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01.07.2009: Meine letzten Langstreckenkilometer im Ausland. Ich habe genug "grosse, weite Welt" gesehen - und dabei die Natur und die Wanderwege meiner Heimat missachtet. Ich stehe nach fast 80000 Wanderkilometern  vor der Erkenntnis, dass man bei uns auch wunderbar und sogar noch besser wandern kann als anderswo... // 23.07.2008: Bin in Santiago angekommen.



 

 

 

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Palwal (11044 km), den 3. Juli 2009

Michael Jackson fehlt auch hier. Wieso ist allerdigs nicht feststellbar.

Komme soeben von der Strecke. Ich bin klatschnass, kein Wunder bei dem wunderschoen sonnigen Wetter. Das einzige Hotel kostet wahnsinnige, moment Rechner her, 14,93 Euro. Aber dafuer habe ich kalte Luft und ein Zimmer zur haesslichen aber ruhigen Seite, dem Hinterhof. Da ich einen sehr leichten Rucksack aufhabe (weniger als sieben Kilogramm) und mir schoen viel Zeit lasse, komme ich mehr oder weniger problemlos durch den Tag. Ich nutze die Pausen um mich mit den Einheimischen zu unterhalten. Die jungen Inder finden es spannend, wenn ich ueber den Highway erzaehle, so wie er damals war. Und ueber Indien, so wie es damals war - vor fuenfzehn Jahren. Handys gabs keine, japanische Autos auch nicht und die Strasse hatte auch keine vier Fahrstreifen sondern nur einen - mit einem breiten Strassenrand. Ueberall standen Unfallautos und die Menschen liefen noch zu Fuss. All das hat sich geaendert. Indien steht auf seine ganz eigentuemlichen Art und Weise tatsaechlich am Rande der Industrialisierung und verglichen mit Rwanda oder dem Kongo oder vielen anderen afrikanischen oder suedamerikanischen Staaten geht es Indien ausgezeichnet.

Witzig war heute mein Mittagessen. Ich bestellte "fried Ghobi" (gebratener Blumenkohl) und die machten auch wirklich ein ansehnliches Essen. Waehrend ich ass sagte der eine (auf indisch) "Na, wieviel berechneste dem?". "Roti statt 6 machen wir 10 und Ghobi statt 35 machen wir 70". Als ich fertig war kam die Rechnung. Mit genau den gleichen Worten rechnete ich die Rechnung einfach wieder in den Urzustand zurueck und legte 42 Rupien auf den Tisch. Selten so dumme Gesichter gesehen. Selten so gelacht.

Der gestrige Abend begann lustig. Ich und zwei Kanadier aus Toronto erzählten einige Reiseerfahrungen. Besonders die Erfahrungen von Frauen sind interessant, da sie als Objekt der Begierde herhalten. Westliche Frauen gelten als Dekadent. Bestenfalls. Und so passt eine Geschichte, in der ein Inder sich obszön an sein Genital griff und meinte "Hey, willst Du eine indische Banane?" - vor den Augen seiner Frau und vor den Augen des Mannes, mit dem die Kanadierin immerhin schon vier Jahre lang verheiratet ist. Der Kanadier reagierte klug und schlug den Mann nicht sofort nieder sondern meinte ruhig "Wie würde es Dir gefallen, wenn ich jetzt zu Deiner Frau dahinten gehe und sie frage, ob sie eine kanadische Banane haben möchte? Der Mann wurde knallrot und verschwand verschämt in seinem Loch. "Dieses Land regt mich echt auf", meinte Cathy. Im Süden werden Frauen einigermassen respektiert. Aber hier werde ich jeden Tag begrapscht". "Jo, aber da brauche ich mir keine Sorgen zu machen. Cathy spielt in einer Männermannschaft Fußball und regelt das schon", lachte Liam. Unterdessen gesellte sich ein Taxifahrer zu uns, der auf der Suche nach Fahrgästen ist. Er begann das Gespräch an sich zu ziehen. Liam holte sich ein weiteres Bier und ich lehnte mich zurück. Wenn indische Dienstleister Programm machen, dann endet das meistens in unglücklichen Situationen. Und folgerichtig hakte der Inder da ein, wo wir aufgelassen haben - bei Sex. Er allerdings, und das ist eben die indische Mentalität, empfindet Sex als etwas, das vorwiegend den Männern gehört. Die Frauen haben sich zu fügen, sonst...! Und fortan ging das Gespraech in genau diese Richtung.

Der Inder begab sich zunehmend auf duennes Eis. Und Cathy wurde zusehends nervoeser. Schliesslich hielt es ihn nicht mehr auf seinem Platz und er ging und holte "Karten", wie er geheimnisvoll raunte. Ach Gottchen. Wir wussten schon was jetzt kam. Zwischen den bald apportierten Karten lagen Pornobildchen, die er uns Maennern zeigen wollte. Cathy stuerzte sich wie ein hungernder Steinadler auf die Bilder und zerrte sie an sich. "Bei uns in Kanada kannst Du die Dinger in jedem Buchladen kaufen - gemeinsam mit der Bibel, dem Koran und der Baghvadgita. Nur groesser - da sieht man ja gar nichts drauf", meinte sie und flippte durch die angeblichen Maennerphantasien. Der Inder kippte schier um, denn sowas hatte er nun nicht erwartet. Tatsaechlich ist Indien im Umgang mit dem anderen Geschlecht auf einem eher rustikalen Kurs, der den Stammwaehlern der CSU durchaus gelegen kaeme. Die Frauen kuemmern sich in Indien um Toepfe, Tempel und Toddler. Und um den Mann auch. Wenn und wann der will.

Der Inder hat nicht verstanden, wieso die beiden Kanadier am naechsten Tag nicht wie (vor dem Unterhaltungsprogramm) abgesprochen mit ihm zum Flughafen gefahren sind. Faelschlicherweise machte er dafuer Liam verantwortlich. Aber ich hatte anderes zu tun und wollte keine weitere Diskussion mit ihm. Bei uns haben die Frauen bei wichtigen Entscheidungen mitzureden. Und Kuechen kaufen sie gleich ganz alleine. Aber das ist eben eine andere Welt, in der wir leben...

 

 

Faridabad (11010 km), den 2. Juli 2009

Marktszene in Achichweissnichtwo.

Gestern habe ich mir ein Bein gestellt, weshalb ich heute noch einen Ruhetag einlege um dann gemütlich nach Agra zu hetzen. Jahrelang dem Leistungssport verfallen, verfüge ich über die notwendige Technik um zuzulegen, wurst was das Quecksilber zeigt. Meine Zwangspause kündigte sich in Form eines grossen, weissen Teepotts an, den ich gestern gegen 21.00 Uhr für mich und eine junge Dame aus Karlsruhe geordert hatte. Sie sprach viel aber trank wenig und so soff ich den gesamten Pott alleine, Schwabe der ich bin lasse ich doch nichts umgehen. Und das war dann auch das Ende meiner Nacht: Ich stand im Bett! Bis fünf Uhr. Aber was nach dem Pott kam, das war einer der interessantesten und amüsantesten Abende der letzten Jahre… nachher mehr.

 

 

Faridabad (11010 km) den 1. Juli 2009

Bei 44 Grad muss die Kamera selbst ausloesen. Ich geh keinen Schritt mehr... oder doch. Morgen.

Da bin ich wieder. Ein heisser aber unkomplizierter Tag geht zu Ende. Mein Bein macht die ersten zwanzig Kilometer keine Probleme. Danach allerdings ist die Kraft am Ende. Aber zu jammern gabs nicht viel heute, dazu war Indien einfach wieder zu spannend! Ich habe am Rande des Weges einen McDonalds entdeckt und mich waehrend des Vegetarischen-Burger-Essens schier weggeworfen vor Lachen. In Indien gehen vor allem die Reichen und Abgehobenen in den McDonalds. Und so benehmen die sich dann auch. Wie als wenn sie im Fuenfsternerestaurant angekommen waeren. Die leeren Tabletts der Vorgaenger (die diese nie anlangen) sind ein grosses Aergernis fuer die Gaeste. Und so gehen sie nach vorne und bruellen den Mann an der Friteuse an, damit der mal flott den Tisch sauber macht. Da hinten. Der delegiert das dann an jemanden der das dann jemandem deligiert, der das dann demjenigen auftraegt der jemanden finden muss der das dann macht. Wenn es keinen anderen gibt, der besser darin waere. Mittlerweile sitzen die Gaeste vor einem vollen Tisch mit leeren Pappkartons und gucken ganz boese. Und wichtig. Der arme Knochen, der schliesslich gefunden wird raeumt dann den Dreck weg. Als ich schliesslich meine Pommes gebracht bekam (so nach ner knappen halben Stunde) waren die Dinger dunkelbraun und knallhart. Waehrend des Frittierens fiel ein ums andere Mal der Strom aus… Huch. Das schreibe ich einfach so. Jetzt mal fix diese Geschichte sichern! Wir haben naemlich Sommer in Delhi und die Menschen wollen alle ihre Klimaanlagen laufen lassen. Und kochen. Und fernsehen. Allerdings hat Delhi rund 1000 Megawatt zu wenig Saft in den Leitungen und diese sind den laengsten Teil des Tages leer. Sporadisch gibt es mal ein paar Minuten Strom. Aber der kann jederzeit weg sein. Darum speichere ich das jetzt ENDLICH!


30.6.:
Ich war ein wenig abgetaucht. Letzte Woche klingelten Unbekannte an meiner Türe. Sehr beharrlich. Gingen aber auf Anfrage, was sie wollen, nicht ein. „Das wirst Du dann schon sehen“. Das Gebäude, in dem ich wohne, ist videoüberwacht und ich kann die Räume vor meiner Wohnung, vor der Etagentüre und der Haustüre per Videokamera anschauen. Auf meinem Stockwerk wohnen, neben anderen, auch einige Bundespolitiker. Selbst der Postbote braucht einen Schlüssel um seine Briefe einwerfen zu können. Die meiste Zeit parken Personenschützer vorm Haus – in prallen Anzügen und Igelhaarschnitt, schwarzer BMW mit dezenter Polizei-Kelle hinter der Windschutzscheibe. So sieht das aus. Bei mir. In Berlin. Heimelig und freundlich. Daher bin ich nicht gleich vor Furcht zusammengeschrumpelt.

Aber weil meine Sicherheitslage nicht nur gefühlt, sondern tatsächlich gefährdet ist, meine Beinahemörderin gehörte immerhin einer als radikal eingeschätzten Sekte an, darf sie nicht auf Bewährung entlassen werden. Ein Antrag auf vorzeitige Entlassung wurde abgelehnt. Es ist nicht einfach, wenn man nach vorne gehen möchte, dabei aber immer noch häufig über die Schulter gucken muss. Dieses besondere Lebensgefühl teile ich mit zehntausenden Menschen in Deutschland. Gejagt, angeschossen, aber nicht zur Strecke gebracht. „Ja machen Sie sich mal keine Sorgen“ meinen die Therapeuten. Als wenn die sich nachts vor unsere Türe stellen würden. Bei einer lieben Bekannten parkten anstatt des Therapeuten Auftragskiller monatelang vor der Türe. Die Polizei wusste davon und sah zu, wie irgendwann einmal 60000 Euro den Besitzer wechselten. Aber man sollte sich „mal keine Sorgen“ machen. Vor ein paar Wochen gab es Tote und Verletzte. Und ein Kind verlor den Vater. Nö. Danke. Ich mache mir lieber sorgen.


Ich sitze, während ich das schreibe, in einem Airbus A 330-200 der Swiss (das ist das gleiche Modell wie der Air France Clipper - die fraglichen Sensoren sind aber bereits ausgetauscht) und fliege nach Indien. Soeben wurde ich vom Chefsteward persönlich begrüßt?! "Und wenn Sie irgendwas brauchen, lassen Sie es mich bitte sofort wissen". Meine Sitznachbarn guckten erbost. "UND ICH?! WIESO DER UND NICHT ICH?" empörten sie sich still. Augen weit aufgerissen. Mundwinkel nach unten. Darauf habe ich auch keine Antwort, zumal ich einer der am schäbigsten gekleideten Fluggäste bin. Anstatt italienischem Fummel trage ich Wanderklamotten und schwere Lederschuhe - LOWA natürlich, muss man doch nicht extra betonen oder? :-). Sei’s drum. War natürlich eine nette Geste und ich bin gleich ein paar Zentimeter gewachsen. Aber ich brauchte nichts, vom "Maitre de Cabin" - so heißen sich die Chefstewards bei der Swiss.

Die paar Zentimeter, die ich gewachsen war, die schrumpelte ich allerdings sofort wieder zusammen als der erste Offizier uns mit dem Wetter in Delhi bekannt machte: "In Delhi haben wir derzeit leichte Bewölkung und ab und an einen kleiner Schauer bei 34 Grad". 34 Grad! 34! Um Mitternacht! Ja leck mich am Arsch. Ich habe noch keine Ahnung, wie ich die nächsten 200 Kilometer überdauern werde wenn die Hitze nicht nachlässt. Aber mein Körper kennt diese erhebliche Zusatzbelastung - und ich arbeite mit allen Tricks die ich kenne. Allerdings arbeitet hier ein 39-jähriger mit diesen Tricks und kein 24-jähriger mehr. Und die Unterschiede, die merke ich schon.

Einmal gelandet blieben wir am Boden und rollten an unser Gate. Weil mir die ARD das Ticket bezahlt hatte, saß ich, wie sich das gehört, in der ersten Reihe - und war somit auch als erster aus dem Flugzeug draußen und durch die "Immigration" und durch den Zoll geflitzt. Außer meinem kleinen Rucksack, der als Handgepäck mitfliegt, habe ich ja sonst nichts dabei. Um 0.10 Uhr bestieg ich ein Taxi und fuhr in die Nacht. „92, Old Prasad Nagar, gleich neben der Polizeistation Prasad Nagar“, galt es zu finden. Um 0.50 Uhr waren wir an der angegebenen Polizeistation. Auf dem Gehweg schlafen überall Menschen in Unterhosen. Und auch ohne. Schlaffe Geschlechtsteile und pralle Brüste recken sich mondwärts, auf der Suche nach Kühle, während das Baby, wie eine Nacktschnecke auf einer Schweißspur von der Brust gerutscht, mit großen, dunklen Augen in die Nacht schaut, zu ermattet um zu saugen und zu platt um zu schreien. Bei 34 Grad zu schlafen ist eben keine leichte Aufgabe. Und bei 44 Grad wach zu sein auch nicht. Der Ofen wird noch genau neunzehn Tagen glühen. Dann trifft der Monsun in Delhi ein und löscht die Hitze. Das kann man so genau berechnen da der Monsun sich scharf vom Nichtmonsun abgrenzt. Zu diesem Zeitpunkt möchte ich schon wieder weg sein, denn dann beginnt hier die Zeit des Schlamms, der Stechmücken und der Seuchen.

Der Morgen stöhnt und ich auch. Der Mittag ist auch nicht besser. Ich weigere mich aufzustehen, weil das mit Bewegung verbunden ist. Alles hier ist heiß. Selbst meine Zahnpasta ist 44 Grad warm. Ahhhhhhhh... Ich verglühe! Also sitze ich unter einem Deckenventilator und lasse es gaaaaanz ruhig angehen. Nur nicht hudeln! Nebenbei trinke ich heißen Tee mit einigem Zucker, da ich sowieso kein guter Esser bin. Seit dem Anschlag esse ich so viel wie nötig.

Übermorgen werde ich den Weg vorsichtig angehen - 200 Kilometer liegen bis zum Taj Mahal vor mir. Beschleunigt werde ich lediglich durch den heranrückenden Monsun. Dies sind die letzten Langstreckenkilometer, die ich im außereuropäischen Ausland zurücklegen werde. Außer vielleicht einem Trail, zu dem mich ein alter australischer Bushwalker und Schriftsteller eingeladen hat - ein Trail, den sonst nur die Aboriginies gehen und der komplett außerhalb der Zivilisation befindet. Er möchte auf dem Trail Gespräche führen um ein Buch über mein Reiseleben zu schreiben. Ich weiß nicht, was es da zu erzählen gäbe. Mich interessiert die Welt nicht mehr so, wie sie es vor zwanzig Jahren getan hat. Die Länder sind klein geworden, die Kontinente passen in einen Kurzurlaub. Die Welt zappelt am Gängelband des Touristen. An jeder Pommesbude ein Flughafen. Die Exotik der Reisen wird, all-inklusive, vernichtet. Reisen ist heute wie wenn Du Sex hast und ein anderer Deinen Orgasmus. Unbefriedigend ohne Ende. Und in jedem noch halbwegs interessanten Land hocken die Taliban und warten darauf, den Reisenden ihre Marotten vorzuführen.

Nö, mir gibt der Westweg im Schwarzwald mittlerweile viel und der Mauerweg rund um das ehemalige Westberlin noch mehr: Kultur, Geschichte, Natur und die Möglichkeit all das mit Euch zu teilen und Euch die Möglichkeit all das auch selber zu erleben. Viele von Euch haben mich bereits angeschrieben und mir gesagt, dass sie auch demnächst auf dem Mauerweg unterwegs sein werden. Mit manchen werde ich ganz sicher die eine oder andere Etappe mitwandern. Das ist etwas, was es so noch nicht gegeben hat in meinem Wanderleben. Zwischen Delhi und Agra, auf dem sechsspurigen Highway bei 44 Grad geht leider niemand mit von Euch. Nicht einmal für Geld. Selbst die Inder schütteln ihre schwarzen, kokosnussölgetränkt-behaarten Köpfe und weigern sich stets an meiner Seite über das schwarze Band der Straße zu wanken.

Wir in Deutschland stellen immer gerne unser Licht unter den Scheffel. Wir empfinden uns als unfreundlich und streng. Mittlerweile habe ich gelernt: Wahre Gastfreundschaft bedeutet, dass man den Gast genau so behandelt wie seinen Landsmann. Ich brauche kein Perlweisslächeln nur um fünf Sekunden später beschissen zu werden. Und das bietet den Reisenden Deutschland: Wir gehen mit unseren Gästen so um wie mit unsereins – nicht besonders freundlich aber fair. Mein jetziger Gastgeber, Kanu, ein Architekt von Beruf, wird im Herbst nach Berlin kommen – sozusagen ein Austausch der Kulturen. Und wir müssen uns nicht schämen: Deutschland ist ein Kulturland. Auch wenn wir das manchmal nicht so empfinden. Wenn ich Menschen aus dem fernen Ausland einlade, dann weiß ich dass die Chance, dass sie in unsrem Land schlechter behandelt werden als der Durchschnittsdeutsche doch eher gering ist. Hier in Indien zum Bleistift wirst du IMMER schlechter behandelt. Man will eben Dein Geld. Und wenn möglich, viel davon. Bestenfalls alles.

 

 

Berlin-Mitte (10978 km) den 22. Juni 2009

Das ist gegenüber.

Ein paar Türen den Gang runter wohnt doch meine Opernsängerin. Sie übt schon wieder und tut wie eine Flex. Frage: Darf sie das. Jetzt? Mittagspause? Wo der arbeitende Mensch auch mal ein wenig ungestört sein möchte? Aber nein, sie trällert und juchzt in den höchsten Tönen. Wo ich hingehe haben die Menschen Fehlfunktionen: Gestern wollte ich doch noch einmal angeln gehen. Und stellte mich an den Kupfergraben, einem Kanal an dem man seine Ruhe zu haben glaubt. Zuerst war auch alles ruhig. Dann aber kam einer dieser Yuppies mit einem selbstgekauften Boot und fing an vor uns zu wenden. Dies allerdings tat er so unglücklich langsam und, zugegeben, dreist, dass einem Angler die Schnur riss. Die Hutschnur. "Da is' meine Sehne Du Wichser!" brüllte er übers Wasser. Ich legte mein Kinn in die Hand und sah zu. Drama live. Nur für mich. Ohne Eintritt. "Haben Sie überhaupt eine Fischereiberechtigung" meinte Yuppie. Schnippisch. "Jetzt hau endlich ab Du Arsch", brüllte der Angler und verschwindet im Gebüsch. Ein paar Sekunden später tauchte er wieder auf. Er hatte einen faustgrossen Stein dabei. Der flog nun. Ich sah im hinterher. Unglaublich. Schöne hohe Flugbahn. Der Brocken klatschte dicht neben dem Schifflein ins Wasser. "Ey, jetz' mach endlich daste abhaust Du Wichser" wieder der Angler. Ich holte meine Angel leise ein und ging einige Meter nach rechts-aussen. Und dann noch ein paar Meter weiter. Warf meine Angel wieder aus. Man muss ja nicht überall so nahe dabei sein. Gefangen habe ich nichts mehr. Kein Wunder bei dem Geschrei. Da ist selbst den Fischen der Appetit vergangen. Bevor es dann anfing mordsmässig zu gewittern habe ich zusammen gepackt und bin nach Hause gewandert. Kein Fisch ist ja schon beschämend genug. Aber kein Fisch und patschnass... nee, also irgendwo habe ich ja auch noch Würde.

 

 

21.6.: "Keine Gewalt gegen Demonstranten" hat Frau Merkel heute gefordert. Hmm. Naja. Grundsätzlich finde ich das schon OK. Aber ein wenig Gewalt wäre schon OK, wenn ich so manche Demonstrationen hier in Berlin sehe. Das Ding ist doch folgendes: Hier in Berlin darf jeder demonstrieren - ohne Risiko. Das einzige, was einem Demonstranten passieren kann ist, dass er eine nur halb-gare Curry-Wurst erwischt. oder in einen Hundehaufen tritt. Der Rest läuft in staatlich geregelten Bahnen. Da gibt es die Studenten, die meinen dass ihre reichen Eltern nicht für ihr Studium bezahlen sollen, sondern OPEL Angestellte und Otto-Normalverbraucher. PETA demonstriert gegen Pelz, Karstadt erkennt nicht, dass sie einfach scheisse sind und die 68er Generation demonstriert gegen das Altern. Aber grundsätzlich geht es allen gut, alle haben Nahrung, Auskommen und Zukunft. - Dinge, die eigentlich beruhigend wirken. (Menschen demonstrieren eher, wenn sie Hunger leiden, arm sind oder Unsicherheit herrscht). Wenn solche Leute also in Berlin demonstrieren wollen, dann sollten sie schon ein wenig reizbegast oder wenigstens wasserbeworfen werden. Aus Prinzip. Sonst ist das doch keine Demo, sondern eine Prozession.

 

 

20.6.: Während Ihr das lest bin ich schon wieder am Wandern. Ein bisschen wenigstens. Meine Hüfte hat sich sensationell gebessert (weil ich sensationell still gehalten habe)  und jetzt werde ich schauen ob das Teil hält. Ich gehe jetzt meine Fischereiberechtigung holen - das sind sechs Kilometer hin und zurück und das sollte doch eigentlich möglich sein. Auch ganz ohne Hüfte notfalls :-)

Ich komme gerade zurück. Das erste Mal seit mehr als zwanzig Jahren war ich heute angeln. Ein wichtiger Schritt. Etwas, das nicht mit Wandern oder Mord zu tun hat. Irre. Und da sass ich und sah auf das Wasser am Schlossplatz mitten im Stadtzentrum von Berlin und war nahe an ihm gebaut. Zwanzig Jahre - was ist passiert? Anstatt die Grenzen der Welt zu erkunden wurde ich an die Grenzen meines Lebens geführt. Gut, dass wir nicht wissen, was auf uns wartet. Und warum. Wir würden unser Schicksal garantiert nicht wählen, sondern abwählen. Nach zwei Stunden war es dann soweit, der erste (und einzige) Fisch des Tages biss an. Uiuiuiui. Ich wusste gar nicht mehr, was ich nun zu tun habe. Ich war mindestens so erschrocken wie der Fisch. Aber dann setzten die vor zwanzig Jahren gelernten Reflexe ein. Ich wollte den Fisch nicht beschädigen. Er war groß und schön und knapp hinter der Lippe gehakt. Also befreite ich ihn und schickte ihn auf die Reise. Aber der nächste landet in der Pfanne!

 

 

18.6.: Wenn ich abends im Bett liege, dann schaue ich - aus dem dritten Stock - in die graue Wand der wilheminischen Prachtbauten die einst den Boulevard Unter den Linden beidseitig eingerahmt haben. Da diese Straße allerdings so wichtig und mächtig war, schliesslich lagen hier alle Ministerien des Herrn Hitler, beschlossen die Alliierten die damalige Achse des Bösen, die aber nur aus dieser einen Straße bestand, zu bombardieren. Und so wurden die Häuser zur Linken wie zur Rechten zerbombt. Meistens waren es zuerst Luftbomben, die den Häusern mittels Druckwelle die Dächer wegrissen. Wenig später folgten dann Phosphorbömbli, die durch die fehlenden Dächer fielen und die Dachstühle in Brand setzten. Was Stein auf Stein gemauert war, das fiel im Zentrum von Berlin in den letzten Kriegstagen einfach durch die Erschütterungen der Flächenbombardements auch ohne direkten Treffer zusammen. Ein paar Häuser allerdings sind stehen geblieben. Und auf zwei davon, deren Fassade allabendlich beleuchtet wird, gucke ich. Ich hätte es schlimmer treffen können, denn es gibt auch diese typischen Karstadt-Fassaden, bei denen man unweigerlich einen Schritt schneller geht um wieder was netteres zu sehen.

Gestern bin ich noch einmal kurz meine Beine bewegen gegangen - vorsichtig aber immerhin. Und da standen wieder Polizeimotorräder quer auf der Friedrichstraße. Das ist immer das Vorspiel für die Kanzlerkolonne. Die Kanzlerin wird von ihrer Wohnung auf der Museumsinsel in einem wahnsinnigen Tempo zum Bundeskanzleramt geschossen. Man merkt, dass die Politiker uns überhaupt nicht trauen. Die Volksferne ist so weit fortgeschritten, dass man durch das Volk schnell mit einhundert Sachen durchschiessen muss. Wir sind Hindernisse. Bestenfalls. Und schwachsinnig sowieso. Diesen Eindruck bekommt man, wenn die schwer gepanzerten, schwarzen Limousinen mit quietschenden Reifen an Dir vorbeiheulen.

 

 

Berlin-Mitte (10978 km) den 17. Juni 2009

Mauerbau an der Bernauer Strasse im Jahre 1961

Irgendwer besucht immer Berlin - neben den 6,2 Millionen Touristen, meine ich. Heute ist unter anderem der Präsident von Togo in der Stadt. Er wohnt derzeit im selben Block wie ich, weshalb mich die Kolonne interessierte, die unentwegt die Ampeln und Straßen zum Erliegen bringt. Und da ich heute morgen erst einmal den Auflauf umgehen musste fragte ich auch gleich einen der in Weiß gekleideten Schutzmänner was denn nun eigentlich los wäre. "Das ist der Präsident von Togo. Meinte der. Würdevoll. "Denn pass ma auf, das der kein Asyl beantracht" meinte ein alter Berliner, der grad vorbeimarschierte. Ich warf mich weg vor Lachen.

Eigentlich sollte genau jetzt mein Bett angeliefert werden. Aber das Bett kommt nicht. Dafür tausende Studenten. Und Hubschrauber und Hundertschaften Polizei, denn in die Bannmeile dürfen sie nicht eindringen. Also Demo statt Daunen! Ach ist das blöd. Aber wenigstens ist der Reggae cool. Solche Demos bräuchten wir öfters. Dann kann ich mein Radio abmelden. Allerdings sollten die Leute jetzt bitte wieder gehen, denn ich will mein Bett. Dafür bin ich auch gerne bereit jeder Forderung der Studenten zuzustimmen. Ein Mensch kann schliesslich Berge versetzen

Er kann aber auch Sinnvolleres tun. Zum Beispiel sich jetzt sofort die Kopfhörer aufsetzen und Clapton hören - denn draußen ist wieder ein Vampir angekommen, der diesmal Leierkasten spielt, für die Menschen, die gerne einen ruhigen Abend verleben wollen. Wenn die genug bezahlt haben, zieht er weiter. Die Leute tauchen immer erst nach Sonnenuntergang auf. Vampire halt.

 

 

Ich habe mich vorgestern und gestern nicht gemeldet, da ich Arzttermine hatte. Grund ist, dass ich durch die tiefen Stichverletzungen an meinem rechten Bein muskuläre Schäden davongetragen habe, die vor allem dazu führen dass die Muskulatur nicht mehr so viel Energie „speichern“ und abgeben kann. Das bedeutete, die letzten zwanzig Kilometer eines vierzig Kilometer Tages benutze ich vorwiegend das linke Bein um anzuschieben. Und meine Hüfte revanchiert sich nun für die dauernde Überlastung und gibt mit einer massiven Schleimbeutelentzündung erste, auch akustisch deutlich vernehmbare Warnsignale: Der Schleimbeutel zündet und ich jaule.

Jesses. So was habe ich auch noch nicht erlebt: Von Hundert auf Null in 0 Sekunden. Ich esse nur sehr wenig und das war gut so, sonst hätte ich sofort gekotzt. Ich habe gedacht mir reisst jemand das Bein ab! Es ist wunderschön, gesund zu sein. Wie wichtig der gesunde und schmerzfreie aufrechte Gang ist, den wir jeden Tag ohne ihn zu merken geniessen, das merkt man vor allem dann, wenn man keine Treppen mehr gehen kann (ich kann derzeit nur treppab marschieren). Dann möchtest Du z.B. die U-Bahn benutzen und stellst fest, dass diese aber nur einen Aufzug hat, der sich am anderen Ende des Blocks befindet. Bestenfalls. Wenn die Station keinen Aufzug hat, dann nur eine Rolltreppe. Und wenn die kaputt ist, dann sitzt Du in der Falle - auch ohne Speck! Ich habe also mehrere Aufträge bekommen: Hüfte schonen (und das bedeutet nicht nur nicht gehen, sondern auch z.B. Beine nicht verknoten, im Sitzen Schuhe zubinden und solche Scherze). Und alle paar Minuten, wenn ich eben doch wieder eine Bewegung mache die "falsch" ist, dann gebe ich ein grunzen von mir - und danke Gott dass das hoffentlich bald vorbei ist. Andere Menschen müssen damit den Rest ihres Lebens leben...

 

 

14.6.: Was mich heute beim Aufwachen beschäftigt hat: Können auch Vegetarier Schweinegrippe bekommen? Ach sei es drum: Es ist der Tag des Herrn und ich habe nicht mal Schnupfen. Die Pandemie kommt bei mir nicht rein. Ich habe Videoüberwachung. Ihr Lieben, ich kann momentan kaum kreuchen und weiss nicht warum (aber: Schweinegrippe ist es nicht - ich bin Vegetarier). Morgen mehr. Euch allen einen wunder-wunderbaren Sonntag.

12.6.: Das heutige Bild, mit dem ich Euch ein paar Stunden alleine lasse, zeigt den Mauerbau von 1961 und die Mauergucker von heute. Natürlich sieht man von oben besser als von unten, aber die Tristesse der Bernauer Straße bleibt sich doch irgendwie gleich - egal, aus welchem Winkel der Blick geworfen wird. Ich bin heute wunderschöne Wege gewandert. Und ich kam an einem Trödelmarkt vorbei. Da habe ich dann schnell einen Kontrollgang gemacht. Mann, was waren denn das für Sachen? Nur schreckliche Dinge und noch schrecklichere Dinge wurden angeboten. Und ein Mann mit Schnurrbart ging immer hinter mir her und fragte „Handy? Handy?“ Ich weiss nicht, ob er mir eins verkaufen oder meins haben wollte? Ich habe aber auch nicht gefragt. Ich bin ja schon sehr interessiert an alten Dingen. Postkarten. Antike Möbel sowieso. Aber das, das war einfach Müll der auf dem Boden zu ansehnlichen Häufen zusammengeschichtet worden war. Auf den Schreck kaufte ich beim Netto zwei Brötchen mit Käse für € 2,10 brutto und sah zu, wie der einzige Vietnamese weit und breit auf dem Fahrradständer sass, versuchte nicht wie ein vietnamesischer Zigarettendealer auszusehen, und auf Kundschaft wartete. Immer wieder fuhren Fahrzeuge an ihm vorbei (dicke BMWs, Mercedes und so) und zeigten im entweder einen Finger oder zwei Finger. Der Vietnamese ging dann hinter den Netto zu seinem Lager und holte Zigarettenstangen. Eine oder zwei eben. Die Stange fürn Zehner. Florierendes Geschäft. Wenigstens bei ihm ist die Wirtschaftskrise noch nicht angekommen. Würde ArCanDor die Stange Fluppen für zehn Euro verkaufen wäre deren Ramschladen auch rammelvoll. Aber so? Neee. Geht ja gar nicht! Mir persönlich sind diese emsigen Vietnamesen immer noch lieber als die dreiste Roma-Bande, die hier Fenster „putzt“ und Dir, wenn Du nicht sofort mit der Kohle rüberrückst, eine Dalle in Dein Auto treten. So. Ich habe Termin. Wir sehen uns später! Danke fürs Kommen allerseits.

