung: OHZ (9772 km), den 5. Jänner 2009

Fragt mich nicht, wieso die Nägel da drin stecken. Ich weiss es nicht.

Da sitzt er wieder. Der Bert. Im roten Pullover. Wie immer :-) Gestern habe ich Karten zu Nordvietnam und Zentralinidien bestellt. Nicht einfach. Vor allem, weil die Preise in Deutschland doppelt so hoch sind, wie anderswo. Einer meiner Reisepässe ist abgelaufen. Wobei sowieso kaum noch Platz für Vermerke drin war. Da werde ich nun, zu allem übel wieder zum Fotografen müssen. Bild machen. Pass beantragen. Glücklich sein. Nebenbei versuche ich, neben meinem eigenen Korken, auch die anderer Leute zu ziehen - frei nach dem Motto: andere glücklich machen, selber glücklich werden. Und das funktioniert. Nicht so, wie es das hat, aber immerhin ein wenig. Da ist eine Mutter, deren Tochter wurde im Ausland während des Familienurlaubs umgebracht. Ein frecher Journalist hat Bilder gemacht und hat die seither im Internet ausgestellt. Und habe ich erwähnt, dass das die Familie nervt? Har! Das ist ein schöner Fall um meine Giftzähne einzuschlagen.

 

Aktuelle Meldung: OHZ (9772 km), den 3. Jänner 2009

Auf Wunsch ein Detail vom gefalteten INOX Damast. Das Muster nennt sich *Odins Eye* - oder *Auge des Odin*.

Das Messer von Knut ist versteigert worden. Und Ihr wart nicht mit dabei. Der erste Mann auf dem Mond. Obama in Berlin. Messer bei Ebay. Geschichte wurde geschrieben. Und wo wart Ihr? :-)

Ich komme gerade von den Experten ("preiswert & kompetent") zurück. Der Laden eiert vor sich hin, wie Deutsche  Läden eben so vor sich hineiern. Während in den USA wirklich Krise ist, haben wir hier in Deutschland noch viel Luft: Wenn die Verkäufer es lernen "Bitte" und "Danke" zu sagen, ihren Kaugummi mit geschlossenem Mund zu kauen und einigermassen friedlich zu bleiben, dann geht noch was! In den USA versucht man die Kunden dazu zu bewegen, ihr Geld auszugeben. Hier in Deutschland wartet man offenbar immer noch darauf, dass der Kunde einen ausgibt. Mann! Was für Pannemeier! Aber sei es drum: Die Sprechkopfhörer sind da, wo sie hingehören, bei den Experten, und deren Geld ist nun wieder meins.

Meine Nachbarn lästern übrigens über mich. Dabei ist doch klar, dass das, was die Nachbarn lästern einem IMMER zu Ohren kommt. :-) Meine Nachbarn befinden es für ganz uncool, dass ich immer den gleichen Pullover trage. „Da isser wieder mit seinem roten Pulli. Ha Ha Ha Ha Ha“. Dabei ist des Rätsels Lösung sehr einfach: Ich trage Funktionsklamotten. Und wenn ein Pullover oder eine Hose wirklich passt, sprich funktioniert, dann kaufe ich nicht einen davon, sondern gleich ein paar. Und dann trage ich eben ein halbes Jahr lang rote Pullover. Noch 90 mal Pullover wechseln. Dann bin ich 83 Jahre alt und trage Windeln. :-)

Die nächste Farbe wird anders. Versprochen! Vielleicht. Meine Nachbarn ziehen sich jeden Tag ein anderes Teil von C&A über. Und? Wer guckt schon hin, wenn sie sich einen anderen grauen Pulli und eine andere ausgewaschene Jeans anziehen? Es gibt Termine, bei denen es wichtig ist, besser gekleidet zu sein. Da ziehe ich dann meine eine Garnitur gute Klamotten an. Das ist ein brauner Rolli und eine braune Jeans und ein braunes Jackett. Der Rest aber, der beibt halt so lange gleich, bis ich einen neuen Satz Funktionskleidung kaufe. Sollte allerdings zwei Mal hintereinander der gleiche Wein im Glas sein... deren Kleiderschrank ist halt mein Weinkeller!

 

Aktuelle Meldung: OHZ (9772 km), den 2. Jänner 2009

Nö. Das Messer ist nicht von Knut. Das ist von Bert.

Unser Knut-Messer kostet mittlerweile 1.100 Euro (zzgl. 4,50 Euro Versandkosten). Und noch ist ein Tag zu steigern. Dafür würde ich mein Messer zwar nicht verkaufen, aber 1.100... das ist schon eine Stange Geld! Ich war heute übrigens auch einkaufen, und zwar bei Expert. Einen Memory-Stick habe ich gebraucht und ein Head-Set. Das Head-Set passt aber nicht. Desshalb muss ich gleich morgen wieder da hin. Was mir gar nicht gefällt, denn bei Expert, da arbeiten keine Experten. Kennt Ihr das, wenn Ihr Euch immer (IMMER!) grundsätzlich an der falschen Kasse anstellt? Ich stelle mich an und... die Frau würgt die Kasse ab. Sie würgt sie einfach ab! Wo gibts denn sowas? In einem Elektronikladen. Da sitzt sie nun - vor sich eine Schlange böser Kunden und hinter sich die gähnende Arbeitslosigkeit. Und alle gleich bedrohlich! Wir wollen schliesslich kaufen. Und zwar JETZT! Nein. Die Kasse war platt. Hach.  Ärger! Naja. Ich habe ja auch schon schlimmere Sachen erlebt. Aber nur wenig schlimmere! :-)

 

1.1.: 1,7 Millionen aufgerufene Seiten auf www.bertsimon.com im Jahr 2008 (ganz genau 1.714.385). Leute ich bin baff. Und auch, ja, gebe ich gerne zu, sehr gerührt. Vor allem wenn ich daran denke, dass ich Euch dieses Jahr ganz schön lange angeschwiegen habe... Ich wünsche Euch allen da draußen viel Gesundheit, viele freundliche Menschen und wenig Ärger. Toll ist, dass ich letztes Jahr endlich mal viele von Euch persönlich kennen lernen durfte. Das möchte ich dieses Jahr auch gerne so weitermachen, denn dieses anonyme Mitlesen, das ist doch sicher ganz schön langweilig auf die Dauer, oder? :-)

Das vergangene Jahr war brutal und interessant. Das sind die einzigen beiden Worte, die mir einfallen wenn ich das Jahr beschreiben soll. Brutal, weil es eben so war. Und interessant, weil ich Grenzen kennen gelernt habe, die ich nie zuvor gesehen habe - und Menschen treffen durfte, die trotz unbeschreiblich gewalttätiger Verbrechen wunderbar menschlich geblieben sind.

Dermassen durchgerüttelt, würde ich eigentlich lieber noch einmal 2008 erleben und kein 2009. Ich misstraue diesem Abschnitt meines Lebens mittlerweile so sehr, dass ich lieber im Grauen verharren möchte als das Risiko eingehen zu müssen noch einen Schritt weiter abzusteigen. Und das beste kommt erst noch: In ein paar Wochen werden sich die Gefängnistore für meine Beinahemörderin öffnen. Auf sie wartet eine Rundumversorgung: Rente, Bewährungshilfe, Wohngeld, Kleidergeld, Krankenkasse, kostenfreie Bahnfahrten im Nahverkehr, Rundfunkgebührenbefreiung... Wir haben in unserem Land aufgrund einer kranken Geschichte einen krankhaft guten Umgang mit Gewalttätern gezüchtet und vernachlässigen dabei vorsätzlich die Überlebenden und Hinterbliebenen. Diese Ungerechtigkeit, die hält mich derzeit am Laufen!

 

31.12.: E = MC2 (Ebay = Müll und Doppelclick)  hat das Messer auf mehr als 1065 Euro hochgetrieben und noch sind 3 Tage zu steigern. Hin Leute! Steigert! Hahahaha :-)

So. Heute geht ein altes, abgetretenes, abgeschabtes Jahr zuende. Zu allem Überfluss ist es auch noch eine Sekunde länger als sonst. Meine Leber hat sich tapfer geschlagen und wenn ich es schaffe, so schnell wie möglich wieder in die Gänge zu kommen, dann wird sich mein Ressourcenverbrauch - Nutzen-  Ratio auch wieder in eine vertretbaren Bereich verschieben. Derzeit bin ich zu wenig gut und zu noch weniger nutze. Wobei wir, wenn wir schon beim Thema "unnütz" sind, wollen wir doch schnell einen Blick Ebay und Knut's Dinge werfen. Ich gucke... Und... Aha: 606 Euro fürs Messer und 1000 Euro für einen alten Schlafsack in dem Thomas Dörflein mit Knut übernachtet haben will. Was soll ich dazu sagen? Bei diesen Preisen fühle ich mich gleich nicht so schäbig, dass ich heute mir, quasi als Belohnung für das Überleben des Jahres 2008, das Album "Damn Right, I've Got the Blues" von Buddy Guy runtergeladen habe - für 7,99 Euro. (Wer meinen Musikgeschmack kennt, der weiss, dass dieses Album ein 8 von 10 möglichen ist - 10 von 10 wäre z.B. "E.C. Was Here").

Eigentlich wollte ich  mich ja gar nicht zum Konflikt zwischen Israel und der Hamas äussern. Aber ich habe mit einigen Freunden darüber diskutiert und mache das jetzt einfach doch. So. da. Hier: Wenn Österreich 250 Raketen auf Deutschland abfeuern würde, dann würden wir da hingehen und denen die Alpen schleifen!

Das was in Israel derzeit passiert ist, dass sich eine Nation gegen waffentragende Zivilisten wehrt, die aus einer sie unterstützenden Zivilbevölkerung heraus schiessen. Es bleibt nicht aus, dass man diese Zivilbevölkerung trifft wenn man das Feuer erwidert. Israel hat sich in den letzten Jahren erstaunlich still verhalten und ich habe großes Verständnis für die Aktionen, die nun folgen. Die Palästinenser müssen lernen, dass es für ihre Familie gar keine gute Situation ist, wenn die Hamas in der Nachbarwohnung Bomben bastelt und Sprengstoff lagert. Weil drei Minuten später ein Kampfjet kommt und eine Rakete in das Zimmer des Nachbarn jagt. Und dann fallen halt die Bilder von der Wand (sobald die Wand am Stadtrand aufschlägt).


30.12.: So. Zuerst das Wichtigste: Das Messer von Dörflein ist mittlerweile auf 505 erstaunliche Euro hochgetrieben worden (und nein, das ist nicht das Messer im Bild. Das Laguiole ist meins und das ist nicht verkäuflich - auch nicht nach meinem Tod). Knut's Klinge ist ein wertvolles, maschinengefertigtes Schweizer Messer, bei dem die roten Plastikteile fehlen. Dafür hat es eine Lupe.

29.12.: Es gibt immer noch Dinge, die ich so noch nicht gesehen habe. Mit untertassengrossen Augen schaue ich heute völlig baff auf Ebay. Ihr habt die Chance in den nächsten Tagen ein höllenteures Taschenmesser zu ersteigern. Es gibt, müsst Ihr wissen, Taschenmesser und Taschenmesser. Messer sind seit Jahrhunderten nicht nur zum Arbeiten gedacht, sondern sie sagen auch viel über ihren Träger aus. Denkt nur an diese merkwürdigen Rambo-Messer mit den gezackten Klingenrücken... so ein Messer, das ist mindestens so merkwürdig wie der, der es trägt. :-) Dann gibt es diese hinterlistigen Schnapper und Klapper oder ganz dünne silberfisch-ähnliche Dinger für Anzugträger.  Und dann eben auch urtypisch-traditionelle Messer, die nur in einer Region hergestellt werden, zum Beispiel das Opinel aus dem Savoyen oder, auch ein Klassiker, das Laguiole (gesprochen "Lajoll"). Mein Messer ist ein solches Laguiole aus dem Aubrac. Obwohl die sehr schön und verdächtig grazil aussehen, sind es reine Gebrauchsmesser. Man legt sie auf den Tisch, klappt auf und schmiert sich ein Brot (mit vegetarischer Paste auf Tofubasis natürlich). Danach klappt man es wieder zu und geht zurück zur Arbeit. Das Laguiole wird von konservativen Menschen getragen. Heute aber habe ich ein Messer für die Ewigkeit gefunden:

Vorhang auf für das Messer von Eisbär Knut. :-) Industriemesser. Victorinox.  Aus der Messermaschine: Vorne wird auf den Knopf gerdrückt und hinten fallen 50,000 raus. Und das Ding ist jetzt schon auf vernichtende 320 Euro hochgetrieben worden!!! Was ist mit den Leuten los? Habt Ihr noch nie das Wort WIRTSCHAFTSKRISE gehört? Und nein, "Wirtschaftskrise" hat nichts mit "Rauchverbot" zu tun. Was wird der Käufer später seinen Enkeln erzählen? "Hier. Guck mal. Dafür habe ich 1000 Euro bezahlt". (Enkel mächtig imponiert. Muss doch das Messer von Elvis sein, oder?!) "Ja, das ist das legendäre Messer vom legendären Ziehvater vom legendären Knut der vor fuffzig Jahren im legendären Berlin geboren wurde und dessen Schirmherr der legendäre Ex-Ministerpräsident des legendären Landes Niedersachsens, Gabriel, war? (Die Familie des Enkels greift im Nebenzimmer zum Telefon und ruft das Vormundschaftsgericht an...).

Watt is da los???? Riechen die Leute hier Geschichte, die ich nicht sehe? Ich glaube, denen gehen die Bären durch: Für 320 Euro (momentaner Preis), da bekommst Du schon ein gutes, handgeschmiedetes Laguiole. Ich bin mal gespannt, wie viel das Messer bringt. So, wie die Leute da dran herumsteigern geht das ganz sicher über 1000 Euro. Ab 1000 Euro bekommt man schon langsam ein Meistermesser mit Elfenbein, Damastklinge und Traditon. Oder eben ein Victorinox. Von Knut. Naja, zumindest beinahe von Knut.

Was das Messer von Dörflein über seinen Träger aussagt? Derjenige, der das Ding ersteigert, der  (keine Frage: es wird ein Mann sein, Frauen sind nicht so schwachsinnig - bei denen setzt das Hirn auf dem Weg zur Kasse meistens wieder ein) möchte auch mal eine gute Geschichte erzählen können - weil er selber keine hat.