 

 

Bornholmer Straße (10978 km) den 11. Juni 2009

Fotos machen. Eine der wichtigeren Verichtungen der Touristen. Hier fotografieren sie die Mauer, die nicht mehr ist.

Zum heutigen Bild: Der exakte Verlauf der Ex-Mauer ist in Berlin-Mitte und in weiten Teilen der Stadt durch eine doppelte Reihe Pflastersteine gekennzeichnet.  Was wir immer gerne als "Mauer" bezeichnen, das war doch eher nur ein Mäuerchen. Ca. zehn Zentimeter im Schnitt waren die Mauersegmente dick, also alles andere als ein Bauwerk für die Ewigkeit. Es ist spannend zu sehen, was die Mauer trennte und was davon noch übrig ist. Wenige Meter von hier kann man an einem alten, zum Abriss verdonnerten Gebäude noch alte DDR-Straßenlaternen sehen die wie schwarze Schuhkartons aussehen. Diese Lampen waren überall in der DDR zuhause. Auf Messen versuchte man auch den West-Deutschen die Standardlösung anzubieten. Ende vom Lied war, dass die Vertreter der volkseigenen Lampen in Ermangelung von Kunden bei AEG und Siemens sassen und (West)Kaffee tranken bevor sie wieder hinter den Vorhang zurück mussten wo ja ihre Familien in einer Art Geiselhaft gehalten wurden damit der Papa (samt  volkseigenen Lampen) auch wieder zurück kam. Das weiss ich von einem Zeitzeugen, der dabei war, meinem Vater.

Mittlerweile bin ich wieder zurück. Es stürmte und regnete und stürmte. Die Jugendlichen mühten sich am Kinderspielplatz ab ihre Tüte anzuzünden und die Sprayer hockten farblos unter einem Baum. Ich ging die Bernauer Straße entlang, an der viele Tote zu beklagen waren, da sie aus ihren Häusern in die Freiheit sprangen und nach wenigen Sekunden in Freiheit - und freiem Fall befindlich - auf dem Boden aufschlugen und starben. Wie tief muss die Verzweiflung dieser Menschen gewesen sein? Die Angst davor, von ihren Familien getrennt zu sein? Und in der Bernauer Straße wurde DAS Foto des lauwarmen Krieges geschossen: Die Flucht von Conrad Schumann. Ein genialer Shot. Und ein toller Mensch, der das System der DDR nicht mit Worten, sondern mit einer Tat in die Schranken gewiesen hat die dumm, verwegen aber auch mutig und genial war.

 

 

Nordbahnhof (10968 km) den 10. Juni 2009

So ne Art Ost-Karstadt... lange vorbei.

Ich muss die Anzahl der Mauertoten revidieren. Es waren nicht 121 sondern 172 durch die Mauer verstorbene Menschen. Nicht immer war es Mord. Zum Beispiel hat ein Grenzer aus Versehen ein Kind ins Herz getroffen als er den Kids die Maschinenpistole zeigen wollte. Ich bin heute zügig durch die Innenstadt gegangen. Am Reichstagsufer vorbei und dann unter dem Hauptbahnhof hindurch an eine der zahlreichen Erinnerungsstätten. Wie seltsam unterschiedlich die Auffassungen waren sieht man auf dem Invalidenfriedhof auf der eine Gedenktafel an die Schiesserei zwischen West und Ostberliner Polizisten erinnert. Der 14-jährige Schüler Wilfried Tews wurde bei der Flucht im Wasser schwimmend erwischt, mit 128 Schüssen eingedeckt und acht Mal in Beine, Hüfte, Arme und Lunge getroffen. Die Polizisten zogen den reichlich lädierten Jungen aus dem Wasser und wurden dabei von ihren Ost-Kollegen, die anscheinend genug Munition dabei hatten, ebenfalls unter Feuer genommen. Daraufhin rief einer der Polizisten "Jetzt gebt uns doch endlich Feuerschutz!". Die West-Kollegen schossen daraufhin und sie schossen schnell und scharf. Einer der Ost-Schützen wurde in den Bauch getroffen und verstarb, einen weiteren Grenzer schossen sie von einer Mauer. Und dann war Ruhe im Busch. Ich bin zwar gegen Waffengewalt, finde sie hier aber durchaus gerechtfertigt. Ich hätte allerdings vielleicht nicht ganz so lange gewartet. Auf einem Schild sind Presseberichte aus Ost und West nebeneinander ausgestellt. "Wir" feiern in der Presse die Rettung des Schülers und "die" hassten uns, weil wir einen der ihren erlegt hatten.

Direkt daneben, in der Kieler Straße, steht ein Wachturm in dem der jüngere Bruder des getöteten Günter Litfin, der der erste durch Schusswaffen hingerichtete Flüchtling war, Führungen gibt. Der Grenzturm wurde zur Gedenkstätte Günter Litfin. Ich klingelte und Jürgen Litfin schaute kurz raus, hatte aber keine Zeit und ich auch nicht. Ich musste schliesslich weiter. Aber ich werde mich mit Herrn Litfin noch treffen. Sei es drum: Ich bin mir sicher, dass auch nach dem Fall der Mauer und nach den Verschärfungen des Waffenrechtes und nach dem Verbot der Großkalibrigen Waffen für Jugendliche und und und... das Morden in Deutschland lustig weiter gehen wird.

Wie viele Tote an der innerdeutschen Grenze starben, die unser Land von oben bis unten in zwei Hälften teilte? Die endgültigen Zahlen werden erst noch ermittelt. Aber die Zahl der namentlich bekannten Toten ist bereits erschreckend genug und faszinierend zugleich: 1065 Menschen wurden an der Berliner Mauer und in der Zonengrenze ermordet. Wer hätte gedacht, dass in Deutschland so schnell nach Ende des zweiten Weltkrieges erneut ein institutionalisiertes, vom Staat befördertes Morden beginnt? Einfach erschreckend irre.

Wer mich in Berlin besucht, dem kann ich gerne die interessantesten oder bizarrsten Stellen des Mauerweges zeigen. Für diejenigen, die sich den ganzen Weg zutrauen (er ist  zwar sehr unbequem und schwierig zu verstehen, aber dafür sehr bequem und einfach zu erwandern) rate ich ihn zu gehen. Mehr noch als der Jakobsweg oder andere Wege weiss dieser  unscheinbare, oft innerstädtische Pfad den Wanderer tief zu beeindrucken. Wer diesen Weg gegangen ist, der wird Mauern besser verstehen können.

Ich habe gestern ganz vergessen, was für ein merkwürdiges Bauwerk ich erreicht habe: Die Glienicker Brücke. Ich drehe heute die Richtung und marschiere in ein paar Minuten erneut vom Brandenburger Tor ab, diesmal rechts herum und wieder zur Glienicker Brücke zurück. Grund dafür ist, dass die Glienicker Brücke für mich ein kernigeres, brauchbareres Ende des Mauerweges darstellt, als es das abgegriffene und leicht puschelige Brandenburger Tor wäre. Diese Brücke war nämlich der Ort, an dem die USA und die UdSSR bei Nacht und Nebel gefangene Agenten austauschte. Dafür gab es sogar ein Protokoll: Ein weisser Strich auf der Mitte der Brücke markierte die Grenze. Auf beiden Seiten öffneten sich die Tore der Grenze und schwarze Karossen fuhren auf die Brücke an den Strich heran. Die Agenten wurden ausgetauscht. Die Karossen fuhren zurück. Die Tore schlossen sich. Mitten in Deutschland wohlgemerkt. Nicht in einer Bananenrepublik, sondern in Deutschland. (Das muss man sich immer wieder sagen, weil man es ja kaum glauben mag). Das Geschehen auf dieser Brücke symbolisiert, worum es eigentlich ging: Ein Spiel der Mächtigen. Berlin war die Kulisse und seine Bürger Statisten. Einen bizarreren Ort eine solch merkwürdige Rundwanderung zu beenden kann es nicht geben.

 

 

Glienicker Brücke (10960 km) den 9. Juni 2009

8.6.09 Glienickersee (10953 km)

Der Stacheldraht hat Eindruck hinterlassen.

Zuerst kurz zum heutigen Bild. Dieses habe ich mitten im Wald in der Nähe der ehemaligen Grenzstation 'Dreilinden' (Checkpoint Bravo) für Euch geschossen. Damit es nicht zu "Unfällen" kam, schliesslich wurde an der Mauer scharf und schnell geschossen, hatte auch die deutsche Seite Absperrungen mitten im Wald eingerichtet. Der Draht des Schutzzaunes, der vor der Mauer gespannt wurde, den könnt Ihr immer noch sehen - als Narben im Holz der Bäume. Das fand ich sehr, sehr beeindruckend denn es zeigt, dass die Geschichte eben noch nicht lange Geschichte ist.

Ein paar Jahre zuvor, da gab es Deutschland technisch nicht mehr. Für einige Monate. Und weil wir nicht mehr waren, deswegen mussten sich andere beraten, was wir sein sollen. „Friedlich!“ war vermutlich der erste Wunsch der Siegermächte, die allerdings auch zerlumpt und zerschossen an den Verhandlungstisch humpelten. Ausser mit den Amerikanern waren wir zumindest in unserem Leid auf Augenhöhe mit unseren Siegern. Und vielleicht war das unser Glück, denn die „Sieger“ haben verstanden dass die Frauen und Kinder in Deutschland mit dem Krieg genauso wenig gemein hatten wie die Frauen und Kinder bei ihnen daheim.

Und weil alles am Tisch verhandelt werden muss (ich habe seit heute wieder einen!), deswegen trafen sich die Mächtigen in Berlin. In Potsdam. Und kurz nachdem ich heute losmarschiert war kam ich an der Truman-Villa vorbei. Die hiess selbstverständlich vorher nicht so, aber dem Herrn Truman war egal wie sie hiess oder wessen Name auf dem Klingelschild stand. In guter alter Berliner Manier hausbesetzte er sie einfach. So. Da. Und Churchill und Stalin taten das gleiche ein paar Häuser weiter. Kleine Anekdote nebenbei: Die Abwürfe der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki wurden aus genau dieser Villa schriftlich von Truman befohlen. Von wegen von unserem Boden geht nach dem Krieg kein Unheil mehr aus...

Dabei kann man manchen deutschen Boden derzeit gar nicht betreten - unter anderem den Uferweg des Griebnitzsees. "Wir sind für einen freien Uferweg und Mieter. Sie wollen sich beschweren? Klingeln Sie beim Besitzer. Nächste Tür. Obere Klingel". OK. Dachte ich. Mache ich. So ein Miststück aber auch: Eine stinkige Villa zu besitzen darf nicht bedeuten, den Uferweg einfach dicht zu machen. Und so klingelte ich. Aber es machte niemand auf. Und es erwiderte auch sonst niemand meine Klingelei. Schade. Aber ich bin sicher, da wird öfter geklingelt :-) (Übrigens sind diese Villen alles andere als solide. Es gibt vielfach Bauten, die sind aussen pfui und unter dem abgebröckelten Putz auch pfui und sonst auch pfui. Die meisten Villen sind keine soliden Bauten, sondern wurden fix an den See gemauert um ganz nahe beim König zu wohnen, der in den Sommermonaten dort in seinem Schloss regierte).

Das Erinnerungsschild an den Aufenthalt des Herrn Stalin liest sich ein wenig seltsam: "In diesem Hause wohnte während der Verhandlungen der Alliierten zum Potsdamer Abkommen vom 17. Juli bis 2. August 1945 die sowjetische Delegation under der Leitung von J. W. Stalin". Klingt ein wenig nach Fischchöre. Unter der Leitung von Gotthilf Fischer. :-)

 

 

Lichterfelde Süd (10933 km) den 7. Juni 2009

So wunderschön ist es in Berlin.

Der heutige Tag begann interessant und endete mit zwanzig Kilometern Wanderung durch ausnahmslos schöne Natur. Großartiger Natur. Fünfzig Jahre unberührter Natur. Der Mauerweg ist einer der überraschendsten Wege, die ich je gegangen bin.

Als ich heute morgen aus meinem Fenster sah (die Beleuchtung des Zollernhof, auf dessen Fassade ich schaue, strahlte noch - Zeichen, dass es früh am Morgen ist), da regnete es. Und so stand ich auf, trank meinen Kaffee und fuhr dann mit der Regionalbahn zum Schönefelder Flughafen, früher dem Heimathafen der staatlichen DDR-Fluglinie Interflug. Nur wenige Minuten nach meinem Abmarsch erreichte ich einen alten Kolonnenweg. Die alten, rostigen Peitschenlampen stehen nach wie vor über dem schmalen Betonstreifen. Man kann sehen und fühlen, wie kühl und professionell die Menschen dem Morden nach gegangen sind. Das Töten stand auf dem Dienstplan. Die Waffe war Werkzeug. Das ist die Gefahr mit uns Deutschen: Wir sind sehr diszipliniert, ordnungsbewusst, obrigkeitshörig, gründlich und innovativ. Das, was unsere Wirtschaft stärkt, das macht uns auch zu einem der gefährlichsten Völker - immer noch! Denn zwischen Recht und Unrecht, Krieg und Frieden, Rechtsstaat und Überwachungsstaat ist es nur ein kleiner Schritt.

Ganz im Gegensatz zu der grauenhaften, tödlichen Geschichte dieses Weges, auf dem Du als Wanderer vor zwanzig Jahren mit an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit erschossen worden wärst, steht die intakte Natur. Das irre Ensemble könnte direkt einem Stephen King Roman entstammen: Der Weg, der Fleisch frass und Blut soff. 172 Menschen wurden an der Berliner Mauer erschossen oder oder kamen anderweitig zu Tode, darunter mehrere Kinder die in die Spree gefallen waren und nicht gerettet werden konnten.

Und was es zu sehen gab? Och. Wie jeden Tag halt. Haufenweise!

Kurz nachdem ich gestern abmarschiert war, erreichte ich die Gropiusstadt, die am 7. November 1962 von Willy Brandt (damals Regierender Bürgermeister von Berlin) und Theodor Heuss gegrundsteinlegt wurde. Klar, dass man 50000 Menschen nicht in 18500 Wohnungen sperren kann, die sich zwanzig Stockwerke hoch in den Himmel schrauben ohne Feindseligkeiten heraufzubeschwören. Und so gilt die Gropiusstadt als schwieriges Pflaster. Christiane F. ist die wohl prominenteste Einwohnerin. Sie lebte dort. Und kam durch die Dokumentation "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" zu Ruhm. Dann kam wieder ein Holzkreuz. Diesmal hatten die Grenzer keine Frischlinge geschossen, aber immerhin einen kapitalen 23jährigen. "Horst Kullack - am 1. Januar 1972 bei einem Fluchversuch nach Lichtenrade von Grenzsoldaten beschossen und später verstorben" steht dort. Und wem das noch nicht bizarr genug ist, der kann sich das Notaufnahmelager Marienfelde anschauen (das ebenfalls von Theodor Heuss eingeweiht wurde). Insgesamt wurden 1,35 Millionen Menschen in diesem Notaufnahmelager versorgt und einer artgemässen Verwendung in Westdeutschland zugeführt. Technisch ausgedrückt. :-) Danach folgten in relativ kurzer Zeit noch 2,5 Millionen Aussiedler aus Russland und den anderen Bruchstücken des sowjetischen Reichs. Wer jetzt noch nicht genug hat von Geschichte, der wandert umgehend an der ersten Straßenbahn der Welt vorbei, die im Jahre 1881 den Bahnhof Lichterfelde-Ost mit der Hauptkadettenanstalt  verband um das per Zug angereiste Kanonenfutter schneller zur Ausbildung zu bringen. Es folgt die ehemalige "Geisterstadt", in der die Amis den Häuserkampf übten und dann wars das auch mit dem Marschtag auf dem Mauerweg.

Was diese Wanderung so interessant macht, ist die "harte Stadtkante" Berlins. Berlin hört einfach auf. Es meandert nicht endlos in die Landschaft sondern nach der letzten Straße ist definitiv Schluss. Und diese Stadtkante wird von verschiedenen Vereinen gepflegt, die - ohne auf Politik und Proporz zu achten - Bäume pflanzen, ehemalige Weiher wieder herstellen und Wanderwege entmüllen und betreuen. Unterstützt werden sie dabei mittlerweile von der Jugendarrestanstalt Berlin die mit kleinen Gruppen von Jugendlichen den Mauerstreifen pflegen. Am allerbesten ist aber, dass ich so nahe an meiner Wohnung wandere, dass ich meine Alltagsgeschäfte ganz normal abarbeiten kann. Am Freitag treffe ich mich mit einer Vereinigung von Eltern toter Kinder. Heute steht ein Telefonat mit einer Stiftung auf dem Programm. Nebenbei wandere ich. Dann schnell wieder nach Hause: Möbel kommen. Und dann wieder weiter. Im Takt.

 

 

Flughafen Schönefeld (10905 km) den 6. Juni 2009

Mahnmahl für die Mauertoten von Treptow, darunter auch Kinder.

Nach 34 Kilometern habe ich heute den Marschbetrieb tief beeindruckt eingestellt. Es gibt nicht viel, das mich noch wirklich beeindruckt. Ich habe das Taj Mahal gesehen, im Himalaya an den höchsten Bergen der Welt gestanden - und an den tiefsten Schluchten - ich habe Wüsten durchwandert, einen Taipan geärgert, bin von einem anderthalb Meter langen Waran richtig bös gebissen worden und habe in Pakistan von zwanzig Menschen gleichzeitig wüst Dresche bezogen, weil ich den Namen des Propheten gelästert habe(n soll). Kurz bevor ich plattgehauen worden wäre ist einer der Dorfältesten dazwischen gegangen. Damals war ein Menschenleben in dem Land noch was wert.

Aber der Mauerweg, der ist etwas ganz besonders und vielleicht der entsetzlichste und zugleich wichtigste Weg der Welt. Zuerst beginnst Du mit grossem Interesse. Checkpoint Charlie zieht an Dir vorüber. Danach geht es im Zickzack durch Kreuzberg und Friedrichshain. Hier eine alte Brücke und da ein Hausbesetzerlager. Aber es war erst zehn Uhr morgens. Da schliefen alle noch. Dann erreichst Du die East Side Gallery, von der die Stadtplaner nicht verstehen, dass die Kunst der East Side Gallery kein Museum werden sollte. Dass die Bilder mit der Zeit verwittern und übermalt werden würden, ist die Natur der Dinge. Berlin macht nun eine spiessige Version der East Side Gallery und übertüncht die Mauer weiss und lässt die ersten Maler ihre Kunstwerke erneut malern um sie danach vor „Vandalen“ zu beschützen. Na wem's gefällt...

Und dann kommt der schlimme Teil der Mauer. Die Geschichte holt Dich ein wie ein Pitbull und reisst Dir Stücke aus der Seele: Zuerst kommt die wunderbare, verträumte Flußaue  des Landwehrkanals (in dem einst die Leiche von Dr. Rosa Luxemburg trieb) und dann stehst Du unversehens vor einem Schild, auf dem steht „In Treptow starben fünfzehn Menschen an der Berliner Mauer. Unter den Opfern waren zwei Kinder. Jörg Hartmann, 10 Jahre alt und Lothar Schleusener, 13 Jahre alt, erschossen am 14. 3. 1966.“ Die Omma, bei der Jörg lebte, die wohnte im Osten und sein Vater im Westen. Die Kinder wollten einfach mal ein Besüchlein machen. Jörg wird mehrfach in den Kopf geschossen und Lothar erging es wenig besser, er starb ein paar Stunden später. Während die Soldaten zu einem Empfang beim Ost-Berliner Stadtkommandanten geladen wurden und dort Auszeichnungen erhielten, wurden die Kinder schnell eingeäschert. Den Eltern wurden alsbald die Asche ihrer Söhne samt Lügengeschichten aufgetischt.

Und so geht das Kilometer für Kilometer. Nein, der Mauerweg ist kein schöner Wanderweg, aber ein wichtiger, weil er Dir die Geschichte mit der Brutalität in die Fresse haut mit der die Verbrechen verübt wurden. Kurz nach dem Mahnmal für die Treptower kommt erneut eine wunderschöne, grüne Wiese mit Wildkräutern und einem durchgeknallten Graureiher der sich einfach mal drei Meter vor mir auf ein Geländer setzte, kurz mächtig kackte, sich kurz noch einmal umguckte und dann abhob. Dort steht ein Mahnmal für den zwanzigjährigen Chris Gueffroy. Der wollte auch rübermachen und hatte von irgendjemandem gehört, dass der Schiessbefehl aufgehoben worden sei. Spätestens nach dem zehnten Einschuss, der diesmal seine Brust durchdrang, muss er gemerkt haben, dass dem nicht so war. Aber da war er dann auch schon tot. Dummerweise wurde nur wenige Tage nach dem Mord die Grenze in Ungarn geöffnet und ein paar Monate später gab es die Mauer nicht mehr. Sven Hübner, der damals Politoffizier des betroffenen Grenzabschnittes war ist mittlerweile in führender Position bei der Bundespolizei tätig. Er kennt sich mit der Bewachung der Grenzen gut aus.

Ein Gedanke hat mich heute viele Kilometer lang beschäftigt: Ich glaube wir lassen das falsche Geschlecht die Geschicke steuern: Männer sind territoriale, kämpfende, brutale und opportunistische Wesen die nicht sehr weit denken können. Männern fehlt häufig Empathie und Einfühlungsvermögen. Ich denke, die Menschheit wäre besser dran, wenn mehr Frauen an Entscheidungen beteiligt würden. Die Männergesellschaft in Berlin und an anderen Orten hat einen ganz schönen Mist zusammenregiert.

 

 

Peter-Fechter-Mahnmal (10871 km) den 5. Juni 2009

Der Schiessbefehl ist zur Zeit ausgesetzt...

Da bin ich wieder. Nach Sonnenaufgang wartete ich erst einmal auf den Techniker von 1 & 1, der mir die Leitungen in meinem Apartment zurecht rücken sollte. Aber aus dem Warten wurde Langeweile. Dann sah ich einen Mann vor dem Haus stehen, der aussah wie ein Fernmeldetechniker. Wie ein Fernmeldetechniker ausschaut? Na drahtig halt. Ich rief ihn. Und er fragte mich, ob ich Simon heissen würde. Ich überlegte nicht lange und bejahte. Dann öffnete ich ihm. Gemeinsam mussten wir in die Katakomben absteigen, dem Servicekeller unseres Hauses. Da das Haus erst vor kurzem umgebaut wurde sind die Telefonkabel noch nicht in der Buchse angeklemmt. Hunderte von Kabel kommen wasserfallartig aus der Decke und hängen wirr im Raum herum. Das war spannend. Ich war noch nie in so einem Keller. Wir mussten nun aus dem Kabelgewirr das Kabel finden, auf dem "304" draufstand. Das dauerte. Ewig. Dann fanden wir mein Kabel - und es war das kürzeste von allen. Schiete. Es reichte gerade so noch in den Verteilerkasten. Ich wurde angestöpselt und dann war es das auch. Wir gingen wieder hoch, packten die übrigen Kabel in eine Buchse und der Fernmeldetechniker machte sich wieder auf den Heimweg. Während er packte, zog ich mir schnell meine LOWA Stiefel an, denn, Wurst wie spät, (mittlerweile war es 15.00 Uhr): das erste Stückchen Weges würde ich schaffen - von meiner Wohnung zum Brandenburger Tor und dann über den Potsdamer Platz zum Peter-Fechter-Mahnmal. Und dort, am Mahnmal möchte ich gerne Morgen losgehen, die Mauer entlang.

Was mich heute am meisten fasziniert hat ist, wie unscheinbar die Mauer geworden ist. Ganz klein. Nur zwei Reihen Pflastersteine an den meisten Orten erinnern daran, dass da mal eine Mauer stand, die normale Menschen zu Tieren mit Fluchtreflexen machte. Eingesperrt. Panisch. Ein Streifen der Schande. Eine Kette der Kälte. Und viele Menschen scheinen nicht zu wissen, dass sie auf heiligem Boden parken. Oder gehen. Oder stehen. Die Mauer hat, im Gesamten betrachtet, den Menschen im Osten das Wichtigste aller Güter genommen, ihre Freiheit. Könnte man meinen. Ist aber nicht so. Auch die Menschen im Osten haben gelebt und geliebt und nicht nur gehaust und vegetiert.

Was die Mauer uns vor allem genommen hat, und das ist vielleicht der schädlichste und am längsten nachwirkende Schockschaden, ist eine gleiche Herkunft. Mehrere Generationen, hüben wie drüben, blicken auf eine ganz andere Geschichte, ganz andere Werte zurück. Und genau deshalb sind die neuen Bundesländer keine „anderen“ oder „uns ähnlichen“ Bundesländer, sondern uns im Grunde erst einmal völlig fremd. Der Fall der Mauer, so symbolisch er auch sein mag und so sehr er gefeiert wird ist, meine ich, das Zusammentreffen zweier Länder mit einer eigenen Identität und mit Recht auf Würde. Dass wir die Nationalhyme der DDR einfach abgeschafft haben und im Grunde alles  uns untergeordnet und gleichgestellt haben mag technisch korrekt sein, tatsächlich ist es aber eine Missachtung der Menschen und ihrer Herkunft. Man hätte vieles viel besser machen können. Auch noch heute.

Das Wort "Unrechtsstaat" sollte von uns, dem westlicheren der zwei Länder, nicht in den Mund genommen werden. Schon gar nicht aus Wahlkampfzwecken. Denn wenn wir meinen, einen Unrechtsstaat erkannt haben zu müssen, dann könnten wir uns nachsagen lassen ein auf faschistischen Wurzeln beruhendes System zu sein (und es ist fair und anständig, dass diese Pauschalisierung nie getroffen wurde): Bei "uns" wurde ein Scharfrichter der NSDAP Ministerpräsident und der Sohn eines Nazi-Generals Oberbürgermeister, der Co-Reichsstudentenführer wurde Arbeitgeberpräsident und die Familien Quandt und Thyssen und wie sie alle hiessen - und heissen - regieren unseren "Rechtsstaat" aus dem Verborgenen, Schande hin oder her.

All das geht einem durch den Kopf, wenn man diesen unscheinbaren Streifen entlang geht, der Jahrzehnte lang schwerer zu überwinden war, als die Distanz zum Mond. Das Paradoxe ist, dass die Mauer, so grausam sie war, die Zeit, die sie als positives Mahnmal überdauern wird die relativ kurze Zeit des Leides bei weitem in den Schatten stellen wird: Sie war nur 28 Jahre lang ein Stein des Anstosses. Für den Rest der Zeit wird sie den Völkern als Wegweiser dienen.

Das heutige Bild? Zeigt einen der ganz wenigen Wachtürme die im Berliner Stadtgebiet überlebt haben. Er steht fünf Gehminuten von meiner Bleibe entfernt am Potsdamer Platz. Derzeit ist ein Bauzaun aufgebaut, weil dort irgend etwas gebaut wird. Ich habe den Bauzaun dazu benutzt, ein wenig Maueratmosphäre aufzubauen, da der Turm ja heute nicht mehr an der Mauer steht, sondern mitten in der Stadt.

 

 

Berlin-Mitte (10861 km) den 4. Juni 2009

Weil es so schön ist, noch einmal...

Morgen gegen sechs Uhr gehe ich auf den Mauerweg. Pünktlich zu Beginn dieses kurzen aber spektakulären Themenmarsches ist es kühl geworden in Berlin. Der Mauerweg folgt dem 165 Kilometer langen Verlauf der Mauer rund um das ehemalige West-Berlin (ich lebe auf dem Gebiet der früheren DDR). Ab Morgen werden wir also gemeinsam auf Reste-Jagd gehen, ich zu Fuß und Ihr am PC. Es gibt immer noch viel zu sehen: Wachtürme. Mauerreste. Mahnmale. Gedenkstätten für die ermordeten Menschen, die für ihre Freiheit einen zu großen Preis gezahlt haben und deren Mörder zum Teil unter uns leben und sich keiner Schuld bewusst sind. Aber mehr davon morgen, wenn ich auf dem Weg bin. Jetzt bin ich das noch nicht.

Ich musste gerade noch einmal schnell einen entkalkendes Mittel für Bad und Küche kaufen gehen, da das Berliner Stadtwasser aus dem Hahn rieselt, so viel Kalk ist in dem Wasser hier. Ich denke, dass ich mir früher oder noch früher einen Filter anschaffen werde, denn das Wasser ist mir nicht geheuer. Das Einkaufen hier ist zu jeder Tageszeit ein sich durch die Menge geschiebe. Touristen haben es gar nicht eilig. Die meisten schleichen durch die Gegend als hätten sie zwei neue Hüftgelenke. Und so schleiche ich eben mit. Und für eine Schleichfahrt zum Edeka muss ich schon zwanzig Minuten einplanen bis ich dann wieder zurückgeschlichen komme. Die Berliner sind nach wie vor sehr nett. Man muss sich ein wenig an die Berliner Schnauze gewöhnen aber grundsätzlich sind die Leute offen und für jeden Schabernack zu haben.

 

 

3.6.: Ich kann weder die Worte "Air France" noch "abgestürzt" mehr hören. Es ist mir wurst, ob ein Flugzeug abstürzt oder nicht. Seit Jahren sterben Tag für Tag 24000 Menschen an Hunger weil der Bordservice unserer Welt ein wenig zu wünschen übrig lässt. Das sind mehr als 100 Air France Flugzeuge. Oder etwa ein Jet alle 14 Minuten. Sind wir hier betroffen und besorgt? Nein. Wir nehmen das Sterben hin. Also erwarte ich, dass das Sterben über dem Atlantik ebenso cool ertragen wird. Staatstrauer? Die Bundeskanzlerin spricht ihr Beileid aus? Ich verstehe, dass wir im Wahlkampf sind und eine Katastrophe eine opportune Sache ist. Aber ein Flugzeugabsturz ist keine Katastrophe sondern ein Nicht-Event: Es ist nichts aussergewöhnliches passiert. Man hat drei Millionen Einzelteile und einige Tonnen Sprit auf eintausend Stundenkilometer beschleunigt und in die Luft geschossen. Und nun ist das Zeug eben wieder runter gekommen. Mehr ist da nicht.

Ich habe mit weitaus weniger Teilen ähnliche Fehlfunktionen: Gestern habe ich mir nämlich eine gebrauchte Waschmaschine gekauft ("Ne Jebrauchsanweisung? Ham mer nich". "Rechnung? Och, die hab ick vergessen. Schick ich Dir, wa?"). Jesses! Bloss die Finger weg von gebrauchten Maschinen! Das Ding hackt und ruckelt. Zuerst wollte es gar nicht waschen, sondern nur pumpen. Es pumpte und pumpte. Davon wird aber eine Wäsche nicht sauber. Nachdem ich unter fernmündlicher Anleitung allerlei heilende Hände aufgelegt habe fing es an zu waschen, das Ding. Endlich! War ich froh! Eine waschende Waschmaschine! Problem: Nun ist fertig gewaschen. Aber die Türe geht nicht auf!? Der Kundendienst kommt heute. Hach. Nun liegt meine Wäsche seit gestern sauber in der Maschine und ich laufe ohne Unterhose in meiner letzten Jeans barfuß durch die Gegend. Ich habe auch keine Socken mehr - die kann ich mir in der Maschine hinter Glas angucken. Wie im Museum. So. Es ist Punkt acht Uhr und ich muss mir die letzten Nachrichten über "Air France" und "abgestürzt"  im Spreeradio anhören. Als ob sich am Ölfleck in den letzten Stunden gravierendes geändert hätte.