Aktuelle Meldung: OHZ (9772 km), den 28. Dezember 2008

Alternative Weihnachten

Ich denke ja immer in Projekten. Mein Leben ist eine Abfolge von Projekten. :-) Drei Projekte stehen an: 1.) Reha in Diez. Das ist ein sehr schwieriges Unterfangen. Als Expeditionsfotograf in doch einigen merkwürdigen Situationen gewesen, ist die Beantragung einer Reha in Deutschland vergleichbar mit einer Polizeikontrolle in Muzzafarrabad - man weiss einfach nicht, wo man dran ist und alle Dinge sind unentwegt unberechenbar. Aber wir arbeiten daran. 2.) Mein Projekt Stuttgart - Stuttgart, dass ich kurz nach... ach ich weiss nicht mehr wie der Ort hiess, abbrechen musste. Gut ist, dass wir mittlerweile unsere eigene Organisation, die Deutsche Allianz Kapitalverbrechen gegründet haben, einem lockerem Verbund von Menschen die weder besonders hysterisch noch sonderlich emotional sind. So können wir ein wenig aus dem Nähkästchen plaudern. Und würde ich dieses Projekt fortführen, dann würde ich in den USA landen. Dort geht niemand zu Fuß. Das Land ist weder tatsächlich noch irgendwie auf Fußgänger ausgerichtet. Zu Fuß geht dort nur derjenige, der sich kein Auto leisten kann. Und das bedeutet, nur Penner sind zu Fuß unterwegs. Und ich habe einfach keine Lust, mich schlecht behandeln zu lassen nur weil ich zu Fuß gehe. Vor allem in meiner jetzigen Situation nicht. Das letzte Mal wurde ich jede Woche mehrmals von Polizisten angehalten "Man hat uns gemeldet, dass Sie nackt an der Straße umhergegangen wären", der eine. "Sind Sie legal hier oder halten Sie sich illegal in den USA auf", so der andere. Der nächste Polizist: "Das Hotel, in dem Sie letzte Nacht geschlafen haben, hat uns angerufen und meinen Sie seien verwirrt...".  Na bravo. Super. "Wo ist Ihr Auto? Wie, Sie haben kein Auto? Dann verlassen Sie sofort unser Hotel oder wir rufen die Polizei. Hier können Sie auf keinen Fall bleiben!". Das sind nur so einige der Sätze, die mir noch so in Erinnerung geblieben sind.

Und 3.) ...haben Freunde von mir angemerkt - in einer sehr flapsigen, aber lustigen Art und Weise - dass ich immer noch nicht Zentralinidien durchquert hätte und ob mir das zu wenig luxoriös sei (weil ich mich immer nur am Strand rumdrücke). OK. Projekt drei wäre Amritsar - Kanniyakumari (Amritsar ist ganz oben links -- weiter höher geht nicht, da dort der Jammu & Kashmir Konflikt tobt -- und Kanniyakumari ist, logisch, ganz unten), ein 4000 Kilometer langer Weg durch ich-weiss-nicht-genau-was. Ich habe wirklich keine Ahnung, was mitten in Indien liegt. Ich kenne nicht mal jemanden, der dort längere Zeit war?! Bhopal habe ich schon mal gehört, weil dort 20,000 Menschen durch die amerikanische Firma "Union Carbide" getötet wurden - und weiter getötet werden. Ich werde da einfach für einhundert Kilometer die Luft anhalten müssen. Helfen würde mir dies bei der Verarbeitung meines Traumas und dem Leben nach einem Verbrechen nicht - aber ich muss dringend in die Gänge kommen, denn mein Lebenswille ist gewaltig geschwunden. Und eine solche Auszeit hat mir bereits einmal den Pelz gerettet. Wenn ich zügig gehe, dann schaffe ich das in weniger als 20 Wochen. Und danach, so die Befürchtung, stehe ich wieder da und trete auf der Stelle.

Apropos Stelle: An dieser Stelle eine Nachricht an meine klammheimlichen Mitleser in Braunschweig (diese Leute machen immer alles klammheimlich, schliesslich sind Überlebende und Hinterbliebene von Gewaltverbrechen als "Antragsgegner" der Versorgungsämter einzustufen) - die jetzt schon wieder sagen "Ja dann ist ja alles OK. Dann braucht er ja keine Hilfe mehr...":

1.) Was ist mit meinen Gutachten? Mein Antrag auf OEG ist immer noch nicht abschliessend beurteilt, meine Täterin aber bald wieder auf freiem Fuß. Sie feiern mit Ihrer Familie Weihnachten und ich saufe mir jeden Abend den Kopp zu um schlafen zu können (und nehme derzeit abendlich zwei, drei Tabletten Zopiclon). Das Verfahren zieht sich nun seit 2 Jahren, 5 Monaten und 24 Tagen hin. Fühlen Sie sich überfordert?

2.) Wann werden meine Anträge bearbeitet? Vor oder nachdem Sie Ihre Weihnachtsdiät abgeschlossen haben. Ich wiege mittlerweile 65 Kilo. Bei mir gibt es nichts mehr sinnvolles abzunehmen.

3.) Menschen, die versuchen auf den Füßen zu bleiben, die werden abgestraft. Diejenigen aber, die sich wie Pudding mutwillig jahrelang ins soziale Netz fallen lassen ("Hach, ich kann einfach gar nicht mehr..."), die werden von unserem System belohnt.  Finden Sie nicht auch, dass da ganz schön was faul ist, Herr Walter?

 

27.12.: Ja, die Tücken der Objekte. Heute morgen, ich war schon lange wach, quietschte pötzlich mein Handy. Eine SMS - was bei mir nicht oft passiert, da ich nicht SMS schreibe. Also gucke ich. +4917321649xx schreibt mir Ha. Nichts weiter. Nur Ha. Zwei Buchstaben. Also wartete ich. Sieben Minuten später quietscht das Ding erneut. Die selbe Nummer (die ich nicht kenne). Aber nun mit längerem Text: "Hallo meine süsse bin nicht über Leibzig (sic) sondern direkt hätte beinahe verschlafen". Das ist schön. Dass da jemand an meine feminine Seite denkt. Auch wenn ich niemanden erwarte, der gerade über "Leibzig" hierher unterwegs wäre. Das mit dem Verschlafen kenn ich aber. Und dann ging es gerade so weiter. Lufthanas möchte Tickets verticken, Amazon Staubsauger und Pornos, Apple iPods und ich bin am Löschen und am Löschen. Wenn die Leute schon so billige sachen haben, warum kaufen sie diese dann nicht gleich selber. Das Schnäppchen des Jahrhunderts würde ich doch niemandem per E-Mail anbieten. Hach. Nerv.

 

26.12.: Im Rad-Forum wird gerade diskutiert, ob ich tatsächlich mit 10 Kilogramm auf dem Rücken durch die Wüste getrabt bin. Die Antwort ist NEIN. Es waren immer weniger als 10 :-) Übrigens fahre ich, wenn ich nicht wandere, auch Rad um im Training zu bleiben. Um Eure nächste Frage zu beantworten: Ich fahre ein Raleigh Magelan 800R. So und nun genug Rad. Ich muss noch was los werden, was mir auf der Seele brennt wie ein grüner Thai-Curry am Tag danach. Aber Vorweg für die Newcomer: Das meiste, was ich von mir gebe, würde mich vor ein paar Jahrhunderten noch auf den Scheiterhaufen gebracht haben. Und sicher sind einige meiner Ansichten diskussionswürdig. Für Diskussionen habe ich ein kleines Forum eingerichtet. Da könnt ihr dann meine Frevel - unzensiert - diskutieren und mich, wenn es not tut, hinrichten. Aber wenn Ihr mich schon steinigt, dann macht es bitte vorsichtig. :-)

Endlich (endlich, endlich, endlich!) ist die Weihnachts-Botschafts-Zeit vorbei. Da sitze ich immer. Und lese die Werbebotschaften der Kirchen, die deren Vertreter mit selbstherrlichen, süffisanten, fröhlichen Masken vortragen. Diese Leute haben noch nie gehungert, nie gedürstet. Nur wenn der Darm aufgrund des vielen fetten Essens mal nicht möchte, dann leidet der Priester. Mann, ich schäume wie eine Alka-Seltzer! Vor allem dann, wenn übergewichtige Kirchenfürsten anfangen ihre Form der Politik zu verkünden.

Dem Vorsitzenden des Rates der evangelischen Kirche in Deutschland, Herrn Huber, war der Mensch Josef Ackermann erschreckend egal, als er ihn aussonderte und in seiner Weihnachtsansprache zum Sündenbock macht. Wo gibt es denn so was, dass man einen Menschen zur Weihnacht vor Millionen gnadenlos beim Namen nennt? Hexenjagden haben gute, christliche Tradition. Ungerecht ist das Treiben aber vor allem deshalb, weil die Kirchen zu den grössten und reichsten Konglomeraten gehören und Teile ihres Vermögens in Hedgefonts und mit Investmentfirmen angelegt haben - übrigens auch bei der Deutschen Bank. Herr Huber, der Kirchenmann mit doppelter Zunge, ist stellvertretend im Besitz von zehntausenden von Liegenschaften, Kirchen, Grundstücken und Bankkonten und stellt sich uns (die professionelle Vermehrung seiner Pfründe ganz vergessend) als eine rein karitative, soziale Einrichtung dar - was er und seine Kirche definitiv nicht sind. Dr. Ackermann hingegen gibt nichts anderes vor, als das, was er ist - der Direktor einer Bank. Er macht seinen Job. Und er hat eine Entschuldigung mehr als verdient.

Die katholische Kirche kommt hingegen mit ihrem üblichen Kinderkram.
Kinder bieten sich an, wenn man etwas bewerben möchte. „...alles zu tun damit die Not der Kinder ende“, verkündet der Papst. Nun, dann sollte der Papst seinen Pfarrern in seinem Neujahrsgruss schreiben, dass sie ihre Ministranten weniger oft ficken mögen. Dann wäre schon mal ein Teil der grossen, leicht vor Ort zu ändernden Not beseitigt. Es gibt auch viel Not, die schwerer zu ändern ist - vor allem dort, wo die katholische Kirche vor einigen Jahrhunderten einmarschiert ist. In diesen Besatzungszonen, da müssen wir tatsächlich gemeinsam überlegen, wie wir den Menschen das Überleben erträglicher gestalten und sie in einen wirtschaftlich konsolidierenden Dialog mit gleichen Chancen auf Augenhöhe einladen können. Das ist nicht einfach.

Vor allem, wenn Leute wie Bischof Zollitsch rumlaufen. Fürst Zollitsch ist so gekleidet, wie sich die Kirchenoberen eben seit Jahrhunderten kleiden - in Gold und Brokat. Und er spricht von Perspektiven. Gut. Das Mittelalter ist eine Perspektive. Und wenn es nach der Kirche ginge, dann würden wir da auch schleunigst wieder hin. Da war man noch wer. Und die Kirchen waren voll. Und der Mob sprach kein Latein. Fürst Zollitsch wirbt für Perspektiven. Für junge Menschen - die er nicht einmal mehr versteht. Und soziale Verantwortung mahnt er an. Sozial! Verantwortung! Selbst wenn die Heilige Römische Kirche im Zeichen des heiligen St. Martin ihren über die Jahrhunderte zusammengestohlenen Reichtum mitten durch schneiden würde, um damit die Welt ein gutes Stück zu heilen, dann würde trotzdem noch genug Gold übrig bleiben um den grossen Fetisch der Religion - Macht und Reichtum - zu befriedigen. Und notfalls kann ja doch noch der eine oder andere Ministrant zur Hand gehen.


 

Aktuelle Meldung: OHZ (9772 km), den 26. Dezember 2008

Alternative Weihnachten

Newsflash: Habt Ihr‘s mitbekommen? Karlsruhe kreuzt vor der afrikanischen Küste! Mann, wie kommen wir immer auf solche Namen? Naja, es könnte schlimmer kommen. Wir haben auch Orte wie Arschkerbe, Ficker oder Pissen und, noch besser für ein Schiff, Unterwasser. Oder man stelle sich vor, wie folgender Funkspruch ankommt: „Hier ist die „Jux“. Legen Sie sofort die Waffen nieder!“ Erfreulich ist, dass wir nun ein Mandat haben, eines der stärksten sogar, dass die Bundeswehr je hatte. Wenn sie angegriffen wird, die Wehr, dann darf sie sogar antworten. Allerdings werden danach über jeden Schuss und jeden Befehl seitenlange Berichte anzufertigen sein. Deshalb würde ich den Soldaten raten im Falle eines Beschusses die Iraner, Russen oder Inder anzurufen. Die haben auch Schiffe da unten und bei denen ist es scheissegal, wie viele Schuss abgefeuert werden - die schiessen die Piraten aus dem Wasser und in die Sahara! (Und die haben auch keine Grünen, die nachher dumme Fragen im Bundestag stellen, nur um gescheit auszusehen).

Damit jetzt keine Parteilichkeiten hier aufkommen: Ich mag die Grünen. Jaja. Und die SPD auch. Das einzige, was ich nicht so ganz verstanden habe war, wie drei RAF Anwälte (Gerhard Schröder, Otto Schily und Christian Ströbele) unser Land einfach so übernehmen konnten ohne dass die Leute hellhörig werden. Man kann nun nicht unbedingt sagen, dass die "Niederlage der Pläne des Kapitals" wirklich vollendet wurde. Aber rein geschichtlich betrachtet ist es schon erstaunlich, wenn unter zehntausenden Politikern gerade so eine Terror-Troika an die Macht gewählt wird. Die Aufarbeitung dieser Kommödie wird jedenfalls Jahrzehnte in Anspruch nehmen.

 

25.12.: Der eigentliche Kracher ist folgender: Obwohl ich ja hier schön länger nichts mehr geschrieben habe, haben in den letzten Monaten trotzdem Monat für Monat jeweils mehr als 6000 Menschen die Seite besucht. Das ist der Hammer! Und dafür danke ich Euch - wo auch immer Ihr gerade seid. Das macht Mut! Und ich werde versuchen in den nächsten Wochen wieder ordentlich zu schreiben. Nicht freundlich, aber ordentlich. :-)

Wie unfähig unser Land ist, seine Zukunft anzugehen, das zeigt sich bei solchen Dingen wie Pendlerauschale. Diese Pendlerpauschale ist ein Beispiel dafür, wie sich unser Land am Nasenring durch die Manege ziehen lässt: "Ich wohne so weit von meinem Arbeitsplatz weg. Und weil ich immer fahren muss, deshalb muss mir das Land was dazu zahlen". WATT? WIESO? Wo gibt es denn sowas - ausser in Deutschland? Wenn die Leute auf dem Lande wohnen, dann haben sie häufig einen anderen, geldwerten Vorteil: Der Wohnraum ist dort deutlich günstiger als in der Stadt, in der sie arbeiten. Nicht selten hebt sich das nicht nur auf, sondern die Leute sparen durch die geringeren Mieten hunderte Euro im Monat (klammheimlich natürlich). Im Umkehrschluss hätten eigentlich auch diejenigen, die in der Stadt wohnen, ein Recht darauf, dass der Staat sich an der Miete beteiligt: "Ich wohne aufgrund meiner Arbeit so nah wie möglich am Arbeitgeber. Aber die Mieten sind hier teurer. Deshalb brauche ich hier einen Zuschuss vom Staat".