Mittlerweile schreibt die Zeitung "Weltweite Trauer um 228 Opfer". Was weltweit vergessen wird ist, dass nur 228 Familien trauern. Der Rest "konsumiert Trauer", ein paar kurze Minuten, um sich danach um so besser zu fühlen denn, puhhhh, wie gut dass man selber nicht betroffen ist. Und die Zeitungen brauchen diese Trauer, denn sie verkauft auflage. Nichts ist besser als die Katastrophe. Mittrauern ist Trend. Genauso wie man sich über Obama freut. Oder über Bohlen ärgert. Das Problem an dieser Erscheinung des Medienzeitalters ist, dass die Gefühle nicht von echten Taten begleitet werden. Echte Trauer reinigt. Echter Ärger beseelt. Echte Freude steckt an. Solche Massenemotionen hinterlassen bei den Menschen, ausser einer kurzen Gefühlsaufwallung, keine wesentliche Veränderung. Kein Leben wird verbessert, gereinigt oder beseelt. Das ist wie ein tropfender Wasserhahn: Die Tropfen, obwohl durchaus reines Wasser, werden nie dazu reichen um den Durst nach echtem Empfinden (und das moderne Single-Leben ist sehr arm an Reizen) zu stillen. Ich trauere nicht mit um die 228 Opfer. Ich kenne die meisten nicht einmal. Ich möchte die Zeitung bitten, ihre Überschrift zu ändern: "Weltweite Trauer um 228 Opfer ohne den Bert Simon aus Berlin" bitte.

 

 

Berlin-Mitte (10861 km) den 2. Juni 2009

Und das ist der Blick nach links.

Zuerst dachte ich heute, dass jemand auf meinem Flur massakriert werden würde. Schreckliche Laute drangen aus einem der Apartments. Folter und Mord pur! Erst nach einigen Minuten bangen Hinhörens stellte ich fest, dass sich die Schreie immer nach dem selben Muster wiederholten. Anstatt mit Handschellen ans Bett gefesselt, befindet sich die junge Dame wohl doch eher als Opernsängerin auf Übungsflug. Sachen gibt‘s. Während ich in meiner alten Behausung ab und an mal eine Kuh muhen hörte, schreien sich die Mädels hier durch die Tonleiter als wäre der Weisse Hai bei der Arbeit.

 

 

1.6.: An Pfingsten ist alles zu. Alles? Nö: Der Bahnhof Berlin-Friedrichstraße, meine Fressecke, ist geöffnet. Und mit ihr auch mein Edeka und mein Reformhaus. Der Rest der Stadt aber ist definitiv durch den heiligen Geist ausgeknockt worden. Heute ist Montag und vier Mordfälle liegen auf meinem Tisch, in die ich mich gerne einarbeiten will - und darf. Während die Mörder (die Ermordeten waren 3, 5, 14 und 21 Jahre alt) von unserer Gesellschaft vorbildlich umsorgt sind, werden die Mütter und Väter der Ermordeten beständig ignoriert. Kuren, Renten und Anträge werden verzögert und Hilfe, wenn nicht sofort abgelehnt dann erst gar nicht angeboten.

Keine Frage: Ich bin für einen guten Strafvollzug, denn der Wert einer Gesellschaft bemisst sich an der Rechtschaffenheit und Gesetzestreue seiner Bürger. Und das deutsche Gesetz sieht einen fairen Umgang mit Straftätern vor. Solch juristische Gurken wie Guantanamo werden in Deutschland nicht gezüchtet. Dafür bringen wir allerdings öfter mal eine Stinkfrucht hervor.

Bei jedem der Mordfälle muss ich die erforderliche Methodik und Rechtsgrundlage lernen: ermordete Kinder im Inland, ermordetes Kind im europäischen Ausland und erwachsenes Kind im Inland. Jeder Fall hat leicht geänderte Rechtsgrundlagen und, das macht es ganz besonders interessant und spannend, andere Ansprechpartner. Wenn im europäischen Ausland gemordet wird, dann regelt z.B. eine EU-Richtlinie wer für was wann und wie zuständig ist. Diese Richtlinie habe ich im Januar gelesen.

Derzeit arbeiten wir mit mehreren Anwälten in Deutschland und im Ausland daran, gebeugtes Recht wieder aufzurichten, nachdem eine Mutter über Jahre und bis heute amtsseitig abgewimmelt wurde der die Tochter geschändet und getötet wurde. Während wir uns ehrenamtlich bzw. pro bono um die Mutter kümmern, wurde unser Antrag auf Hilfe von einer Behörde, die uns durchaus helfen könnte und, nach allen Regeln einer zivilisierten Gesellschaft auch helfen sollte - und zudem auch noch aus Steuermitteln dafür bezahlt wird - allerdings „nicht bekommen“:

„Vielen Dank für Ihre Anfrage und die Schilderung des wirklich tragischen Mordfalls XY. Leider haben wir aber trotz intensiver Recherche den Eingang eines Entschädigungsantrags der Mutter im Bundesministerium XY bislang nicht feststellen können. Frau XY müsste daher zunächst einen entsprechenden Antrag bei uns stellen, damit wir evtl. unterstützend tätig werden können“.

„...eventuell unterstützend“ und "Eingang … Antrag ... bislang nicht feststellen können" - so ist das in Deutschland. Eventuell unterstützen wir die Mutter eines ermordeten Kindes. Vielleicht aber auch nicht. Spätestens jetzt weiß die Behörde um die bestehende Notlage, hilft aber trotzdem nicht.

Wir haben es hier mit einer Feuerwehr zu tun die zusieht, wie ein Haus mit Menschen darin abbrennt und auf einen Antrag zum Löschen wartet - um eventuell unterstützend tätig werden zu können. Wir haben es hier mit Teilen unserer Gesellschaft zu tun, die einen Antrag brauchen um der Mutter eines getöteten Kindes wohlwollend zur Seite zu stehen.

Eine solch unbarmherzige Behandlung ist kein Einzelfall, sondern ganz normal. Unser Land hat es sich zur Gewohnheit gemacht mit der Betroffenheit über die Schande der Vergangenheit die Schuld der Gegenwart zu vertuschen. Der Umgang mit den Überlebenden und Hinterbliebenen schwerster Verbrechen ist in Deutschland skandalös und die Betroffenen willkürlich ausgeübter Gewalt sind oft zu zerstört und zu traurig und zu ohnmächtig, um sich bemerkbar zu machen. Aus der Notlage dieser Menschen allerdings leitet sich keine Selbstverständlichkeit mehr ab. Man kann helfen. Man kann es aber auch lassen.

Der nonchalante Umgang mit furchtbarer Not hat in Deutschland Tradition; eminentes und klar erkennbares Leid wird nach wie vor eher buchhalterisch verwaltet als gelindert Eine Veränderung dieser schlimmen Situation scheint schwer möglich, da die maschinenartig funktionierenden Bürokratie kaum menschliche Züge trägt. Selbst ein vergewaltigtes und getötetes Kind juckt die dort arbeitenden Menschen oft nicht mehr sonderlich: "Wir haben unsere Vorschriften". Aber... ich bin gelernter Ultralangstreckenmarschierer. Ich bin es gewohnt zehntausende Kilometer lange Wege präzise zu gehen und dabei Widerstände so lange zu ertragen, bis sich der Wind dreht.

Das Ziel dieses Weges muss es sein, unser schönes Land so zu gestalten, dass nicht nur die Straftäter gut versorgt und mit Aussicht auf eine sichere Zukunft in Freiheit und Gesundheit leben können, sondern auch deren Opfer.

 

 

Berlin-Mitte (10861 km) den 31. Mai 2009

So sieht das hier aus wenn ich rechts aus dem Fenster schaue.

„Bevor es für mich in ein paar Tagen zum letzten Mal ins Ausland geht (ich werde ans Taj Mahal wandern und dort meine langen Auslandsmärsche beenden) möchte ich Euch schon einmal zeigen, was die Zukunft bringen wird, nämlich Wanderungen die nicht nur ein Ziel sondern nebenbei auch noch Sinn haben. Ich bin älter geworden. Der Reiz der Kilometer zieht nicht mehr so wie früher. Noch einmal zehntausend Kilometer wandern... Wozu? Ist kein Problem. Kann ich. Aber sich auf einen Weg einzulassen, der mit mir spricht, das interessiert mich. Ich brauche mehr Tiefe als Weite. Ab dem 5. Juni wandere ich deswegen den verhältnismässig kurzen, aber dafür unglaublich interessanten Mauerweg. Die Webseite mauerweg.com schreibt: "Der Berliner Mauerweg führt entlang der ehemaligen DDR-Grenzanlagen über knapp 165 Kilometer um die ehemalige "Insel" West- Berlin herum". Das ist nicht nur ein Weg, der uns als Deutsche alle angeht sondern den Ihr ohne große Probleme ebenfalls erreichen und erwandern könnt.

Wer also online mitwandern möchte, der sollte ab dem 5. Juni hier vorbeischauen. Klar könntet Ihr nun denken "Och, is aber langweilig". Aber ist es das wirklich? Langweilig? Ich glaube größere Geschichten von Trennung, Teilung und Zusammenführung gibt es sonst nur noch in Rittersagen und Fabeln. Nach unendlichen Kilometern in der Ferne brenne ich darauf mein Land kennen zu lernen. Es ist mir schon mehrfach aufgefallen dass ich im Ausland Ausländer traf die ein fundierteres Wissen über mein Land auffuhren als ich es hatte.  Ich saß daneben, nickte ernst mit dem Kopf und hoffte, dass ich nicht zu irgendwelchen Details befragt werden würde weil ich nicht den Hauch einer Idee hatte über was da gerade gesprochen wurde... Wir leben ganz sicher in einem der interessantesten Länder dieser Erde. Wir sind kreative Intensivtäter und sind von feingeistiger Feindseligkeit geprägt. Wir haben die Musik beeinflusst, den Menschen das Sonnensystem vorgestellt, das Auto, Fax und die Atomkraft entwickelt und auch Raketen und Atombomben wären ohne uns nicht das, was sie heute wären. Nebenbei haben wir einige Kriege vom Zaun gebrochen die vermutlich (hoffentlich) Rekorde für die Ewigkeit stellen und uns zu unseren Missetaten bekannt - etwas, das andere Länder erst noch lernen müssen. Dieses Land zu entdecken ist ganz sicher eine Herausforderung die mit vielen interessanten Einblicken belohnt wird.

 

 

30.5.: Gerade wird auf dem Dach gegenüber geschossen! Aber das wusste ich schon. Gestern hing ein Zettel an der Türe auf dem das ZDF ankündigte auf dem Dach gegenüber eine Schusswaffe abfeuern zu wollen. Es wird eine weitere Folge der Erfolgsserie Flemming gedreht. Keine Ahnung, was das für eine Sendung ist. Aber anstatt intelligenter Drehbücher braucht das ZDF eine Waffe. Als wenn in Deutschland nicht schon genug geschossen worden wäre. Damit Ihr sehen könnt wie es hier ausschaut habe ich auch geschossen und zwar ein Bild aus meinem Fenster. Während ich hier einzog, bzw. einziehen liess, gab es ein großes Gewitter und dann kam die Sonne raus und strahlte über beide Backen und den Dom und den Fernsehturm. Das sah schon sehr interessant aus. Schnell ein Bild gemacht und dann weiter gesorgt: Wo nur kaufe ich meine Milch? Meinen Käse? Meinen Salat? Hat Berlin überhaupt so etwas wie einen Supermarkt? Im Zentrum? Werde ich verhungern? Zu Euer aller Ruhe: Berlin hat! Ich kaufe jetzt im Bahnhof Friedrichstraße ein. Da gibt es einen Edeka-Citymarkt. Die Preise sind, komisch aber wahr, genau so niedrig oder hoch, wie überall. Und meinen Käse kaufe ich bei Lindner, einem kleinen Laden gleich umme Ecke. Ich hatte gestern zwischen zwei Terminen noch ein bisserl Zeit und bin die Friedrichstraße hochmarschiert. Auf der Suche nach einer Hose. Aber alles was ich fand war Fummel. Die Menschen in Berlin sind Metrosexuell und so sieht auch die Kleidung aus: Leichter Stoff, Bommel, Bänder, Schnitte für den Arsch. Im wahrsten Sinne des Wortes: Man möchte ja zeigen, was man sich im Sportstudio erarbeitet hat. Ich also ein Kaufhaus gefunden. Lafayette hiess das. Oder so ähnlich. Da wanderte ich in meinen LOWA Stiefeln schnurstracks rein. Und dann besah ich mir Reihe nach Reihe nach Reihe den Dachschaden verschiedenster Designer.


Wenn ich mir schon eine Hose kaufe, dann muss die vor allem waschmaschinenfest und unendlich haltbar sein. Das aber gab‘s im Lafayette nicht. Also marschierte ich wieder raus. Die zwei mir folgenden Detektive sahen mindestens so froh wie ich aus, als ich den Laden wieder verliess. Ich passe nicht in diese hochgezüchtete Scheinwelt. Ich bin über den Rand der Erde gestossen worden und habe im Fallen begriffen, dass der schönste Designeranzug den Menschen nicht vorm Verwesen schützt.

So. Und nun schiesst das ZDF schon wieder.

Komme gerade vom Potsdamer Platz zurück und habe Hose. Die Stadt ist unterdessen von Hundertschaften Polizei gesichert und Aufklärungshubschrauber stehen im Himmel. Wer heute Action sucht, der kann entweder Autos in Friedrichshain anzünden, Zank zwischen Werderanern und Leverkusenern anzetteln oder bei den Tamilen mitdemonstrieren. Für ähnlich Absurdes haben wir sonst nur noch die Körperwelten von Gunther von Hagens im Angebot.

Wieso eigentlich Tamilen? Was wollen die noch hier? Der Krieg ist verloren. Der Terror beendet. Jetzt macht Euch endlich vom Acker und haltet nicht unseren Verkehr auf. Ist doch zum Kotzen diese Multikultisuppe, die Deutschland als unterwürfiger Gutmenschenverein da gekocht hat. Kein anderes Land in Europa hat eine solch lächerliche Einwanderungs- und Beherbergungspolitik. Jede Minderheit, die in ihrem eigenen Land Stunk anfängt, die kommt hierher um uns mit ihrem Leid zu beschäftigen. Ich will weder dass die Roma, so verfolgt sie auch sein mögen, mich mit ihren zahlreichen Kindern anbetteln noch dass irgendwelche Asiaten, die von 10000 Kilometer entfernt hierherkommen, unsere Polizeikräfte binden. Jugoslawien: Niemand hat denen gesagt, dass sie die Strände verminen und sich die Hütten zerschiessen sollen. Es war ein wunderschönes Urlaubsland bis sie ihr Hirn ausgeschaltet haben. Und alle reisen nach Deutschland. Nicht nach Italien. Oder Österreich. Sondern nach Deutschland. Kurdistan: Wieso müssen wir für den Unfug herhalten, den sich die Türken und die Kurden seit Jahrhunderten antun? Und nun auch noch die Tamilen… Watt soll denn das?!

So. Und nun schiesst das ZDF schon wieder.

 

 

28.5.: Bin soeben von meinem Mittagsschlaf aufgeschreckt. Es lärmte!!! Vor meinem Fenster! Zuerst wollte ich mal grummelig sein. Dann merkte ich, dass es der Regen war, der in dicken Tropfen auf den Stahl der Balustrade vor meinem Fenster fiel und dieselbe zum Klingen brachte. Diesmal also keine Demonstranten als Störenfriede. Denn ich wohne im Demo-Distrikt. Berlin ist eine interessante Stadt. Vielleicht nicht so heimelig wie andere Städte (das Heimelige ist im letzten Krieg aus der Stadt gebombt worden) und auch nicht so autofreundlich - immerhin brennen hier einige hundert Autos im Jahr - aber interessant. Gestern demonstrierten hier die Karstädter. Und die Milchbauern auch, diesmal allerdings ohne der Kanzlerin mit Diät zu drohen.

Bei Karstadt und bei den Bauern dreht es sich jeweils um Kühe. Die der Bauern geben Milch und die Bauern wünschen ein paar Cent mehr pro Liter. Der Arcandor-Konzern hat nur eine Kuh und die ist heilig und darf nicht geschlachtet werden, gibt aber keine Milch mehr, sondern frisst nur noch. Und Arcandor wünscht ganz dringend Staatsanleihen um zufüttern zu können. Kaufhof hingegen zeigt, dass man erfolgreich und solide einen Handel aufziehen kann. Trotz Wirtschaftskrise. Ohne Anleihen. Und ganz ohne Demos.

Grundsätzlich demonstrieren hier alle möglichen Leute aus allen nur vorstellbaren Gründen. Die Polizei ist ganz schön strapaziert, diese Demonstranten alle als solche zu erkennen, schliesslich demonstrieren manche auch ganz spontan und gehen trillerpfeifend mit einem Schild durch die Stadt bevor sie weggefangen werden. Das Geschehen soll sich, und das ist auch ganz gut so, bitte in den dafür vorgesehenen Grenzen abspielen.

 

 

26.5.: Gestern sagte ich einem alten Lebensabschnitt Lebewohl und begann einen völlig neuen. Die Fahrt dahin endete allerdings stotternd und ruckelnd vor dem Holocaustmahnmal als unser Transporter ohne Sprit ausrollte. Fahren wie Flasche leer! Mit einem letzten Zucken rollten wir in das absolute Halteverbot des Randstreifens - gegen den Verkehr und umgeben von Polizisten unweit der amerikanischen Botschaft. Da waren wir angekommen. In Berlin. Mit leerem Tank. Und voller Hoffnungen.

Man sollte immerzu umziehen. Unaufhörlich. Dann nämlich würde man lange vermisste oder längst vergessene Kleinodien finden - wie ich gerade eine volle Kiste Quinta Quietud! Ja was für ein Wahnsinn! Hammer! Wusste gar nicht, dass ich die noch hatte. Die wäre ja sonst auch schon längst weg gewesen. Während ich die Kartonage meines Umzugs auf dem Hof entsorge, da höre ich, wie sich im Haus neben uns Walrosse paaren. Da sitzt nämlich die "Komische Oper" und trötet komisch vor sich hin. Sie tröten so fröhlich, weil das mit unseren Steuermitteln ermöglicht wird. Würden die in der realen Welt leben, dann wäre der Atem sicher entschieden kürzer und die Sorge um den Job größer. Viele deutsche Familien sind heuer musikalisch wie nie: Sie pfeifen auf dem letzten Loch. Ich finde dass wir die "Kulturförderung" ersatzlos streichen sollten. Die Förderung der "Kultur" ist nicht Aufgabe der Allgemeinheit und schon gar nicht des Staates, der von der Allgemeinheit ausgehalten wird. Ein Johann Sebastian Bach hat keine Kulturförderung bekommen, sondern am Sonntag georgelt, seine Frau hat 14 Kinder großgezogen (keine Kita, keine Supernanny), nebenbei hart gearbeitet und JSB hat, nebenbei, hervorragend komponiert. Wenn eine Kunst nicht zum Broterwerb taugt, dann soll der "Künstler" bitteschön zur Arge marschieren und dort einen Job erbitten, der ihm seine "Kunst", die ja offensichtlich niemand nicht haben will, finanziert. Und wenn ein Orchester die Paarungslaute von Walrössern wiedergibt und das Publikum daran tatsächlich Interesse findet... va bene! Wenn nicht, dann muss das elitäre Getröte halt eingestellt werden.

 

 

OHZ (10861 km), den 23. Mai 2009

Durch die Hitze treiben.

Der Chef des Bundesverfassungsgerichtes hat heute etwas gesagt, das mich masslos geärgert hat. Er würde Volksentscheide die die höchste politischer Ebene beträfen eher ablehnen. „Man sieht ja, was in der Weimarer Republik geschah“. Ja. Was geschah in der Weimarer Republik? Das dumme Volk wählte Hitler und die ehrenwerten Richter, Politiker und Kirchenleute stellten sich dagegen? Im Gegenteil. Die Machtergreifung Hitlers war nur deshalb möglich weil die Knalltüte Hindenburg seinen Stuhl räumte und die gesamte Berliner Elite einknickte wie eine wurmstichige deutsche Eiche. Aber es ist immer einfach dass dumme Volk für Dummheiten verantwortlich zu machen. Ich persönlich würde dem Herrn Richter raten das Geld aus dem Kultusministerium vollständig abzuziehen, denn Schwachköpfe lassen sich besser regieren. Also ist ja UNGEHEUERLICH! Nee, nun rege ich mich auf. Was erlauben Struuuunz?! Spielen wie Flasche leer!

 

 

21.5.: Ich habe heute meine gesamte Nachbarschaft unter den Segen von Erich gestellt: Clapton ist, wie die eingefleischten Leser unter Euch wissen, Gott. Keine Frage hier. Ganz klar. Das. Denn während andere einen ihren unsichtbaren Freund anflehen, da kann mein Gott wenigstens Gitarre spielen! Watt kann daran falsch sein, wenn man mal ein bisserl aufdreht? Wer also seinen Hund heute zum Scheissen an meiner Hütte vorbei gezerrt hat, der wurde von mir beschallt. Aber kräftig! Ich habe schließlich eine neue Scheibe von Eric Clapton und die muss ich zuerst mal gucken, ob man das auch laut hören kann. Und man kann! Dieses Doppelwerk heisst Blues und ist ein echter „Ripper“. Und dann musste ich einige Flaschen Wein an meiner Leber vorbei in Richtung Klärwerke schicken, denn der 2003er Jahrgang eines billigen Joven (Jungweines) hat nicht auf mich warten wollen und ist einfach vor mir umgekippt. Wein ist ein Naturprodukt und die Zeit geht auch an Weinen nicht spurlos vorbei. Anders als die Meinung einiger reicher Muffel, denen der Preis wichtiger ist als das Produkt, finde ich, dass alter Wein meistens nach Jauche schmeckt. Klar ist es schön, eine Flasche aus den sechziger oder siebziger Jahren zu öffnen. Aber Wein braucht vier fünf Jahre in denen er sich verbessert und dann baut er schnell und wenig erfreulich ab. Wenn eine Verkostungsnotiz „animalische Noten“ und „altes Leder“ beinhaltet dann hört sich das nicht nur an wie ein Misthaufen. Es schmeckt auch so. Und sonst? Meine Nachbarschaft trauert. Gestern waren noch alle mit Werder-Bremen Fähnchen unterwegs. Heute sind die Fähnchen weg und niemand war Fan.

Während Werder nicht bestehen konnte (und wir damit eigentlich gar nichts zu tun hatten), wird in Berlin in ein paar Tagen ebenfalls gewettkämpft. Und ebenfalls haben wir damit nichts zu tun. Bizarr. Auf der einen Seite reden wir immer darüber, dass wir eine Demokratie sind. "Du bist Deutschland!" Und dann dürfen wir unseren obersten Repräsentanten nicht einmal selber wählen. Statt dessen wählen Bundeshandballtrainer Brandt und Ex-Boxerin Halmich für uns. Wieso eigentlich nicht auch Gunther von Hagens und Dieter Bohlen? Das demokratische Grundverständnis unserer Gesetzgebung schmeckt so scheisse wie der Wein, den ich gerade weggeschüttet habe. Stattdessen habe ich vor ein paar Tagen einen Zettel im Briefkasten gefunden, auf dem ich aufgefordert werde für irgendwelche Europapolitiker zu stimmen. Ja haben denn die einen Schuss an der Waffel? Was interessiert mich denn dieses zusammengeflickte Kunstprodukt? Solange ich meinen Präsidenten Dr. Köhler nicht wählen darf gehe ich mit Sicherheit nicht zu einer Europawahl. Basta.

 

 

20.5.: Heute strahlt die Sonne ungeniert vom Himmel. Keiner fordert sie auf, Energie zu sparen. Dabei würde es eigentlich eine Energiesparsonne ja auch tun. Unsere Milchstrasse ginge dann wenigstens mit gutem Beispiel voran. Wenngleich niemand so richtig weiss, wohin. Aber dafür haben wir Hubble. Unsere universelle Windschutzscheibe. Und, nebenbei, nur damit dass das Universum weiss: Wir haben eine Energie- und Wirtschaftskrise. Ein schwarzes Loch. Intelligentes Leben möge also bitte vorbeifliegen, denn bei uns gibt es nichts. Und im übrigen haben wir Asylanten genug. Wir brauchen nicht noch mehr Fremdlinge. Multi-Kulti hat bereits hier auf der Erde deftig versagt. Nebenbei verfolge ich mein eigenes Versorgungsmodul, das derzeit per UPS von Nürnberg nach Bremen unterwegs ist. Mit einem dieser braunen Shuttles. Wieso lag mein Paket zwischen 22.06 und 6.27 eigentlich in Nürnberg rum? Kann mir das mal jemand beantworten? Arbeitet denn hier niemand mehr?! Muss man denn alles selber machen?

 

15.5.: Ist Euch eigentlich auch aufgefallen, wie sehr sich das Fernsehen geändert hat? Früher, da gab es Musikantenstadel und Hitparade und Loriot und Hans Rosenthal und Joachim Fuchsberger und Lou van Burg und Wim Tölke. Heute wird geschossen und gefickt und getötet und geschlachtet und ertränkt und zerstückelt. Und wir wundern uns, warum wir den Grand Prix Eurovision de la Chanson nicht mehr gewinnen und statt dessen die Gehirne 14jähriger aufgeregt durchs Klassenzimmer fliegen. Und um den Druck so kurz vor der Bundestagswahl zu mildern sollen die Paint-Ball-Ballerspiele verboten werden. Was tatsächlich geschehen sollte ist, die Programmdirektoren der fünf grossen Sender zu verhaften - wegen Anstiftung und Beihilfe zum Mord, Volksverhetzung und Landfriedensbruch. Die Strafe würde zur Bewährung ausgesetzt werden, wenn sich die Programmdirektoren verpflichten, dass ihre eigenen Kinder nur ihr Programm ein Jahr lang anschauen. Rund um die Uhr. So. Da. Das würde wirken. Hängt die Fabrikdirektoren eine Woche lang über ihren Schornsteinen auf und die Umweltverschmutzung geht auf NULL zurück. Aber nein, wir leben in Deutschland. Dies ist ein Rechtsstaat. Und als solcher schaffen wir lieber ein neues, kleines und dummes Gesetz als die nicht funktionierenden Gesetze pragmatisch zu verbessern.

 

 

12.5.: Gerade komme ich zurück. War einkaufen. An der REWE-Kasse wurde ich von einer Mit-Kundin mit-leidig angeschaut. Und die schaute. Mitleidig. Immer noch. Watt war denn nur los? Ich wunderte mich und die guckte. Plötzlich wusste ich warum. Mein geliebtes Bauernkernöl war ausgegangen und es gab nur noch einen biologischen Firlefanz in 100 ml Flaschen und die Fläschchen sahen aus wie Schnaps. Und die Frau dachte wohl dass ich mich um die Zeit schon mit Flachmännern eindecken würde. „Neee, neee dette is nur Öl!“ sagte ich und drehte die Fläschchen zum Beweis mit dem Etikett nach oben. „Achso“ meinte die Frau. Achso? Wieso achso? Wenn ich morgens einen oder mehrere Flachmänner brauche um mir die Welt schön zu saufen, dann geht das ja wohl niemanden was an. Ich kam mir vor wie in einem Loriot-Sketch. Der Witz der Loriot-Sketche zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass sich zwei eher fremde Menschen in ungebührlicher Form annähern und die zerstörte Privatsphäre macht das ganze dann so merkwürdig dass wir diese Störung als „lustig“ empfinden.

 

12.5.: Heute habe ich erst einmal einen Freund bürsten müssen! „Den Demjanjuk hätten sie zum Sterben nicht nach Deutschland fliegen müssen. Hier kostet der nur noch Geld“. Da war bei mir aber Schluss. Erstens ist es hervorragend, dass er seinem Versteck und seiner Versteck-Familie „Lebewohl“ gesagt hat. Er wird nie mehr nur ein Nachbar sein oder nur ein netter alter Herr. Er ist ein Mörder. Er ist enttarnt. Ich weiss, wie weh es tut, das Leben das man kannte zurück zu lassen und ins Unbekannte aufzubrechen. Und das Unbekannte ist in seinem Falle, nicht sehr gastfreundlich. Dieser Mann hat sich zig Jahre seiner Verantwortung entzogen. „Pass auf. Ich erschiesse Deinen Sohn und dann gehe ich nach Australien und lege mich an den Strand. In vierzig Jahren komme ich wieder und sage „Ach es ist eine lange Zeit vergangen, die Schuld ist doch mittlerweile abgelebt“. Wie soll das gehen? Damals war er ein Killer. Und heute ist er eben ein alter Killer.

Die Überlebenden und Hinterbliebenen aus Sobibor haben ein Recht auf einen Prozess. Jeder Tag, den der Kerl jetzt hinter den Gittern sitzt, ist ein Sandkorn auf dem Strand der Gerechtigkeit: Er kann gar nicht lange genug leben, dass es ein ganzer Strand wird. Aber zumindest riecht es wunderschön nach Mehr!

 

11.5.: Ein weiterer dieser schönen Morgen brach vor wenigen Minuten an. Und: Heute habe ich seit drei Wochen erstmals keinen Durchfall. Was den Morgen noch viel schöner macht. Ich geniesse die letzten Tage auf dem Dorf. Mein Bauernladen, bei dem ich gerade schnell noch zwei Liter Milch frisch von der Kuh geholt habe, wird mir fehlen. Wo wir gerade bei Milch sind: Wie asozial sind eigentlich die Deutschen? Ich schäme mich manchmal, Deutscher zu sein - zum Beispiel wenn die Leute nicht bereit sind, 20 Cent mehr für einen Liter Milch zu bezahlen damit die Bauern und ihre Kinder überleben können. Nö. Wir hungern diese Leute aus ihrem Job. Und wundern uns dann, nachher, warum wir unsere eigenen Lebensmittel importieren müssen. Das gesunde Rückgrat eines jeden Staates ist die Eigenversorgung der Einwohner mit Nahrungsmitteln. Das wird in Deutschland schwieriger werden wenn die Bauern pleite sind. Naja, wenigstens haben wir noch Haribo und Ritter Sport. Wir werden also nicht verhungern. Zumindest nicht körperlich. Geistig hingegen sind wir oftmals nicht mehr im Vollbesitz unserer Kräfte: Die Milchpreissenkung von Aldi sind ein Horror, ein Gräuel, wenn wir ganz bewusst in Kauf nehmen dass es anderen Familien in Deutschland schlechter geht damit wir 20 Cent sparen können. Und, nein, es gibt niemanden, der nicht wüsste, dass es den Milchbauern schlecht geht. Wir machen das vorsätzlich und bei bestem Wissen.

Und dann hat die Bundeswehr heute zwei Aufständische erschossen. Die Schützen sind vermutlich ob ihres schrecklichen Tuns arg traumatisiert, der Kommandeur hat den  trauernden Familien der Aufständischen sein Beileid bekundet und Einmalzahlungen und Asylanträge mitgebracht sowie einen Besuch beim Innenminister in Aussicht gestellt. Mal ehrlich: Ich bin mir sicher, dass die Soldaten jetzt die verschossene Munition zählen müssen, bis zum endgültigen Bericht vom Dienst suspendiert sind und einen fünfzigseitien Bericht über die Notwendigkeit der Erschiessungen verfassen müssen. Wir verteidigen nicht am Hindukush, wir versehen die Region mit einer Bürokratie, die so viele Anträge vorsieht dass die Taliban sich mit ihren langen Bärten im Paragraphengestrüpp verheddern...

 

 

8.5.: Heute morgen der erste Kracher: Es gab ein lautes und dunkles Gewitter! Ui. Gut, dass das Dach dicht ist. Und ich wohne auch nicht in einem der reetgedeckten Häuser. Die brennen nämlich nach Blitzeinschlägen manchmal bis auf die Grundmauern nieder. Ich wohne (noch) auf dem Dorf. Hier gibt es reetgedeckte Häuser, Mais, Kühe, Pferde und viel grüne Weide. Und es gibt einen einzigen, einsamen Weinladen. Mein bester Freund. Und... ich komme gerade von einer Weinprobe. Das ist das einzige Happening, das es hier gibt. Tschuldigung, wenn ich heute einige Schreibfehler einbauen sollte, aber nach einer Weinprobe ist das Sprechen und Schreiben gehandicapt (oder wie man das auch immer schreibt). Es war eine besondere Probe, denn es gab "ökologisch angebaute" Weine. Während ich zwei Magnum-Flaschen Spanier (weder öko noch logisch) erwarb - das Schöne ist, dass der Händler ebenfalls einen sitzen hat und ich ihn mit meiner indischen Erfahrung gnadenlos nach unten handeln kann - lachte ich mich innerlich schief und krumm. Ökologisch. Wein. Gerade Wein! Hach. Wein ist eine absolute Monokultur, die ohne Medizin sofort stirbt. "Wie bekämpfen die denn die Reblaus?" fragte eine Mami, die beim dritten Glas Riesling bereits arg in den Seilen hing. "Mit Schnecken, Pflanzen und Kräutern". Sagte der Händler. Ich verschluckte mich kurz und lachte innerlich Tränen während ich einen Wein nach dem anderen in den Eimer schüttete den mir der Händler hingestellt hatte (weil er schon wusste, dass ich einen Scheiss auf Öko gebe wenn dafür der Wein schlecht schmeckt). Ist doch war. Wer würde eine Uhr kaufen die zwar ökologischen Massstäben entspricht aber nicht tickt? Sei es drum. Die Leute finden Öko gut. Und das ist auch gut so. Obwohl... ein Weißwein war wirklich gut. Öko hin oder her. Wirklich! Eine Cuvee bei die blitzsauber gekeltert worden war. Aber... der war nicht nach dem Geschmack der Tester. Grundsätzlich bewegt sich der Geschmack vieler Menschen in Deutschland zwischen Riesling, Dornfelder und Merlot. Mehr Geschmack sind die Leute nicht gewohnt. Wer bei mir zu Gast ist, der muss auch mal einen 15-Prozentigen HAMMER aus dem Toro überleben. Meist hängen die Leute dann Altersschwach auf dem Sofa und werden von mir zugedeckt. Aber das ist Wein. Wein muss den Körper eines Steaks haben. Dann bin ich zufrieden. Öko? Wozu Öko? Am Wein ist nichts Öko. Wein ist ein unsinniges Gewächs: Von der Rebe bis zum Kork ist Wein ein Monokultur-Kunstprodukt. Das einzige, was man tun kann, ist sich den Wein ökologisch zu saufen :-) Ich geniesse diese Momente, denn in einigen Tagen werde ich wieder in Indien sein. Da ist alles irgendwie ökologisch. Aber es gibt keinen Wein.

 

 

4.5.: Forscher haben leuchtende Hunde gezüchtet, lerne ich soeben Das finde ich gut, weil ich dann Nachts nicht mehr in Hundehaufen treten werde. Die müssen doch dann auch leuchten. Oder nicht?

 

2.5. Ich versuche mein Gewicht zu halten. Das ist Pflicht Nummer eins. Um meine Innereien wieder an den richtigen Platz zu bekommen brauche ich verschiedene Milchprodukte. Joghurt und, mein absoluter Oberfavorit, frische Buttermilch von Weihenstephan. Wer auch immer mich zu Gast hat, liegt immer richtig, wenn er BuMi im Kühlschrank stehen hat. Und weil ich bekennender Workaholic bin und meine Energien langsam aber sicher zurück kehren (ich habe genug getrauert und genug lamentiert) arbeite ich hart an unserem ersten erfreulichen Projekt: „Thorsten fehlt!“ heisst das und beginnt am 10. Todestag von Thorsten. Der Azubi Thorsten wurde nämlich von einer Gruppe Jugendlicher in einen Hinterhalt gelockt und erstochen.

Die Endgültigkeit eines solchen Verbrechens ist unumkehrbar. Niemand erweckt Tote zum Leben. Dass man nicht Gewalt ausüben soll, das wurde auch in Winnenden vermittelt. Aber wieso nicht? Was stellt Gewalt mit unserer Gesellschaft an? Was passiert mit dem, der Gewalt ausübt? Mit dem, der Gewalt ertragen muss? Was macht die Familie des Täters? Und wie lebt die Familie eines Opfers zehn Jahre danach? Wie kann ich mich schützen? Wie erkenne ich einen möglichen Gewalttäter und wem melde ich die Vermutung? Wir haben schreckliche Gewalt überlebt und wir können diese Fragen sehr nachhaltig beantworten. Und wir werden währen des Vortrages per Video Thorstens Zimmer besuchen - bis heute unberührt. Seine nicht beendeten Schularbeiten liegen geöffnet auf dem Schreibtisch, die CD, die er zuletzt anhörte, in seiner Stereoanlage. Der Abdruck seines Körpers ist auf dem Bettzeug auch zehn Jahre nach seiner Ermordung noch zu sehen. Wir werden die Wohnung der Eltern zeigen, die zu einer Gedenkstätte für den toten Sohn wurde.

Meine Zeit auf der Strecke ist, das ist keine Überraschung, nahezu beendet. Ich stehe vor den 80000 Kilometern. Ich habe 14 Jahre in Ländern zugebracht, die schwer, schwierig und zum Teil auch nicht gerade Wanderfreundlich waren (z.B. die USA, wo niemand ohne Auto wandert). Die zweite Hälfte meines Lebens würde ich gerne meine Talente einsetzen. Ich spreche mehrere Sprachen. Und ich habe gelernt, einem Projekt von einem weissen Papier Leben einzuhauchen und es danach wachsen zu lassen.

Am allermeisten aber stinken mir die ewigen Fragen völlig fremder, meistens übergewichtiger Menschen die leicht nach Schweiss riechen. Sie fragen nach meiner „Sesshaftigkeit“ („Ja haben Sie den gar keine Wohnung?“ - als wenn es einen IQ von 140 bräuchte um eine Wohnung anzumieten), dem „Geld“ („Ja wovon leben Sie denn?“) und der „Sozialverträglichkeit“ meines Handelns („das können Sie doch nicht ewig machen“). Doch ich könnte. Das ewig machen. Weil unsere Ewigkeit nach 50 Jahren beendet sind. Wir alle, Ihr und ich, sind in 50 Jahren alle tot. So lange dauert unsere Ewigkeit. Und danach, vertraut mir bitte, danach kommt nichts.

Unsere Benutzeroberfläche („Bewusstsein“) wird abgeschaltet und die Hardware wird recycelt. Das ist doch nicht schlecht, oder? Wir machen Platz für die junge Generation, die hoffentlich aus unseren Fehlern lernen wird und ein Update aufgespielt bekommen. Zumindest hoffen wir das. Aber es funktioniert nicht so richtig. Weil wir mit Viren verseucht sind. Und wie!

 

 

28.4.: Mit großen Augen schaue ich derzeit der Schweinegrippe zu, wissend dass dieser Virus in einem Ameisenhaufen wie Indien megafürchterlich zuschlagen kann. Rund 800 Millionen Inder sind arm, 700 Millionen davon bitterarm. Wenn der Virus, sagen wir mal, in Bombay landen würde (wenn er nicht schon in Bombay gelandet ist), dann könnten wir binnen weniger Wochen mit hunderttausenden Toten rechnen denn die Kräfte unterernährter Menschen, die meisten davon Kinder, reichen nicht um sich einem solchen Killer zu widersetzen. Die Menschen sterben in Indien an normalen Sachen recht schnell. An einem Schweine-Huhn-Menschen-Virus würden ganze Slums verrecken. Wir hatten solch einen Killer schon einmal in Deutschland. Er wurde der schwarze Tod genannt und tötete in nur sechs Jahren ein Drittel der gesamten Bevölkerung in Europa. Das, was sich da unter Umständen zusammen braut, das könnte weitaus dramatischer sein als das was islamischer Terrorismus jemals anzurichten im Stande wäre, nämlich ein echtes Massensterben. Vielleicht, ja vielleicht entlastet sich die Erde endlich und verwandelt den Menschen in eine ungefährlichere, passivere Biomasse.

Wahrscheinlich aber werden wir, mit viel Dusel, erneut einen Weg aus der Pandemie finden. Vielleicht ist aber auch jetzt Zahltag. Zahltag für die vielen kleinen Dosen Steroide und Antibiotika die wir mit jedem Stückchen Fleisch in uns schieben. Rache für die armen, gequälten Hühnchen, die in nur sechs Wochen vom Ei schlachtreif gezüchtet und auf Euren Teller gelegt werden - für 1,99 Euro pro Lebewesen. Vielleicht steht jetzt die Quittung für eine Nahrungsmittelindustrie bevor, die jedem noch so idiotischen Kundenwunsch nach „billiger aber mehr“ oder „cremig aber kalorienarm“ nur allzu gerne nachgekommen ist. Jetzt haben wir einen Virus, dem unsere Pillen reichlich wurst sind. Das ist gar nicht gut. Weder für uns. Noch für die Firmen, die uns bisher für jeden Furz eine Pille (an)gedreht haben.

 

 

27.4. OHZ: Sitze im Zug. Vor mir liegt ein Baby. In einem XXL-Luxuskinderwagen. Fetter Wagen. Und das Menschenbaby, das liegt auf der Haut eines Schafbabys, dem Fell eines ganz, ganz kleinen Lammes. So ist das eben. Die Lust nach Bequemlichkeit des Menschenkindes führt zum Tode eines anderen, gerade erst beginnenden Lebens. Wie banal. Wie pervers. Später führt der Wunsch nach Sicherheit den Menschen zum Krieg und sein Glaube an Gott zum Gemetzel. Wieso erstrecken sich die guten Wünsche des Menschen eigentlich nur so selten auf die Welt, in der er lebt?

Der Fernsehtermin ist abgedreht. Und er war es auch. Voll abgedreht. Die Sendung (22. Mai, SWR3), hatte den Tiefgang einer Pfütze auf einem Aldiparkplatz. Man merkte deutlich, dass der Moderator entweder nicht mit allen Gedanken im Studio war oder aber keine Lust hatte. Routiniert las er von zig Pappkärtchen die Fragen ab, während Claude Oliver Rudolph, der „Promi“ unter uns, das Buch des Moderators die ganze Sendung lang in den Händen drehte um sich für seinen kleinen Auftritt zu bedanken. Mich stellte er schnell als Bernd Simon vor. Auch das Vorlesen klappte also nicht so richtig. Und so hockte ich da. Methodisch zu Tode gelangweilt. Wie Bernd das Brot.

Aber wenigstens stieg meine innere Spannung, denn je inhaltsloser der Talk wurde, desto voller lief meine Blase! Während eine Berlinerin darüber sinnierte, warum sie für den Rest ihres Lebens Single bleiben möchte (was bei der Frau für alle Männer als eine Art Entwarnung angesehen werden kann) musste ich dringend (dringend… DRINGEND!!!) pinkeln. Hinter mir goss eine Frau aus dem Publikum laut und anhaltend Wasser in ein Glas. Boh, leck mich am Arsch. Ich pisste schier auf den Boden. Dann erzählte eine Frau, wie sie von ihrem Mann 28 Jahre lang hingehalten wurde und unentwegt Caprio fahren und in einem Ferienhaus in der Bretagne Urlaub machen musste. Aber anstatt sie endlich zu ehelichen, da schenkte sie ihm zwei Kinder und er ihr die Freiheit und sich selbst eine jüngere Frau. Au Backe, Baby. Aber nein, noch war nicht zu Ende gelitten, denn 90 Minuten mussten mit wenig bis nichts gefüllt werden. Für diesen Part sorgte vor allem „Chinesen-Fiete“ Rudolph, der in hunderten von Filmen mitgespielt hat die mindestens so interessant gewesen sein müssen wie diese Talkshow.

Fragen, die wirklich von Interesse gewesen wären, und die während des Interviews den Moderator ansprangen wie ein Pitbull, die standen nicht auf den Zetteln der Exekutive und blieben, Gott sei Dank, ungestellt. Am Ende dann blieben dem Maitre de Ceremonie noch fünf Minuten um so unsensibel wie meine Beinahemörderin durch mein Blut zu patschen - zu einem Zeitpunkt an dem die meisten vermutlich bereits abgeschaltet haben werden. Und ich musste PISSEN!

Schließlich (endlich!) war die Sendung zu Ende gehudelt. Ich räusperte mich, legte mein Mikrofon ab und rannte aufs Klo. Ahhhhhhhhh… Die Welt wurde umso schöner desto
leerer ich wurde. In den nächsten paar Wochen werde ich noch ein paar Sendungen einschieben - mit Moderatoren, die mir vertraut sind. Wir haben vor den Kameras die Möglichkeit den Menschen vor dem Fernseher wirklich an etwas teilhaben zu lassen. Ihn zu begeistern oder zum Nachdenken anzuregen. Wir können ihn aber auch ungeniert 90 Minuten lang anöden. Die Gebühren der Öffentlich-Rechtlichen machen diese Wettbewerbsverzerrung möglich.

Und sonst? Das Affenwasser, das ich getrunken habe, war offenbar mit Parasiten verseucht. Ein paar Untersuchungen werden zeigen ob wir es mit einem Bandwurm oder Virus zu tun haben. Und wie der Bandwurm heißt. Wenn es einer ist. Hoffentlich nicht Katze oder Fuchs. Tatsache aber ist, dass man mir derzeit nicht einmal den Bauch angucken darf, dann bekomme ich schon Krämpfe. Solange nichts meinen Bauch berührt ist alles OK. Soweit. Aber wehe ich drücke drauf rum. Dann fährt ein glühendes Messer in den Darm. Ich kann Schmerzen wegatmen. Aber das ist nicht wegzuatmen. Da gehst Du in die Knie und bleibst erst mal unten. Und weil das auf die Dauer nicht gut für die Knie ist, deshalb lasse ich den Arzt draufschauen. Mein Rückflug nach Indien ist auf den 31. Mai gebucht.

 

 

Zürich, 23.4.: Gerade gelandet. In der kleine Bahn zwischen den hochmodernen Terminals, vom internationalen Ankommen zum Schengen-Schalter, einen Afrikaner ertragen müssen. Schwarz wie die Nacht. Und genauso ätzend. In jedem gesunden Land würde der Mann erst mal einen auf die Schnauze bekommen und danach drei Tage in Zelle. Zwängte sich dieser Mensch doch tatsächlich in den bereits übervollen Zug und beschimpfte dann einen ganz klar erkennbar körperbehinderten Mann mit Hörgeräten in beiden Ohren weil der ihm offenbar im Weg stand. Es gibt oft einen durchaus nachvollziehbaren Grund für Ausländerfeindlichkeit: Ein feindlicher Ausländer. Und die durch seine Feindseligkeiten ausgelöste Reaktion. "Nicht einmal Asylantrag gestellt und schon am Streiten mit den Gastgebern", sagte ich laut. Der Wagen glotze mich kollektiv und entsetzt an. "Das ist aber jetzt bös, was Sie da gesagt haben", meinte eine Frau. "Ach Ihr bedauernswerten Kälber", dachte ich. Eine Meute, die zuschaut wie ein Körperbehinderter von einem Menschen zusammengestaucht wird, bei dem man sich das Maul nicht aufzumachen getraut weil er eine Hautfarbe hat die "VORSICHT! OPFER!" schreit? Wie ehrenwert ist das? Für mich haben Ausländer die gleichen Rechte und Pflichten wie ein Inländer. Und sie haben die zusätzliche Auflage, sich gefälligst wie ein Gast zu benehmen oder, wenn das zu viel verlangt ist, in ihr von ebenso unfreundlichen Milizen regiertes Heimatland zurückzukehren. Dort sind, das sehe ich denen dann gerne nach, vermutlich keine zivilisatorischen Finessen erforderlich. Das einzige was man dort beherrschen muss ist ... nachladen.

 

Delhi, 22.4.: Wieso , letzter Tag im Chaos. Danach: Urlaub. Drei Tage. Dann… Weiter im Takt. Ich merke, wie unausgeglichen ich bin, wenn ich mich Druck ausgesetzt sehe, aber mich körperlich nicht abreagieren kann. Und schwitzend an einem Fleck klebe. In meiner Herberge hat sich mittlerweile ein Haufen mehr oder weniger Außerirdischer versammelt. Wir haben einen abgehalfterten Inder, der aus Fiji stammen möchte, überall Häuser hat und im billigsten Zimmer der Herberge haust und den Touristen durch süße Worte Zigaretten und Bier abzapft. Ein ehemaliger Hippi, der öfters so breit aus seinem Zimmer kommt, dass man High wird, wenn man neben ihm Platz nimmt. Zwei Deutsche als Bad Säckingen die mit den zwei Spaniern die auch noch da sind, spanisch sprechen. Ich, dauergenervt, weil mich der Fijinder immer anlabert, und mittlerweile 400 Rupien ärmer, weil ich mir das Luxus-Taxi zum Flughafen gegönnt habe, heute Abend, von der Türe des Gästehauses weg.

Ich will nicht mehr feilschen. Ich will auch nicht bei einem Teppichladen anhalten. Ich will zum Flughafen. Zaggich! Klar gibt es auch den Weg mit der Metro zum „Kashmere Gate“ und von da aus mit einem Flughafenbus zum, klar, Flughafen. Aaaaber… genau das ist eine bekannte Exit-Route der Touris und die kennen auch die „Cutter“. Cutter sind Leute, die mit Rasiermessern bewaffnet hinter Dir in der U-Bahn oder im Bus stehen/sitzen und Dir Deine Wertsachen aus dem Rucksack schneiden. Das Geld, was Du am Taxi gespart hast, das ist mit einem Schnitt mehr als dahin. Ich gehe auf Nummer sicher. Soweit das in Indien möglich ist und nehme das Taxi – für sechs Euro.

Warum hat sich Indien eigentlich so entwickelt, wie es sich entwickelt hat? Die bislang beste Erklärung dafür gab uns Ross, der rauchende Hippi: „Nicht die Inder, sondern die Touristen haben sich geändert. Früher waren die Leute, die in Indien ankamen, bereits durch den Iran und Afghanistan gefahren und  damit sehr erfahrene Reisende die man nicht mehr verarschen konnte. Also haben es die Inder gar nicht erst probiert. Heute öffnen sich die Flugzeugtüren und die Leute zahlen jedem alles“. Das macht wirklich Sinn. Mit, und auch ganz ohne Tüte.

 

 

Delhi (10861 km), den 21. April 2009

Tür auf. Gucken. Tür zu.

Bin gerade auf die Schnauze geflogen. Aber richtig. Auf meiner Flucht vor dem nächsten anhänglichen Bettler. In meinen Wanderschuhen kann ich Haken schlagen, in meinen Badeschlappen nicht. Jetzt muss ich gucken, dass ich die Abschürfungen desinfiziert bekomme. Das ist hier schließlich Delhi und nicht Delmenhorst und alles ist mit einer Art Biofilm überzogen.

„Was treiben eigentlich die Cops immer hier?“., fragte ich gestern beiläufig in die Runde. Schließlich kommen die in lässiges Ocker gekleideten Gesetzeshüter zu jeder Tages und Nachtszeit in unser Guest House und saufen auf den Gästezimmern, duschen und schlafen dort, lassen sich bekochen und ihre Wäsche waschen. „Ich weiß warum“ raunte mein französischer Sitznachbar geheimnisvoll. Ich sofort ganz Ohr. „Also, das Sunny Guest House wurde in den siebziger Jahren gebaut. Aber als Wohnhaus. Und es hat nie eine Lizenz bekommen. Es darf eigentlich gar keine Gäste beherbergen. Das wissen natürlich auch die Cops und seit fast vierzig Jahren fressen sich die hier durch und lassen den Laden dafür am Leben“. Ob ich erstaunt war. Nö. Das ist einfach eine dieser vielen indischen Geschichten, die das Land eben so produziert. Deshalb lache ich mich immer schäbig, wenn aussenstehende von Indien als der kommenden Wirtschaftsmacht sprechen. Indien ist absolut korrupt. Das, was eine Wirtschaftsmacht ausmacht ist Handlungsfähigkeit. Wenn aber die Hälfte Deiner Finger der einen Hand eingeklemmt sind und Deine andere Hand in der Tasche eines anderen steckt, dann kannst Du nicht gut arbeiten. Deshalb... Indien als Wirtschaftsmacht? Vergiss es. Die Kartellbehörden müssten ihre Mitarbeiter verdreifachen!

 

 

Delhi (10861 km), den 20. April 2009

Game over.

Am Abend: Ein Gutes hat die Hitzewelle: Die Bettler, die im Stadtzentrum von Delhi in Heerscharen die Strassen und Unterfuehrungen bevoelkern, die liegen ermattet in den Ecken und koennen aufgrund der Hitze nicht mehr betteln. Was auch keinen Sinn machen wuerde weil wir, die potentiellen Sponsoren, von Klimaanlage zu Klimaanlage hetzen. Gerade musste ich noch einmal mein Zimmerle verlassen. Ich bin immer noch nicht gut beisammen. Und so schlich ich zum Schneider Ram um meinen Anzug anpassen zu lassen. Eins ist klar: Ich darf jetzt nie mehr zunehmen. Nie mehr! In die Anzuege passt keine Speckrolle zusaetzlich rein. Ram, ganz dienstbeflissen, wollte mir auch sofort noch einen Anzug schneidern. Das ist typisch in den hiesigen Breiten: Einer geht noch! Noch ein Teppich. Noch ein Anzug. Kauft, Leute! Ich hatte aber genug. So oft trage ich keinen Anzug als dass ich mir meinen Schrank damit volhaengen muesste.

 

Am Morgen: Gestern Abend hohes Fieber bekommen. Und immer noch. Keine Ahnung wo das herkommt. Bestenfalls geht mit dem Fieber Durchfall oder Erbrechen einher. Dann ist die Lage klar. Mir ist aber nicht schlecht und ich habe auch keinen Durchfall. Husten auch nicht. Interessant mal wieder. Also mache ich erst einmal nichts, als hier zu sitzen und mir den kalten Schweiß abzuwischen. In drei Stunden muss ich fit genug sein um zum Schneider zu schlappen. Dann steht das „fitting“ an, damit der Anzug wie angegossen an meinen leicht gebeugten Rahmen passt. Aber große Lust darauf habe ich nicht. Ich würde lieber schnell sterben.

Während draußen die Stadt kocht und selbst unsere sonst so sparsame Herberge einen „Watercooler“ angeworfen hat (Watercooler sind große Blechkisten die vor den Fenstern hängen und in denen an Weidengeflechten Wasser andauernd herunter rinnt durch das ein großer Ventilator Luft bläst und die sich anhören wie ein kleiner Weltuntergang) sitze ich in meinem Café Coffee Day und habe soeben eine Zwangsernährung durchgeführt – ein Stück Walnuss-Dattel-Kuchen. Nun ist mir zwar deutlich übler als noch vor fünf Minuten, aber ich habe wenigstens die Kalorien für die nächsten Stunden erduldet. Das ist das nervige am Extremsport: Wenn Du krank wirst, dann hast Du kaum was zum zusetzen, denn da ist schlicht und ergreifend nichts.

 

 

Delhi (10861 km), den 19. April 2009

Die Götter werden gefüttert, während die Kinder hungern.

Am Abend: Es ist 20.00 Uhr, stockfinstere Nacht und 36 Grad warm. Und "staubig". Um Mitternacht ist es noch ca. 31 Grad warm und gegen fünf Uhr kommt die Tiefsttemperatur mit 26 Grad. Logisch im Schatten, denn die Sonne ist so früh ja noch nicht aufgegangen. Zur heissesten Zeit des Tages gab es plötzlich großes Theater in unserer Herberge, dem Sunny Guest House: Die Belegschaft rannte mit langen Stöcken aufs Dach und machte Radau. Ich hinterher. Muss ja gucken, welche Form von Terrorismus da oben ausgeübt wird. Stellt sich heraus, dass mehr als zehn Affen den Wassertank, aus dem wir Gäste unser Wasser zum Duschen und Zähneputzen bekommen, gekapert hatten und darin ein kühlendes Bad nahmen. Ja Herrgottmargot! Wer kommt denn auf so was? Gut ich habe schon die Haare aus dem Duschkopf hängen sehen. Aber datt datt Affenhaare sind?! Mir graut vor meinem eigenen Mund, den ich die letzten Tage mit Affenwasser ausgespült habe und, ja, ich habe sogar jeden Abend rund ein Liter von der Affensauce getrunken. Sitze nun im Café Coffee Day, und erhole mich von den Affen und sinniere, wohl angestachelt von den Affenhaaren, nun über meine eigenen Haare nach.

Jeder Lebensabschnitt hat bei mir seinen Ausdruck in meinem Äußeren gehabt. Ich trage meine Haare nicht kurz und rasiere mich auch nicht, weil ich darüber nicht nachdenke. Ich mache das, weil ich damit nach außen ein Signal gebe: "Clean-Cut" war deshalb wichtig, weil ich den üblen Gestalten, die im Ausland grundsätzlich die Nähe der Touristen suchen, damit signalisiert habe, dass ich weder auf ihre Drogen noch auf sonstig irgendeinen ihrer Tricks stehe. Das hat hervorragend funktioniert. Im Ausland zumindest. Und jetzt, in meiner Übergangszeit zwischen Noch-Expeditionsgänger und zukünftigem Lobbyisten für die Belange von Terror- und Gewaltopfer werde ich meine Haare sauber aber erheblich länger tragen und dazu vermutlich einen vier- oder fünf-Tage-Bart.

Langjährige Expeditionsgänger überlassen, auch in ihrem Privatleben, kaum etwas dem Zufall. Was wir tun, das machen wir so, weil am Ende unseres Handelns ein Ergebnis zu stehen hat, das wir von Anfang an genau so haben wollten. Wenn dieses Ergebnis nicht so ist, wie wir es haben wollen, dann werden wir oft unheimlich sauer, weil dann ungeheuer viel Vorbereitung vergeudet wurde, Vorbereitung die kaum jemand bemerkt, weil wir permanent und klammheimlich die Dinge so gesetzt haben wie wir glauben, sie später zu benötigen. Das beginnt beim Haarschnitt, geht über die Auswahl der Uhr, der Farben die ich trage, die Menschen und Ratgeber, mit denen ich mich umgebe (die einen feuern mich an, die anderen bremsen mich), die Briefe die ich wann wem schreibe, der Tenor darin, die Wortwahl und die Scheingefechte links und rechts. Das alles ist kein Zufall sondern jedes einzelne Teil ist die dringend benötigte Inneneinrichtung eines Traumes an dessen Materialisierung wir so emsig arbeiten.

Warum das so ist?

Weil sich auf einer langen Reise alles unentwegt verändert, deshalb nimmst Du den einzig beständigen Teil umso genauer wahr: Dich selbst.



Am Morgen: Zuerst zum heutigen Bild. Indien ist, wenn man mal alle Exotik abkratzt, ein eher böses, unmenschliches Land. Ein Land, das auf Leid begründet ist und sich von Tränen ernährt. Es ist zutiefst rassistisch, hat ein Kastensystem, das den einen von Geburt an bevorzugt und den anderen in die Hölle verdammt. Das Land lebt ein Leben das unheilig ist. Dass die meisten Menschen bitterarm, unterernährt und krank, die Flüsse vergiftet und Pappkartons in Slums das Zuhause zig Millionen von Menschen sind, ist Ausdruck dieses Lebenswandels, der zu einem beständigen Mangel an Segen führt. Denn wo unheilig gelebt wird, da sind die Regeln der Natur gegen den Menschen gesteckt. Und so zeigt das heutige Bild etwas, das jeder Inder ganz normal findet: Rechts seht Ihr ein unterernährtes Kind, das bittend die Hand erhebt und links zwei reiche Inder, die einen prallen Sack voller frischen Getreides in einen Fluss schütten und den Sack gleich hinterherwerfen, auf ihr Motorrad steigen und davonfahren. Grund? Bitte! Leute! Fragt mich das nicht. Ich bin kein forensischer Gutachter. Die Religion befiehlt den Menschen Dinge zu tun, die weder rational noch biopsychologisch erklärbar sind. Religion ist Opium für das Volk. Und wer ein paar Züge zu tief davon einatmet der sprengt Menschen in die Luft oder schüttet Weizen in einen Fluss, während ein hungerndes Kind daneben steht.

Der Reiz Delhis? Brechreiz! Höchstens. Es gibt keinen guten Grund in dieser Stadt zu bleiben, wenn man nicht gerade darauf wartet, dass einen die Swiss nach Hause schippert um fremden Menschen eine Gänsehaut über den Rahmen zu spannen. Delhi ist staubig, unglaublich laut, teuer und voll mit Menschen, die Dir jeden Wunsch erfüllen möchten - wenn Du nur bitte Deinen Geldbeutel öffnen mögest. Dabei nutzen sie alle bekannten und ein paar unbekannte Tricks: Schuhputzer schmeißen tatsächlich mit Scheiße um sich um Dir den frisch verdreckten Schuh gleich zu säubern (haben sie bei mir noch nicht versucht, weil sie wissen dass wenn sie mit Scheiße schmeißen, ich mit Schuhputzern um mich werfe), Taxifahrer bringen Dich auf der Fahrt zu Deinem Hotel ganz nebenbei zuerst zu einem Infostand. Dort wird dann, sicher ist sicher, Dein Hotel angerufen. Du sprichst dann mit dem Rezeptionisten Deines Hotels, welcher Dir versichert dass Dein Zimmer doppelt gebucht wurde. Leider. Und dann bringt Dich der hilfsbereite Taxi-Onkel woanders hin. Der Mann am anderen Ende war sein Schwager, nicht das Hotel. Und der nette Fahrer kassiert eine fette Kommission. Aber das wissen die meisten Leute ja nicht. Wir sind Touristen. Und somit dumm. Gleich nebenan, hier, gibt es einen Kashmir-Fritzen, der mich gestern in einem Café tatsächlich in eine politische Diskussion verwickelt hat. Ich kenne die indische Politik ziemlich gut und derzeit wählt das Land. Aber wenn Du in Delhi mit einem Inder verkehrst, dann geht die Sache auf einer Einbahnstraße schnurstracks in Richtung „Kommen Sie doch mal in meinem Laden vorbei…“. Aus diesem Grunde bleibe ich bei mir und lasse mir Mineralwasser verkaufen. Höchstens.

Gestern trat ich übrigens einen Not-Rückzug aus meinem Café Coffee Day an. Zwei junge Männer kamen mit einer üppigen Sporttasche in den Laden und setzten sich erst einmal in die Mitte. Ich guckte schon mal. So eine Tasche kann ja alles beinhalten. Heutzutage. Dann setzten sie sich an eine der Säulen. Das war mir sehr unrecht, weil solche Säulen meist die Gebäude tragen und wenn in der Sporttasche keine alte Socken, sondern neuer C4 versteckt ist, dann seht Ihr das bis auf den letzten Platz besetzte Café in der nächsten Tagesschau. Die zwei vollbärtigen Männer trugen Ihre Tasche auch auffallend vorsichtig. Setzten sich nach fünf Minuten erneut um, diesmal in die Mitte des Cafés und in den Bereich in dem die meisten ausländischen Touristen saßen. Leute, wir leben in einer Welt, in der keiner mehr mit einer großen Sporttasche in ein Café geht und vier Mal in zehn Minuten den Platz wechselt während Du das siehst und gar nichts denkst. Natürlich denken wir. Und ab und an siegt dann der Terrorismus, auch wenn er gerade nur in Deinem Kopf stattfindet. „Die Rechnung bitte“. Und dann nix wie weg!

 

 

Delhi (10861 km) den 18. April 2009

16.4. Mathura (41 km) - Delhi (23 km)

Wandern bis zum Meer.