Und weil unsere Regierung sich ihre Politik meist aus dem Arsch zieht, gehen dem Land Milliarden verloren. Klar lassen sich die Menschen von ihren einmal eingeräumten Previlegien kaum mehr trennen. Aber irgendwo, da muss man wenigstens mal einen Fett-Weg-Gürtel anlegen, wenn man schon nicht abnehmen möchte. Wie ein Land aussieht, das sich heilige Kühe leistet, das sieht man in Indien: Die Viecher stellen sich mitten in den Weg des Fortschrittes und scheissen einem auf die Füße.

 

24.12.: Hmm. Ich habe die Weihnachtsbotschaft unseres Präsidenten noch nicht gehört. Aber da er ein Deutscher ist, wird er wie ein Deutscher sprechen. Vermutlich sogar in Deutsch. Er wird mahnen und mutmachen. Und wenn man die Augen schliesst und von den Herausforderungen hört, die da vor uns liegen sollen, dann werden wir denken wir haben soeben wieder gegen irgendwelche Alliierten kapituliert. Land kaputt. Aber wir werden mit vereinten Kräften überleben. Meine Weihnachtsansprache wäre da kürzer: Wenn Ihr jetzt nicht aufhört zu jammern, dann überweisen wir nochmal 800 Milliarden an die Lehman Brothers und dann habt Ihr wirklich was zu jammern!

Nein, mal ehrlich: Weihnachten ist nicht so sehr das Fest der Liebe, sondern das Fest der Naivität. Als bekennender Agnostiker finde ich es bemerkenswert Post und Mails von Leuten zu bekommen, die mich segnen. Mit was? Und warum? Weil es sieben Tage vor Monatsende ist? Die meisten habe es nicht mal verstanden, sich im Verlaufe des gesamten vergangenen Jahres bei mir zu melden. Und anstatt zu sagen: "Du Bert, ich war halt einfach viel zu sehr damit beschäftigt auf meinem Arsch zu sitzen und mich selbst wichtig zu nehmen" schreiben Sie Dir "mit allerbesten Wünschen" und friedliche Weihnachten und ein gutes Neues Jahr. Auch das noch. Ein neues Jahr, in dem sie sich dann wieder nicht melden werden. Am Besten sind diese Massenmails. "Hallo Ihr..." oder "Liebe Freunde...". Hammer! Und das an einem Fest, das ihnen so hoch wie heilig sein soll. Das Dramatische ist: Sie glauben auch noch da dran! Aber, OK, Menschen glauben auch daran, dass die Erde in sechs Tagen erschaffen wurde und ein Mann 900 Jahre alt wurde und dann von jedem Lebewesen zwei mit auf ein Boot genommen hat - inklusive mehr als einer Million verschiedener Insekten. Für mich einfach nur ein Grund, den Kreis derer, die an mich herantreten noch einmal ganz genau durchzusieben und, wie bei der Katzenstreu, die Klumpen loszuwerden.

 

23.12.: Heute gibt es nicht viel zu schreiben. Ich bin bereits um 2.40 Uhr aufgewacht und das war es dann auch. Der Tag ist danach selbstverständlich im Eimer, da ich die Schlaftabletten den Tag über abbaue. Wenn ich so früh aufstehe (vier Stunden nachdem ich meine Downer eingeworfen habe), dann stehe ich ungern wirklich auf, da ich an allen Kanten hängenbleibe und die Türen nicht richtig treffe. :-) Ich bin zwei mal ohne bremsen gegen einen Türrahmen geknallt. Das dritte Mal erspare ich mir. Weil es dauert, bis die Beulen weg sind und die Reflexe so dämlich langsam sind, dass Du hart zu Boden gehst. Also lieber gleich als später liegen bleiben und N24 "Wissen" schauen. Die höchste Brücke der Welt steht in Frankreich. Und die griechische Fähre lief auf die Felsen, weil... wen zur Hölle interessiert eigentlich diese Scheiße? Wurst. Wenn ich Nachts zugedröhnt daliege, dann ist das alles wurst. Hauptsache irgendwas läuft, damit meine Augen nicht auf die Dunkelheit um mich herum fallen. Es ist grauenhaft dunkel diesen Winter. Um 8.00 Uhr dann doch aufgestanden. Aber mächtig Schlangenlinien gelaufen. Lecko mio! Duschen war angesagt. "Hang-over" Duschbad genommen. Riecht lecker nach Zitrone-Grapefruit. Damit soll man nach einer durchzechten Nacht wieder fit werden. Ich werde zwar nicht fit. Habe aber auch nicht gezecht. Vielleicht sollte ich zechen, dann würde ich fitter werden?! Aber wenigstens rieche ich jetzt wie eine Bio-Zitrone. Und dann ab, zum neuen Hausarzt - nach dem der alte funktionsuntüchtig geworden ist. (Ich beuge mich hier meinen eigenen Regeln: Wenn der alte Hausarzt bei kleinen Sachen bereits spinnt, dann muss man schleunigst handeln bevor er die grossen, wichtigen Sachen in den Sand setzt). Danach bin ich noch einkaufen gegangen (Salat, Pfeffer, Quark, Kürbiskernöl) und dann war ausruhen, weiter Schlaftabletten abbauen und gar nichts tun angesagt. Und nun ist es wieder Zeit langsam eine Flasche Wein zu kippen und die nächste Ladung einzuwerfen, damit das mit dem Schlafen wenigstens heute klappt.

Wieso ich Euch daran teilhaben lasse? Weil diese Dinge nahezu jedem passieren, der willkürliche Gewalt überlebt. Wir sind absolut hart im Nehmen - aber wir sind angeschlagen. Und um geholfen zu bekommen, gibt es eben Antragsverfahren und Wartezeiten und Schlaftabletten.  Irgendwo in Deutschland brennen heute nacht nicht nur die Kerzen, sondern auch die Lampen - weil der letzte wirklich gute, wirklich erholsame Schlaf viele Jahre zurück liegt. In meinem Fall zwei Jahre, fünf Monate und zwanzig Tage. Das finde ich nicht bedauerlich und ich habe auch null Mitleid für mich oder für die, die das Gleiche erleben. Es ist eben einfach so. Und nicht anders. Die Wahl hat ein anderer für uns getroffen. Wir sind nur mit auf die Reise genommen und irgendwo aus dem Zug geworfen worden...

 

22.12.: Eigentlich sollte ich ja eine Reha machen. Aber da sind mehr Klippen als in Acapulco. Erst einmal muss man nachweisen, dass man auch eine Reha braucht. Wenn der Arzt vom Amt sagt (in dem Fall das Versorgungsamt), dass ich eine Reha zu machen habe, dann gilt das noch lange nicht für den Rest der Welt. Der Krankenversicherer, vom selben Amt bezahlt, schickt seinen ärztlichen Dienst ins Feld - um zu schauen, ob die vom Amtsarzt geforderte Rehamassnahme auch notwendig ist. Danach, wenn der Kassenarzt den Amtsarzt bestätgt, schicken sie dich zum Hausarzt. Der stellt für Dich das Formular 60 aus. Mit diesem Formular gehst Du wieder zur Krankenkasse und bekommst das Formular 61. Während dessen musst Du aber noch ein Formular unterschreiben, das gar keine Nummer hat. Was aber wurst ist, da mein Hausarzt das Formular 61 dieses Jahr nicht mehr bearbeiten kann. Wie er sagt. Also werde ich mich nun in Bewegung setzen und ein paar Schachteln Schlafmittel für die Feiertage einsammeln und hoffe einfach aufs nächste Jahr.

Mittlerweile habe ich nicht nur meine Tabletten eingesammelt, sondern auch mein Formular 61. Das Ding wurde vor zwei Wochen von meiner Versicherung an den Arzt geschickt. "Frühestens Ende Januar". Ahja. Soso. Tablettensüchtig machen, das kann er mich - aber das Formular ist nicht ausfüllbar. Her damit. Wenn Du von Menschen abhängig bist, dann kann es passieren, dass Du Dich ganz schön hilflos fühlst. Und Weihnachten? Glaub mir, das ist für den Arsch. Die meisten Leute lieben den Hype und das Fernsehprogramm und die Feiertage. Aber innen drin, da sind wir eiskalte, berechnende Lumpen. Mehr oder weniger. :-)

Nun könntet Ihr sagen "Boh, wie kann der nur...". Tatsache ist, dass ich ein anderes Menschenverständnis habe. Ich denke, der Mensch ist nicht grundsätzlich gut und wird auch nicht durch äussere Einflüsse schlecht. Das würde den Verlauf der Evolution auf den Kopf stellen, bei der nur der Gemeinste und Bissigste überlebt. Ich glaube, dass der Mensch ein mit aussergewöhnlicher Gerissenheit gesegnetes Tier ist und, wie bei einem Autolack, Lage über Lage über Lage auf das Tier aufgebracht wird.  Nicht mehr in die Hose scheissen. Nicht mit offenem Mund essen. Bitte sagen. Und später auch Danke. Form. Floskeln. Regeln. Knigge. Religion. Politik. Aber all der funkelnde Lackl darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass unter den ganzen Lagen immer noch das Tier sitzt, das es bis an die Spitze der Evolution geschafft hat. Was dann auch gleichzeitig zur einzig wirklich brauchbaren Lösung in Sachen Gewaltprävention führt: Das einzige, was Gewalt verhindert, ist Schulung und Erziehung - also das Aufbringen von noch mehr Schichten Zivilisation auf das Tier im Menschen.

 

 

21.12.: Mein Nachbar hat sich auch so ein Leucht-Renviech in den Garten gestellt. Zuerst einmal waren da blaue Lämpchen dran. In Weiss sind die Dinger schon sehr schwer zu ertragen. Aber in Nutten-Blau? Jesses! Dazu noch eine rote Lampe ins Fenster und dann haben wir ein Fest! Es haben sich offenbar Nachbarn gegen dieses unglaubliche Ding ausgesprochen. Klar sind wir ein demokratisches Land. Mit allen Freiheiten. Aber bei Rentierfarbexzessen ist es dann auch mal gut mit Freiheiten: Heute abend glüht das Ren weiss. Wie es sich gehört. Am allerliebsten sind mir meine Nachbarn von gegenüber: Die haben gar kein Glüh-, Glimm- oder Gaslicht. Nirgendwo. Wobei mir dabei sofort das neue BKA Gesetz einfällt. Jemand, der nicht wenigstens einen Engel ins Fenster hängt... ist das nicht zumindest verdächtig?

Wobei sich die Frage stellt wer wann wie und wo verdächtig ist oder wird. Weil er das, was  gemacht wird mitmacht oder eben gerade nicht? Ach was weiss ich nicht. Wir müssen dringend die Gesetze verschärfen um all diesen Dingen auf den Grund gehen zu können. Und wenn wir nichts finden, dann ist das auch etwas!

 

20.12.: Während ich auf Walujev warte, muss ich mir noch so einen Predigtknilch anhören. Einem mit weichem Kinn. Der noch nie das Leben gesehen hat, sondern vom Theologiestudium direkt in eine treue Gemeinde und dann ins Fernsehen gerutscht ist. Und damit in mein Wohnzimmer. Das öffentlich-rechtliche bepredigt mich. Mit GEZ-Geldern. Gut. Betlehem verstehe ich. Und Jesuskind. Und Krippe. Dabei habe ich eigentlich nur eingeschaltet um zu gucken ob Holyfield "The Real Deal" Holyfield es noch einmal schafft. Der Mann, der in einer 109-Zimmer-Wohnung wohnt. Nicht 109-Quadratmeter, baby, 109 Zimmer! :-) Der ist Klasse.  Und ein Christ. Mit fünf Frauen und elf Kindern. Da muss man schon Christ sein, um eine nach der anderen zu heiraten. Aber nein. Bevor es zum Kampf kommt, muss ich erst einmal zur Kirche. Der Kampf (nicht ich gegen das Christkind, sondern der andere) findet im Züri Hallenstadion statt - der Arena, in der ich Erich Clapton, dem wahren Gott, huldigte. Wobei wir wieder bei der Religion sind... Das einzige Schwergewicht, das einzige Christkind, dass ich dieses Jahr gesehen habe, das war Erich. In Züri.


19.12. Hätte ich die Chance, dann würde das Christkind meine alten Schluffen abkriegen. So wie Bush. Nur gezielter. Was das Balg nur alles verbrochen hat. Während die EU sich dazu durchringt endlich die Glühbirne zum Altglas wandern zu lassen, hängen sich erwachsene Menschen tausende Lampen in die Fenster und stellen elektrische Rentiere in den Garten. RENTIERE! Hier. In Deutschland. Und Nikoläuse, die mit ihrem Kopp wackeln. "Wieso machen Sie das?" fragte ich meine Papier-Frau, von der ich immer mein Papier kaufe. "Ja, das müssen wir jedes Jahr so machen, sonst kommen die Leute doch nicht". Kommen nicht. Die Leute. Wieso würden die Leute nicht mehr ihr Papier bei der Papier-Frau kaufen, wenn der Nikolaus nicht 360 mal die Stunde mit dem Kopp nickt und dabei etwa soviel Energie verbraucht wie  ein A+++ Kühlschrank?! Wo würden sie ihr Papier denn sonst kaufen? Beim Landarzt Lappe im übernächsten Gehöft? (Der heisst wirklich so!). Und das sind Menschen, die ernst genommen wollen. Mit allem was dazu gehört.


 

Aktuelle Meldung: OHZ (9772 km), den 27. November 2008

Unser Termin in Berlin löste sich Luft auf...

Zur Lage in Bombay

Leser haben mich heute angeschrieben und um meine Einschätzung zur Lage in Bombay gefragt. Zuerst zur geografischen Lage: Der Terroranschlag findet im südlichsten Süden von Südbombay statt - nicht in Bombay (das 50 Kilometer breit und lang ist) und auch nicht in Indien - in dem zum Beispiel auch die Stadt Calcutta liegt - die von Bombay so weit entfernt ist, wie von uns der Iran. Die meisten Inder sitzen  wie wir an ihren Fernsehern und sind vom Geschehen nicht nur räumlich sondern auch gefühlt sehr, sehr weit entfernt. Früher hätte ich auf dem Fernseher gesessen und CNN um noch nähere und bessere Berichterstattung angebettelt. Heute weiss ich, wie Blut riecht und wie verstümmelt die Menschen aus diesem Horror hervorgehen werden. Und ich weiss, wie unfähig unsere Gesellschaft ist, sich der Verletzten dauerhaft anzunehmen. Klar würden wir sofort alles tun. Für die Opfer. Aber in zehn Jahren auch noch? Von wegen... Daher trauere ich bereits jetzt um die, die zu uns stossen werden - als Opfer des Terrors und als Quote des Fernsehens. Wir wollen den wohligen Schauer, aber nicht den kalten Regen. Wir wollen ein bisschen Angst vom Monster hinter Gittern. Wir möchten gerne den Tiger füttern. Aber nicht mit unserem rechten Arm.