„Wenn Gott will, dann kommt auch wieder Strom“, meint der Chef des Sunny Guest House zu mir, in dem ich vor 14 Jahren zuletzt übernachtet habe und das genauso schäbig wie staubig trotz aller Wirtschaftskrisen und Erdbeben in einer Nebenstraße im Zentrum Delhis liegt und dabei noch steht. Ein anderes „Hotel“ in dem ich einst nächtigte steht nicht mehr. Es ist mittlerweile zusammengebrochen, weil unerlaubter Weise zwei Stockwerke draufgesetzt wurden – dabei starben auch eine ansehnliche Anzahl Touristen. „Gott braucht keinen Strom, der hat schon längst ne Taschenlampe“ meinte ich. Woraufhin wieder einmal großes Gelächter ausbricht. Wobei ich das gar nicht lustig fand. Jemand der sagt „Es werde Licht“ der wird doch mindestens eine Taschenlampe haben wenn er sich dienstlich in Delhi aufhält, oder?

Und dann ging ich online und stellte zu meiner großen Überraschung fest, dass meine Homepage verschwunden war vom Indernet. Ja wo ist sie denn? Stellt sich heraus: 1&1 hat einfach meinen gesamten Vertrag gelöscht, nachdem ich doch nur den Teil eines Vertrages tatsächlich gelöscht haben wollte. Ich habe denen x Mal geschrieben, dass ich den Hostingvertrag nicht gelöscht haben möchte, aber 1&1 war gar nicht willig die einmal gestartete Löschaktion abzubrechen. Dieses Chaos passt gut nach Delhi. Also sitze ich nun im Café Coffee Day und fummele sauer an den Bruchstücken meines einstigen Internet-Königreiches. Meine sensationellen Fotoalben sind offenbar rettungslos verloren. Das bedeutet, ich werde entweder sobald ich wieder in Deutschland bin tausende Bilder erneut bearbeiten oder aber ich lasse die Fotoalben einfach weg.

Als ich in Delhi ankam, war ich so staubig und dreckig und nass, dass es mich beinahe vor mir selber graute.. Und so ging ich erst einmal zur feinen Schneiderei „M. Ram & Sons“ um die feinen Leute zu erschrecken, die da rumlaufen. Und um einen Anzug schneidern zu lassen auch. „Would you please excuse my appearance, but I just arrived from Amritsar on foot“, sagte ich und die Leute fielen schier in Ohnmacht. Nur beim Gedanken daran in die Sonne zu gehen, leiden die Menschen hier bereits Qualen. Ich auch. M. Ram gibt es seit 1939 und wenn sie schneidern, dann schneidern sie verdammt gut. Während aber bei uns ein handgeschneiderter Maßanzug aufgrund der Wirtschaftskrise unerschwinglich ist und wohl auch bleibt kann man hier die Rechnung gerade noch ertragen ohne Schnappatmung oder Schlaganfälle zu bekommen. Was ich mit einem Anzug will? Nach Hause fliegen. Ich muss in Kürze nach Deutschland, da eine Talkrunde ein wenig fachliche Einsichten in Sachen Kapitalverbrechen und Stalking wünscht. Nachdem ich mehr als vierzig Sendungen ausgeschlagen habe, habe ich spontan zugesagt weil ich die Sendung gut finde und das Publikum politisch gebildet ist. Wenn ich mir schon meine Seele aufreisse um an Erinnerungen zu gelangen die ich gerne vergessen möchte und doch nicht kann, dann muss das wenigstens einen Sinn machen. Dieses "bei uns können Sie loswerden,was Sie gerne sagen möchten", ein Satz mit dem die Briefe der meisten Sender beginnen, das ist eine lächerliche Phrase: Es geht schliesslich nicht darum, dass ich sage was ich sagen möchte, sondern dass das Publikum in der Lage ist das, was ich sage auch zu verstehen. Sich durch jahrzehntelange hochwertige Redaktionsarbeit ein intelligentes Publikum um sich zu scharen, dieser Herausforderung stellen sich, seien wir ehrlich, in der deutschen Fernsehlandschaft nicht mehr allzuviele Sendungen.

 

 

Panipat (10797 km) den 15. April 2009

Rajpura 45, Ambala 37 km, Pipli 41 km, Karnal 33 km, Panipat 34 km

Hier braut gerade mein Tee auf offenem Holzfeuer.

Kurze Grüsse aus Panipat. Mittlerweile weiß ich auch, was in Ambala passiert ist (stand in der Zeitung auf Seite eins): Also. Nachts um 4.27 Uhr knallte es deshalb so laut, weil ein Flüssiggastanklastzug mit 20 Tonnen Propan beladen vor dem Bahnhof, der nur 300 Meter von mir und meinem Hotel entfernt war, offenbar stehen geblieben ist und ein Auto ist dem ungebremst hinten aufgefahren. Das ist eigentlich kein Problem, weil diese riesigen Tanker nicht nur eine Stahlschiene haben, die rund um den Tank verläuft, und somit Autos abhält, sondern einen doppelwandigen Tank führen. Außen ist eine Stahlhülle, dann kommen 20 Zentimeter Dämmung und dann erst der schwere Stahltank mit dem Propan. Es gibt zwei Bereiche, in denen der innere Tank mit dem äußeren kommuniziert - das eine ist die Reinigungsklappe, die mit 30 und mehr Bolzen dicht ist und das Ventil. Und das Auto hat den Tanklastzug so unglücklich getroffen, dass es das Ventil abgerissen hat. Da stand sie nun, die Bombe, und zischte. Währenddessen waren wir ja schon wach, durch den ersten Knall. Eine zufällig anwesende Polizeistreife hat umgehend reagiert und dem Fahrer eine Knarre an den Kopf gehalten. Entweder er fährt den verfluchten Tanklastzug sofort aus dem Ort oder er wird erschossen und ein Polizist fährt das Ding. Aus dieser No-Win-No-Win Situation ging keiner als Sieger hervor.

Der Fahrer gab Gas (mit dem Pedal vorne, und mit Propan hinten) und fuhr den tödlich getroffenen Lastzug Gott sei Dank aus dem Ort. 300 Meter... ich glaube, wir wären in Rauch aufgegangen wenn der Schlepper sofort explodiert wäre. Nach anderthalb Kilometer stoppte der Fahrer seinen Zug. Die Polizei hatte bereits hinten die Strasse abgesperrt und vorne auch. Der Fahrer sprang aus seinem Zug und rannte um sein Leben. Gerade noch rechtzeitig, denn wenige Sekunden später explodierten die 20 Tonnen Propan. Bei uns wackelten die Wände und ein paar Fenster gingen zu Bruch. Draußen war das Spektakel umso beeindruckender: Ein größerer Teil des Lastzuges flog entgegen aller polizeilichen Anordnungen durch die Luft und durchschlug einen halben Kilometer stadtwärts das Dach des Bahndepots. Dieses begann sofort bis auf die Grundmauern abzubrennen und größere Teile der umliegenden Felder und Wälder verwandelten sich ebenfalls zusehends in Asche. Darum wurde die Armee angefordert um bei den Löscharbeiten mitzuhelfen. Und das war eigentlich schon das Ende der Geschichte. Von dem Flüssiggastanker ist wirklich nicht viel übrig geblieben. Nur ganz kleine, unbrauchbare Teile. Eben einfach ein ganz normaler Morgen in Indien.

Und sonst? Derzeit haben wir eine Hitzewelle. 41 Grad waren es heute (im Schatten). Da brauche ich schon gut 10 Liter Flüssigkeit am Tag. Trotzdem trotze ich der Hitze meine Kilometer ab und schiebe mich teils schwankend, teils stöhnend durch die wabernde Luft. Heute waren es 34 und morgen stehen 41 Kilometer auf dem Programm. Vor allem muss man vorsichtig sein und jede Chance nutzen um sich zu kühlen OHNE die Schweißproduktion zu behindern. Das ist der Trick. Kühlen ja aber nicht soviel, dass Du weniger schwitzt. Aus diesem Grunde trage ich ein schwarzes T-Shirt und einen schwarzen Schildkröten-Hut. Der Sonnenschutz ist der gleiche aber durch die schwarze Farbe heizen die Klamotten auf und regen zusätzlich die Schweißproduktion an.


 
Kurze Grüsse aus Pipli. Der PC an dem ich sitze funktioniert nicht. Ich nehme mal an, dass er mit Viren verseucht ist ohne Ende. Ich bin mittlerweile in Pipli angekommen und morgen in Karnal. Versuche dann endlich meine Bilder hochzuladen. Kein Internet für so eine lange Zeit. Gibt’s doch gar nicht. Also. Hier geht es weiter sobald ich an der Datenautobahn teilnehmen darf. Und so viel ist auch gar nicht passiert - außer dass letzte Nacht ein großer Flüssiggastanklastzug in die Luft geflogen ist. Mann hat das gescheppert. Danach war im ganzen Ort der Strom weg und ein paar Fensterscheiben ebenso. Aber spannend war das nicht, eher fürchterlich weil diese Kracher neben hörbaren Tönen auch unhörbare Töne und Druckwellen produzieren. Und sogar die Druckwellen schwingen. Das war ganz merkwürdig. Zuerst kam ein dumpfer Knall, dann fingen die Scheiben an zu schwingen (so "woff-wofff-woooofffff-WOOOOOOFFFFF" und dann ein ganz dumpfes, langes Rumpeln während sich mein Zimmerle (es war ja 4.27 Uhr nachts) plötzlich ganz orange und dann rot und dann dunkelrot färbte. Brauche ich nicht jede Nacht so was. Also. Ich melde mich wieder. Und es gibt einen Haufen guter Bilder. Versprochen.

 

 

Khannah, 45 km (10607 km), den 10. April 2009

Hier braut gerade mein Tee auf offenem Holzfeuer.

Beim Langstreckenmarschieren braucht man vor allem eines: Geduld. Und dann noch was: Massenhaft Nahrungsmittel. So ein ganz normaler Tag liest sich, als wenn ich mich von Ludhiana nach hier durchgefressen haette: 4 Tee und 2 Blaetterteigstangen zum Fruehstueck gegen 8.00 Uhr. Um 9.00 Uhr 2 grosse Glaeser Zuckerrohrsaft. 10.00 Uhr Kartoffeln & Blumenkohl mit drei Fladenbroten und 1 Glas Tee. 12.00 Uhr grosse Pommes und 2 Eiskaffee beim ueberraschend aufgetauchten McDonalds. 2 Tee eine Stunde spaeter. Dann Linsen und 4 Fladenbrote und 1 Glas Tee. Dann ein Glas frisch gepresster O-Saft und 2 weitere Glaeser Tee. Und jetzt gehe ich noch auf den hiesigen Markt um ein wenig Obst zu ersteigern. Trick 312: Ein Kilo Trauben auf einen Satz gegessen macht leichten Durchfall. Das brauche ich heute Abend, glaube ich. Denn ich habe schon seit zwei Tagen nicht mehr...

Morgen steht ein weiterer 42 Kilometer Marsch an, eine Distanz die mir liegt. Alles zwischen 40 und 50 Kilometer ist angenehm. Darueber hinaus wird es zaeh und davor habe ich mich nicht genug ausgepowert um gut schlafen zu koennen. Die taegliche "Dosis Indien", die ich vertragen kann, die lasse ich zu. Und danach schalte ich ab und schliesse mich weg. Das ist ein riesen Unterschied zu frueher: Ich traue Menschen heute grundsaetzlich alles zu - im Guten wie im Schlechten. Du kannst den Menschen nur vor den Kopf gucken. Was da drin abgeht... moechtest Du oft gar nicht wissen. Und so limitiere ich nicht nur den Zugang zu mir, sondern auch die vielen positiven Begegnungen die entstehen koennten, wuerde ich sie lassen. Auf der anderen Seite entstehen dadurch aber auch keine Stresssituationen mehr. Und das ist das bisserl Einsamkeit allemal wert.

So. Ich geh jetzt. Raus. Auf den Markt. Mich aergern lassen :-) Und mich auch ein wenig freuen ueber das viele schoene Obst, das es hier gibt und wenn man die Rupien umrechnet, dann ist das ganze doch sehr viel guenstiger als bei uns (als wenn wir Mangos, Wassermelonen, Agave oder Papaya fuer 20 Cent das Kilo haetten...). Guts Naechtle und bis morgen.

 

 

Ludhiana, 32 km (10562 km), den 9. April 2009

Hier braut gerade mein Tee auf offenem Holzfeuer.

Da bin ich wieder. In Ludhian. Zuerst einmal einen Spruch, den ich sehr bemerkenswert finde und den ich soeben gelesen habe: "Dieses Leben ist ein Krankenhaus, wo jeder Kranke vom Verlangen besessen ist, sein Bett zu wechseln. Der eine möchte vor dem Ofen leiden, der andere meint, dass er neben dem Fenster gesund würde." Charles Baudelaire. Das sind Weisheiten, die mich begeistern. Ich fuehle mich heute sehr flau und weiss, woher das kommt. Vm gruenen Wasser, das ich heute Morgen in meinem Krug hatte. Aber... ich trinke alles Wasser, was mir in den Weg gestellt wird, denn mein System muss sich gefaelligst dran gewoehnen, denn wenn es heiss wird dann brauche ich mehr als nur Flaschenwasser.

Heiss ist es derzeit nicht, sondern kalt. Und nass. Und das macht meinen Gastgebern zu schaffen. Gewitter, Hagel, Starkregen vernichtet soeben die Weizenernte, die seit Anfang April eigentlich in vollem Gange zu sein hat. Aber noch steht das meiste Korn. Nur muss es langsam von den Halmen, denn nach Aehrengold kommt Aehrenschrott. Ich werde mich nun in mein Zimmerle verziehen (wenn Ihr wuesstet auf was ich da uebernachte, dann wuerdet Ihr mir nicht mehr die Hand schuetteln - das ist einfach abartig aber nun mal nicht zu aendern) und Euch noch ein paar Zeilen offline schreiben. Wir hoeren uns bestenfalls morgen wieder. Bis dahin alles, alles Gute nach Deutschland.

 

 

Jalandhar +32, 32 km (10530 km), den 8. April 2009

Marktszene in Achichweissnichtwo.

Ein Tag, der sich nicht entscheiden konnte zwischen nass und trocken, hell und dunkel, angenehm und Hölle. Ich bin am Ende eines kurzen, 32 Kilometer langen Marschtag nach Ludhiana geshuttelt und wohne nun in einem Zimmer, das 200 Rupien kostet, dafür aber eher angenehm ist. Gut, sauber kannst Du Dir hier abschminken, denn das gibt es weder für 200 Rupien noch für 500 Rupien. Aber es ist sinnvoll und wird mich zwei Nächte lang beherbergen. Mehr brauche ich nicht. Allgemein betrachtet hat sich mein Leben immer nur zwischen dem absolut Nötigsten und harter Arbeit bewegt. Es ist unglaublich, mit wie wenig der Mensch zufrieden ist wenn er zu wenig Zeit hat um zu wollen.

Wenn die Goetter zanken: Das Internetcafe liegt zwischen zwei Tempeln. Links der Hindu-Tempel mit Kling-Kling-Klong und Mantra-Singen. Rechts der Sikh-Tempel mit Punjabi-Musik und mittendrin ich - mit Ohrstoepseln!

In Amritsar habe ich eine junge Frau aus England getroffen, ein Mensch der sehr genau weiss, wie man den Indern helfen kann (gerade Englaender sind da praedestiniert – als haetten sie das Land nicht als Muellhalde ihrer abgebrannten Ideen qualmend zurueckgelassen und sich auf ihre Insel gefluechtet). „Schulen!“ meinte sie. „Muss man bauen!“. Au backe. Baby, geh wieder nach England und studiere mal ein wenig, dachte ich. Schule ist genau das, was Indien nicht braucht. Schule ist der Anfang vom hiesigen Ende. Wir haben es hier mit 700 Millionen hungernder, ungebildeter Menschen zu tun deren Einkommen unter einem Dollar am Tag liegt und die frueh sterben. Wer nun auf die Doerfer geht und Schulen errichtet, der darf damit rechnen, dass der einmal gebildete Mensch keinen Reis mehr anbauen will: Shakespeare und Strohhuette vertragen sich eben nicht. Und was dann? Dann ziehen die grundbeschulten jungen Menschen in die Staedte und werden Teil der Slums, waehrend im Dorf die Felder brachzuliegen beginnen. Ich bin mir sicher, dass die Englaenderin dort, in den Slums, dann eine weitere Einrichtung errichten wird um die Leute aus den Slums durchzufuettern. OK, eine Entwicklung ist das schon. Aber keine in die richtige Richtung. Was ich vorschlagen wuerde? Einfach mal das Maul halten. Urlaub geniessen. Abreisen.

Das Land Indien hat so grosse und unzaehlige Probleme, dass unsere eigenen Staatshaushalte nicht annaehernd ausreichen wuerden um sie zu heilen. Wie soll also Indien mit seinem maroden Staatshaushalt die Gelder aufbringen um sich selber zu helfen? Rein rechnerisch ist das nicht machbar. Und ob nun Gutmenschen zwischendrin rumhampeln und ein bisserl Helfer spielen... das wird die heilige Kuh nicht vom Eis holen.

Und sonst? Heute ist ein Hund angefahren worden. Das Dumme: Er hat ueberlebt. Nun sass er mitten auf der Strasse mitten auf dem Highway und begann zu sterben. Die Inder fahren sich lieber selber ueber den Haufen als dass mal einer dem halbtoten Vieh ein Profil auf die Stoppeln zeichnet. Eine sehr gefaehrliche Situation, die meine badeschuhbeschlappten Inder nicht loesen konnten, weil der Hund um sich biss. Ich habe keine Schlappen an, sondern schwere Geschuetze (aus der Sicht des Hundes). Und fuer mich geht das Leben des Hundes auch nicht ueber das Leben der vielen Familien die das sterbende Tier durch sein blosses Sein in Lebensgefahr brachte. Ich kam, bat die Inder beiseite, und schoss dann den Hund ins Seitenaus. Der Hund verbiss sich zwar in meinen Schuh. Was mir aber recht wurst war. Die Inder waren ueberaus dankbar, denn waehrend der Hund auf der Strasse sass passierten innerhalb von nur drei Minuten beinahe acht schwere Unfaelle. Situation geloest. Weitermarschiert. Angekommen. Werde mich morgen wieder melden. Euch eine gute Nacht.

 

 

Jalandhar, 41 km (10498 km), den 5. April 2009

Kinder und Grossvater passen zusammen.

Nach einem blitzsauberen Marsch habe ich aus drei geplanten Marschtagen zwei gemacht und somit einen Tag gespart. Und ich bin ein gutes Stück vorwärts gekommen. Nur noch 380 Kilometer trennen mich von Neu Delhi, einer Stadt durch die ich mich 30 Kilometer quälen werde. Die flächenmäßig größte der indischen Städte ist Bombay mit einer Ausdehnung von 50 Kilometer. Ich habe das gut funktionierende ich-bestimme-die-Rechnung-Modell wieder eingeführt: Die Wirte sind ob meines Aussehens oft so verwirrt, dass sie ihre Preise vergessen und sich immer verrechnen. Zu meinen Ungunsten. Jetzt rechne ich während ich esse und bezahle, was ich bezahlen möchte. Und wenn’s Theater gibt, dann ist das halt so. Heute Morgen ging das schon los: Ich vier kleine Tee getrunken. Normale Tee. Mit einem zwanzig Rupienschein bezahlt. Der Chaiwallah steckt das Geld ein und fertig. Dabei ist der korrekte Preis 12 Rupien. Also habe ich kurzerhand den Teekessel ge-kessel-napt und bin samt Kessel am langen Arm losmaschiert. Nun kam aber Bewegung in die Bude! Tee-Meister hinter mir hergewetzt. Tellerwäscher-Kind auch (aber nein, in Indien gibt es keine Kinderarbeit, die waschen die Teller hier als eine Art Hobby). Ich habe ihm kurz die Lösegeldsumme genannt (acht Rupien). Die hat er dann schnell abgedrückt – in kleinen und gebrauchten Münzen – und dann durfte er seinen unverletzt gebliebenen Kessel wieder mitnehmen. So. Da. Das funktioniert doch hervorragend. Alles andere scheitert anhand der akuten Rechenschwäche meiner Gastgeber, die sich übrigens für die besten Gastgeber der Welt halten: „In India the Guest is God“, ist ein Spruch, den Dir die Inder bei jeder sich bietenden Gelegenheit wie eine überteuerte Rechnung um die Ohren hauen. Tja, Gott in Indien ist halt nicht Gott in Frankreich…

Ihr Lieben, ich muss mich nun um meine Ausrüstung kümmern und die Beine hochlegen, schreibe aber noch etwas und stelle Euch das Morgen (und zwar Spätmorgen, denn die Inder schlafen generell sehr lange) ins Netz. Liebe Grüße nach Deutschland.

 

Beas, 45 km, 6.4.: Indien macht das, was Indien immer macht, es entschuldigt sich. Dass es den ganzen Tag geregnet hat sieht man daran, dass auf dem Boden in meinem Wohnloch eine Pfütze steht. Dass das Bettzeug nicht frisch ist, sieht man auch. Aber das ist nun mal so. Handtuch gibt’s erst Morgen, Trinkgeld aber, wenn irgend möglich, sofort. Es gibt kein Trinkgeld. Danke. Gute Nacht. Türe zu, den dreckigeren der beiden Kopfkissenbezüge abgezogen und mal erst die Stube trocken gemoppt. Danach Knochen ausgeruht. Zwar noch zum Internetcafé gewollt, aber während des Wollens eingeschlafen. Unterwegs, in einem der kleinsten Restaurants in denen ich bislang war, Deutschen getroffen, der einst aus Indien stammte. 12 Jahre verheiratet gewesen mit einer Deutschen. Kein Kind?! Dann Scheidung. Jetzt heirat mit einer Inderin. Sofort ein Kind bekommen und noch eins unterwegs?! Frau muss Deutsch lernen, sonst keine Aufenthaltsgenehmigung. Deutschland wird bald um drei weitere Menschen erweitert. Wer spricht hier also von Aussterben? Wir Deutschen sterben nicht aus. Wir müssen nur aufpassen, dass wir uns untereinander noch verstehen können. Er wird am 25. April zurückfliegen. ICH WILL MIT!!! Deutschland ist sooooo schön! Wirklich schön. Wir sehen unser Land leider sehr oft sehr viel zu schlecht. Aber dann trollte ich mich wieder arbeitsam in den strömenden Regen, der mal stärker und mal schwächer zuerst mich und dann meinen Rucksack durchnässte. Und kam um halb sieben Abends in Beas an. Kaputt, unterzuckert und gereizt.

 

 

Amritsar, 3 km (10412 km), den 5. April 2009

Der 'Goldene Tempel' in den letzten Strahlen der untergehenden Sonne gefangen.

Gestern ging nicht mehr, weil ich schon sehr müde war. Zuerst habe ich mich von einem Rikschafahrer zum goldenen Tempel schaffen lassen. Dort saß ich dann. An dem Ort, an dem ich vor 14 Jahren bereits gesessen bin. 14 Jahre, die nicht im Flug vergangen sind und 14 Jahre, die einen Verlauf genommen haben, den ich so nicht kommen gesehen habe, ihn aber auch nicht hätte beeinflussen können. Der Mensch ist ein schlechter Kapitän seiner eigenen Seele, weil er zu keiner Zeit auf einem besonders erhöhten Punkt in seinem Leben steht. Wir sehen immer erst im Nachhinein die Eisberge auf die wir aufgelaufen sind.

Wer den goldenen Tempel betritt, der tut gut daran, einen Kategorie-5-Schnupfen zu haben, denn es geht in die Schuhabgabe: Keiner darf den Tempelbereich mit Schuhen betreten, was gut ist denn so bleibt der schöne weisse Marmor unzerkratzt. Danach gilt es, den Kopf zu bedecken. Dazu bieten Dir eine Unzahl von Händlern kleine, orangene Kopftücher zu überhöhten Preisen an. 10 Rupien. 16 Eurocent. Schuh aus, Kopftuch an und dann geht es in den Tempelbereich, der vor allem aus einem riesigen, rechteckigen Becken besteht, das mit Wasser, Goldfischen und einem Haubentaucher gefüllt ist. In diesem Becken steht der goldene Tempel, der mit fünf Tonnen Gold belegt worden sein soll. Vermutlich sind es aber sogar noch mehr. Zu diesem Tempel führt ein weg und auf diesem Weg schieben sich den ganzen Tag zehntausende Menschen um das heilige Buch zu sehen, aus dem von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang ununterbrochen vorgesungen wird. Mit diesem Singsang wird über Lautsprecher der gesamte Tempelbezirk beschallt und ein Fernsehsender überträgt die Zeremonie live aus dem goldenen Tempel zu den Gläubigen, die sich nicht drei Stunden lang anstellen wollen um eine vergoldete Bücherei mit nur einem Buch zu sehen.

18.00 Uhr: Mittlerweile bin ich die ersten drei Kilometer marschiert. und übernachte heute bereits an der G.T. Road, der Grand Trunk Road, die von Pakistan nach Bangladesch führt. Morgen früh werde ich gegen sechs Uhr auf die Strecke gehen. Ich gehöre nun der Strecke, die zwischen hier und Kanniyakumari liegt. Die Strecke ist für meine Ernährung zuständig und für die Rahmenbedingungen in denen mein Marsch stattfinden wird. Auf der Strecke werde ich Wasser, Nahrung und Quartier finden und am Ende wird mich der Weg am südlichsten Ende Indiens nach mehr als 3000 Kilometer entlassen. Und was mache ich am Abend vor dem ersten Marschtag? Ich wurstele noch ein wenig im "Rucksack-Büro" vor mich hin. Wie immer. Während ich auf der Strecke Gas gebe habe ich selbstverständlich auch andere Verpflichtungen, denen ich nachkommen muss: Es schreibt mir freundlich eine Reha-Klinik, die mich wirklich gerne sehen möchte (und ich sie nicht, obwohl ich die Reha dringender brauche als ich mir das eingestehe), mein Umzug nach Berlin steht an, ich kämpfe derzeit mit einem Ministerium und lerne nebenbei die Versorgungsgesetzgebung auswendig. Ich schütte mich bis zum Gehtnichtmehr mit Arbeit zu, zwinge mich gleichzeitig am Leben soweit als nötig teilzunehmen und versuche den Menschen, die ich dabei treffe, eine faire Chance zu geben. Und ich möchte noch ein wenig meine Fotografie verbessern denn die Bildinhalte sind mir noch zu schwammig (obwohl es sehr schwer ist in Indien klare Strukturen in die Bilder zu bekommen weil Du zu jeder Zeit in jedem Bild hunderte sich bewegende Menschen unterbringen musst).

 

 

Amritsar, 0 km (10409 km), den 4. April 2009

Die Gottesdienste im 'Goldenen Tempel' werden rund um die Uhr im Fernsehen uebertragen.

Dies sind die letzten Minuten in Freiheit. In weniger als zwei Stunden werde ich mich an den goldenen Tempel begeben und dann „gehöre ich der Strecke“, ein Satz, der sich über die Jahre eingeschliffen hat. Dies wird das letzte Mal sein, dass ich superlange Strecken im außereuropäischen Ausland gehe, denn nach beinahe 80,000 Kilometer zu Fuß nimmt mein Interesse an anderen Ländern ab und die Neugier auf das, was wir zu bieten haben umso mehr zu. Man muss nicht um die halbe Welt fliegen um Schönheit zu finden. Die Monumente der Städte sehen seltsam uniform aus. Man könnte das Brandenburger Tor mit dem Triumphbogen und den Reichstag mit dem Parlament in London vertauschen – das Stadtbild würde dies kaum ändern. Solche Bauten geben einer Stadt kein Gesicht, sondern sie sind einfach nur da. Und werden bestaunt. Alles hat seine Zeit. Und meine ich-geh-jetzt-in-den-Ziegenstall-gute-Nacht-allerseits Zeit ist abgelaufen. Ich brauche keine zweihundert weiteren Flohbisse, um mich wie ein Hund zu fühlen. So, jetzt gibt’s erst mal Tee und dann mache ich mich auf den Weg in die Stadt. Ich melde mich heute Nachmittag wieder. Bis später.

 

 

Amritsar, 0 km (10409 km), den 3. April 2009

Mittlerweile auch computerisiert - Kinder in Indien.

Ich bin nach einigen selbst geschaffenen Wirren an Bord einer Maschine der indischen Fluglinie Kingfisher, scherzhaft Beer-Air („Bier-Airlines“) genannt eingetrudelt. ‚Kingfisher’ ist bekannt für ihr gleichnamiges Bier und das Formel 1 Team ‚Force India’. Nun wohne ich im Reiche der stolzen, oft hünenhaft gewachsenen, ihre Haare und Bärte niemals schneidenden und Turban tragenden Sikhs. Sikhs sind generell überaus gastfreundliche Menschen, deren kleiner Staat zu den reichsten Bundesstaaten Indiens zählt – und dabei kaum wirklich interessante touristische Ziele zu bieten hat, außer den goldenen Tempel, an dem ich morgen meinen Marsch an die Südspitze Indiens beginnen werde. Mir graut vor diesem Marsch. Nach wie vor fühle ich mich nicht nach Höchstleistung, sondern nach Lehnstuhl. Und ich weiß, welch brutale, aushöhlende Hitze auf mich wartet. Aber… das Ziel ist ausgemacht und so werde ich mich diesem Ziel und nicht meinen Gefühlen unterwerfen und hoffen, dass mein Körper sich den Zielen ebenfalls beugt.

Heute Abend, dem letzten Abend an dem ich nicht von den Bedürfnissen gefangen bin die der Marsch mir auferlegt, habe ich mir vorgenommen, meine Gastgeberfamilie auszuführen. Drei Erwachsene und zwei Kinder kann man in Indien gut für wenige Euro ernähren. Und, keine Überraschung hier, die Kinder, 7 und 11, 200 Rupien bzw. 3 Euro Taschengeld im Monat, wollen PIIIIZZAAAAA!!! Mein Kugelschreiber der deutschen Firma KADE-Oil hat unterdessen bei dieser Familie ein neues Zuhause gefunden. Ich werde stattdessen morgen einen indischen Kugelschreiber kaufen. Hintergrund dieser Tauschaktion: Die für den deutschen Markt produzierten Kugelschreiber kommen oft mit extremer Hitze nicht zu Recht. Bei 80 Grad beginnt die Tinte dünnflüssig zu werden und macht sich auf die Reise. Indische Tinte hat eine andere Zusammensetzung – wie auch die indische Schokolade. Bei Temperaturen, bei denen die deutsche Milka gasförmig würde, da bleibt die indische Cadbury gummiartig und halbwegs funktionsfähig.

 

 

Amritsar, 0 km (10409 km), den 2. April 2009

Warten auf Freitag.

Ich bin in Amritsar angekommen, aber hundemuede. Melde mich morgen bei Euch. Wie versprochen noch schnell eines der ersten Bilder aus Indien. Gute Nacht allerseits.

Singapur, 0 km, 2. Aprill: „Du bist doch ein selten blöder Hund“ flüsterte ich mich erbost an. Und versuchte mich selber in den Hintern zu treten. Was aber mangels Anlauf nicht gelang. Aus irgendeinem wahnwitzigen Grund hatte ich die Abflugszeit aus Hanoi mit der Ankunftszeit in Singapur verwechselt. Ergebnis: Ich kam an und der Jet der Singapore Airlines hob direkt hinter uns von der Startbahn ab. Arggggh!!!!!! Kotz. Ich in Nordvietnam, dem ja jetzt das ganze Land gehört. Und mein Visum läuft aus. Heute nacht. Und Singapore Airlines weg. Und, das war ja das Hauptproblem, ich noch da!!! Ich also zum Informationsschalter geschlichen. Nach dem Büro der Singapore Airlines gefragt. "Ja, das ist da oben. Aber die machen erst in fünf Minuten auf. Deren Flug ist ja gerade gestartet". "No shit" knurrte ich. Verkniff mir dann aber weitere Kommentare. Singapore Airlines hörte sich mein Leid an und buchte mich um - von Ho Chi Minh City nach Singapore würde heute abend noch was gehen. Ob ich mitwolle. Watt? Ob ich mitwolle??? Und ob! Ich wollte sofort. Also wieder nach Vietnam Airlines geschlappt. Böse Vorahnung. Sofort-am-Flughafen-wohin-müssen-Tickets sind teuer! Für 1,730.000 Dong ein Ticket gekauft (81 Euro - die dritte Welt machts möglich) und zwei Stunden lang nach Saigon geflogen. Hier bin ich nun und packe jetzt zusammen, da Singapore Airlines aufgerufen wurde. Und ich werde da drin sein, wenn es startet!!!!!

Und nun bin ich in Singapur angekommen. Welche gute Nachricht wollt Ihr zuerst hören? OK. Erstens: Ich habe es geschafft. Trotz grosser Teilleistungsstörung habe ich den Weg nach Singapur gefunden. Zweitens: Ich habe Kamera! Ab morgen gibt es wieder Bilder. Und Drittens: In zwei Stunden geht mein Fliegerlein nach Neu Delhi - mit mir an Bord, wenn ich mich nicht wieder selber schlage.

 

Da Nang, 0 km, 1.4.: Bin soeben mit dem Taxi zu Flughafen von Da Nang geschossen worden, der Flughafen auf dem Robin Williams in „Good Morning Vietnam“ landet (und auch wieder abfliegt). Um ein Haar haben wir noch zwei, drei Vietnamesen umgefahren. Es wäre aber nicht bös gemeint gewesen, sondern eher ein humorvolles Überfahren, denn der Taxifahrer war ganz besonders gut gelaunt. Und er wollte mich deshalb auch lediglich um 20% übers Ohr hauen. Und weil jetzt der Jet nach Hanoi bereit zum Einsteigen ist, ein in Toulouse gefertigter A330-200 der Tung Công ty Hàng không Viet Nam, so der Name der Vietnam Airlines in vietnamesisch, muss ich mich trollen.


Da Nang, 0 km, 31.3.: Morgen. Gibt es wieder Bilder. Und: Bereits am Samstag bin ich wieder auf der Strecke. Es ist früh am Morgen. Geweckt hat mich das Geblöke einiger Vietnamesen draußen auf dem Flur. Verschiedene Faktoren machen das Schlafen in asiatischen Hotels schwierig: 1. Die Türen sind keine Türen, sondern einfache Verschläge die mehr oder weniger passgenau in der Mitte der Türöffnung hängen. Logisch, dass der Lärm nicht am Brett abprallt, sondern sich um das Hindernis schiebt um dann in Deinen Ohren zu landen. 2. Der Faktor Mensch: Alles was man im Zimmer tun kann, das kann man auch draußen auf dem Flur tun. Husten. Rotzen. Vor allem laut Mobiltelefonieren. Kinder schreien lassen. Wäsche ausschlagen. Ich habe sogar schon Leute gehabt, die haben vor meinem Fenster vom Balkon gepinkelt. Womit sich die Frage beantwortet hat, ob die Leute wohl beschnitten sind oder nicht. Dumm nur, dass ich die Frage gar nicht gestellt hatte. Auf jeden Fall bin ich jetzt wach. Und werde in wenigen Minuten losschlappen um Vietnam Airlines aufzusuchen. Bei denen muss ich nachfragen, ob sie den eingegangenen Beförderungsvertrag bitte erfüllen möchten.

Ach, es ist so witzig, wenn man Recht hat. Ich kam also bei den Vietnam Airlines an und man fand meine Buchung. NICHT. Hach wie mäßig. Wenn man schon ohne irgendwelche Ansprüche kommt, dann ist es gar nicht schwer, diese zu erfüllen. Folglich wollten sie noch einmal mein Geld und meine Kreditkarte und alles Mögliche. Ich stellte mich aber freundlich quer, denn irgendwo wird meine Buchung ja aufzufinden sein. Ich habe Zeit. Sucht mal. Nach dreißig Minuten suchen und rund dreihundertsiebzig Mal meinen Namen falsch eingeben erhängte sich der PC. Windows funktioniert auch hier nicht.

Während die Airline suchte und von PC zu PC sprang, krakelte ich in meinen Notizblock. Ich bereitete virtuell mein Indien-Täschlein vor. In dieses Täschlein kommen die Dinge, die ich brauche, wenn ich in Indien unterwegs bin: 1. Moskito-Coils. 2. elektrische Moskitokiller 3. Seifendose 4. Kopfkissen- und Bettbezug 5. Floh- und 6. Kakerlakenspray 7. leichte Flipflops 8. mini LED Taschenlampe 9. Küchenmesser 10. desinfizierende Salbe mit und 11. desinfizierende Salbe ohne Antibiotika.

Mittlerweile zurück beginnt nun das ausmisten und aufwaschen. Wann immer ein Marsch zu Ende geht, muss das Zeug gepflegt und, wo nötigt, ersetzt werden. Allerdings werde ich die Dinge, die ich brauche in Indien kaufen. Grund? Die Qualität der hiesigen Produkte ist durch die Bank mangelhaft. Ich denke, dass die meisten Sachen (Löffel, Plastikteile, etc.) aus dem Reich der Mitte stammen. Indien hat eine eigene Industrie und wo Vietnam auf China zurückgreift, da importiert Indien aus dem mittleren Osten (Dubai) oder Europa (UK).

 

Da Nang, 26 km, 29.3.: Ich komme soeben aus einem vietnamesischen Supermarkt, ein fürwahr traumatisches Erlebnis. Zuerst mal die Musik vorm Eingang. Wo bei uns James Last das Einführen des Chips in den Einkaufswagen musikalisch begleitet, jammert hier irgendeine dieser vielen Plastik-Pop-Boy-Bands.  Danach wartet das Grauen. In Plastiktüten. All das, was bei uns unter Artenschutz steht, wird hier anscheinend vertilgt. Und viele der "Dinge" sehen aggressiv aus! Sie schauen Dich aus den Regalen eingeschrumpelt böse an. Als wenn ich was dafür könnte, dass sie da liegen?! Instinktiv begab ich mich in die Sicherheit des Weinregals. Und ich konnte nicht umhin, mit einer Flasche bewaffnet den strategischen Rückzug über die Snack-Ecke zu versuchen. Ich habe überlebt. Um das gleich vorweg zu nehmen.

Der Marsch durch Vietnam wurde heute von mir 40 Kilometer nach Hue aus Sicherheitsgründen beendet. Gestern Abend dachte ich noch so bei mir „Mann, der Verkehr ist heute aber undurchschaubar. Naja, wirst wohl müde sein“. Heute Morgen war ich schon um fünf Uhr wach und um sechs Uhr auf der Strecke. Der Verkehr hatte sich aber nicht geändert. Das erste, was ich sah, als ich aus meinem Gästehaus trat, war eine junge Frau die in einer Traube aus wohlmeinenden aber nicht helfenden Menschen saß. Sie war von einem LKW erfasst worden. Ihre rechte Seite sah sehr verbeult aus. Ich schätze mal, dass Schulterblatt, Oberarm, ein paar Rippen gebrochen waren und dem Gesichtsausdruck nach hatte sie auch innere Verletzungen. Lunge vermutlich. Das war sicherlich sehr schmerzhaft. Ein paar Kilometer sah ich dann einen Mann, der komplett platt war. Ich meine wirklich platt. 5 cm platt. Das sah eigentlich überhaupt nicht blutig aus (gut das meiste wird wohl in der Kleidung drin sein), sondern fast so, wie diese Telefonwerbung, bei der sich die Leute platttelefonieren.

Ich dachte „Es sind ja nur noch 68 Kilometer nach Da Nang…“ Und dann stoppte ich den Marsch. Und zwar aus reiner Expeditionsroutine. Wann immer ein Satz mit „Es sind ja nur noch…“ beginnt ist Ende bei mir. Dieser Satz „Es sind ja nur noch“ endet oft tödlich. „Es sind ja nur noch zwei Stunden“ (wenn man schon 15 Stunden hinterm Steuer gesessen ist und hundemüde aus dem Urlaub kommt). „Es sind ja nur noch 300 Höhenmeter“ (kurz vor dem Gipfel, wenn man kaum noch die Hand vor Augen sehen kann). „Es sind ja nur noch 68 Kilometer“ (wenn man den Verkehr nicht mehr kontrollieren kann). Weil zwischen Hue und Da Nang, das habe ich inzwischen in Erfahrung gebracht, Urlaubsverkehr herrscht - weil die Vietnamesen gerade das 34 Jahre zurück liegende Kriegsende feiern und noch irgend einen anderen hohen Feiertag, den ich bislang aber noch nicht übersetzen konnte. Überall flackern jedenfalls Feuerwerke und flattern Fahnen. Vietnam liebt Fahnen. Vor allem rote Fahnen. Mit goldenem, fünfzackigem Stern in der Mitte.

Wie dem auch sei: Ich habe mein eigentliches Ziel um 40 Kilometer übertroffen, den Wahnsinn, den die Vietnamesen „Traffic“ nennen, überlebt und für „es sind ja nur noch…“ habe ich Zeit, wenn ich meinem Lebensende näher als heute stehe.

 

Phu Bai, 14 km, 28.3.: Heute nur kurze Gruesse, da ich gerade von den Moskitos aufgefressen werde. Ich sitze in einem kleinen Internetloch, in dem immer wieder die gleiche Musik groelt und mache mein bisschen Buero. (So, nu geht die Musik schon zum dritten Mal los) waehrend sich die maennliche Jugend hier zum Ballerspielen einfindet. Ich habe keine Ahnung, was die so toll daran finden ruckelig und mitbilliger Grafik andere ruckelige Gestalten abzuballern. Scheint der Moorhuhn-Kick zu sein :-) In den letzten Tagen wurde viel gefeiert und die Menschen haben bis spaet in die Nacht Parteihymnen angehoert. Ho Chi Minh wird nach wie vor sehr verehrt. Ich habe einen Vietnamesen getroffen, der genau drei DVDs hat (und einen DVD Player, natuerlich). Eine DVD ist vom Parteitag, eine ist eine Biografie von Ho Chi Minh und die Dritte ist Pretty Woman. Der Guteste schaut jeden Abend seinen Ho Chi Minh. Immer die selben Reden. Immer die selbe Marschmusik. Das ist fuer ihn ganz normal. Und fuer viele andere Vietnamesen auch: Ho Chi Minh ist eine Art Religion in Vietnam. 

Zuerst das Wichtigste: Noch vier Tage bis zu den nächsten Bildern. (Gott was vermisse ich meine Kamera – ich bin, bildtechnisch gesehen, im Entzug!). Es ist früh am Morgen. Die Vietnamesen haben bereits ihre Hupen gestartet und dröhnen durch das von ihnen geschaffene morgendliche Chaos. Vor allem des Morgens muss ich mich zurückhalten um nicht in Keilereien verwickelt zu werden. Ich bin staatlich geprüfter Morgenmuffel und wenn mir morgens schon zig kleine Menschen beinahe oder direkt über die LOWA-beschuhten Füße fahren dann ist das gar nicht lustig. Für mich endet nun mein kleiner Urlaub in Hue, denn es sind noch 106 Kilometer bis nach Da Nang und wenn ich gut marschiere, dann habe ich noch einen Tag, den 31. März, an dem ich meine Klamotten pflegen kann. So komme ich dann ohne Salzränder und gut einmarschiert zur Kontinentalquerung in Indien an. Einzige kleine Hürde: Der Flug mit Vietnam Airlines. Während bei uns in Europa alles naht-und problemlos durchgeplant ist, muss man hier in Vietnam seinen Flug noch 24 Stunden vor Abflug telefonisch bestätigen lassen ("Confirmation"). Das habe ich in Deutschland zuletzt in den achtziger Jahren gemacht...

Aber hier ist eben einiges anders. Nehmt die Werbung für Schampoo: Um den Vietnamesen zu zeigen, dass das Schampoo die Haare vor Austrocknung und Haarspliss schützt. waschen zwei Frauen ihre langen, schwarzen Haare. Danach tunken sie ihren wunderschönen Zopf in dunkelblaue Farbe und ziehen lange Linien über ein Papier, wie mit einem Pinsel. Die trockenen Haare machen eine ausgefranste Linie und mit den gepflegten Haaren könntest Du eine ganze Fassade sauber streichen. Gewöhnungsbedürftig ist ein mildes Wort. Die Werbung ruft bei mir immer leichte Übelkeit hervor, denn wenn ich malern will, dann gehe ich zu Obi und nicht zu Schwarzkopf.

 

 

Hue, 0 km (10369 km), den 27. März 2009

Auf Fahrrädern wird in Viet Nam alles transportiert. ALLES.

Gerade war ich noch beim Inder meines Vertrauens während hier in Hue ein kleines Gewitterlein nieder geht und die Luft auf 100 Prozent Luftfeuchtigkeit auflädt. Ich kann es kaum erwarten, bis die Reisnudeln, leider samt meiner Kamera, in Vietnam bleiben und ich weiterziehe). Und auf dem Rückweg habe ich mir noch eine Flasche Wein gekauft. Aus Vietnam. Da Lat heisst die Weinregion hier. Und wie alles muss es in zwei Wor Ten Ge Schrie Ben Wer Den. Da Lat. Der Wein ist rot und hat 12 Umdrehungen. Ich habe ihn jetzt erst einmal ins Klo gestellt damit er noch ein wenig runterkühlt und geöffnet, damit er ein wenig atmen kann. Kloluft zwar, aber atmen. Immerhin.

Mittlerweile habe ich den Wein geöffnet. Hmm. Naja. "Mit europäischer Technik verwertete Frucht" steht hinten drauf. Und vorne die üblichen Worte "unique" und "taste". Also das Ganze war ein billiger Spass, mit € 1,80. Dabei wollen wir es dann aber auch belassen. Bei diesem Spass. Ich werde vielleicht noch ein Glas trinken. Zum totlachen. Aber mehr nicht. Ich traue diesem Wein alles zu - inklusive eine Woche Kopfschmerzen und Impotenz. Ich will wirklich nicht undankbar klingen oder meine Gastgeber niedermachen. Aber sie sollten lieber Mais anbauen und Schweinefutter produzieren. Das wäre sicher sinnvoller. Der Wein jedenfalls ist höchst merkwürdig. Die einzige europäische Technologie, die bei dem Wein vielleicht geholfen hat, war eine Ettikettiermaschine.

 

Hue, 0 km, 26.3.: Heute bin ich genau einmal vor die Türe gegangen: Um indisch zu essen und vier Kilo Mandarinen und vier Kilogramm H2O Melone zu kaufen. Den Rest der Zeit ruhte ich. Soweit ich ruhen kann. Denn wenn Workaholics ruhen, dann sieht das immer ein wenig verkrampft aus. Trotz alledem muss ich meine Pause einhalten, da die größte körperliche Anstrengung genau eine Woche entfernt liegt, die Kontinentalquerung durch Indien im Sommer. Wie geht man eigentlich 55 Kilometer? Langsam! Langsam und stetig. Mit etwa sechs Pausen von je 5 Minuten die allesamt dazu genutzt werden um flüssige Kalorien aufzunehmen und einer Pause von 20 Minuten für Mittag in der auch Fett dabei sein sollte. Die letzten zehn Kilometer, das ist bereits über die Distanz eines Marathons hinaus, gehe ich ohne Pause, weil ich ansonsten Gefahr laufe Krämpfe zu bekommen. Das wichtigste aber ist, dass Du Dich zu keiner Zeit auf das Chaos einlässt, das sich Dier hier zu jeder Zeit in den Weg stellt und Deine Energie anzapfen möchte.

 

Hue, 55 km, 25.3.: Da bin ich wieder. Ich bin heute einfach durchmarschiert. Keine Lust auf noch ne Nacht im Reisfeld. Meine Knochen rattern und ich bin einigermassen platt. Jetzt werde ich erst einmal duschen, dann ein Bierchen trinken (Weinchen gibt es hier nicht, aber ein Bier liegt im Kühlschrank, der ausnahmsweise auch kühlt) und dann die Füsse hochlegen.

 

Quang Tri, 13 km, 24.3.: Zuerst eine Frage in eigener Sache: Gibt es unter Euch irgendjemanden, der tapezieren kann (ich meine wirklich kann und es nicht nur zwei, drei mal gemacht hat)? Wir richten in Bälde unser Hauptstadtbüro 300 Meter vom Brandenburger Tor entfernt und wir wollen keine Sau-Faser an die Wand klatschen, sondern ein klassischer Tapetenmix von AS-creation. Also schon ein etwas komplexeres Theater. Wer also tapezieren kann: Deine Hilfe wäre wirklich supertoll. Draußen das Wetter ist auch supertoll! Es blitzt-blitzt-blitzt und wir haben seit einer halben Stunde Starkregen. Ich schätze, dass wir zwischen siebzig und hundert Blitze in der Minute haben und genauso viel Liter auf dem Quadratmeter. Aber es donnert kaum und das Ganze spielt sich in den Wolken über uns ab. Merkwürdig. Aber wenn man bedenkt, dass die Menschen hier vorwiegend Reisnudeln essen dann ist auch das Wetter nichts Besonderes mehr. Aus Sicherheitsgründen habe ich meine Stecker gezogen, denn wenn nach meiner Kamera nun auch noch der PC auf der Strecke bleiben würde, dann müsste ich wütend ein paar B-52 Bomber der Amerikaner hierher zurückbefehlen um noch ein paar von diesen Trichtern zu machen, die sich auf der Wiese hinter meinem heutigen Hotel befinden.

 

Dong Ha, 0 km, 23.3.: DMZ? TOUR? YES?

No!


Ich will keine Tour des DMZ, der „Demilitarised Zone“, der heiß umkämpften, aber eigentlich entmilitarisierten Zone, die einst Nord- von Südvietnam trennte. Hier liegen noch zehntausende Leichen in den Wäldern. Rund 300000 Vietnamesen sind bis heute vermisst. Die Kinder haben unter dem Dioxin der Entlaubungsaktionen zu leiden und kommen hin und wieder froschähnlich gestaltet auf die Welt. 20% Vietnams sind noch nicht von Kampfmitteln geräumt, rund 800 000 Tonnen nicht explodierter Munition liegt in der Gegend herum (das sind knapp 300 Kilo für jeden hier lebenden Vietnamesen!), jedes Jahr werden zwischen 1000 und 3000 Menschen schwer verletzt oder sterben… und ich soll ein bisserl Apocalypse-Now-Sightseeing machen? Danke, aber danke nein. Ich erinnere mich noch gut an den Hartmannswilerkopf bei Colmar, den ich als Jugendlicher besuchte, ein Schlachtfeld, das aus dem ersten Weltkrieg in unsere Zeit hinein im Original erhalten geblieben ist. Der Hauch des Todes liegt immer noch über den Gräben und die Geister ducken sich, bereit zum Sturm. Die Kugeln fliegen. Sie treffen heute durch unzählige Gewaltfilme und Ballerspiele in die Köpfe unserer jungen Menschen. Und die erwidern das Feuer!

Dong Ha im ursprünglichen Sinne gibt es nicht mehr. Jahrhunderte lang lag es verschlafen und unnütz an einer Flussmündung, bis 1968 die Amerikaner hier ihr Marinehauptquartier einrichteten. Dann kamen die Nordvietnamesen und schlugen zu. Später eroberten die Südvietnamesen die Stadt bzw. das was noch von ihr übrig war, zurück. Heute gibt es die Hauptverkehrsstraße A1, die ich mit einer Unterbrechung (gestern) mehr als 500 Kilometer von Ha Noi hierher abgewandert bin und links und rechts dieser Straße viel Staub, Hitze und ein paar grosse Hotels. Mit WLAN. Morgen werde ich, frisch genesen (mit meinen Augen ist soweit wieder alles OK) erst einmal sachte nach Quang Tri marschieren. Quang Tri war bis 1972 eine schöne Stadt. Bis dann vier Divisionen des Viet Cong die Stadt unter Dauerfeuer nahmen und schliesslich eroberten. Die nächsten vier Monate benutzten die USA ihre B-52 Bomber dazu, die Stadt zu Schotter zu zerschiessen. Wieso die südvietnamesische Armee nachher noch 5000 Mann verlor, nur um die Ruinen zurück zu erobern bleibt ein Geheimnis. Aber auch Quang Tri ist nicht viel mehr als... neu. Weil das Alte nicht mehr ist.

Und was lernen wir daraus (wir minus die Amerikaner, die aufgrund ihrer Wirtschaftsstruktur in den Krieg ziehen müssen, quasi als ihre eigene Art der Abwrackprämie)? Man kann Krieg führen so lange man möchte und töten, so viele man will.  Man kann foltern, vergraben, verminen und zerbomben. Irgendwann werden die Waffen schweigen. Und die Welt dreht sich so unerschrocken weiter, wie sie es vorher schon getan hat. Man hätte auf das Morden also, rein vom Ergebnis her, auch gut verzichten können.

 

Dong Ha, 44 km (- 53 km), 22.3.: Heute habe ich ein wenig zu viel getan und gleichzeitig 53 Kilometer gestrichen. Aber alles der Reihe nach. Gerade hatte ich noch Lust auf Obst (und das ist, zugegeben, das ist das einzige, was drin bleibt nach einem Tag wie heute). Und dann stehst Du vor einem Obststand und darfst kein Interesse zeigen. Wer Interesse zeigt, der verliert. Du musst Dir, innerlich geifernd und gierend, die Sachen anschauen und eher abschätzend wieder weglegen. Und Dich eigentlich schon uninteressiert abwenden - woraufhin dann (HOFFENTLICH!) die Obstfrau Dich wieder zurückruft. Und dann geht das Gefeilsche los. Klar, immer noch weit über dem, was meine Vietnamesen bezahlen würden. Aber ohne Feilschen geht hier mal gar nichts. Und so habe ich nun ein paar Mandarinen. Die ich aber nicht essen werde, weil mir ein wenig übel ist.

Den Marsch habe ich heute eigentlich gut gezogen. Dann aber kamen Probleme dazu, die ich nicht auf der Karte hatte. Zuerst kamen Brandblasen auf den Armen. Die kenne ich. Kein Problem. Die kommen und gehen aber auch wieder. Schwieriger ist das mit dem Sehen. Ich sehe plötzlich nur noch sehr verschwommen. Und das ist ein Phänomen, das mir nicht gefällt, weshalb ich morgen einen Tag lümmeln werde. Irgendwann hatten wir 38 Grad heute und ich arbeitete mich mit allen Tricks voran. Tricks, die ich in den Wüsten gelernt habe (die Thar-Wüste und das Inland Australiens habe ich hinter mir). Trotz alledem habe ich mich weit verhoben. Hätte ich mir aber auch denken können, dass 18 Tage nicht reichen um fit UND wüstentauglich zu werden. Und so krebste ich über die dreißig Kilometer Marke. Dann aß ich Reisnudeln und ging noch mal zehn Kilometer. Und weil der nächste Ort immer noch vier Kilometer weg war ging ich auch noch die. Dort allerdings gab es keine Übernachtungsmöglichkeit.

Hier setzte dann mein Plan X ein. (X steht für Exit). Und das geht so: Bevor ich ein Land oder eine Region bereise, das/die ich noch nicht kenne, lese ich viel in den Foren, spreche und schreibe mit Leuten die schon da waren und stelle einige klare Verhaltensregeln auf, wie ich mich verhalte wenn verschiedene Dinge eintreffen. Was ich z.B. mache, wenn ich mich verletze (da habe ich zwei Kliniken in Vietnam in die ich fahren würde. Und aus diesem Grunde habe ich immer genug Geld in der Tasche um ein Taxi oder Privatwagen dahin nehmen zu können. Wenn Dir jemand 4 Millionen Dong, umgerechnet  sind das180 Euro (hier etwa zwei Monatsgehälter) bietet, um nach Hanoi zu brettern, dann nimmst Du das Geld! Und dann gibt es eben auch eine Regel, was ich zu tun habe, wenn nach Sonnenuntergang keine Bleibe aufzutreiben ist und die nächste Unterkunft weiter als 10 Kilometer entfernt ist. Hier, in Vietnam, steht dann auf meinem kleinen Blatt: Bus zur nächsten Stadt. Distanz wird gestrichen. In Indien würde stehen: Beim nächsten Polizeiposten anklopfen und da pennen.

Was überhaupt nicht funktioniert ist, wenn man schlecht ausgerüstet und schlecht trainiert eine Situation einleitet, die man wenig später nicht mehr kontrollieren kann und für die man keine Exit-Strategie hat. Das ist ein Cocktail, der immer und immer wieder Tote fordert. Die meisten Abenteurer, die während meiner mittlerweile bald 80000 Kilometer langen Wanderung in die ewigen Jagdgründe gezogen sind, die haben sich vorsätzlich selber gerichtet. Ich habe 14 Jahre lang überlebt, weil ich genau zur richtigen Zeit auch mal den Schwanz einziehe. Intelligenz ist eben nicht, wenn mans trotzdem macht. Klar habe ich mir auch kurz überlegt, heute noch 20 Kilometer dranzuhängen. Und vielleicht wäre das sogar gegangen. Vielleicht aber auch nicht. Ich war nicht scharf darauf, das rauszufinden. Heute nicht. Hier nicht. Ich kenne das Land einfach zu wenig, um mich darauf einlassen zu wollen.

 

Dong Hoi, 6 km, 21.3.: Und heute habe ich genau 6 Kilometer zurück gelegt, weil ich auch mal ein wenig Ruhe brauchte. Am Abend habe  ich, vor Motorrädern und Autos flüchtend, in Dong Hoi nach dem Schatz im Silbersee gesucht: Ich brauchte noch ein paar Millionen Dong. Problem: Die Maschinen nehmen entweder meist unsere Karten nicht, sie sind defekt oder – leer. Oft ist es so, dass man sich gerade am Ziel wähnt und dann kommt ein knappes „Betrag nicht möglich“. Hach wie ärgerlich. Sei es drum: Nach einer einstündigen Hatz fand ich schließlich eine Maschine, die mir nach anfänglichem Grummeln zwei Millionen Dong (der Dong ist, seit ich hier bin, erneut gut 10 % abgerutscht!) ausspuckte. Dermaßen mit Plastikgeld versorgt (die Geldscheine sind in Vietnam aus unkaputtbarem Plastik) kann ich nun die letzten 250 Kilometer in Angriff nehmen. So, ich muss auf die Strecke. Heute wird es ein langer und heisser Tag. Es soll 34 Grad heiss werden. Da ist es wichtig früh draußen zu sein um dann langsam mit dem Tag an Temperatur zuzulegen. In zwei Wochen werden in Indien noch ganz andere Temperaturen auf uns warten: In Nagpur hat es bereits jetzt 36 Grad (und es ist nicht einmal April). Ich gehe davon aus, dass ich in acht Wochen bei ca. 45 Grad 40 Kilometer und mehr am Tag marschieren werde. Machbar ist das. Aber auch ein bisserl riskant :-) Bis heute Abend oder spätestens morgen!

 

Dong Hoi, 42 km, 20.3.: Da bin ich wieder. Gestern bin ich, die alte Leier, ein wenig übers Ziel hinausgeschossen, da es leicht zu regnen begann und ich die kühle Luft ausnutzen wollte. (Um meine Tagesetappen ausdehnen zu können bin ich erfinderisch). Heute kocht die Natur ihr Süppchen und ich werde mich frühzeitig ins Hotel verziehen. Vielleicht gar schon jetzt, denn gegenüber des Hotels habe ich ein Kaffee mit Wifi entdeckt (so heißt das WLAN im Englischen). Hier sitze ich und schwitze und mache ein wenig Büro. Nach Hue sind es nur noch 130 Kilometer, nach Da Nang demnach 240 km und das ist nicht der Rede wert. Ich habe mir vorgenommen die letzten Kilometer des Landes zu genießen. Wann wandert man schon mal durch endlose Monokultur und hat so viele schöne Kilometer Reisnudeln zum Essen (klar hatte ich zum Frühstück auch wieder Reisnudeln).

 

Quang Trach, 20 km, 19.3.: Heute in zwölf Tagen halte ich wieder eine Kamera in der Hand und, das garantiere ich, es wird diesmal riesige Fotografie aus Indien geben. Die Bilder, die derzeit im Fotoalbum zu sehen sind, die sollen nicht mehr Maßstab sein.

Ich bin immer noch auf der Strecke und lasse mich nach allen Regeln der Kunst foppen. Sei es drum. Zwölf Tage sind nichts. Aber ich halte nun meine Tagespensen ein, denn eines ist auch klar: Wenn ich, wie heute nur zwanzig Kilometer spießrutenwandere, dann entziehe ich mich für den längeren Teil des Tages dem Mob und kann mich erholen. Und meine Ausrüstung waschen - die hatte es wirklich dringend nötig, denn gestern bin ich wieder in einem Unterstand gelandet in der sich selbst Maria das Entbinden verkniffen hätte und breiten Schrittes noch einen Stall weiter gezogen wäre.

Die Zeit die ich auf der Strecke bin, die besteht selbstverständlich nicht nur aus Ärger, sondern manchmal auch aus witzigen Szenen. Heute wollte ich gerne einen Eiskaffee. Und der gute Mann machte auch alles richtig. Außer, dass er nicht verstand, dass ich Milchpaste in meinen Kaffee wollte. Hach. Wie mache ich ihm nun begreiflich, was ich will? Er schleppte unterdessen Wasser an. Und noch mehr Eis. Und einen Tee. Ne, also so würde das in hundert Jahren nichts werden. Verzweifelt begann ich die Zitzen eines imaginären Euters in der Luft zu melken. Aber auch nachdem ich das imaginäre Euter in der Luft leer gemolken hatte, hatte ich noch keine reale Milch im Glas. Dann zeichnete ich ihm eine Milchdose auf. Mit zwei Löchern drin. Auf einem Stück Papier. Das sah selbst für mich nicht sonderlich klar aus: Eine Mischung aus Schweineschnauze und Steckdose. Ich wollte keine Steckdose. Und schon gar keine Schweineschnauze, die es hier überall zu haben gibt. Wäre nicht schon längst die Frau da gewesen, dann hätte ich jetzt einfach mich ins Glas gemolken… aber das kannste knicken. Wer weiß, was er dann bringt?! Hier in Vietnam sind schließlich viele schwanger. Da kam ich auf die Idee, eine Kuh zu malen. Mit großem Pfeil aufs Euter. Und plötzlich war klar, was ich wollte. Die Familie war ja da bereits schon zusammengebrochen vor Lachen. Jetzt lag sie am Boden. So lustig kann Vietnam auch sein.

So, ich mache jetzt noch ein wenig Büro und melde mich morgen aus dem 26 Kilometer entfernten Hoàn Lao, bekannt für … nichts.

 

Roon, 37 km, 18.3.: Eigentlich sollte ich heute nur 20 Kilometer gegangen sein – meiner maladen Füße wegen und der zu schnellen Wanderung, die ich zurzeit abreiße (ich liege bereits knapp zwei Tage vor Plansoll). Aber dann fand ich Gefallen am Wandertag und legte noch mal knapp zwanzig Kilometer drauf und bin jetzt in Roon am Südchinesischen Meer (welches ich heute ausgiebig gesehen habe). Das Südchinesische Meer ist wunderbar blau und der Strand hier ist wunderbar goldgelb und ich bin wunderbar daran entlang marschiert und wollte nicht mal im Traum daran denken kurz ins Wasser zu hüpfen. Das da draußen ist das Meer. Und das Meer geht bis nach Australien. Und es gibt Strömungen und Haie und Würfelquallen. Und nein, man kann mit diesen Quallen nicht würfeln. Weil sie Dich mit ihrem horrenden Gift lähmen und töten. Und dann kommt die Strömung und spült Dich in den Hafen von Sydney wo Du dann wie ein Furz stinkend geborgen wirst. So oder so ähnlich schon x-mal vorgekommen. Ich blieb lieber auf der Straße und erduldete meine blinden Vietnamesen und ihre Dinge, die sie eben so tun. Dass das, was sie tun oft nicht richtig ist, das sieht man daran, dass alle paar Kilometer mit weißer Farbe liegende Fahrräder auf die Straße gemalt wurden. Und Umrisse von Autos. Und die Umrisse der Bremsspuren. Und Kerzenwachs der Kerzen, die man neben den Verblichenen stellt. Damit die Leiche es wenigsten schön romantisch hat, wenn sie schon so tot ist.