Ich kenne die Orte der Attentate gut. Café Leopolds ist nicht einer meiner üblichen Hangouts. Aber direkt daneben ist ein Café das WLAN hat. Und dort war ich schon sehr oft. Das letzte Mal war ich im Leo, weil Jackson (diejenigen, von Euch, die mich damals in Indien begleitet haben wissen, dass Jackson und ich gemeinsam durch die indische Wüste getrabt sind) ein Bier trinken wollte. Und das taten wir im Leo. Wie alle anderen Touris auch. Offene Fenster. Offene Türen. Weder gibt es am Leo Wachen, noch im Taj noch am Oberoi. Ins Taj musste ich immer, wenn ich Theater mit der Singapore Airlines hatte - die haben da ihr Büro. Im ersten Stock, in das man nur kommt wenn man vorher die ganze Lobby durchquert hat und dann hinten im zweiten Gang nach rechts die Treppen nimmt. Bissel schwierig zu finden. Auch für Terroristen. Oder ich bin ins Taj, wenn mir Indien zu indisch wurde und ich einfach mal meine Ruhe haben wollte. Die Hotels sind bzw. waren völlig ungesichert. Ich konnte vorne rein und hinten raus. Oder auch anders rum. Das wird nun sicherlich anders werden. Vermutlich. Aber bei Indien weiss man nie... Indien hat so viel erlebt. Und "Mother India" ist sehr alt... Und auch der heutige Terror ist nur eine schäbige Zecke im dichten Fell der Unendlichkeit.

 

21.11.: Heute gucke ich, wie immer, zuerst auf das Wetter. Einfach bei Google das Wort Wetter und dann die Postleitzahl eingeben. Und siehe da: 2 °C - Aktuell: Regen - Wind: 172 km/h...

WATT? 172km/h!!!!! Ja Herrgottmargot. Das sind ja Geschwindigkeiten. Heute morgen. Und jetzt ist es tatsächlich soweit: ES SCHNAIT! ES SCHNAIT! (Es hat schon so lange nicht mehr geschnait, dass ich gar nicht mehr weiss, wie man das schreibt). :-)

Vorgestern waren wir in Berlin. Eigentlich hatten wir Termine in zwei Ministerien. Aber dann krachte es infernalisch und direkt vor unserem Auto wurden Menschen aus Trümmern herausgeschnitten. Vom Beifahrersitz knipste ich als Beweismittel das nebenstehende Bild.  Jawohl, für alle in Hannover lungentransplantierten Leser: Ihr habt richtig geraten. Das ist der Hubschrauber der MHH. An dieser Stelle fragt mich nun ein Gästebuchschreiber, was ich mit diesem Artikel sagen möchte. Noch nichts. Ich bin ja noch dabei, zu schreiben :-) Meine Werke unterliegen permanenter Weiterentwicklung. Und just wo ich den heutigen Artikel beenden wollte klingelte es energisch an der Türe. Mein Fahrrad war eingetroffen. Und da musste ich erst einmal ein Empfang nehmen und auspacken und Altpapier verräumen und Kaffee machen und erstaunt gucken. Dass letzte mal, dass ich mir ein Fahrrad gekauft habe war vor... ach, egal. Auf jeden Fall erkenne ich die Bauteile nicht wieder und ich habe Angst was kaputt zu machen. Es sieht alles so filigran aus. Mittlerweile. Früher, da gab es einen Fahrrad-Schlüssel zum Schrauben anziehen. Jetzt soll man mit einem ganz bestimmten Drehmoment jede einzelne Schraube anziehen. Das war mir schon zu viel. Und ich habe mal erst die Wohnung gesaugt. Das geht auch ohne Drehmoment ganz gut.

Wo waren wir stehen geblieben? Genau. Rettungshubschrauber. Wir haben also den ersten Termin gecancelt. Und während um uns herum die Autofahrer fluchten und schimpften, schauten wir eher ratlos. Da vorne, zwanzig Meter entfernt, schneiden die gerade einen Mitmenschen aus den Trümmern und links und rechts regen sich die Leute auf, weil sie auf ihrer Butterfahrt in ihrem Lala-Leben behindert werden. "Durch den Tod behindert worden" - so dass Motto ihrer Fahrt.

 

Aktuelle Meldung: OHZ (9772 km), den 14. November 2008

Ich. Vor fünf Minuten. In Ludwigsburg. Im McCafé.

Als Vorsitzender der Deutschen Stiftung Kapitalverbrechen, einer Position, in der ich auch mal Anzug und Krawatte trage, lerne ich immer mehr Menschen kennen. Minister. Opfer. Betroffene. RAF. World Trade Center. Djerba. Deutschland. Alles verschiedenste Menschen. Mit verschiedenen Geschichten und verschiedenen Hintergründen. Die meisten von uns eint eines: NIE MEHR! Nie mehr Gewalt zu sehen oder Gewalt aushalten zu müssen oder andere beim Gewalt aushalten zu müssen zusehen. Nie mehr die Gedanken denken zu müssen "was wäre heute, wenn das damals nicht geschehen wäre?". Nie mehr Tränen weinen, die unsere einen Wangen zwar wärmen aber dann in die kalte Leere fallen. Eine Leere, die keine Entschuldigung zulässt - es sei denn, man fordert sie.

Noch bin ich nicht motorisiert - aber seit heute befahrraded. Die Frage, die sich mir immer wieder stellt ist die: Warum Auto? Wenn ich wirklich eines brauche, dann kann ich mir das mieten, sogar wochenweise. Wenn ich einen Termin auswärts habe, dann nehme ich den Zuch. Und wenn es im Radius von 20 Kilometer liegt, dann kann ich da auch genüsslich hinradeln - auch wenn es nass ist. Und da hier oben im Norden immer ein starker Wind geht, kann ich mich wenigstens eine Strecke lang ordentlich schieben lassen. Die Wahl eines Esels habe ich mir nicht leicht gemacht. Erstens ist mein Budget stark eingeschränkt und trotzdem soll das Rad die nächsten zehn oder längere Jahre weder klappern noch zusammenklappern. Also habe ich alles, was ich habe zusammengelegt und mir ein Raleigh Trekkingrad geholt, das den Namen eines echten Abenteurers und Seefahrers trägt: Magellan. Wie passend zu mir. Wichtig war mir auch, dass ich nicht so ein ganzes Rädelpaket am Hinterrad habe und mir nach Laune des Chefs die Kette abspringt. Für solche Fälle gibt es auch Nabenschaltung. Und sowas wurde es dann auch. Die vierzehn Gänge sind alle in der Nabe versteckt und aussen gibt es nur ein Zahnrad. Das ist sinnvoll, weil hier die meiste Zeit Sauwetter herrscht. Und den Rest der Zeit nieselt es meist.

Nebenbei habe ich es geschafft endlich herauszubekommen, wie sich mein Anrufbeantworter abhören lässt. Ja Wahnsinn. Das Ding ist VOLLLLL!!!! Ich hätte es besser nicht herausgefunden. :-)

 

 

11.11.: Hmmm. Da wollte ich eigentlich weiterschreiben. Und dann rief eine der grossen Zeitungen in Deutschland an und schmiss meinen Tagesplan um. Zeitung: Wir brauchen ein Interview bitte. Ich: Aha. Wozu? Warum? Zeitung: Wir haben da eine Geschichte, zu der wir Sie hören wollen.  Ich: Aha. Was für eine Geschichte? Zeitung: Der Justizminister möchte mit Millionenaufwand die Zellen der Langzeitstrafgefangenen vergrössern und den Strafvollzug modernisieren. Ich: WATT? ... Und dann auch noch die Zellen der Langzeitstrafgefangenen. Auch das noch. Das sind Menschen, die sitzen acht, zehn und mehr Jahre im Gefängnis. Warum? Weil sie unaussprechlichen Horror in die Welt gesetzt haben. Weil sie kleinen Kindern den Körper aufgerissen und sie danach erwürgt und weggeworfen haben. Weil sie um sich geschossen und gestochen haben. Wir haben in Europa, vermutlich auf der ganzen Welt, die besten Täterrechte und das beste Strafvollzugsgesetz. Und trotzdem soll hier mit viel Geld das Gefangenendasein noch schner und freundlicher gestaltet weden - mit dem Geld, dass die Gesellschaft bezahlen soll, die unter diesen Tätern gelitten hat. Das macht mich nicht zornig, sondern unheimlich traurig. Unsere Wunden werden dadurch weit aufgerissen, unsere Toten einmal mehr geschändet.

Mittlerweile ist es Nachmittags und das Blatt hat sich schon wieder gewendet. Das, was vorher noch galt ändert sich - und wenn sich Dinge ändern, dann muss man sie sich noch einmal anschauen. Gestern war von einem Bericht die Rede, in dem ich etwas sage. Heute ist von einem Bericht die Rede, in dem die Mutter eine überfahrenen Mädchens was sagt und ein "anderes Opfer" auch. Und ich. Wenn ich denn was sagen würde. Mache ich aber nicht. Weiss ich, was die anderen beiten sagen? Ich begebe mich doch nicht mit Fremden in einen Artikel, und das bei so einem Thema. Und schon gar nicht, wenn die Zeitung die BILD ist. Da stehe ich nachher abgebildet und der Text wird von den beiden anderen gesungen. Die beleidigen und beschimpfen den Minister und ich stehe daneben. Neeee. So nich. Ich sage zwar gerne was. Aber wer im Chor singen möchte, der muss das Lied kennen.

Wenn wir mal ganz klar nachdenken, dann ist das, was gefordert wird vielleicht gar nicht so, wie es auf den ersten Blick scheint. Vielleicht ist eine Gesellschaft, die sich um ihre Schwächsten besser kümmert auch besser als die, die ihre Gefangenen umbringt? Und was mit den Häftlingen, die in engen Zellen von anderen Mitgefangenen schwer verletzt oder ermordet werden? Sind deren Verletzungen oder deren Ermordung gerechter als wenn sie uns geschehen? Ich denke, jede Diskussion hat wirklich alle Seiten. Selbst ich bin hier sehr gespalten. Aber jetzt, am Tagesende, finde ich die Entscheidung erheblich nachvollziehbarer als noch heute Morgen. Der Grund?

>>>>> Dieser Zeitungsartikel (klicken)

Und wer nach dieser Lektüre in sich geht, der kann nicht mehr mit der BILD gegen eine Verbesserung der Zustände im Strafvollzug wettern, sondern der muss abwägen.

Schreibt mir, was Ihr denkt. Das würde mich brennend interessieren!!!

 


10.11.:
Ich war heute den ganzen Tag (mehr oder weniger) bei Gericht. Es gibt "Menschen" da sitzt man atemlos davor und glaubt, dass das, was einem da geboten wird aus Brehm's Tierleben stammt. Da ist auf der einen Seite ein Mensch, der einem anderen ein Tauchermesser in den Bauch sticht - und zwar richtig fies tief! Und der sieht aus (ich schreibe keinen Mist) wie Adolf persönlich. Gleiche Nase, gleiche Züge. Alles gleich. Sowas habe ich noch nie gesehen. Und auf der anderen Seite mein Freund und Blutsbruder Cino. Es war erschreckend zu sehen, wie nonchalant der Richter und die Schöffen und der Rest der Bande darüber diskutierten ob das Messer nun 3, 5 oder 10 Zentimeter in den Bauch von Cino eingedrungen war. "Naja, das Gewebe wird durch den Messerstich zusammengeschoben. Der Stichkanal kann durchaus im entspannten Zustand deutlich länger sein als die Messerklinge". WATT? Ich glaube ich hatte mich verhört. Cino überstand diesen juristischen Gewaltakt. Anders kann ich das nicht ausdrücken. Richtig tief. Und ohne Rücksicht auf persönliche Befindlichkeiten. Roh. Gewaltig. Einseitig. Von hinten. Es handelte sich hier durchaus um eine Vergewaltigung der besonderen Art. Klar, nach Srafprozessordnung alles in Ordnung. Aber ethisch unter aller Kanone.

 


Aktuelle Meldung: OHZ (9772 km), den 31. Oktober 2008

321 und alles meinsWährend ich schreibe, kracht John Lee Hooker aus den Boxen. Meine Musik. Besser geht nicht.  Ausser Clapton. Natürlich. :-) Morgen früh gibt es ein neues Bild und in ein paar Wochen darf man mich zurück auf der Marschstrecke erwarten. Da meine Reha Ewigkeiten dauert werde ich mich auf die Socken machen und ein paar hundert Kilometer ansammeln. Bilder schiessen. Das, was zu meinem Job als Langstreckenmarschierer gehört.

30.10.: Zuerst eine Mitteilung an eine liebe Person in Hildesheim, mit der ich heute am frühen Abend zwei Stunden und sechs Minuten lang telefonierte - bis der Hunger minderjähriger Dritter unserem Dialog ein Ende setzte :-) Danke für das nette Gespräch. Es hat gut getan zu sehen, dass wir am Ende doch alle nur Menschen sind - Antragsteller wie bescheidende Stelle. Und sonst? Heute ist der 30. Oktober. Schon! Ich habe gestern (oder vorgestern?) die ersteigerte Angelausrüstung zugestellt bekommen. Und geöffnet. Erster Eindruck: Das Zeug stinkt wie eine nasse Ratte! Und wie! Dann begann ich das, was ich da gekauft hatte, zu sortieren. Und ich begann Merkwürdiges zu finden. Eine der Rollen ist eine pechschwarze DAM Quick 248. Hmmm. So. Aha. Also schaute ich mal nach, wann die gebaut wurde. Die Quick 248 (festhalten!) wurde 1963 das erste mal gebaut und lief bis 1971. JFK wurde 1963 erschossen. So lange sind die auf dem Markt. Und so lange auch schon nicht mehr! Dann kam ein Knicklicht-Paket zutage. Fertigungsdatum 1969. Und nun wusste ich auch, warum das Zeug roch: Ich habe eine Angelausrüstung, die zum Teil mehr als vierzig Jahre alt ist, gekauft. Alle Preisschilder sind in DM ausgewiesen. Und auf den Kulis stehen vierstellige Postleitzahlen... Glücklicherweise waren keine Fische aus dem Jahr 1969 in dem Angelkoffer. Aber Köder! Und Schnurfett. Und das Zeug riecht natürlich wie eine Gammelfleischfabrik. Was ich mit der Quick 248 mache? Weiterbenutzen. Was damals tipptopp war, kann heute nicht plötzlich schlecht geworden sein (schliesslich steht auf dem Ding kein Verfallsdatum).