Und dann bin ich heute kurzzeitig mit einem Hieb auf den Arm gehauen worden. Von einem psychisch kranken Vietnamesen. Auch das gibt es. In Entwicklungsländern ist dieses Problem nicht unbekannt, weil die kranken Menschen eben keine medizinische Hilfe erfahren. Die wenigen Ärzte hier sind bereits mit ihren zahlenden Kunden heillos überfordert. Ich bin just heute an einem „Krankenhaus“ vorbeimarschiert und habe beschlossen lieber an Ort und Stelle zu verbluten, anstatt mich da hin bringen zu lassen, sollte mir was passieren. So etwas habe ich zuletzt in Weltkriegsdokumentationen gesehen. Damals hießen die Dinger Feldlazarett. Und so wandern die Zombis durch die Lande. Wenn sie hungrig sind knurren sie und werden von irgendwem gefüttert. Und wenn sie was sehen, was sie interessiert, dann können sie auch mal hinlangen. Was bei mir schädlich ist, denn wer mich haut, der trifft mittlerweile überall den Rahmen. Und das tut schon hässlich weh und sorgt für eher mäßige Stimmung.

So. Und nun ist morgen und ich marschiere schnell noch eine Runde. Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, dass ich Da Nang wie vorgesehen erreichen werde, denn auf den letzten hundert Kilometern haben sich die Menschen verändert. Junge Männer suchen die Konfrontation mit mir um ihrer Dorfgemeinschaft zu zeigen, was für ganze Kerle sie sind, dank Reisnudel. Bei diesen Konflikten kann ich mich im Grunde kaum wehren: Würde ich mich wehren, dann würde ich „das Gesicht meines Gegenübers“ angreifen (als wenn diese Visagen schützenswert wären – aber traditionell ist es für den Vietnamesen wichtiger, sein Gesicht zu wahren als ehrlich zu sein), woraufhin der dann nur noch hartnäckiger meinen Weg mit einem Motorrad versperrt, mich schubst, usw. Und im Falle des Falles steht es nachher Bert gegen Dorf. Das brauche ich nicht. Ich bin mittlerweile zu alt für diese Spiele. Ich gebe mir nun noch ein paar Tage Zeit und schaue mir das Treiben gelassen an. Wenn es allerdings zu unwirtlich wird, dann gebe ich mich, gut trainiert, einem siebentägigen Strandurlaub hin, wandere dann noch einmal drei 40er und entschwinde dann in die Hitze Indiens. Inder sind generell schmutziger und fauler und bescheißen Dich auch mehr. Aber sie sind bodenständiger und nicht so fürchterlich asiatisch. Diese Mixtur aus femininen Männern und hinterhältiger Gutlaunenatur ist, für den Wanderer, sehr schwer zu ertragen. Ich kann mir vorstellen, dass Viet Nam für jemanden, der sich nur in den Touristenhotels aufhält und jeden Tag zum Frühstück Bananenpfannkuchen und Toastbrot isst (und das sind die meisten) und sich innerhalb einer Woche die wenigen Sehenswürdigkeiten ansieht, dass der Viet Nam superspitzenmäßig findet. Aber hier draußen, hier ist Viet Nam grün, laut und sehr unehrlich. Und es gibt Reisnudeln.

 

Ky Anh, 38 km, 17.3.: Ky Anh heißt der Ort, den ich just soeben nach 38 Kilometern erreicht habe. Heute habe ich erneut rund zwei gefühlte Kilometer Reisnudeln gegessen. Und auch hier das gleiche Spiel: Einheimische 190000 Dong, Fremde (als wenn hier in diese Müllkippe jemals „Fremde" einkehren würden) 15 US Dollar. Also 250000 Dong. Gut, diese € 2,80 mehr ärgern mich nicht so sehr, wie das Prinzip an sich. Viet Nam klebt wie ein Blutegel an der Wade der Touristen: 64 Euro fürs Visum, dauernd diese Spezialpreise für Ausländer und dann noch Extragebühren bei Abflug („Departure Tax" 15 Dollar). Das ist reine Erpressung: Entweder Sie bezahlen noch ein bisserl Steuer bei Abflug oder wir lassen Sie nicht in den Flieger. Bei dieser Drohung würde ich glatt das Zehnfache zahlen!

Fazit nach 2/3 meiner hier verbrachten Zeit: Viet Nam ist zwar ganz nett, kann aber weder mit dem Service, noch mit der Cleverness von z.B. Thailand mithalten: Wenn Du Deine Kunden ausnimmst, dann mache es wenigstens so, dass es denen gefällt. Mit einem Lächeln. Mit Chuzpe von mir aus. Aber nicht mit einem stalinistisch motivierten Relief an der Wand und lautem Gekeife und, ganz besonders eklig, labbrigen Reisnudeln.

Beispiel heute: Ich (müde, kaputt und verschwitzt) will einen Ca Phe trinken (in Viet Nam muss Al Les Ge Trennt Ge Schrieben Wer Den, Al So auch Ca Phe). Ca Phe muss man sich so vorstellen: Du bekommst ein Glas. Unten im Glas ist ca. ein Zentimeter gezuckerte Milchpaste (gibt es auch bei uns aus der Tube von Nestlé). Oben auf dem Glas sitzt ein Zylinder aus Alu, der unten ganz feine Löcher hat und oben ist Kaffeepulver und Heisswasser drin. Der Ca Phe tropf nun elendiglich langsam (zehn Minuten oder so) vom oberen Behälter ins Glas. Was am Ende übrig bleibt ist ein Konzentrat aus konzentrierter Milch und konzentriertem Ca Phe. Wenn Du Glück hast, dann bekommst Du ein weiteres Glas mit Eiswürfeln gebracht. Darüber schüttest Du dann das Konzentrat und nach weiteren zehn Minuten ist das Eis soweit geschmolzen, dass Du einen sehr starken aber recht nett schmeckenden Eiskaffee gebastelt hast.

Und wie ich bei meinem Ca Phe saß, da setzte sich die erste geschminkte Braut vor mir. An meinen Tisch. Was ich ja schon mal eine Frechheit finde. Und dann sagt sie (Augen klimpern über kleiner Boxernase) „I love You". Worauf ich, ganz der Gentleman sage „I don’t love You. I love my Ca Phe". Woraufhin ich plötzlich von hinten von einer weitern geschminkten Dame an den Titten gekrault werde. Das ist ja ganz nett wenn ich nackert im Bett liege aber nicht, wenn ich müde, verschwitzt und noch 18 Kilometer von besagten Bett entfernt in einer Spelunke hocke in der selbst ich einem Fremden an den Titten spielen würde um entweder einen 50 Dollar Fick einzuleiten oder mich in ein anderes Land beamen zu lassen.

Zugegeben: Ho Chi Minh schaut freundlicher als unsere Merkel. Aber die Merkel hat das bessere Konzept. Dass die Leute lieber anstatt bei Onkel Ho bei Mutter Merkel ein Heim suchen kann ich verstehen. Aber von hinten an den Titten kraulen geht nicht. Und so regte ich mich auf, und gleich wieder ab, weil ich den Menschen eh nicht sagen kann was ich sagen will, und machte mich, Ca Phe stehen lassend und nicht bezahlend, davon und zwar auf meine Strecke. Eine ganz typische Begegnung. Hier in Viet Nam. Die Vietnamesinnen werden nicht verstehen, warum der Fremde einfach so gegangen ist. Haben wir ihn nicht prächtig unterhalten? Haben wir ihm nicht versucht, schön seine Titten zu kraulen? Watt hat er denn nur? Ja wo läuft er denn hin? Kulturelle Unterschiede halt.

Das ist die Crux des Langstreckenmarschierens: Du gehst nicht nur 40 Kilometer am Tag, sondern Du wirst, während Du Deinem Körper viel abverlangst, permanent von links und rechts angeschrieen (Hi, Hello, Come). Wenn Du kommst, dann bescheißen sie Dich. Deshalb suche ich mir mittlerweile meine Pausen gezielt aus. Ich esse nicht mehr Mittag, ich halte nur um beschissen zu werden (nur jeweils um 30 bis 40 Cent, aber das ist ein halber Tageslohn, hier, in diesem Land) - und dabei zu essen. Die größten Chancen haben bei mir ältere Leute. Denn die müssen sich irgendwie ihren Lebensabend sichern. Deshalb lasse ich mich auch in den Städten nur von älteren oder sehr alten Marktweibern bescheißen. An Nummer zwei kommen die Leute, die das Wort „Kondom" (oder in Viet Nam halt Kon Dom) nicht kennen und die sich, die katholische Kirche wird sicherlich applaudieren, bis zum Untergang vermehrt haben. Das Problem mit der Arche ist, dass sie gegen Wasser von unten solange schützt, bis die, die auf ihr leben, sich aus reiner Langeweile solange fortpflanzen, bis der „Segen Gottes" ihre Kreuzfahrt mittels einer letzten Wehe und einer letzten ausgestoßenen Plazenta beendet. Blubb.

So, zum Abspannen gibt’s nun noch ein wenig Eric Clapton auf die Ohren (auch in Viet Nam gibt es, Tittengekraule hin oder her, nur einen wahren Gott: Clapton is God!) bevor morgen wieder das Gezeter losgeht. Ich habe bereits ein Internetcafé ausgeguckt. Wenn das Ding morgen früh geöffnet hat, dann lade ich diesen kleinen Vielzeiler hoch. Und wenn nicht, dann halt irgendwann. Später wohl.

 

Cam Xuyen, 14 km (10114 km), den 17. März 2009

Das ist die Flage. Nebenbei wird allerhand Ramsch verhökert.

Nach einem kurzen, knackigen Marsch hatte ich heute die Wahl zwischen einem kleinen Zimmer das fürchterlich stinkt und einem großen Zimmer, das fürchterlich stinkt und dessen Fensterfront ca. zwei Meter vom Highway beginnt. Ich habe mich für das kleine Loch entschieden, denn Enge und Gestank sind die eine Sache, der Lärm eine ganz andere. Das Zimmerle kostet stolze 7,20 Euro. Also auch mit Stink noch halbwegs erträglich. Wie sind die Betten? Seltsam, denn in Viet Nam bekommst Du meist kein frisches Bettzeug sondern das Zeug ist „sichtbar sauber": Erst wenn es fleckig wird, wird neu bezogen. Die Zudecken haben keine Bettdeckenbezüge (d.h. Du teilst Dir den Schweiß vieler, vieler Vorschläfer) und die Kissen können ab und an so riechen, dass Du einfach ohne Kissen besser schläfst. Meckern bringt nichts. Im wahrsten Sinne des Wortes: Sie bringen Dir einfach kein frisches Bettzeug. Da kannst Du Dich auf den Kopf stellen. Nun hatte aber das Schicksal es gut mit mir gemeint und die Frau des Hauses hat heute gewaschen. Und da die Wäsche direkt vor meiner Nase baumelt habe ich in den letzten Minuten alles ausgetauscht, was ich zum halbwegs keimarmen Schlaf benötige. Mittlerweile habe ich die Quelle des bestialischen Gestanks lokalisiert. Glaube ich. Es kann ja auch noch mehr Quellen geben. Aber ich glaube, der Badezimmerabfluss hat keinen Siphon, sondern geht direkt nach unten in die Kanalisation. Also habe ich mir schnell eine Plastiktüte aus dem Straßengraben gefischt. Wenn an die über ein Gitter legt und mit Wasser füllt, dann dichtet sie das Loch luftdicht ab. Bin mal gespannt, ob der Stink nun aufhört.

 

Ha Tinh, 31 km, 16.3.: Guten Morgen zusammen. Da bin ich wieder. Ich habe die Nacht, wie immer, in einem „Khach San“ (das ist vietnamesisch für Hotel) in der recht großen Stadt Ha Tinh verbracht. Gestern Morgen spielte ich, weil ich einfach den Hals voll hatte, meine „Asien-Karte“ aus: Wenn Du was zu Deinen Gunden verändern möchtest, dann musst Du verstehen, dass Dein Gegenüber in Asien sein Gesicht wahren muss. Und das geht nur, solange er unbeschadet und souverän aus einer leidigen Situation (die Du eben schaffst) herausgehen kann. Je mehr Du einen Asiaten unter Feuer nimmst, desto „fester“ wird er auf seinem Standpunkt beharren, weil er sonst sein Gesicht verlieren würde. Und das kann man, wenn man ein bisserl Schach spielt ausnutzen um das zu bekommen, was man möchte. Die Vietnamesen wähnen sich nämlich anscheinend in Florida und wollen von Fremdlingen alles in Dollar bezahlt haben. „Twenty Dollar“ ist ein in diesen Breiten viel gehörter Wunsch. Tatsächlich glauben sie, dass wir über unendliche Geldquellen verfügen und 20 Dollar für uns nichts ist. Auf dem Weg nach unten sprachen mich zwei ältere, englisch sprechende Vietnamesen an. Und das war gut, denn so erfuhr ich, dass diese (beide zusammen) 230 000 Dong zahlen würden. Ich (alleine) wurde um 340 000 Dong gebeten. Folglich machte ich erst einmal ein kleines Theater vorm Tresen der Rezeption. „Ungeheuerlich. Muss Polizei holen! Kann ja nicht sein, dass ich alleine mehr zahle als die beiden zusammen“. Das ganze aber so leise, dass es außer meinen zwei Vietnamesen niemand mitbekam. Das ist der Trick. Bist Du zu laut, dann bleibt dem Gegner nichts anderes übrig als auf seiner Sicht der Dinge zu beharren. Auch dann, wenn diese Sicht durch Hirnschäden aller Art getrübt ist. Nach ein wenig leisem zetern brachten sich dann meine beiden Vietnamesen als Vermittler ein (so hatte ich das auch gehofft-geplant). Ergebnis: 3 gegen 1. Der Mann akzeptierte meine 250 000 Dong, gab mir meinen Pass und entließ mich in den heiß zu werden drohenden Tag. Und das wurde er auch. Heiss. Und weil ich gestern Abend einfach zu groggy war, schreibe ich erst heute Morgen.

Manche haben zu meiner Meinung über das Schulmassaker gefragt. Es ist heikel, denn ich spreche ja nicht nur als Privatmann, sondern auch als Vorsitzender der Deutschen Allianz Kapitalverbrechen. Ich halte es hier vor allem mit unserem Slogan "Traurig sein ist nicht genug". Es muss mehr kommen als ein inflationär benutztes „ich bin erschüttert“ oder „ich bin sprachlos“.

Ich finde, dass die betroffenen Familien politisch missbraucht werden. Es sind Tote zu beklagen. Diese Toten sind aber nicht die Toten der Allgemeinheit. Sie tragen auch nicht den Nachnahmen Merkel oder von der Leyen. Diese Toten gehören jemandem. Sie gehören ihren Familien. Und ich finde es schlimm, dass mit den Toten Politik gemacht wird, noch bevor sie unter der Erde sind. Stell Dir vor Deine Mutter wird erschossen und die halbe Welt redet über Täter, Waffenrecht, Computerspiele und Sicherheit. Während Du ein Begräbnis zu organisieren hast, sind die Politiker wieder bei ihren Themen und benutzen Deine Mutter als Fahrzeug.

Diese ihre Themen aber, sind nicht die bessere, praktisch im Grunde sofort machbare Versorgung der Angehörigen, sondern die nicht machbare, irrealistische, politisch getriebene Suche (und Sucht) nach Sicherheit. Verbrechen werden wir nicht verhindern können, denn zu einer gesunden Gesellschaft gehört auch das kranke Element. Die einzige durch diese Verbrechen ausgelöste Not, die man präventiv verhindern könnte ist, die Familien besser, freundlicher und kompetenter zu versorgen.  Dies ist aber, gerade in Baden-Württemberg, einem Bundesland, das die Verantwortung für Überlebende und Hinterbliebene schwerster Verbrechen auf die untersten Regierungsbehörden, die Landratsämter abgegeben hat, nicht der Fall. Diese präventiv bessere Versorgung der Überlebenden und Hinterbliebenen würde allerdings sofort praktische und sofort umsetzbare Möglichkeiten zutage befördern. Diese würden selbstverständlich Mittel in Anspruch nehmen. Und ganz so richtig helfen möchte man denn doch nicht, wenn es Geld kostet. Also umgehen die Verantwortlichen dieses „sensible“ Gebiet der Hilfe und bieten stattdessen Gesetzesänderungen an, denn Gesetze ändern kostet nichts.

Die Toten gehören den Eltern bzw. den Familien. Die Politik täte gut daran sich, auch aus Gründen der Pietät, anständig zurückzuhalten.

 

Hóng Linh, 15.3.: Heute marschiere ich nach, Moment, mal gucken, Ha Tinh und das ist 31 Kilometer weit weg. Ich hoffe mein Fuß hält. Jetzt werde ich mich erst noch mit dem Hotel rumärgern - die wollen 20 US Dollar, ich bin aber nicht bereit 20 US Dollar zu zahlen, weil im gesamten Zimmer nur 2 Birnen funktioniert haben, und danach geht's mehr oder weniger rund. Bis später!

Hóng Linh, 23km, 14.3.: Die nächsten Tage scheinen interessant zu werden. Statt einer Kamera habe ich nun eine Infektion - an der linken Ferse. Aber was für eine! Gestern Abend habe ich noch gedacht, ich habe mich verklebt (ich benutze in den ersten Wochen Pflasterstreifen um mich vor möglichen Blasen zu schützen solange meine Füsse noch nicht eingelaufen sind). Was ich jetzt habe, das sieht merkwürdig aus. Es ist sieht aus als ob die Haut kleine Blasen wirft und darunter eine mächtige Infektion. Jetzt habe ich mal erst alles gewaschen, dann das Ding gespalten und die tote Haut so weit es geht mit einem Nagelclipser entfernt und dann das ganze mit Gillette Rasierschaum desinfiziert (man nehme, so man hat…). Jetzt hoffe ich, dass das Ding über Nacht austrocknet. Aber die Infektion scheint eine fiese zu sein, gut ist nur dass es noch nicht schlecht riecht. Wenn eine Infektion einmal so weit ist, dann fliegst Du besser umgehend ins nächste Land mit westlichem Medizinstandard (in meinem Fall wäre das Singapur). Sei es drum. Positiv denken. Der Rasierschaum wird das schon desinfizieren :-) Aber mal ehrlich: Vietnam ist einer der Orte auf der Welt, an denen Du wirklich ungern defekt sein möchtest.

Noch kränker als krank war ein Verkehrstoter, an dem ich heute vorbeimarschierte, einer von mehr als 12.000 Verkehrstoten im Jahr. Er lag in der sehr stabilen, vietnamesischen Seitenlage flach auf dem Rücken. Dies verhinderte weiteres Herumrollen. Um ihn herum standen in ihr Entsetzen vertiefte Menschen. Vermutlich ist er von einem Bus von diesseits ins jenseits verbracht worden. Was mir dann auch gleich wieder die Situation vor Augen hält was passieren würde, wenn ich nicht auf der Hut bin: Die Björn Steiger Stiftung muss hier erst noch erfunden werden und einen Roten Kreuz Kurs braucht man hier nicht wirklich. Im Grunde müsste sich die Christoffel Blindenmission um den hiesigen Straßenverkehr kümmern, so blind wie die hier fahren.

Wieso ich nicht geholfen habe? Im Leben nicht! Nachher wird mir noch in die Schuhe geschoben, dass er aufgrund meiner Hilfe verstarb – nur um mir tausend Dollar „Kaution“ aus der Tasche zu ziehen. Hände weg von allem, was Ungemach bringen könnte. Wenn jemand bereits zehn Minuten auf dem flachen Rücken liegt, dann darf man die Zunge nicht mehr als verschluckt, sondern beinahe schon als verdaut betrachten. Da ändert dann ein „geh mal weg ich mach das jetzt“ auch nicht mehr viel dran.

War gerade nochmal draußen, Nahrung holen. Das Thai Hotel betritt man über viele martialische Stufen. Wenn man Glück hat, dann wird man nicht vom A erschlagen. A wie in THAI. Denn das A baumelt nur noch an ein paar Strippen. Aber datt Ding hat drei Sterne (die allesamt noch fest mit dem Gebäude verbunden sind) und kostet 20 US-Dollar die Nacht - mit ADSL Leitung im Zimmer. Was es bei mir zu Abend gibt? Wie bei jeder Infektion: Zitrusfrüchte in Hülle und Fülle. Medikamente und Desinfektion ist die ein Sache. Die Ernährung eine andere. Und ein kleiner Vitamin C Schock ist eine hilfreiche Sache, weil Vitamin C die Abwehrzellen aktiv unterstützt. Und das kann meine Ferse heute Nacht brauchen!


 

Vinh, 33 km (10046 km), den 14. März 2009

Auf Fahrrädern wird in Viet Nam alles transportiert. ALLES.

Das Wetter gestern war „markant“. So nennt der Wetterdienst das, was einem um die Ohren fliegt. Dinge, die entweder nicht mehr gebraucht werden und die herrenlos durch die Gegend fliegen (Müllsäcke, zerfetzte Schilder, Teile von Dächern) und Dinge, die noch gebraucht werden und hinter denen dann in knappem Abstand der Besitzer herfliegt – wie Reisschüsseln oder Plastiktische. Die LKW fuhren gestern nicht mehr und auch die großen Überlandbusse waren zeitweise auf die Parkpositionen verbannt. Dafür jaulten in geringen Abständen Krankenwagen über die Piste. Wobei mir bei dem Thema wieder mein Kamera-Dieb einfällt. Das Land hat sich für mich seit gestern erheblich gemindert. Wenn mir das in Indien passiert, dann hat sich das Land eigentlich schon mehrere Jahre bewiesen. Hier bin ich nicht einmal mal zwei Wochen und schon bestohlen – und nicht nur ich, sondern auch einige meiner Mitreisenden wurden verschiedene Dinge los. Ich denke, Viet Nam hat ein Diebstahlproblem. Leider wird man auf den gängigen Vietnam-Foren darüber nicht aufgeklärt weil die Reisenden in solchen Foren ihrem Lieblingslande meist verfallen sind wie der gemeine Vietnamese seiner Reisnudel. Mein direktes Problem ist es nun, mich an dem Land nicht zu zerreiben, denn „ja“ - es ist dritte Welt und „nein“ - es wird sich auf den nächsten 455 Kilometern nicht sonderlich ändern. Also muss ich mich anpassen und meinen Humor behalten. Einen weiteren Besuch bekommt Viet Nam von mir allerdings nicht mehr.

Freitag, der 13. März, Lebenszeichen von der Strecke: Zuerst die gute Nachricht. Ich lebe und das, obwohl draußen ein fürchterlicher Sturm tobt. Nun die schlechte: Während des Sturms musste ich mit ein paar Menschen auf engstem Raum die Windböen aushalten. Diese wenigen Minuten haben gereicht, dass mir meine Kamera geklaut wurde. Zugegeben, der Klau war hervorragend gemacht. Ich habe nichts gemerkt. Aber: Es ist schwierig in einem Land zu wandern, in dem ich "angegriffen" wurde. Ein Diebstahl ist eben auch eine Art "Angriff" und es geht mir, zumindest heute Abend, saumäßig schlecht. Mir ist in den letzten 15 Jahren noch nie was geklaut worden. Wenn ich meinem Gefühl folgen würde, dann wäre hier Schicht mit diesem Theater. Wie ich den permanenten Stress aushalten soll, der zu jeder Zeit auf Dich eindrischt, das werde ich mir in den nächsten Tagen ansehen. Notfalls sitze ich die paar Tage aus und fange in Indien neu an. Aber nun gehe ich erst einmal was essen, denn ich bin, zu all dem Frust, auch noch unterzuckert, nass, kalt und müde und das alles ist nicht sonderlich hilfreich. Bis später.

Ich habe mir soeben trotz Sturm die Kameras angesehen, die es hier zu kaufen gibt. Das Zeug ist zwei Jahre hinter unserem Standard und sauteuer. Also werde ich 17 Tage warten. Dann bin ich in Singapur und kaufe dort eine neue Kamera. Würde ich das anders machen, dann gäbe es zwar in den nächsten siebzehn Tagen Bilder, aber keine guten und Indien, in dem die Bilderflut immer spektakulär ist, würde weniger schön werden.

 

Quynh Lu'u 38km, 12.3.: Gerade habe ich mich noch versorgt, da ich in meinem Zimmer von irgendwoher Internetzugang habe. Das ist, was die Herren vom Innenministerium nicht verstehen: Mit ihrem Datensammelwahnsinn erreichen Sie die Terroristen nicht, denn die gehen in ein Internetcafé oder surfen bei Leuten einfach mit, die ihre Netzwerke nicht gesichert haben. Terroristen melden sich weder mit Sheikh Ismael Abu Khan bei T-Online an. Gegen Terror helfen diese Gesetze nicht. Gegen die eigene Bevölkerung hingegen schon. Aber wo war ich stehen geblieben. Richtig, beim Thema Versorgung. Ich also Mandarinen gewollt und mutig auf die orangenen Dinger gezeigt. Der gute rechnete und rechnete (anscheinend der Kopf noch voller Mechanik). Dann der Hammer "One Million". Watt?!!!! sagte ich. Mehr sagte ich nicht, weil ich bin ja hier auf Reha und darf mich nicht aufregen. Aber ein schnelles HIMMELSACKZEFIXFUCKYOUSACKRATTE hätte ich gerne schon von mir gegeben (weil der Preis rund 80 mal über dem Marktwert lag den ich ja mittlerweile kenne, weil ich auf den Märkten einkaufe und ich es einfach beschämend finde aufgrund meines gefühlten Reichtums permanent übers Ohr gehauen zu werden).

"Swölfdausend" sagte da der Mann plötzlich. "Dong!" sagte er noch. HUCH! "Sie sprechen Deutsch?" (Gott war ich froh, dass ich nicht gesagt habe was ich gerade noch gedacht hatte!). "Ja. Habe in der DDR gearbeitet In Jena. Chemiefacharbeiter". Ui! Nun war es an mir zu staunen. "Und dann haben Sie von dem Geld hier den Laden aufgemacht". "Ja habe ich. Läuft ganz gut". Eine irre Situation. Überall hupt und scheppert es und wir unterhalten uns an einer staubigen Straßenkreuzung jenseits von Eden auf Deutsch. Sachen gibts.

Und so kaufte ich schnell noch zwei kleine H2O-Melonen, ein Kilo Mandarinen und Beutelchen mit Nescafé, wo Milch und Zucker schon drin sind - für die einsamen Büro-Abende mit mir. Und dann verabschiedeten wir uns. Ab und an gibt es schon Begegnungen der seltsamen Art im Universum. Das war eine davon.

 

 

Thin Gia, 41 km (9974 km), den 12. März 2009

Auf Fahrrädern wird in Viet Nam alles transportiert. ALLES. Von ener 200 kg schweren Sau bis zu Bonsai-Bäumchen.

Lebenszeichen von der Strecke: So, die ersten zwanzig Kilometer des Tages liegen hinter mir. Heute haben wir annaehernd einhundert Prozent Luftfeuchtigkeit und man schwitzt bereits, wenn man auf dem Bett liegt, was ich ja nicht mache. Ich marschiere. Nach wie vor den Highway A1 entlang. Mittlerweile kann ich mich als mittelmaessig trainiert bezeichnen (Ha Noi liegt heute Abend 230 Kilometer hinter mir), aber es fehlt noch einiges um wieder da hin zu kommen, wo ich hin muss. Wenn ich Indien bestehen moechte, dann muss mehr drin sein als ein dreissiger Schnitt. Mit dreissig Kilometern am Tag kommst Du bei einem Kontinentalmarsch nicht weiter. Udn weil ich weiter kommen muss (uebermorgen sollte ich in Vinh ankommen, der naechsten grossen Stadt), deshalb nehme ich nun die restlichen paar Kilomter in Angriff, 18 liegen noch vor mir. Bis nachher.

 

11.3. Thin Gia (41 km): Draussen ist es dunkel. Die LKW und Busse hupen. Riesige Stechmücken fliegen durch die feuchte, kühl gewordene Luft und auch im Hausaltar brennen bereits die roten Glühbirnen, damit der Gott auch watt sieht. Es sieht aus, als ob der Gott im Puff wohnt: Rote Birnen, Gold und rote Kunststoffrosen. Natürlich habe ich hier in Viet Nam die Schiesserei in Winnenden mitbekommen. Und wie alle bin ich baff. Der Horror wird allerdings erst noch kommen, dann nämlich wenn die Überlebenden auf die Behörden treffen. Dort werden sie dann erst richtig verarscht. Der Täter kann nicht anders, als böse zu sein. Denn das ist seine Aufgabe. Wenn aber die, die helfen sollen dies nicht tun, dann wird es bitter. Und genau das steht den Überlebenden und deren Familien nun bevor. Glücklicherweise wollte das zuständige Ministerium, anders als andere Minsterien, nicht einmal mit uns reden. Nun haben wir eine neue, blutige Gesprächsgrundlage.

Nach einem Ruhetag soll es morgen weiter durch das Land des Reisnudeleintopfes gehen. Mir hängen die Reisnudeln mittlerweile jeden Morgen meterweise aus den Ohren. Aber es gibt einfach nichts anderes auf der Strecke. "Viet Nam ist ein kulinarisches Paradies..." vergiss es. Da liegt der Reiseführer falsch. Klar gibt es mühevoll zusammengerührte Ausnahmen. Aber ausserhalb der Städte gibt es Pho, einen bodenständigen Eintopf. Und das wars dann auch schon. Im Großen und Ganzen. Vom liebenswerten NDR habe ich währenddessen eine Einladung ins Studio erhalten. Eine der Sendungen, die ich schließlich doch noch machen möchte (von den vielen die ich nicht machen werde).

Lebenszeichen von der Strecke: Kein neues Bild (noch nicht). Das hängt damit zusammen, dass ich hänge. Gestern wollte ich nach Cau Grep marschieren. Dort kam ich auch an. Allerdings wartete dort niemand, bzw. nichts auf mich, denn "Cau" bedeutet Flussmündung. Ich habe eine verdammte Flussmündung für einen Ort gehalten. Und nachdem ich den krüppeligen Fluss genügend bewundert hatte, musste ich weiterziehen. Der nächste Ort lag knapp 20 Kilometer die Strasse runter. Hier trennt sich nun die Spreu vom Weizen. Meiner Pläne beraubt und "falsch" bewegt (einen 40 Kilometer Marsch gehe ich ganz anders an als einen 26 Kilometer langen) hätte es genug gute Gründe gegeben zu sagen "Neeee, ich nehme den Nächsten, der mir eine Fahrt auf dem Motorrad anbietet - und das sind jeden Tag rund fünfzig! Ich weiß aber auch, dass ich mich nur dann trainieren kann, wenn ich an meine Schmerzgrenze herangehe. Also bin ich da hingegangen. Und, ja, es hat ein bisserl weh getan.

Dabei war der Tag selbst doch recht interessant. Nicht nur, weil ich von einem Hund gebissen wurde (von hinten in den Schuh gebissen, wohlgemerkt), sondern auch weil ich wieder ein gutes Stückchen nach Hue vorangekommen bin. Jetzt muss ich es nur noch schaffen, die Tageskilometer gleichmäßiger zu gestalten und dann passts. Auf der anderen Seite bin ich darauf angewiesen so lange zu wandern, bis ich eine Unterkunft finde und das kann nach 30, 40 oder auch 50 Kilometern der Fall sein. Und so lange werde ich halt durchhalten müssen.

 

10.3., Thanh Hoa: Ein neues Bild kann ich Euch erst heute Abend anbieten, dann, wenn es neue Bilder gibt. Ich sitze just im Café und bereite mich, wie jeden Tag auf mein Leben nach der Langstrecke vor. Es ist lustig aus der Ferne Dinge im 10000 Kilomter entfernten Deutschland anzuschieben - aber es funktioniert nicht zuletzt deshalb, weil Briefe vom anderen Ende der Welt eine nette Unterbrechung vom Alltag sind. Das erste Mal seit ich in Viet Nam bin grüßt uns heute die Sonne. Die Wolken sind aufgerissen und, als wenn ich das geahnt hätte, ich habe mir noch gestern schnell ein Baseball-Cap gekauft (30000 Dong, also ca. 1,40 Euro). Ob das zu viel ist??? Manche Touristen würden sofort "beschiss" wittern. Tatsächlich reisen viele durchs Land und leiden Höllenqualen, wenn ihnen 2000 oder 3000 Dong zu viel berechnet wird ( das sind 10 bis 13 Cent). Ich muss immer wieder "verglichen mit Indien" sagen. "Verglichen mit Indien ist es hier absolut supersauber" wenn meine Mittouristen über "den Dreck" klagen, denn das lieblingswerkzeug der Vietnamesen ist der Besen. Überall wird gekehrt und geharkt, geschaufelt und wieder gekehrt. "Verglichen mit Indien wird hier kaum beschissen" wenn die 10 zuviel bezahlten Cent die Reisefreude trüben. "Verglichen mit Indien" ist Viet Nam aber auch ein Land, das sehr viel schwerer zu bereisen ist. Zwar schreiben die Vietnamesen mit unseren Buchstaben. Allerdings haben sie das im neunzehnten Jahrhundert von einem findigen französischen Mönch so beigebracht bekommen. Damit endet unsere Sprachverwandtschaft leider schon. Alles andere ist wirrwarr und warrwirr. Aus diesem Grunde ist das Leben als Reisender in Viet Nam eher trist und es entgehen einem sicher viele, viele Momente des absurd-komischen Lebens, das ich hinter dem Wortwirrwarr meiner Gastgeber vermute. So und nun werde ich versuchen, den neunten Tag meiner Anwesenheit ohne Totalschaden zu überstehen, denn verglichen mit Indien ist der Straßenverkehr die Hölle im diesseitigen Teil der Erde. Wir hören uns, wenn möglich, heute Abend. Und wenn nicht, dann sicher morgen.

 

 

Thanh Hoa, 23 km (9933 km), den 9. März 2009

Einsames Motorrad vor einsamer Halle mitten auf dem Land. Irgendwo.

Update am Abend: So. Der Abend klingt nun aus. Was man vom Hupkonzert draußen vorm Fenster nicht behaupten kann. Manchmal wünsche ich mir einen elektromagnetischen Impuls herbei. Einfach Bumm und dann is Ruhe. Die nächsten, die die Technologie dazu haben sind die Nordkoreaner. Ist auch nur 8 Minuten entfernt (mit der Geschwindigkeit einer ballistischen Rakete gemessen). Ich habe gerade eine 15 Zentimeter im Durchmesser messende „Pizza“ verschlungen. Das Zeremoniell mutet morgenländisch an. Zuerst kommt die Pizza, dann ein Mädel, dass die Pizza sorgsam mit einer Papierschere in vier gleichgrosse Stücke zerteilt – von denen alle vier nicht ausreichen, einen Menschen satt zu bekommen. Auch nicht dann, wen derselbe Mensch alle vier alleine isst. Sei es drum: Die Papierschere an der Pizza alleine war schon zum Brüllen. Hinzu kommen Schweinchen-Dick-Aufkleber an den Fensterscheiben und ein Vogel, der so schrill zur vietnamesischen Musik pfeift, dass ich mehrmals beinahe am Boden gelegen hätte und dabei spielt Real gegen Liverpool im Fernseherchen. Dieser Ort ist so surreal, dass sich Dali hier sicher gerne in die Ecke hätte stellen lassen - postmortem versteht sich. Und weil ich auch morgen noch eine kleine Wanderung vorhabe (einfache 26 Kilometer ins kleine Städtchen Ghép) ziehe ich mich nun zurück und nehme Schere, Vogel, Real und Schweinchen Dick in meine Erinnerung auf. Guts Nächtle.

Und das war am Tage los: Da bin ich wieder. Diesmal melde ich mich, wie geplant, aus Thanh Hoa. Thanh Hoa ist eine sehr wuselige Kreisstadt in der alles hupt, kleppert, rumpelt oder knallt. Wenn Du zu lange hinschaust oder -hörst, dann bekommst Du Kopfschmerzen. Rund 150 Kilometer oder ein Viertel der geplanten Strecke liegen nun hinter mir. Das ist, wenn man auf die Landkarte schaut, zwar noch nicht sonderlich viel. Aber in meiner jetzigen Lebenssituation ist es mehr, als ich mir wünschen kann. Die Frage, die Ihr Euch sicher schon gestellt habt, ist  „Warum Vietnam? Wieso nicht woanders?“ Die Frage hat zwei Antworten. Eine gefühlte und eine praktische. Zuerst die praktische (wie könnte es auch anders sein…):

Ich muss, bevor ich mich an Zentralindien heranwage, trainieren. Indien heizt sich langsam aber sicher auf und wenn ich in 24 Tagen meinen Marschbetrieb in Indien aufnehme, dann erwarten mich durchgängig rund 35 Grad. Im Mai werden es knapp vierzig Grad sein. Im Juni und Juli können die Temperaturen 50 Grad erreichen, da ich ja durchs Landesinnere gehe und dort kein Meer die Temperaturen abregelt. Ich brauchte also dringend ein sicheres Land, das mich an die Temperaturen langsam heranführt während ich trainieren kann. Nordvietnam liegt genau in den richtigen Breitengraden und Kriminalität gegen Fremde ist hier nahezu unerhört. Derzeit haben wir hier um die 20 – 25 Grad und das Thermometer wird bis nach Hue noch ein wenig mehr anzeigen.

Und die „gefühlte“ Antwort? Ich brauchte ein Land, das mich hinter dem Ofen hervorlockt. Etwas, das mich interessiert. Fasziniert. Und ein Miniland, in dem die Menschen mehrfach riesige Armeen bezwungen haben - China, Frankreich und (und!) die USA… - das ist schon etwas Besonderes. Wie die das machen? Mit Bienenfleiß und Gleichmut.

Wenn Du hier Frauen beobachtest, die mit 45 Kilo Körpergewicht einen einen Zentner schweren Zementsack durch die Gegend wuchten, dann kannst Du Dir die Kraft ausrechnen, mit der eine Schuhgröße 29 in Deinen Hintern einschlägt wenn Du Dich mit ihr anlegst. Die Vietnamesen sind gleichzeitig aber so gleich- und gutmütig, dass ich mir die Diskussionen während des Vietnam-Kriegs ausmalen kann: „Da habe ich dem Joe vorhin zwei Mal in den Bauch geschossen.“. „Der arme Kerl“. „Ja, der arme Junge hat noch eine Stunde gejammert. Apropos Löcher im Bauch, hast Du noch was Reis da?“ Ich bin mir mittlerweile ganz sicher, dass den meisten Vietnamesen die Amis Leid getan haben. Diese Menschen haben kein Gefallen am Töten. Dafür sind sie einfach zu ausgeglichen. Aber wenn man den Vietnamesen sagt „Brücke bauen!“ oder „Reis pflanzen!“ oder „Amis jagen!“ dann tun die das, lethargisch aber gründlich. Es ist dann halt so befohlen. Gleichzeitig machen sie das, was sie tun, mit einer für Asien ungewöhnlichen Akribie. Und das sehe ich am Küstenhighway, den ich entlang gehe. Bei dem Verkehrsaufkommen und der Last, die auf diesen schmalen Streifen einwirken, würde jede Straße in Indien oder den Philippinen oder sonst wo binnen weniger Wochen zerbrechen. Hier liegt die Straße eben und glatt in der Landschaft mit sauberen Straßengräben links wie rechts. Und um das hinzubekommen, muss der Unterbau der Straße mächtig tief und sehr kompakt beschaffen sein.

 

 

Ha Trung, 39 km (9910 km), den 8. März 2009

Luppallons... Luppallons...

9.3. Lebenszeichen von der Strecke: Gestern bin ich noch acht Kilometer uebers Ziel hinaus geschossen, da ich mich mit einer Hotel-Chefin nicht ueber Preis bzw. Laenge meines Aufenthaltes einigen konnte. Ich wollte einen Tag bleiben, sie dachte ich wollte eine Woche mitten in den Reisfeldern Urlaub machen. Und so wollte sie 1,4 Millionen - in Zeiten der Wirtschaftskrise, in denen nicht mit weniger, sondern viel mehr Geld gerechnet wird ohne das eine Inflation da waere - eigentlich ein ueberschaubarer Betrag. Also nahm ich meine mueden Beine erneut in die Hand und wanderte weiter. Nach Sonnenuntergang erreichte ich schliesslich Ha Trung und musste in einem Zimmer schlafen, das 9.2 auf der nach oben offenen Schreckensskala mass: GRAUENHAFT! Es war so schmutzig, dass ich ungewaschen ins Bett ging und erst heute morgen duschte - um den Dreck des Bettes gleich mit loszuwerden. Aber mehr davon in 14 Kilometern, dann erreiche ich naemlich Than Hoa und dort sollte es eigentlich saubere Zimmer und Internet geben. Bis nachher.

Eigentlich dachte ich, dass heute ein Tag der Ruhe sei – und ich wollte die Füße hochlegen. Auf der anderen Seite liegen noch einige hundert Kilometer vor mir und es wird noch viele schöne Gebiete geben, in denen ich ausruhen möchte. Von Beginn an unter Zeitdruck zu geraten ist nicht sonderlich clever. Deswegen marschiere ich heute nach Bim Son, einem dreißig Kilometer langen Marsch einfach nur die Straße runter. Das sollte möglich sein, auch mit Füßen, die nicht ganz so wollen wie sonst. Und da ich mich auch ein wenig belohnen muss, verabschiede ich mich aus der hiesigen Herberge („Thanh Thuy Hotel“), das von einem Mann geleitet wird der lange Zeit in Deutschland gelebt hat, mit Spiegeleiern und Brot und Bananenpfannkuchen. So ausgestattet, werden zumindest die ersten 20 Kilometer relativ einfach werden. Danach heißt es halt wieder BEISSEN! Wir hören uns, wenn möglich, heute Abend. Und wenn nicht, dann sicher morgen.

 

 

Ninh Binh, 37 km (9871 km), den 7. März 2009

In Deutschland: FASS! In Vietnam: KOCH!

Ich habe noch einiges nachzutragen. Arbeite dran. Habe heute für 140 000 Dong (€ 6,50) eine neue Tastatur erworben. Die Tasten sind in amerikanischer Auslegung aber ich tippe deutsch. Das geht, wenn man nicht hinschaut. Aber jetzt erst einmal, was bislang geschah:

Phù Lý, 37 km, 6.3.: Gerade bin ich angekommen - nach 37 unbarmherzigen aber lustigen Kilometern. Zuerst habe ich den Vietnamesen beim Grillen zugeschaut. Dass einem bei einem Köter das Wasser im Munde zusammenläuft ist mir noch nicht passiert. Aber Hasso roch echt gut. Ich bin mir sicher, dass heute Abend viele Vietnamesen den Hund ausführen werden - in ihrem Bauch.

Bevor ich weiterschreibe, erst einmal eine Erklärung: Ich mag keine Hunde mehr. Wann immer ich aus dem Fenster sehe, laufen die Leute mit ihren Hunden vorbei. An der Leine lassen sie die Viecher an unsere Haustüre pinkeln und letzthin sah ich einem Hund zu, wie er eine dicke Wurst in unseren Vorgarten setzte. Das Herrchen hielt die Leine etwas am abgespreizten Arm von sich und sah irgendwohin. Sobald Fido leer war, wurde er vom Herrchen fortbeschleunigt. Nur weg von der Wiese, bevor jemand meckert. Ich meckere nicht, ich bin nur sauer. Wann immer ich die Hunde in unserer Straße sehe, scheissen und pissen sie. Die Zeit, in der sich nicht ihre Löcher öffnen, spielt sich anscheinend nur im Haus der Herrchen ab. Die Allgemeinheit darf sich um den Dreck kümmern. Stellst Du diese Leute zur Rede während der Hund kackt sagen sie Dinge wie "Ach, das tut mir aber leid, das habe ich gar nicht gesehen". Bestenfalls. Appelierst Du an den Verstand der Herrchen am nächsten Morgen sagen sie Sachen wie "Mein Hund? Der tut so etwas nicht. Der geht immer aufs Feld". Oder sie verweisen auf ihre Hundesteuer, die unseren Sozialstaat kräftig stützt. Leider sind die Hundebesitzer in ihrem Verhalten ziemlich homogen, die wenigen Ausnahmen bestätigen die Regel.

Ich (vegetarier) werde während meines Vietnam-Aufenthaltes noch Hund futtern. Wieso? Damit ich denen, die ihren Hund vor meiner Haustüre scheissen lassen, sagen kann: "Ich komme gerade aus Vietnam. Wenn Sie wüssten, wie gut ihr Hund schmeckt, dann würden Sie ihren wunderbaren, saftigen Hund nicht mehr hier ausführen!". Und dabei würde ich mir den Hund gut ansehen, anerkennend nicken und mit den Lippen schmatzen. Ich bin mir sicher, dass der Hund umgehend eine neue Gassi-Route zugewiesen bekommt.

Ansonsten bin ich erstaunt, wie mein Körper die lange, zähe Wartezeit während des letzten Winters weggesteckt hat. Er läuft wie eine gut geölte Maschine die ein wenig im Schuppen stand. Aber sobald wieder Gas gegeben wird, brüllt die Maschine auf und der Vortrieb ist unverkennbar da. Gestern noch 25 Kilometer und heute 37 Kilometer macht zusammen 62 Kilometer. Und das ist, nach einem Jahr der Ruhe unverschämt viel. Zugegeben knarren mir aber die Muskeln ein wenig. Und ich fühle mich arg alt. Ich hoffe, dass meine Muskeln in den nächsten Tagen zu Potte kommen. Dieses Rumgeschleiche, vor allem nach dem dreissigsten Kilometer, stinkt mir.

Ein Freund hat mich auf der ISPO auf meine Zukunft angesprochen. Jedem ist klar, dass ich nicht mehr der bin, der ich mal war. Dazu hat mich die Begegnung mit dem Tod zu sehr verändert. Ich bin feinfühliger geworden, verletzlicher aber gleichzeitig auch geduldiger. Und ich bin mir bewusst geworden, dass andere ebenfalls so empfinden. Wir sind alle Menschen. Deshalb werden diese beiden Wanderungen die letzten Auslandswanderungen sein. Ich bin bald zwei Mal um die Erde gewandert und habe jetzt eine Aufgabe, die mir sehr nahe geht: Die Situation von Familien zu verbessern, die einem Kapitalverbrechen zum Opfer fallen. Dort werde ich gebraucht. Die Straße wird mein Fehlen nicht bemerken. Solange aber möchte ich meine letzten paar tausend Kilometer geniessen.

Und das kann ich besonders, weil ich weiss, dass auch meine vietnamesischen Gastgeber an ihrem Trauma arbeiten. "Vietnam ist nur nach vorne gerichtet. Nicht so wie wir Deutschen, die immer zurückblicken" sinnierte in Ha Noi ein Lehrer. Er lag weit daneben. Aber das wollte ich ihm nicht sagen, denn ich möchte keinen traurig machen. Richtig ist, dass man nicht vor- oder zurückschauen braucht, wenn ein Teller auf dem Tisch steht aus dem niemand mehr isst und ein Stuhl oder Bett leer bleibt. Die Vietnamesen haben einen ungeheuerlichen Blutzoll für die Spielchen der Amerikaner bezahlt und es gibt keine heilen Familien mehr in Vietnam. Alle haben verloren und keiner gewonnen. Die einzigen, die gerne vergessen wollen, das sind die Schuldigen.


Nachtrag 5.3. ???, 25 km: Heute morgen begann der Tag ohne "L". Meine Tastatur verweigerte zuerst das L, dann das J, dann K und Ö. Ich stand am Ende der We...t und sah zu, wie sich mein A...phabet in ...uft auf......ste!!! Ne, wie schrec......ich. Wie Ihr gemerkt habt, gab es am Abend kein WIFI mehr. Zumindest nicht in meinem kleinen  Hotel. Das Hotel zu finden ist nicht einfach, denn es steht nicht Hotel dran, sondern irgendwas anderes. Tatsächlich ist es so, dass Du in Ländern wie Vietnam Deine Sprache verlierst. Du kannst nicht mehr lesen, schreiben, die verständlich machen oder zuhören. All das ist nicht mehr möglich. Du lebst über Gesten und Gesichtsausdruck - und damit haben wir Westler allgemein Schwierigkeiten. Wir schauen immer aus, als wollten wir gleich einen Krieg anfangen. Ich spüre, dass dies die letzte Reise sein wird, denn ich habe das Vertrauen, das ich brauche um Menschen unvoreingenommen begegnen zu können, verloren. Ich erwarte nichts Gutes mehr und das merken die Menschen. Leider. Das sein in einer Umgebung die nicht die Deine ist war früher kein Probem. Jetzt aber kostet es Kraft und Überwindung nur zu bleiben. Vom Gehen ganz zu schweigen.

Und trotz allem weigere ich mich die Flinte ins Korn zu werfen; vor allem, weil es hier kein Korn gibt, sondern nur endlose Reisfelder. 20 Kilometer vom Stadtzentrum Ha Noi entfernt beginnt das Land grün zu werden. Moment, ich knipse ma... kurz aus dem Fenster. (Boh, jetzt fängt das "... ... ..." schon wieder an zu spinnen. In 27 Tagen bin ich in Singapore - bis dahin muss die Tastatur durchha...ten. Bitte). Nix zu machen. Die Tasten sind wieder stumm.

 

 

Pho Nghe (9803 km), den 6. März 2009

Einer der zahreichen Monumentalbauten in Hanoi.

Lebenszeichen von der Strecke: Mir geht es gut. Habe allerhand schoene Fotos gemacht. Die gibt es spaetestens morgen. Hier. Melde mich sobald ich kann. Bin aufder Strecke. Noch 27 Kilometer bis Phu Ly. Neben mir donnern die LKW. Der Verkehr ist toedlich! Frueher haette ich vermutlich "Besser nicht" gesagt... aber heute kann ich schon mal ein Risiko eingehen. Ich habe schliesslich mehr Leben als ne Katze. Bis spaeter!

5.3.: Atlantis, pardon, Vietnam is calling. Draußen regnet es. Was mich nicht davon abhalten wird, wenigstens Ha Noi hinter mir zu lassen. Heute. Meine Füße sind mit weißem Tape geschützt um erste Blessuren zu vermeiden, denn so wie ich mich kenne werde ich sofort dem Rausch der Weite erliegen und doch nicht mit 10 oder 20 sondern 30 Kilometern anfangen. Einfach mal um zu gucken ob die müden Knochen noch tragen. „Sie müssen noch Ihren Transport buchen“ meinte die Chefin hier. In Vietnam wollen alle einem irgendwas buchen. Auch Ausflüge zur berühmten Ha Long Bucht (in der es zurzeit nichts zu sehen gibt außer Seenebel – aber die Touristen fahren trotzdem hin, angestiftet von ihren Reiseführern). „Ich brauche keinen Transport. Ich gehe nach Hue“. „Hahaha. Guter Witz. Wie wollen Sie denn nun fahren? Bus? Taxi? Flugzeug?“ „Ich wandere“. Bösen Blick kassiert. Man glaubt mir halt einfach nicht. Sei es drum. Ich muss los. Die Strecke wartet. Wir hören uns, wenn möglich, heute abend. Und wenn nicht, dann sicher morgen.

 

 

Hanoi (9772 km), den 4. März 2009

Ich kenne mich hier aus!

Morgen früh geht es los. Ich breche auf, in ein Land, in dem die Amerikaner noch 150 000 Tonnen (150 Millionen  Kilogramm) nicht explodierter Munition vergessen haben. Aber weder kümmern sie sich um ihre Munition noch um die Menschen, die auf ihr leben. Rund 60000 Menschen wurden seit Ende des Vietnamkrieges in Fetzen gerissen und jeder Monsun wäscht neue Bomben aus der Erde in der sie ruhen - und darauf warten noch einmal ein bisschen Krieg spielen zu dürfen. Logisch also, dass ich meinen Weg nicht verlassen werde - es sei denn, es ist ein anderer, sicherer Weg. Habe ich Angst? Nein. Aber es ist auch nicht gerade ein Problem, das ich allzu leicht nehmen sollte, denn ich bin Wanderer und somit auf die korrekte Anzahl meiner Beine angewiesen.

Wieder einmal merke ich wie "anders" ich reise: Während sich meine Zimmernachbarn (fast alles Deutsche) durch die Sehenswürdigkeiten von Ha Noi schieben, wandere ich plan und ziellos durch die Gassen der Altstadt uns schaue mir statt dessen diese unglaublichen Mengen an Kabel an, die an jedem Mast befestigt sind. "Wir besuchen heute die älteste Pagode in Vietnam und Du?". "Ich gehe heute einen Pho essen. Am Straßenrand" Was denen die Pagode, ist mir mein Alltagsleben der Vietnamesen. Ich will wissen, warum die Vietnamesen tun was sie tun - und warum. Auch wenn ich aus dem "Warum" vermutlich nicht schlau werden werde. Eines allerdings habe ich bereits nach 48 Stunden verstanden: Die Vietnamesen sind Ameisen! Unheimlich fleissig, quirlig und unermüdlich macht jeder irgendwas. Es gibt, zumindest in Hanoi, keinen der längere Zeit stillsitzen kann. Alle sind hyperaktiv. Ich werde eine Hilfsorganisation gründen müssen: VFV - Valium für Vietnam.

Morgen gegen acht Uhr werde ich mein Bündel packen und gen Süden marschieren. Auf den ersten 20 Kilometern werde ich gleich vier Millionen Motorroller hinter mir lassen – so viele Roller sind nämlich in Ha Noi unterweg (bei einer Einwohnerschaft von 6,2 Millionen)!

Gestern saßen wir in einem Restaurant auf dem Bürgersteig und haben wunderbar zu Mittag gespachtelt (ich aß einen Pho - die Nationalspeise: Eine Nudelsuppe mit Gemüse). Plötzlich wurde das Personal ganz hektisch. Man wollte uns auch gar nicht mehr bedienen. Schliesslich bedrängten sie uns doch endlich aufzustehen! Und dann sahen wir den Grund: Die Polizei fuhr vor! Und ganz böse war sie. Denn der Gehsteig ist in Ha Noi den Motorrollern als Parkfläche vorbehalten. Und so stehen Millionen Roller eng gepackt an der Straße während die Fußgänger auf der Straße laufen. Der Verkehr ist sehr chaotisch, funktioniert aber erstaunlich gut. Man muss einfach langsam geradeaus auf die Straße laufen. Alles bewegt sich sofort um einen herum. Wie Ihr in diesem Video sehen könnt >>> Video. Wer meint, kurz über die Straße rennen zu müssen, der wird das vermutlich nicht überleben, denn die Menschen sind den Verkehrsfluss gewohnt. Seit ich hier bin habe ich erst vier Mal gesehen, bzw. gehört, dass es nicht funktioniert hat. Dann scheppert es halt ein bisserl. Aber grundsätzlich funktioniert der Straßenverkehr leidlich gut. Die rund 12000 Verkehrstoten im Jahr darf man natürlich nicht in diese gefühlte Rechnung einbeziehen. Die Vietnamesen sind an ihren "Verkehr" so gewohnt, dass Kinder auch mal mit ihrem Dreirad über eine ungeregelte Kreuzung durch den Massenverkehr fahren - und überleben, während wir beim Zuschauen einem Herzinfarkt erliegen. Glaubt Ihr nicht? Hier der >>> Videobeweis!

Und wenn Du wissen willst, wie das ganze wirklich ausschaut - aus Deiner Perspektive! - dann schaue Dir folgendes >>> Video an. Das ist völlig unglaublich aber wahr. So wandere ich jeden Tag stundenlang durch Ha Noi und finde das mächtig lustig :-)))

 

 

Hanoi (9772 km), den 3. März 2009

Meine Gasse.

Die Stadt hupte mich wach. Trotz meiner Ohrstöpsel (die ich mir gestern noch von Thai Airways erbettelt habe). Nach dem Aufwachen kam so eine "Wo bin ich denn hier???" Sekunde. Achso. Ja. Ich bin ja jetzt in Viet Nam. Aus den Lautsprechern, die an vielen Masten angebracht sind, leiert eine knarrende Stimme irgendwelche Dinge. Ein Lehrerehepaar aus nahe Bremen verriet mir, dass dies so vorzügliche Ratschläge sind wie "Liebe Genossen, bitte halten Sie Ihre Straße sauber" oder "Liebe Genossen, die beste Kinderanzahl für Sie und unser Land sind zwei Kinder". Wichtige Dinge eben. Wenn es nach mir ginge, müssten wir in Deutschland auch solche Lautsprecher haben. Zwei oder drei davon müssten direkt in die Fenster meiner Mitmieter gestellt werden. Und ich würde über die Lautsprecher auch ab und an eine kleine, spanische Weinkunde für meine Mitbewohner öffentlich verlesen lassen.

Weil ich aus dem regnerischen Deutschland hierher gekommen bin, beginnt es auch hier gleich zu nieseln und es ist 16 Grad kühl. Die Luft riecht nach Abgasen, denn die meisten Menschen haben sich da, wo ich Beine habe, ein Motorrad angebaut. Gegenüber wäscht eine Frau ihre Wäsche auf dem Dach und im Fernsehen (habe ich auch) läuft DW-TV, das Fernsehprogramm der Deutschen Welle.  Gleich kommt Johannes B. Kerner. Nach den Bomben der Amis nun also auch noch die Granaten des ZDF... Was das Land alles nur erdulden muss. In 48 Stunden breche ich auf und dann wird alles anders: Es gibt Pho statt Brot und Reisterassen statt Straßenschluchten.

So. Und nun gehe ich raus. Fotografieren. Und Tee trinken. Damit Ihr einen Eindruck davon bekommt wie interessant es hier ist. Für die Touristen. Ich nehme an, dass den Vietnamesen ihr Land wesentlich unspektakulärer vorkommt als mir.

 

2.3.: Ich bin soeben in mein kleines Zimmerchen zurück gekehrt. Das Bild gibt es heute nicht mehr... denn ich bin groggy. Und Millionär geworden - Dong-Millionär wohlgemerkt. Und weil ich so unermesslich reich bin, habe ich gleich mal 40 000 Dong grossspurig auf den Tisch gelegt. Fürs Abendessen. Dafür (2 Euro) gabs gebratene Eiernudeln mit Gemüse und Jasmin-Tee. Und jetzt ist Ruhe angesagt. Morgen streife ich das erste mal durch Ha Noi, übermorgen auch und überübermorgen geht's los. Auf dem Küstenhighway nach Hue. Bis dahin werde ich sicherlich einige Fotostreifzüge machen und es gibt, das habe ich bereits auf den ersten Metern gesehen, wirklich interessante Bilder hier :-) Bis morgen!

 


Bangkok (9772 km), den 2. März 2009

Los geht's - gestern in Bremen.

Eigentlich war alles wie immer. Außer dass einem schon auffällt, wie strikt nach Plan die „Deutschen“ vorgehen. Während Singapore Airlines ihren Service wie ein Ballett aufführen und elfengleich durch die Kabine schweben, ist Lufthansa rustikaler zugange. Lufthansa ist der Schuhplattler über den Wolken. Nehmen wir das Abendessen: Der eine kommt und diskutiert mit mir einen Salat vorweg und Zander danach. Aber kommen tut meine asiatische Vorspeise und direkt danach – ups, kein Platz nirgendwo - der bereits seit 10 Minuten überkochte Hauptgang (den ich einfach meinem Sitznachbarn auf die Armlehne stellte. „Vorsicht heiss!“ grinste ich ihn an). Er hatte ja auch schon seinen Schreck zur Stunde gehabt: Auf seinem Sitz sass ein anderer, der die gleiche Sitznummer hatte (und schnurstracks in die First Class upgegradet wurde). Das war mir recht, denn es war ein arroganter Mensch, der erste. Mein jetziger Nachbar war, stellte sich heraus, UN-Mitarbeiter aus Genf und fliegt nach Bhutan. Um dort die Welt zu retten. Oder so ähnlich. Während wir abgefüttert wurden – und nun war es schon zwölf Uhr – sassen wir dann alle vor den leeren Tabletts. Die Lufthansa hatte aber nun etwas anderes auf dem Programm stehen als das Geschirr abzuräumen: "Duty-Free-Kataloge austeilen" stand in der Arbeitsanweisung. Also teilen die Kataloge aus! Während wir das dreckige Geschirr loswerden und in die Horizontale wollten begannen die uns Einkaufskataloge anzudienen. Mein UN-Mensch und ich guckten uns ratlos an. „Ich fühle meine Menschenrechte verletzt. Tun Sie was!“ herrschte ich meinen Nachbarn an - und der warf sich weg vor Lachen. Die UN ist auch nicht mehr das Instrument, was sie mal war...

 

Die Nacht schlief ich gut. Nur einmal wachte ich auf, als einige meiner Mitreisenden schrieen. Wir waren irgendwo über Afghanistan und da ist es halt oft ein bisserl ruckelig. Der Jet machte wilde Hopser dass alles schepperte. Aber ich hatte dafür keine wirkliche Ausdauer. Ich war müde. Ich konnte mich deshalb nicht lange um die Turbulenzen über Kabul scheren. Am Morgen erzählte mir die UN, dass es ihn drei Mal jeweils für zehn Minuten gebeutelt hätte. Der Arme. Zum Frühstück bekam ich das, was die Lufthansa unter "Asiatisch-Vegetarisch" versteht. "Was ist denn das?" wollte mein Sitznachbar wissen. "Ein weiterer Fall für die Menschenrechtskommission!" meinte ich düster. Es war eine Art Moltofill aus Tofu und indischen Gewürzen. Eine groteske Mischung zu früher Stunde. Aber den merkwürdigen Geschmack machte das Essen mit seinem Unterhaltungswert wett. Die "Chapatis" sahen aus... nee, also das geht jetzt zu weit. Das werde ich nicht schreiben.

 

Überhaupt werde ich jetzt das Schreiben einstellen, denn ich muss dringend nach Ha Noi. Und in 25 Minuten checke ich ein. In ein paar Stunden gibt es hier mein erstes Bild aus 6,2 Millionen Einwohner zählenden Hauptstadt Viet Nam.

 


Frankfurt (9772 km), den 1. März 2009

Los geht's.

Bin gerade aufgestanden und Kühlschrank ausgeschaltet. Morgenabend werde ich in Ha Noi eintreffen. Da brauche ich hier nichts mehr zu kühlen. Ich werde den heutigen Bericht vom Flughafen Frankfurt schreiben, heute Abend, kurz bevor ich in die Maschine klettere. Bis nachher.

Mittlerweile habe ich meine Bude dicht gemacht und befinde mich auf dem ersten Abschnitt meiner Reise - von Bremen nach Frankfurt in einem "Pummel" der Lufthansa (so nenne ich die A219 weil sie so merkwürdig gestutzt aussieht). Burkhard hat mich von Scharmbeckstotel nach Bremen Airport gefahren. Das war nett, weil man sich mit Burkhard gut unterhalten kann. Er hat meinen Blog während meines Jakobsweges gelesen und irgendwann haben wir uns getroffen und dann wurde er, sehr spontan, Gründungsmitglied der Deutschen Allianz Kapitalverbrechen, unserer Antwort auf in- und ausländischen Terror: Anstatt Terror verhindern zu wollen (was man nicht kann), sollte man die Versorgung möglicher Überlebender und Hinterbliebener erleichtern (was man immer kann). Aber Gesetze zu ändern kostet nichts. Deshalb ändert man schnell ein paar Gesetze. Wer diese dann umsetzt, nämlich unsere chronisch überarbeitete Polizei, das steht auf einem anderen, ungeschriebenen Blatt.  Hach, wieder den Faden verloren... Wie gesagt, Burkhard hat mich zum Flughafen ge-opelt (in einem Zafira) und mit mir noch einen gemütlichen Kaffee getrunken.

So, draußen steht der Jet bereit, eine gute alte 747 der Lufthansa. Ich werde nun Deutschland ein bisschen Lebewohl sagen (für eine kleine Weile). Wer allerdings meint, dass ich nun abgemeldet bin, der irrt. ich habe mir soeben die Freiheit zurückgeholt die ich brauche um sehr effektiv zu sein. Kein Alltagsgedröhn stört meine Gedanken, keine Nachrichten lenken ab. Ob in Holland ein türkischer Flieger abstürzt oder Frau Klatten in einer Tiefgarage ihren Besitz verschenkt... das alles dringt nicht zu mir vor und stiehlt mir nicht mehr die Zeit. Anstatt ZDF sehe ich die Welt und anstatt Fern sehe ich weit.

Ich melde mich in ein paar Stunden hier wieder - aus einer ganz anderen Welt!

 

 
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