29.10.: Habe mich heute Abend mit dem Papa eines Kindes unterhalten, das bei einem Terroranschlag der Al-Qaida unglaublich schwer verletzt wurde und trotzdem lebt (es stirbt sich nicht einfach). Ganz normale Menschen. Ganz normales Leben. Und dann BAMMMMMM. Das Leben wird in Stücke gerissen. Was soll ich sagen. Kommt mir bekannt vor. Und die Ohnmacht unseres Staates, zu helfen, ist die selbe. Irgendwie sträuben sich unsere Oberen da zu sein, wenn gemordet wird. Die Schlacht am kalten Büffett ist angenehmer als das Grauen, dass man in den leeren Augen eines der Menschenwürde beraubten Kindes sieht, das vor lauter Angst plötzlich wieder ins Bett pinkelt. Und habe ich es erwähnt? Nächstes Jahr ist Wahljahr...

 

28.10.: Wieviel braucht der Mensch und von was genau?  Interessante Frage, gell? Und da mich eine solche Sache wirklich interessiert, werde ich dieser in meinem nächsten Kurzprojekt ein wenig auf den Grund gehen. In Indien und auch in unserem Sprachraum gab es die Tradition des langen Fastens und des meditativen Gehens dabei. Das möchte ich in meinem nächsten Projekt versuchen: Wie ist es eigentlich einige hundert Kilometer mit H2O zu gehen. Wie verändert sich der Körper? Der Geist? OK. Man wird wohl dünner werden, keine Frage. Wobei ich die Körpermasse des einundzwanzigsten Jahrhunderts sowieso weitestgehend für zu Fett empfinde. Der Mensch würde in seiner Konstitution nicht in der Lage sein, sein Futter selber zu suchen (da würden die Füße schon arg drücken). Deshalb hat sich der Mensch den Aldi an jedes Eck gestellt. Mit Parkplatz. Zwei Strecken habe ich mir ausgeguckt; die eine ist rund 600 Kilometer lang, die andere um die 1000. Beide sind im Grunde machbar. Die Frage ist nur, ob ich zuerst die kleine mache und dann die grosse oder ob ich gleich sag "Ach. Wurst. Wenn ich acht Tage länger Faste macht das den Kohl und mich auch nicht fett".

 

27.10.: Um meinen Bericht von gestern zu vervollständigen habe ich die restlichen zwanzig Prozent, die nach dem Schweinskrams übrigbleiben (O-Ton mein Vater), dafür genutzt, eine Angelausrüstung zu ersteigern. Es gab Zeiten, da sass ich, wenn ich nicht wanderte, am Wasser zog ab und an mal einen Fisch aus demselben und atmete in der Stille durch. Das wäre eine Maßnahme, dachte ich mir und guckte auf E-Bay. Hintergrund ist aber nicht Hobby oder Lust, sondern die vorgestern angesprochenen Ressourcen. Da ich noch lange auf meine Behandlung warten muss, ist es jetzt an der Zeit besonders viele Dinge in mein Leben einzubauen, die Ruhe und Entspannung bringen. Frische Luft. Wandern. Fischen. Natur. Damit kann man nicht nur nach einem Verbrechen solala überleben, sondern auch im normalen Leben gut leben.

Nachdem ich den Fischereischein schon Jahrzehnte besitze ist der Weg ans Wasser ein Schneller.  Und da ich keine Lust hatte, jeden Haken einzeln und teuer-neu zu kaufen (hier ham se noch ne Angel und da noch ne Rolle...), da meinte ich, dass es ganz sinnvoll wäre, eine komplette Ausrüstung zu kaufen - aus einem Nachlass vielleicht. Und auf E-Bay wurde ich dann fündig. Eine komplette Rundumausrüstung. Was das ganze Geraffel gekostet hat willst Du wissen? Das sind immerhin acht Ruten, sieben Rollen, zwei randvolle Angelkästen und so weiter und so weiter... Manchmal kann man auf E-Bay auch mal n Schäppchen machen. Und so bekam ich den Zuschlag für ganze 207 Euro. ;-)


Aktuelle Meldung: OHZ (9772 km), den 26. Oktober 2008

Und nu gehts im Kreis...Da habe ich mir gestern eine Kerze für meinen Schreibtisch geleistet. Erstens weil Kerzenlicht so beruhigend wirken soll. Zweitens weil das Ding orange ist und Orange eine Farbe ist, die mir gefällt. Und drittens: Weil es nach Orange riechen möchte sobald man es in Brand setzt. Also setzte ich. Und wartete. Aber es roch nach nichts. Also beschloss ich daran zu riechen. Ganz nah ging ich. Und plötzlich, schwups, hatte ich mir die Nasenhaare abgefackelt. Jetzt riechts! Und wie. (Aber nicht nach Orange). Dann unterhielt ich mich mit meinem Vater. "Internet?" sagte er "Internet haben die Leute doch nur um Pornos zu sörfen". Aha. "Achtzig Prozent nutzen das nur um son Schweinskram runterzuladen". "Ja Papa. Das ist doch der Grund, warum wir alle Internet haben". (Argghhh, Eltern...). "Deswegen brauchen wir das auch nicht mehr". Klar. "Und ich brauche einen neuen Drucker". Aha. "Kannst Du mir da helfen?" Klar. Da gehen wir zu Saturn. "Der muss aber mit 95er Windows laufen". Boh, dachte, ich. Da gehen wir besser nicht nach Saturn. Da bleiben wir schön auf der Erde, gehen auf ne Kippe und graben nach einem 24-Nadel-Drucker. Ach es ist immer so schön mit meinen Eltern zu sprechen. Da fühle ich mich sofort wieder zehn Jahre verjüngert. :-)

 

24.10.: Tja, und dann ging alles wieder ganz schnell. Und alles in die falsche Richtung. Die Klinik meldete sich. Sie hätten noch mal alles im Team abgesprochen und können mir einen Aufnahmetermin im März 2009 (2009, nicht 2010) zusichern. Meinten sie. März. 2009. Ich will gar nicht rechnen, wie viele dunkle Nächte das weg ist. Ich denke, ich werde das tun, was ich immer tue - und gute Miene zum merkwürdigen Spiel machen. Aber wohl ist mir bei all dem nicht. Anders als andere habe ich noch immer Ressourcen und Ideen um den amtlich angeordneten Wahnsinn ein wenig meinen persönlichen Bedürfnissen anzupassen. Was aber machen diejenigen, die diese Ressourcen nicht oder nicht mehr haben?

Die Frage muss erlaubt sein, warum die Täter in unserem Land einen warmen Hintern haben - und Unsummen an Resozialisierungsmassnahmen ausgegeben werden - und wir, denen das Leben in Stücke gerissen wurde, unterversorgt bleiben? Ist das die soziale Gesellschaft, die wir wollen? Oder ist die Gefangenenhilfe nur ein weiteres Feigenblatt. Ein Feigenblatt wie diese merkwürdigen "Mahnwachen" wenn wieder ein ausländisches Opfer zu beklagen ist. Ist das Opfer aber ein deutscher Staatsbürger, dann tritt kein Politiker vor die Kameras und verbeugt sich vor Opfer und Familie...

Wir haben in Deutschland nicht nur eine Zweiklassenmedizin. Wir haben auch Zweiklassenopfer. Sei's drum. Es ist meine Meinung, dass in die Resozialisierung der Verbrecher nicht eher investiert werden darf, solange die von ihnen geschädigten Opfer nicht abgesichert sind.

Und, ups, nächstes Jahr ist Wahljahr...

 

23.10.: Meine Anmeldedaten sind gottseidank endlich gesperrt. Das ging sehr schnell. Ich habe dem letzten Brief ein paar Tatortfotos beigelegt. Das war nicht nett, weil diese Bilder sehr blutig sind. Aber effektiv. Merke: Nicht nur Öl schmiert. die Räder, sondern Blut auch. :-) Aber kein Tag ohne neue Probleme. Das Donnerstag-Problem? Die einzige verfügbare Klinik kann mich erst im Januar aufnehmen. Das ist ein ungeheuer langer, brachialer Zeitraum. Vor allem dann, wenn man nicht richtig schlafen kann.

 


Aktuelle Meldung: OHZ (9772 km), den 21. Oktober 2008

Bei mir vorm Blkon gibts nicht mehr viel. Nur freies Land. Und Nebel. :-)Ein kleiner Bert-Simon-Spruch zum Mittwoch: "Wer "Nach mir die Sintflut" lebt, der sollte gut schwimmen können". :-) Ich bin seit drei Uhr und drei Minuten auf den Beinen. Habe gerade wieder mal den Boden gewischt, fünf Mal die Hantel hochgehoben und hoffe, dass die Sonne bald aufgeht. Die Nacht ist schrecklich. Eigentlich ist es unfair: Die Hälfte der ganzen Menschheit geniesst gerade die Sonne. Und wir? Wir sitzen im Dunkeln. Wie gemein!

22.10.: Ob meine Daten nun geschützt sind? Ja iwo. Das hat doch alles viel Zeit. Es ist schließlich nicht das Blut des Gemeindeangestellten. "Ich habe nach den mir vorgegebenen Gesetzen gehandelt" wird er dann sagen. Die Beamten unseres Landes ziehen sich immer auf ihre Gesetze, anstatt auf ihre moralischen Werte zurück. Eine seltsam kalte Brut, die wir da mit unseren Steuern in Lohn, Brot und Pension halten.

Geholt habe ich mir eine Hantelbank. Derzeit nicht in der Lage mich ausserhalb meiner Wohnung aufhalten zu können, möchte ich trotzdem nicht ganz unfit werden. Dachte ich. Und dann habe ich soeben die Hanteln das erste mal hochgehoben. Boooh. Ich glaube ich habe für diese Woche genug gewuchtet. Die Erdanziehung muss sich in den letzten Minuten erheblich verstärkt haben, denn ich habe die Gewichte kaum gestemmt bekommen. Auf der Langhantel hängen nur zwei kleine Scheibchen à 10 Kilogramm. Und ich krieg die Dinger kaum hoch?! Ja Herrgott Margot. Wieso gibbet die nicht aus Styropor. Oder wenigstens Gummi? :-)

Wo wir gerade bei schweren Gewichten sind... Ich habe gerade noch mit der Mama eines Mädchens telefoniert, das vor mehr als zehn Jahren erstochen, erschlagen und dann aufgehängt wurde. Wir leben in einer Welt, die nüchtern oft nur sehr schwer zu ertragen scheint. Oder sehend. Am besten wäre es, wir würden blind und taub geboren werden. Ich glaube dass wir das Fehlen dieser Organe vermutlich kaum merken würden, denn viele Menschen leben ihr Leben ganz ohne Herz und das recht gut... Was ich mit solchen Menschen rede? Och. Anwälte. Gericht. Opferentschädigungsgesetz. Das Übliche. Nur eins tun wir nicht - uns bedauern. Warum auch? Damit bewegt sich nichts. Bedauern ist wie Schmierseife: Es kostet nichts, riecht gut, schmeckt nicht und man rutscht ständig drauf aus und kommt keinen Meter mehr vorwärts.

 

19.10. Wie schon wieder eine Woche vorbei? Ich habe doch gar nichts gemacht - ausser ein wenig aus dem Fenster geschaut, kurz mal nach Bielefeld gefahren und dann noch schnell eine Hantelbank aus Hamburg geholt. Da ich nach wie vor über drei Stunden Schlaf die Nacht nicht herauskomme ist das so ziemlich das Maximum meiner derzeitigen Belastbarkeit. Die Fahrt nach Hamburg hat mich für zwei Tage "geschrottet". Bielefeld, wo es eine Klinik gibt die sich auf Terroropfer versteht, ist zwar ein Lichtblick am merkwürdigen Horizont, aber noch ein recht weit entfernter: bis zu 12 Monate Wartezeit wurden mir sofort signalisiert. Hmmm. 12 Monate. Vielleicht mal bei Dignitas anrufen, ob es da schneller geht, dachte ich. Verwarf den Gedanken sofort. Zumindest nicht aktuell. Noch bin ich zu etwas nutze. Nämlich, um aufzuzeigen wo der Schuh drückt. Dazu hat mittlerweile ein kleines aber beständig anwachsendes Grüppchen Überlebender von Kapitalverbrechen die Deutsche Stiftung Kapitalverbrechen aus der Taufe gehoben. Wir wissen, dass wir die Möglichkeit haben, die politische Landschaft nachhaltig zu verändern. Wir haben zwar nicht viel Energie, aber das was wir haben können wir einsetzen: Unsere Erfahrungen mit Gewalt, Trauer und Tod.

Beispiel? Da schreibe ich an meine neue Stadt, dass meine Adresse geschützt werden soll, weil meine Beinahemörderin in ein paar Monaten wieder an unserer Gesellschaft teilhat. Unter Nennung von Tat, Aktenzeichen bei der Staatsanwaltschaft und Gericht. Und die Antwort? Die Antwort ist nicht "OK, unter den Umständen schützen wir Ihre Daten und tun unseren Beitrag dazu, dass Ihnen nicht noch einmal ein Schaden entsteht". Nein. Im Gegenteil! Aber lest selbst. Da schreibt also der Beamte:

"In Ihrer Mail sprechen Sie davon, dass Sie von mir eine „irritierende Antwort“ bekommen haben, weil ich Ihnen mitgeteilt habe, dass an eine entsprechende Auskunftssperre nach § 35 des Niedersächsischen Meldegesetzes (NMG) in Verbindung mit § 21 Melderechtsrahmengesetz (MRRG) recht strenge Maßstäbe angelegt werden und dass ich für die Beantragung einer solchen Auskunftssperre entsprechende Nachweise vorgelegt bekommen möchte. Inwieweit diese Aussage für Sie irritierend ist vermag ich nicht zu beurteilen.

Ich möchte Ihnen jedoch in diesem Zusammenhang einen Auszug aus dem entsprechenden Gesetzestext mitteilen, die meine Aussage diesbezüglich begründet. So sagen beispielsweise die Erläuterungen zu § 21 MRRG, dass die Meldebehörde in Zweifelsfällen darauf bestehen sollte, die vom Antragsteller gemachten Angaben durch Zeugen oder geeignete Nachweise wie Polizeiprotokolle oder ärztliche Atteste erhärten zu lassen".

Kommt man sich da verarscht vor? Och iwo. Das ist jeden Tag und bei jedem Amt genau das gleiche. Jedes mal. Immer. Ich werde mich also vor einem Angestellten des Einwohnermeldeamtes bis auf die Unterhosen ausziehen, mich begutachten lassen und dann darf ich darum betteln, dass meine Rechte geschützt werden.

 

14.10.: Moin. Wir haben endlich Internet in unserer Bude. Was lange währt wird somit also endlich gut. Und weil das so ist, werde ich in den nächsten Tagen so ein wenig reflektieren was sich in meinem Leben so getan hat. Ich lebe nun in einer WG zusammen mit einer liebenswerten Person die das Leben ähnlich hart rangenommen hat wie mich. Was die Dinge aber nicht unbedingt unkomplizierter gestaltet. Wer uns besuchen möchte, der kann das tun - denn wir haben genug Platz und genug zu essen: knapp 110 Quadratmeter sind schon ganz ordentlich um sich gut zu verteilen. ;-)

 


Aktuelle Meldung: OHZ (9772 km), den 4. Oktober 2008

Ich. Vor fünf Minuten. In Ludwigsburg. Im McCafé.

Guten Tag. Nach langer, langer Zeit wieder eine Meldung aus dem Norden. Wir sind umgezogen, eingezogen, haben gemalert, gebohrt und geklebt. Es sieht so aus, als ob wir demnächst in einer fertig renovierten Behausung leben können. Vielleicht. Ich habe mittlerweile einen echten Wasch- und Putzfimmel entwickelt. Auf der einen Seite macht das die Wohnung wunderschön spiegelblank. Auf der anderen Seite lösen sich meine Hände langsam auf. Dafür habe ich immer schön saubere Fingernägel :-) Es stehen noch ein paar Baustellen an, die ich abarbeiten sollte - vor allem meine vehementen Schlafprobleme. Derzeit schlafe ich meist weniger als drei Stunden. Nun aber das Problem: Es gibt kaum Behandlungsplätze  für Überlebende von Kapitalverbrechen in Deutschland. Ein Krankenhaus, die altehrwürdige Ameos-Klinik in Bremen, die sich an groß die Behandlung von Akuttraumatisierten auf die Fahnen schreibt ("Akuttraumatisierte" sind Menschen wie Du und ich, die einen Terroranschlag, ein Unglück oder einen Mordanschlag überlebt haben) schreibt mir "...Sie müssen mit einer achtmonatigen Wartezeit rechnen".

Acht Monate?! Acht Monate nicht richtig schlafen? In der Zeit kann ich ja ein Kind austragen! (Theoretisch). Auf was für einem Planeten leben solche Menschen eigentlich? Unsere Täter in ihren Gefängnissen sind derweil hervorragend versorgt: Sitzt ein Furz quer, kommt der Anstaltarzt binnen kurzer Zeit und untersucht. Kommt er nicht, wird der Staat vom Häftling und seinen Anwälten (die, ups, auch vom Staat bezahlt werden) verklagt. Muss ich eigentlich erst zum Straftäter werden, damit mir eine ähnlich quallitative medizinische Versorgung gewährt wird?! Diese Frage stellen sich Überlebende von Kapitalverbrechen tatsächlich, denn die (medizinische) Versorgung der Opfer ist in Deutschland ein echter, ein übler Scherz. Wenn wir ein Verbrechen begehen, dann stehen uns sofort die gleichen guten Versorgungsmöglichkeiten wie unseren Tätern zu. In den Fingern juckt es mir da schon mal. Nur um der Demonstration willen...


12.9. Moin zusammen. Ich weiss. Ich weiss. Ich hätte mich melden sollen. Und, ja, hin und wieder auch können. Aber mit wenig Energie - und noch weniger Schlaf - bleibt mir derzeit einfach zu wenig Luft. Heute habe ich mich erstmals wieder bei einem Arzt vorgestellt - nach langer Zeit. Grund? Och. Ich war einfach mal anderthalb Jahre nicht krankenversichert. Vorsichtig leben war angesagt. Jeder Schnupfen hätte sich zu einer Katastrophe ausweiten können. Aber das Drama hätte sich in Grenzen gehalten, denn am Boden liege ich schon. Noch. Mehr runter geht nicht. Aufgrund meiner mangelnden Energie habe ich mich dazu entschlossen, mein Engagement für den Weissen Ring erst einmal zu beenden. Wenn ich überleben möchte, dann muss ich jetzt mich an die erste Stelle setzen und den unheilvollen Aktionismus bremsen. Wobei zu bemerken ist, dass dieses harte Arbeiten allen Überlebenden von Kapitalverbrechen eigen ist: Wir gestehen uns den Volltreffer nicht ein. Uns hat es zwar das Herz herausgerissen aber wir geben vor es nicht bemerkt haben zu wollen.

Morgen drehen wir noch ein wenig. Mit einem Politmagazin der ARD. Es geht um das leidige Thema Opferentschädigungsgesetz. Wir haben eine ganze Anzahl Überlebender von Kapitalverbrechen gefunden. Unsere Fälle sind unterschiedlich. Das Grauen ist das gleiche. Und die Verfahren bis zur endgültigen Lösung und Unterstützung sind Horror-Lang. Mein Antrag befindet sich nun im dritten Jahr. Und noch ist kein Ende des amtlich verursachten Leides in Sicht.

Die Sache ist diese: Täter bringen Dich im Rahmen eines Gewaltverbrechens "in ihre Gewalt". Wir sind von den Launen unserer Täter abhängig. Jetzt, nachdem die Tat zuende ist, kommen wieder Menschen. Und die üben erneut Gewalt über Dich aus. In Form von Anträgen und Sachbearbeitung. Erneut bin ich vom Wohlwollen eines Menschen abhängig. Das ist eine nahezu unerträgliche Kette an Erniedrigung und Würdelosigkeit. Schaun mer also mal, wie lange ich gewillt bin, diese Last zu schultern - während meine Täterin warm und satt und medizinisch versorgt untergebracht ist, kämpfe ich um jeden Krümel mit Gegnern die sich hinter Bergen von Papieren und Regeln und Paragraphen verbergen. Und nur aus Zufall habe ich jetzt wieder eine Krankenversicherung. Die steht mir als Überlebender eines Kapitalverbrechens nämlich grundsätzlich beitragsfrei zu. Nur darauf aufmerksam gemacht hat mich keiner. Und morgen, da gehe ich wieder zum Arzt um meine zum Überleben notwendige Behandlung fortsetzen zu können - nach fast anderthalb Jahren.

 

12.9. Guten Morgen allerseits. Heute zum ersten Mal also auf einem Apple untewegs. Komisch ist das - nicht nur, weil das Sichtfenster mit 15 Inch erschreckend gross ist, sondern weil das Ding auch noch zehnmal schneller ist als mein kleiner Krümmel-PC. Schaun mer also mal. Es wird vermutlich Jahre dauern bis ich den Apple richtig verstehen werde. Tatsache ist: Das Ding fährt schon mal. Jetzt muss ich nur gucken, wie das mit der Gangschaltung und dem Bremsen und so funktioniert. Und weitere Neuigkeiten gibt es: Wir haben eine Wohnung gefunden. Im Bremer Umland. Wo es schön ist. Leise. Ländlich. Lieb. Überall um uns herum ist Mais. Was unsere Vormieterin bitter beklagte: "Ach der ganze Mais... kann man den nicht weg machen?". NEIN! Man kann nicht! Der Mais ist gut. Das Feld ist riesig und wir sind direkt dran. An der Fläche. Die ich-weiss-nicht-wie-viel Quadratkilometer gross ist. Und wenn die Blätter fallen, dann schaut man übrigens direkt auf einen Berg. Wie der heisst, habe ich vergessen. Liefere ich Euch nach, in Ordnung. Aber er ist 76 Meter hoch. Nu hört auf zu Lachen! Das ist die höchste Erhebung weit und breit. Wenn der nicht da wäre, hätten wir gar keinen Berg. Wie schade wäre denn das?

 


Aktuelle Meldung: Bremen-Neustadt (9772 km), den 10. September 2008

Vergesst die toten Kinder nicht! Schreibt die BILD-Zeitung - und vergisst sie... (Aber das Internet vergisst nicht)

Ein Neuanfang… das ist so eine Sache. „Ich rauche nicht mehr“. „Ich saufe nicht mehr“. „Ich ändere mich“. So etwas sagen wir Menschen, seit sich unser Grunzen in eine mehr oder weniger fließende Sprache weiterentwickelt hat. Lange geleuchtet haben die Strohfeuer der Veränderung im Dunkel der Geschichte nie. Der Mensch ändert sich nur dann wirklich, wenn das eigene Überleben davon abhängt. In den meisten Fällen versucht der Mensch seine Umwelt an sich anzupassen – mit allen Tricks und Kniffen. Und weil das jeder macht – und jeder jedem des eigenen Vorteils willen alles sein kann, darum leben wir auf einem Maskenball. Das einzig wirklich echte Gesicht, in das schauen wir direkt nach unserer Geburt: Die Tränen auf den Gesichtern unserer Eltern, als wir ankamen, die sind echt. Aber nur Bruchteile später, da greifen die alten Verhaltensweisen wieder - und wir werden als neue Mitglieder in den Maskenball eingeführt.

Die heutigen Gefühle sind so falsch, dass wir nicht einmal mehr trauern oder glücklich sein können ohne uns zu bescheißen. Menschen weinen Rotz und Wasser. Aber nicht wenn man nebenan Abends dumpfe Schläge hört und das Kind am nächsten Morgen wieder „die Treppen runter gefallen“ ist, sondern dann, wenn ein gut bezahlter Schauspieler hydraulisch auf einem im Maßstab verkleinerten Schiffsmodell in einen gefüllten Wassertank abgelassen wird während eine eigens dazu angemietete, anurektisch-kanadische Sängerin „My heart will go on“ trällert. Im Grunde eine zynische, bösartige Sache – den Tod von mehr als eintausend Menschen ein bisserl zu inszenieren und zu vermarkten. Aber, ey, Trauern fühlt sich so gut an, gell? Ein exklusives Gefühl. Schmerz bitte. Aber ohne richtig weh zu tun. Und Glück? Glück gibt’s auf dem Saturn! Trunken vor guten Gefühlen schleppen die Leute das letzte Schnäppchen ab. Geiz ist geil!

Genauso gerne wie wir „traurig“ sind, sind wir „entsetzt“. Ich nenne das den „Michelle-Faktor“. Oder „Hannah-Faktor“. Oder „Felix und Levke-Faktor“. Je nach dem, welche Familie uns mit ihrem Leid gerade entsetzt. Aber wie sieht das nach Jahren aus? Wer bleibt bei der Familie, wenn die Zeitungen nicht mehr schreiben und der liebe JaKeBe (Jauch-Kerner-Beckmann) auf der Suche nach dem nächsten missbrauchten Kindlein ist um dessen Familie wie einen Fetzen Fleisch unter die sabbernde Meute der erschrocken-sein-wollenden werfen zu können? („Der Nächste bitte!“)

Übrigens: Anstatt gegen Geld die Gefühle der Masse zu bedienen könnte JaKeBe IM ALLEINGANG die seit Ewigkeiten überfällige Sexualstraftäterdatei einführen. Wer das Leben eines Kindes wegen seiner nur paar Minuten währenden sexuellen Befriedigung ruiniert und dafür verurteilt wird, dessen Name und dessen Daten MÜSSEN in eine Datei aufgenommen werden, auf die länderübergreifend Polizisten Zugriff nehmen können. Das ist wichtig, damit andere Kinder geschützt werden können. Heute aber ist das so geregelt, dass ein Täter einfach über eine Ländergrenze zieht und … vom Radar verschwindet! Manchmal tauchen solche Monster ganz zufällig wieder auf – und wohnen dann, ein Böser wer Arges dabei denkt, gegenüber von einem Kindergarten. Oder sie leiten die Pfadfindertruppe des Ortes. Schlimmstenfalls tauchen sie auch wieder auf – als Name eines Mörders bei JaKeBe, wenn er die nächste Familie präsentiert bei denen überraschend ein Zimmer frei geworden ist.

Ich auf jeden Fall habe entschieden doch nicht ganz in Bremen wohnen bleiben zu wollen. Bremen ist schön. Aber Niedersachsen ist mir lieber. Und draußen, im Umland, da leuchten nachts die Sterne ohne Konkurrenz. Und die Nächte sind ruhig und naturbelassen.

 

 

Aktuelle Meldung: Hannover (9772 km), den 7. September 2008

Kein Gewächshaus, sondern eine freundlich-grüne Bushaltestelle.

Moin. Heute verbringe ich meinen letzten Tag in Hannover - und einer der letzten Tage am PC, denn ich erwarte am Montag einen Apple. Macintosh heißt es von nun an. Windows, das muss ich einfach so zugeben, ist mit den Jahren immer schlechter, größer, klobiger und langsamer geworden. Mittlerweile bringen stärkere Prozessoren keinen echten Geschwindigkeitsvorteil mehr, weil die Programme kongruent mitwachsen. Ich habe schon viele, viele Menschen gehört, die ihren PC verflucht haben. Aber, im Gegenzug, habe ich noch nie einen Mac-User auf seinen Mac schimpfen gehört. Oder sagen, dass er lieber bei Windows geblieben wäre. Das hat mich nachdenklich gemacht. Sicher: Der Wechsel kostet Geld, denn Apple ist eine Monopol-Firma. Entweder Du kaufst deren Zeug zu deren Preis. Und, das nervt noch mehr, Du musst Dich umstellen - auf die Mutter allen Windows. Auf der anderen Seite scheint mir der Preis gerechtfertigt - für ein im höchsten Masse leistungsfähiges System. Was mich wirklich erstaunt hat war Folgendes: Ein Kaltstart von Leopard OS soll 27 Sekunden (!) dauern. Siebenundzwanzig! Ich weiss, wie lange Windows hochtuckert. Da kann man sich manchmal eine Tasse Kaffee holen, danach seine Fingernägel knipsen und noch ein paar Seiten Zeitung lesen...

 

6.9.: ... erklärte seinen Rückzug. Auf fachärztlichen Rat, und Freunden zuliebe, verbringe ich das letzte Wochenende in Hannover. Ich ziehe um. Es soll einfacher sein an einem Ort ein unbeschwerteres Leben aufzubauen an dem ich nicht mit Blut um mich gespritzt habe. Na denn. Schaun wir mal. Vorteil: Wenn meine Täterin sich nach Hannover orientiert, dann kann sie das, weil sie ja vorher ebenfalls dort gewohnt hat. Zieht es sie allerdings weiter in den Norden, und zwar nach Bremen, dann können wir diesem Verhalten sofort mit Rechtsmitteln begegnen, denn auf Bewährung entlassen zu sein bedeutet mit mehr als nur einem Fuß im Gefängnis zu stehen. Ich werde auf jeden Fall nicht abtauchen und meine Adresse auch überhaupt nicht "geheim" halten. 

...erklärte seinen Rücktritt. Am 6. September gibt es Neuwahlen. Ein revolutionärer Schritt hin zur echten Demokratie.

Ab und an regt mich die Medienlandschaft auf. Hier bejubelt der Stern einen revolutionären Schritt hin zur echten Demokratie. Nein, Hauke Friedrichs schreibt hier nicht von der Rückkehr der USA zur Rechtsstaatlichkeit, sondern von Pakistan. Ausgerechnet. Pakistan. Rückkehr zur Demokratie?! Das Land ist des Teufels, der neue Präsident ein Krimineller, der nicht nur Jahre (zurecht) im Knast saß, sondern der Geldwäsche, der Drogendealerei und aller sonstigen Delikte angeklagt war, die es braucht, um den Stern zum Jubeln zu bringen.

Ich bin lange Zeit durch Pakistan gewandert und kenne die Pakistanis. Es sind Menschen, die Obrigkeitshörig aber nicht fundamentalislamisch orientiert sind. Im Grunde eine bodenständige Landbevölkerung mit guten Familienwerten, der ich immer vertrauen konnte. Der Waffengang der USA in Afghanistan und im Iraq hat allerdings zu einem Erstarken der islamischen Rechten geführt. Logisch. Wenn bei uns die islamische Armee einmarschieren würde, dann würden bei uns die Kirchen wieder belebt werden. Die Entwicklung, die wir derzeit sehen - eine zerfallende Regierungskoalition, die Eliminierung von Benazir Bhutto und die Wahl eines neuen, korrupten Präsidenten - all das ist nicht revolutionär. Es ist der Weg zurück genau in die Zeit, die einer Militärdiktatur vorangeht. Die Regierung wird schon recht bald das Recht beugen, die Ordnung zerwirken und am Ende bleibt dem Militär, der einzigen noch halbwegs ehrbaren Authorität, nichts anderes übrig als zu putschen. Wie lange bis zum nächsten Coup d'etat? Ich denke, das wird weniger als zwei Jahre dauern. Die Menschen werden sich schon wesentlich früher nach dem jetzt zurückgetretenen General Musharraf zurück sehen und damit wird sich ein weiterer General genötigt fühlen, der verfluchten Demokratie, die in diesen Teilen der Welt niemals funktionieren und nur zu katastrophalen Zuständen führt, ein schnelles Ende zu bereiten. Und dann wird der Stern wieder jammern, unsere Welt insgesamt aber sicherer werden: Die pakistanische Armee verfügt über Nuklearsprengköpfe und es braucht ein sicheres System, Demokratie hin oder her, um diese Waffen unter Verschluss zu halten.

 

 

Aktuelle Meldung: Hannover (9772 km), den 7. September 2008

Kein Gewächshaus, sondern eine freundlich-grüne Bushaltestelle.

Moin. Heute verbringe ich meinen letzten Tag in Hannover - und einer der letzten Tage am PC, denn ich erwarte am Montag einen Apple. Macintosh heißt es von nun an. Windows, das muss ich einfach so zugeben, ist mit den Jahren immer schlechter, größer, klobiger und langsamer geworden. Mittlerweile bringen stärkere Prozessoren keinen echten Geschwindigkeitsvorteil mehr, weil die Programme kongruent mitwachsen. Ich habe schon viele, viele Menschen gehört, die ihren PC verflucht haben. Aber, im Gegenzug, habe ich noch nie einen Mac-User auf seinen Mac schimpfen gehört. Oder sagen, dass er lieber bei Windows geblieben wäre. Das hat mich nachdenklich gemacht. Sicher: Der Wechsel kostet Geld, denn Apple ist eine Monopol-Firma. Entweder Du kaufst deren Zeug zu deren Preis. Und, das nervt noch mehr, Du musst Dich umstellen - auf die Mutter allen Windows. Auf der anderen Seite scheint mir der Preis gerechtfertigt - für ein im höchsten Masse leistungsfähiges System. Was mich wirklich erstaunt hat war Folgendes: Ein Kaltstart von Leopard OS soll 27 Sekunden (!) dauern. Siebenundzwanzig! Ich weiss, wie lange Windows hochtuckert. Da kann man sich manchmal eine Tasse Kaffee holen, danach seine Fingernägel knipsen und noch ein paar Seiten Zeitung lesen...

 

6.9.: ... erklärte seinen Rückzug. Auf fachärztlichen Rat, und Freunden zuliebe, verbringe ich das letzte Wochenende in Hannover. Ich ziehe um. Es soll einfacher sein an einem Ort ein unbeschwerteres Leben aufzubauen an dem ich nicht mit Blut um mich gespritzt habe. Na denn. Schaun wir mal. Vorteil: Wenn meine Täterin sich nach Hannover orientiert, dann kann sie das, weil sie ja vorher ebenfalls dort gewohnt hat. Zieht es sie allerdings weiter in den Norden, und zwar nach Bremen, dann können wir diesem Verhalten sofort mit Rechtsmitteln begegnen, denn auf Bewährung entlassen zu sein bedeutet mit mehr als nur einem Fuß im Gefängnis zu stehen. Ich werde auf jeden Fall nicht abtauchen und meine Adresse auch überhaupt nicht "geheim" halten. 

...erklärte seinen Rücktritt. Am 6. September gibt es Neuwahlen. Ein revolutionärer Schritt hin zur echten Demokratie.

Ab und an regt mich die Medienlandschaft auf. Hier bejubelt der Stern einen revolutionären Schritt hin zur echten Demokratie. Nein, Hauke Friedrichs schreibt hier nicht von der Rückkehr der USA zur Rechtsstaatlichkeit, sondern von Pakistan. Ausgerechnet. Pakistan. Rückkehr zur Demokratie?! Das Land ist des Teufels, der neue Präsident ein Krimineller, der nicht nur Jahre (zurecht) im Knast saß, sondern der Geldwäsche, der Drogendealerei und aller sonstigen Delikte angeklagt war, die es braucht, um den Stern zum Jubeln zu bringen.

Ich bin lange Zeit durch Pakistan gewandert und kenne die Pakistanis. Es sind Menschen, die Obrigkeitshörig aber nicht fundamentalislamisch orientiert sind. Im Grunde eine bodenständige Landbevölkerung mit guten Familienwerten, der ich immer vertrauen konnte. Der Waffengang der USA in Afghanistan und im Iraq hat allerdings zu einem Erstarken der islamischen Rechten geführt. Logisch. Wenn bei uns die islamische Armee einmarschieren würde, dann würden bei uns die Kirchen wieder belebt werden. Die Entwicklung, die wir derzeit sehen - eine zerfallende Regierungskoalition, die Eliminierung von Benazir Bhutto und die Wahl eines neuen, korrupten Präsidenten - all das ist nicht revolutionär. Es ist der Weg zurück genau in die Zeit, die einer Militärdiktatur vorangeht. Die Regierung wird schon recht bald das Recht beugen, die Ordnung zerwirken und am Ende bleibt dem Militär, der einzigen noch halbwegs ehrbaren Authorität, nichts anderes übrig als zu putschen. Wie lange bis zum nächsten Coup d'etat? Ich denke, das wird weniger als zwei Jahre dauern. Die Menschen werden sich schon wesentlich früher nach dem jetzt zurückgetretenen General Musharraf zurück sehen und damit wird sich ein weiterer General genötigt fühlen, der verfluchten Demokratie, die in diesen Teilen der Welt niemals funktionieren und nur zu katastrophalen Zuständen führt, ein schnelles Ende zu bereiten. Und dann wird der Stern wieder jammern, unsere Welt insgesamt aber sicherer werden: Die pakistanische Armee verfügt über Nuklearsprengköpfe und es braucht ein sicheres System, Demokratie hin oder her, um diese Waffen unter Verschluss zu halten.

 

 

Aktuelle Meldung: Hannover (9772 km), den 4. September 2008

Kindgerechte Umgebung 2008.

Moin zusammen. In den letzten Tagen habe ich mich weniger hier gemeldet. Grund ist recht einfach: Meine Tanks sind leer. Und die Druckbetankung tröpfelt derzeit nur noch. So kann man keine Rennen gewinnen. Ich habe in den vergangenen zwei Jahren jeden Tag gekämpft. Und jetzt komme ich an den Punkt, wo eben wenig mehr geht. Beziehungsweise nichts mehr geht. Die Frage war immer wieder -- von Normalos anerkennend, von Mitpatienten ehrfürchtig -- gestellt worden: „Woher nimmst Du Deine Energien?“. Rückblickend muss ich eingestehen, dass ich meine Energien nach amerikanischem Modell erschlossen habe: Es war Raubbau. Um ein komplettes Ausbrennen zu vermeiden muss ich nun still halten. Was mir absolut gegen den Strich geht. Ich habe in den letzten vierzehn Jahren wie eine Wunderkerze gebrannt. Aktivität wurde zur Sucht. Und das jetzt sein zu lassen ist mörderisch schwer.


2.9. Meyenburg: Ein weiterer Monat ist angebrochen, den ich nicht sofort vorverurteilen darf. Neuer Monat, neues Leid: Gestern fiel ich mal erst wieder in ein Loch. Innerlich natürlich nur. Meine Fassade ist mittlerweile so klasse, dass ich ernsthaft am Überlegen bin, ob es den mühsamen Neuaufbau von mir selbst überhaupt noch braucht. Ist unsere Welt nicht eh nur an den Verpackungen interessiert? Auf jeden Fall war Bummeln durch Bremen angesagt. Mit Jemandem, der meinen Horror teilen kann. Und nicht aus Bequemlichkeit vor meinem Schmerz zurückschreckt. Wir tranken gemütlich Kaffee im Katzen-Café und langten ohne Scheu in tiefe Wunden - weil der brennende Schmerz wesentlich erträglicher ist als die vernichtende Anteilslosigkeit der Masse. Das kleinste Hotel Deutschlands haben wir angeguckt. "...damit sich alle unsere Gäste wohlfühlen..." steht da an einem Schild. Hä? Wieviele Gäste kann man auf weniger als 42 Quadratmetern Hotel schon unterbringen?! Vielleicht haben sie ja eine Gastpresse eingebaut. Dann gab es Salat in der Bodega del Puerto auf der Schlachte. Und dann klingelte mein Realitäts-Zurückbeam-Automat und das ZDF war dran. Die Lieblingsredakteurin unter meinen Lieblingsredakteurinnen. Es fielen ein paar häßliche Details, die nähere Zukunft betreffend, und die verwandelten mich ratzfatz in meinen statischen Zustand. Ich war wieder "Bert der Eisklotz". Ein Leben auf einem von Gewalt durchdrungenen Fundament aufbauen zu müssen ist wie Kaffeekränzchen am Bungee-Seil: Das geht daneben!

"Sei's drum". War das Motto des Tages. Und wir fuhren nach Meyenburg - ein kleines Örtchen ohne wesentliche Bestimmung inmitten von viel freundlichem Grün, kleinen Wäldern und einem Mühlteich. Dort gab es Abendessen, gute Gespräche und, klar, Wein. Und heute, da feiern wir den Geburtstag eines sehr wertvollen und lieben Menschens. Aber vorher habe ich noch ein Interview mit einer Zeitung, weil wir derzeit ein kleines Trittbrettfahrer-Problem haben. Das Gute am Überleben eines Kapitalverbrechen ist, dass wir sofort die Redakteure erreichen und solche Dinge zeitnah abstellen können. Das weniger Vorteilhafte am Überleben eines Kapitalverbrechens ist die Zeit danach.

 

 

Aktuelle Meldung: bei Bremen (9772 km), den 31. August 2008

Holz.

Ich sitze hier. Immer noch ein bisserl betäubt. Auf dem Lande. Nahe Bremen. Und nehme die wärmende Sonne zur Kenntnis. Im Grunde ist es egal. Die Sinne eine Täuschung. Der Kopf ein Eimer voll Brei. Umgeben von Menschen, die kurz nach ihrer Geburt erstickt sind. Von Hipp abgelenkt, der für seinen Namen steht, während Alete das Kind isst. Natürlich ist es schön. Smalltalk zu hören. Ein MTV der Gespräche: Kurze Clips. Lange Werbeunterbrechungen. Für sich selbst. Oder seine Produkte. Die sonst niemand haben wollen würde. Und sonst? Habe mir, dem Tag angemessen, E. C. was here herunter geladen. (Legal bei Musicload). Erich wird mir meinen quälenden Tinnitus zersägen.

Haben gestern bis halb drei mit Arzt und Co-Patient getrunken und geredet. Korrektur. Wir haben nicht getrunken. Wir haben gebechert! Um das mit den Worten einer guten Bekannten zu beschreiben :-) Ich habe mehr gebechert. Die anderen mehr geredet. Oder andersrum? Ach, wer weiß das schon. Nach der zweiten Flasche Wein war die Welt schön ausbalanciert. Ich sehe die Welt nicht durch eine rosa Brille. Ich sehe sie durch eine rubinrote.

Nebenbei haben wir, fröhlich glucksend beschlossen ein [hier ist ein Begriff aus der Proktologie einzufügen] zu versenken das uns belästigt. Sprichwörtlich zwar nur. Aber immerhin Wer uns zunahe tritt, der kommt meist ungeschoren davon. Aber auch nur meist. Wir können erheblichen Schaden anrichten wenn wir uns aufraffen. Ich wurde gebeten, mich mal ein wenig aufzuraffen. Jo. OK. Dann raff ich mich halt. Grund der Anstrengung? Och. Wir sind zornig. Zumindest wäre dass das Gefühl, das wir hätten, wenn wir uns emotional beteiligen würden. Wir sind aber emotional nicht beteiligt. Und das macht uns sehr effizient. Der Schuss vor den Bug wird das Mittschiff treffen. Danach kann ich mich aber wieder hinlegen und weiterdösen. OK?

 

 

Aktuelle Meldung: Groß Ihlsede (9772 km), den 27. August 2008

Hasse mal ne Uhr... der Laden, das sei angemerkt, trägt den Namen Christ und Jesus bestenfalls ne Rolex.

Update: Beinahe hätte ich geschrieben, dass ich humpelnd hier sitze. Was ja in sich unstimmig ist. Stimmig allerdings ist, dass ich mich innerlich schier übergebe: Ich hasse es, verletzt zu sein. Mein Körper ist so ziemlich das einzige, auf das ich überhaupt noch bauen kann. Und ich achte seit dem Mordversuch sehr auf meine Gesundheit. Ich bin deshalb topfit; meinen Weinkonsum einmal ausgeklammert. Wobei ich hier anmerken möchte, dass ich tagsüber keinen einzigen Tropfen anrühre. Ich brauche das Zeug um Abends das Karussell meiner Gedanken in den Stillstand zu zwingen damit ich einschlafen kann.

Während ich im Krankenhaus lag, da versuchten wir einen anderen Weg: Ich bekam zum Schluß 60 ml eines schweren Beruhigungsmittels (und zusätzlich 30 ml bei Bedarf). Dazu kamen Tavor und andere Schmankerl. Die Mittel führten dazu, dass mein Kreislauf plötzlich in die Knie ging; Blutdrücke von 30/50 und weniger waren die Folge. Das war lustig, weil absolut abenteuerlich :-) Einmal bin ich im Bad beim Zähneputzen zusammengeklappt und mit meinem Schädel ungebremst zuerst auf dem Waschbecken und dann auf den Fliesen aufgeschlagen. Aufgewacht bin ich Auge in Auge mit der Klobürste. Das war reichlich unbequem dort. Und blutig auch. Habe schließlich nach der Schwester geklingelt. Woraufhin ein CT fällig wurde um zu gucken ob noch ganze Tassen übrig sind.

Das war eine merkwürdige, eine stockfinstere Zeit, über die ich noch nicht so richtig geschrieben aber dafür sehr viel nachgedacht habe. Ich denke, dass ich in den nächsten Monaten einfach mal den Mut aufbringe, ein wenig über die echten, die tiefen Talsohlen ehrlich zu schreiben. Ich erinnere mich an Vieles nur bruchstückhaft. An eine Nacht erinnere ich mich gut. In der saß ich zwei Stunden lang auf einem Fensterbrett im dritten Stock und war dabei, mein Leben wegzuverhandeln. Es war dunkel und eiskalt draußen. Das einzige, was mich in diesen Augenblicken vom Sprung zurückhielt war, jetzt werdet ihr sicher lachen, die nette Nachtschwester. Wäre ich gesprungen, dann hätte ich nicht nur mich ruiniert, sondern auch sie. Und das konnte ich nicht verantworten. Als ich das meiner Psychologin erzählte, da endete die freundliche psychologische Lala-Leier. Ich mutierte in diesem Augenblick vom Patienten zu einer ernsthaften Gefahr fürs Image des Hauses. Alles wurde auf einmal ganz hektisch. Ich bekam einen Bewacher an die Seite gestellt und wurde Hals über Kopf in die geschlossene Psychatrie eines Landeskrankenhauses verlegt. Dort kam ich in Einzelhaft. Gürtel weg. Schnürriemen weg. Nagelschere haben se vergessen. Die steckte kurze Zeit später in meinem Bauch.

"Denken Sie immer noch über Selbstmord nach?" fragte mich die Gutachterin des Versorgungsamtes vor ein paar Wochen. 'Da erwartest Du jetzt keine ehrliche Antwort drauf, oder?' dachte ich und sagte fröhlich lächelnd genau das, was sie hören musste um beruhigt zu sein. Und vor diesem Hintergrund -- und das sind nicht mal die besten Geschichten :-) -- da ist Rotwein eine deutliche Verbesserung der Lage. Man fällt auch nicht so hart. Weil man ja auf ner weichen Couch sitzt.

Aus diesem Wahnsinn habe ich mich wieder hochgearbeitet. Mich unter Kontrolle gebracht. Meine Gefühle weggeschlossen. Ich bin einen harten Weg gegangen. Zwar fehlt noch einiges zum Glück. Das Glücksempfinden von vorher habe ich auch gar nicht mehr zum Ziel. Mein Ziel ist einfach nur ein bisserl Zufriedenheit. Mal wieder eine Nacht durchschlafen, das ist schön. Aber alles auf einmal geht eben nicht. Muss auch nicht. Wichtig ist nur, dass man sich tatsächlich auf dem Weg der Besserung befindet - und nicht auf einem medikamentös eingeleiteten und ärztlich begleiteten Holzweg.

 

Kurz zu den Medien: Ich mag Journalisten generell gerne. Die meisten waren sehr höflich und nett. Nur bestimmte Fernsehformate... da wachsen mir Hörner! Hörfunk und Zeitungen sind mir lieb, denn das sind Medien die zuhören und meine Worte nachher nicht unentwegt beschneiden und weiterverkaufen. Ein Radiosender veröffentlichte z.B. folgenden Teaser, den ich genial finde:   

Stalkingopfer kritisiert Gerichte
26.08.2008 - 06:38 Hildesheim.

Unter dem Beisein der Presse und Vertretern des Weissen Rings hat gestern Oberbürgermeister Kurt Machens das Stalkingopfer Bert Simon aus Banteln empfangen. Simon ist Botschafter des Weissen Rings, einer Organisation, die sich für die Opfer von Kriminalität einsetzt. Simon kritisierte in diesem Zusammenhang die nach seiner Meinung zu weiche Rechtsprechung gegenüber den Tätern. Er habe den Eindruck, die Richter würden selbst gerne gute Menschen sein und daher milde urteilen. Er wünsche sich als Signal harte Urteile, auch wenn diese durch eine nächste Instanz wieder gekippt würden. Simon wurde 2006 Opfer eines Mordanschlags durch eine Stalkerin. Der Fall ging bundesweit durch die Presse.

Da. Das ist, was ich meine. Diese Leute geben sich Mühe, das was ich sage auch zu verstehen und nicht nur der Quote wegen meine Sätze zu filtern und so zu schneiden, dass der Beitrag möglichst erschreckend und bizarr wirkt.

 

Gestern (26. August 2008): Vor fünfzehn Minuten ist eine nicht zu knapp bemessene Muskelfaser in meiner linken Wade gerissen. Das hat richtig geknallt. Und dann wurde ich eine Minute später von dem spazierengehenden Rentner überholt, den ich eine Minute vorher zackig links liegen ließ. Er guckte aus einer Mischung aus Amüsement und Mitleid. :-) Ein Defekt auf 10.000 Kilometer... hmmm, wo ich da bei der ADAC Pannenstatistik wohl lande? Ich habe mich dann, schnell klatschnass geschwitzt, zur nächsten Bushaltestelle vorgehinkt. Problem: Wenn eine Muskelfaser reisst, dann wollen das andere auch tun! Ich habe zwar schon einen Ermüdungsbruch gehabt, aber noch nie einen Muskelfaserriss. Und ich habe immer ein wenig gelästert, wenn das Kollegen von mir passiert ist. Jetzt merke ich, dass das gar nicht zum Lachen ist. Hahahaha :-) Wobei ich gerade lache, während ich das schreibe. Dabei war weder heute noch morgen ein langer Marsch geplant. Zumindest keine 40er. 31 Kilometer heute und noch weniger morgen. Und gerade bei solchen Minidistanzen fatzt das Ding. :-(

Um 15.00 Uhr ist jetzt erst mal Pressetermin in Peine. Den nehme ich wahr, hinken oder nicht. Dann muss ich überlegen. Morgen ist kein Termin in Braunschweig. Wie gut. Dann aber wieder Termine, die ich erledigen möchte. Der letzte Pressetermin schließlich, der findet am 3. September statt. Zefixluja! Hätte das Ding nicht zweihundert Kilometer später reissen können? Ich halte Euch auf dem Laufenden und hinke jetzt mal schnell zum Rathaus. So schnell, wie das eben geht. Bis nachher.

 

 

Aktuelle Meldung: Hildesheim (9747 km), den 25. August 2008

24.8. Lamspringe (43 km)  - 25.8. Hildesheim (32 km)

Eric Clapton in Zürich - was für eine Show. Was für ein Sound. Einfach irre. Sowas kann halt nur EC.

Am Morgen des 26. August: Bin wieder ein bissel in den Medien, in der taz. Heute steht ein kurzer, knackiger Marsch auf meinem Programm - nach Peine. Melde mich heute Abend wieder - wenn ich Internet finde. So. Muss mich jetzt um meine Gastgeber kümmern. Die sind soeben meinem Tag hinzugefügt worden. ;-)  

25. August: Heute stand Hildesheim auf meinem Programm. Der Tag begann mit zwei Fernsehsendern, die meine Story haben wollten. Ein „Nein“ ist für manche einfach ein Grund noch härter zu bohren. Früher war ich hart. Da lohnte sich das bohren. Heute bin ich butterweich. Wer bohrt, der kommt umgehend auf der anderen Seite wieder raus. Logische Gründe erreichen mich nach wie vor. Wo allerdings die Logik sein soll, meine Geschichte zwischen Paris Hilton ohne Höschen und Madonna mit Höschen zu sehen, das konnte mir logisch nicht erklärt werden. Ich gebe einen Scheiß drauf ob „das doch gut wäre, wenn die Menschen Sie hören würden“ oder „die Sache dann deutschlandweit bekannt würde“. Ich gebe allerdings unendlich viel darauf, dass ich nicht einem Sender ein Interview gebe und dieser das dann einmal sendet und danach das Rohmaterial schnurstracks an einen anderen Sender weiterverkloppt. Das „Recht am Bild“ kann nicht heißen, dass ich nachher das Recht habe, die BILD zu kaufen.

Dann folgte ein Interview mit einer deutschlandweiten Zeitung. Das war nett. Da redete ich denn auch mal Tacheles. Ich war sowieso gerade unterzuckert und polterte mir sodann meinen Frust von der Seele. Bin zwar Botschafter des WEISSEN RING. Aber nicht immer diplomatisch. Is doch war: Meine Täterin hat Euch und mich mittlerweile weit (weit!) über 100,000 Euro gekostet. Und diese Rechnung steigt beständig um rund 200 Euro täglich. Und ich, ich muss um jeden Cent kämpfen und bekomme rund 200 Euro im Monat an Unterstützung. Ich will nicht undankbar sein. Aber ich finde, dass hier einfach im Grundsatz etwas unstimmig ist.

Dann kam die dpa dran. Der Redakteur war sehr nett. Papa. Gemütsmensch. Einer dem ich von Herzen einen fairen Lebensweg wünsche. Dann kam das Pressegespräch beim OB von Hildesheim. Hildesheim, das ich eigentlich nur mit Christine kenne. Heute, alleine durch die Stadt zu wandern fühlte sich bizarr und falsch an. Im Grunde erwartete ich, sie irgendwo in einem Straßencafé sitzen zu sehen. Einen fetten Eisbecher vor sich. Diabetes zum Trotz! („Och, das spritze ich nachher runter…“). Es war zum Heulen. Aber ich sperrte den Schmerz einfach aus aus, wie einen ungeladenen Gast, und litt die drei Kilometer zum Rathaus wie ein Vieh. Und da war dann auch wieder ein Fernsehsender. Zefixluja! NEIN! Vor allem, wenn’s dann auch noch ein Sender ist der einige meiner Co-Überlebenden in der Vergangenheit richtiggehend verbrannt hat. (Das spricht sich rum, meine Freunde der runden Linse!) Und jetzt, jetzt sitze ich im McCafé und warte, beschallt von EC, darauf, bei meiner heutigen Gastfamilie ausruhen zu dürfen. Wirklich ausruhen. Ich bin fix und alle. Erledigt. Heute war der Rummel eindeutig zu viel. Aber ich habe mich eisern unter Kontrolle gehalten. Kein Schnitzer. Kein Wackler. Aber Sodbrennen wie die Hölle und das Gefühl „Warum zum Teufel tust Du Dir das an? Warum sitzt Du hier!“

Warum? Weil es nicht sein kann, dass Eltern deren Kinder vernichtet wurden, mit Hartz IV und SGB II Empfängern beim Versorgungsamt landen und dort eine Nummer ziehen müssen – und so ist das derzeit geregelt! Es kann nicht sein, dass uns alles Liebens- und Lebenswerte genommen wird, unsere Würde geschändet und unsere Herzen gebrochen werden - und wir dann beim Versorgungsamt landen.

War dann, dem Anlass entsprechend, in einem Hildesheimer Weinladen. Heute Abend brauche ich Bettschwere! Wurde mit meinem Rucksack wieder mal angeguckt wie ein Iltis auf Beutezug, frei nach dem Motto "Pennerwein haben wir doch nicht". Der Besitzer des Ladens jedenfalls muss dem Glücksspiel verfallen sein: Die Preise seiner Weine hat er sicher mit Hilfe von Würfeln festgesetzt. Eine schlechtere Auswahl Spanier habe ich selten nebeneinander stehen gesehen - alles mittelmässige Jahrgänge, die meisten aus Mitleid erregenden Lagen. Pennerweine halt. Das Beste: Alle Weine kosteten mindestens 20 Prozent über dem Marktwert! Für einen El Coto Crianza 2004 9,90 Euro? Leute, das ist drei Euro über dem Marktpreis (normalerweise 6,90)! Sorry. Aber ich bin Schwabe. Für diesen Fall gibt’s Penny. Im Penny (Achtung – Wein-Tipp!), da gibt es einen hervorragenden Argentinier, der 3,69 Euro kostet und gut und gerne das Doppelte wert ist).

So. Nu kommt mein Gastgeber gleich. Ich trinke nun mein Kaffee aus und gut is. Euch einen angenehmen und erfreulichen Abend aus Hildesheim.

 

 

Aktuelle Meldung: Osterode am Harz (9672 km), den 23. August 2008

22.8. Ebergötzen (45 km)  - 23.8. Osterode (24km)

Clapton. Live. In Zürich.

Vorweg: Ein neues Bild gibt es heute Abend, wenn ich in Bad Gandersheim eintreffe, OK? Der achtletzte Pressetermin dieses Marsches ging gestern über die Bühne. Meine Anwesenheit war eigentlich gar nicht nötig, da der Artikel bereits geschrieben war. Und so wanderte ich, nach einem 50-Minütigen-Pitstop, ins Stadtzentrum von Osterode und bettete mich zur Ruhe. Ich bin, das muss ich respektieren, an den Grenzen des für mich Machbaren angelangt und werde die nächsten Termine konzentriert angehen. Danach ist Ruhe angesagt.

Nicht gerade einfach macht es mir das irritierende Verhalten der (kleineren) Bürgermeister. Die großen Oberbürgermeister sind professionell, würdevoll und "würde-lassend", d.h. sie schneiden Dich nicht - weder vorsätzlich noch unbewusst. Die kleinen Landgrafen aber, die sind mitunter einfach nur merkwürdig. Da überreichte mir ein dritter Bürgermeister eine DVD über seine Universitätsstadt. Und dann sagt er, nachdem ich, wie immer ernst aber distanziert und mit einigem Fach- und Tiefenwissen über Mord, Totschlag, Leid und Behandlung der Opfer in Deutschland gesprochen habe (wortwörtlich): "Hier ham se ne DVD über unsere schöne Stadt. Die können Sie sich ja in eine Unterhose einwickeln". Was geht in solchen Leuten vor? Warum sage